Der Brief an Forel ist ein Lehrschreiben der Baháʼí-Religion, das die Beweise für die Existenz der Seele und Gottes im Kontext moderner Naturwissenschaften und -philosophie behandelt. Das auf den 21. November 1921 datierte Schreiben gehört zu den letzten Schriften von ʿAbdul-Baha', dem Sohn des Religionsstifters, und war an Auguste-Henri Forel gerichtet, einen bedeutenden Schweizer Psychiater. Der Brief ist als Antwort auf eine Anfrage Forels vom 28. Dezember 1920 entstanden und gilt als „eine der gewichtigsten Schriften“ ʿAbdul-Baha's. Forels Fragen zielen auf die Vereinbarkeit religiöser Glaubensüberzeugungen mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft ab.Deutsche Übersetzung der Fragen in Konkret geht es ihm um den Glauben an eine menschliche Seele und an einen Gott. Thematische Schwerpunkte des Briefes an Forel sind also zwei klassische Fragen der Philosophie und der Religion: das Leib-Seele-Problem und die Gottesbeweise.
Der Hintergrund der Anfrage Forels Wie viele Naturwissenschaftler sah Forel hinter der Schöpfung ein gestaltendes Prinzip oder Kraft, „eine Weltpotenz, die Materie und das Leben schafft“So Alexander von Muralt: August Forel Schweizerköpfe Heft 4/5, Zürich, Orell Füssli Verlag, 1928, S. 28.. Er sah sich als Monist, aber kein Monist „im engeren Sinne“, der alles streng materialistisch erklärtForel: s. Artikel Monismus in: Handwörterbuch Philosophie. Hg. v. Wulff D. Rehfus. 1. Aufl., Vandenhoeck & Ruprecht / UTB. ISBN 978-3-8252-8208-0, Brüntrup bezeichnet dieses Weltbild als „physikalistisch“ (Godehard Brüntrup: Das Leib-Seele-Problem - Eine Einführung, 2008, S. 21), der Mensch erscheint dann als „durch und durch physisches Wesen“ (Ansgar Beckermann: Das Leib-Seele-Proble - Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, 2008, 20), sondern nach einer für Wissenschaftler fundiert begründeten metaphysischen Seite im Monismus suchtAnfrage Forels an ʿAbdul-Baha' in , S. 12.. Traditionell kirchliche Lehren lehnte er ab. Bereits mit 16 Jahren lehnte er, sehr ungewöhnlich für das 19. Jahrhundert, die Konfirmation ab. Er bezeichnete sich als „Agnostiker“ und hielt Gott für „absolut für den Menschen unerkennbar“., S. 12. Aufschlussreich ist der Abschluss seines Vortrages auf der Tagung der der deutsche Naturforscher und Ärzte in Wien, 1894: „Wir machen Front gegen den Götzendienst veralteter, unhaltbarer kindischer Legenden und dogmatischer Vorstellungen anthropomorpher Eigenschaften. … Wir verehren dagegen in tiefster Demut die ewige, überall in jedem Weltatom sich offenbarende, unergründliche Allmacht des unendlichen Gottes, der zugleich das Weltall ist, im Weltall waltet, das Weltbewusstsein darstellt.“ (Alexander von Muralt: August Forel Schweizerköpfe Heft 4/5, Zürich, Orell Füssli Verlag, 1928, S. 28–29). Forel hatte sich 1920 der Bahai-BewegungDie westlichen Bahai-Gemeinden hatten teilweise bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in vielerlei Hinsicht den Charakter einer (neuen) religiösen Bewegung, sind aber heute durchweg nachhaltig stabile und institutionalisierte Religionsgemeinschaften. angeschlossen vor allem wegen ihrer sozialen Lehren und wandte sich am Ende des gleichen Jahres (28. Dezember 1920) an ʿAbdul-Baha' und fragte ihn nach: der Beziehung zwischen der menschlichen Seele und der Funktion des Gehirns den sehr engen Grenzen der Aussagen, die man als Mensch über Gott machen kann
Die Seele ʿAbdul-Baha' vergleicht die Seele mit der Sonne. Die mentalen FähigkeitenHier wird in Anlehnung an die Leib-Seele-Diskussion das Begriffspaar mental-physisch verwendet statt wie früher geistig/seelisch vs. körperlich. Typische Beispiele sind die Arbeiten von Ansgar Beckermann und Godehard Brüntrup im Literaturverzeichnis. des Menschen, wie Denken, Träumen, Kreativität etc., sind wie die Strahlen dieser Sonne und der menschliche Körper (inklusive des Gehirns) wie der Spiegel, in dem sich die Strahlen reflektieren, S. 21–22,35.. Die Aktivitäten des Gehirns sind also die Manifestationen des Wirkens der Seele durch die mentalen FähigkeitenʿAbdul-Baha': Beantwortete Fragen, S. 206., die Seele ermöglicht also das Denken, sie ist aber nicht das DenkenDāvūdī: Malakūt-i-Vujūd – The Majesty of Existence, thoughts on Abdu’l-Bahás Tablett o Dr. Auguste Henri Forel, Darmstadt, 1998, S. 45. Ali Murad Davudi, war Professor für Philosophie an der Universität Teheran und veröffentlichte über die Philosophie des Geistes in Griechenland und Islam. Er war Bahai und hat die heiligen Schriften seiner Religion zum Thema Seele aus Sicht der griechischen, europäischen und islamischen Philosophie untersucht und kommentiert.. Der Verstand ist an Körper und Sinne gebunden, aber die Seele ist ohne die fünf Sinne aktiv (z. B. im Traum) und damit frei vom Körper. Diese Freiheit der Seele ermöglicht es dem Menschen, aus dem Bekannten neue Erkenntnisse zu gewinnen, die Naturgesetze zu umgehen und z. B. mit Hilfe eines Flugzeugs zu fliegen. Dabei setzt der Mensch Fähigkeiten ein (Verstand, Kreativität, Wille, …), die in der Natur in dem Umfang nicht vorkommen. Daher entspringt die Seele nicht der Natur, sondern einer höheren mentalen metaphysischen Wirklichkeit. Sie ist daher unsterblich und nimmt durch Krankheit oder körperliche Gebrechen keinen Schaden, S. 35. Dāvūdī: Malakūt-i-Vujūd – The Majesty of Existence, thoughts on Abdu’l-Bahás Tablett o Dr. Auguste Henri Forel, Darmstadt, 1998, S. 47..
Es ist die Seele, die als „alles vereinigende Wirkkraft“, S. 25. agiert und die mentalen Fähigkeiten (Analyse, Interpretation) sowie die physischen Körperfunktionen (Bewegung der Hand, Fuß beim Aufbau eines Messapparats im Windkanal und Durchführung der Messung) aufeinander ausrichtet. Dies kann auf die Tierwelt übertragen werden, wo die tierische Seele Fähigkeiten wie Wachstum, Fortpflanzung aufeinander ausrichtet. Analog ist es in Pflanzenwelt und in der Welt des Minerals. Für jede Seinsebene ist die nächsthöhere die Metaphysische Ebene und nicht zu begreifen. So wird die Seele zum „Ausgangspunkt der Eigenschaften jeder Seinsebene [Pflanze, Tier und auch Mineral] und damit zur Ursache der Unterschiede zwischen den verschiedenen Seinsebenen“Dāvūdī: Malakūt-i-Vujūd – The Majesty of Existence, thoughts on Abdu’l-Bahás Tablett o Dr. Auguste Henri Forel, Darmstadt, 1998, S. 51..
Gottesbeweise