mini|Fledermausbrücke bei Müllheim, Südbaden, Deutschland mini|Fledermausbrücke in Cornwall, Vereinigtes Königreich mini|Fledermausbrücke bei Penmaen, Caerphilly, Wales, Vereinigtes Königreich Fledermausbrücken sind bauliche Konstruktionen über hochfrequentierten Verkehrswegen wie Fernstraßen oder Bahnstrecken, die ein sicheres Überqueren von tieffliegenden Fledermäusen ermöglichen sollen. Sie werden entsprechend der FFH-Richtlinie errichtet.
Allgemeines Fledermäuse orientieren sich an Objekten wie Bewuchs oder Gebäuden, die in der Reichweite ihrer Ultraschall-Echoortung liegen. Sie meiden deshalb Höhen, in denen diese Ortung mangels Objekten nicht funktioniert, sodass sie solche Verkehrswege nicht einfach in größeren Höhen überfliegen. Somit können Verkehrswege die Lebensräume nicht nur für Bodentiere, sondern auch für Fledermäuse zerschneiden. Fledermausbrücken sollen den Tieren einen „Flugkorridor“ mit sicherer Orientierungsmöglichkeit bieten und so den Folgen der Lebensraumzerschneidung durch Verkehrswege entgegenwirken, ähnlich wie Grünbrücken.
Die Brücken finden sich in stark variierender Gestaltung. Da keine Anforderung an eine Traglast besteht, reichen einfache Seil- oder Gitterkonstruktionen, solange die Brücke nicht auch anderweitig genutzt werden soll (beispielsweise als Fußgängerbrücke).
Hintergrund In Deutschland wurden (mit Stand 2014) 24 Fledermausarten aus insgesamt neun Gattungen und zwei Familien – allesamt Hufeisennasen oder Glattnasen – nachgewiesen (siehe Liste von Fledermausarten in Deutschland). Jede dieser Arten zählt zu den nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie seit 1992 sowohl zu den besonders als auch streng geschützten Arten. Als solche dürfen ihre Lebensstätten unabhängig von ihrer Lage nicht beeinträchtigt oder zerstört werden.
Gesetzliche Richtlinien (Deutschland) Nach der Eingriffs-Ausgleichs-Regelung des deutschen Rechts sind generell alle vermeidbaren Eingriffe in den Naturhaushalt verboten. Solche Eingriffe sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz alle „Veränderung[en] der Gestalt oder Nutzung[en] von Grundflächen […], die die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen können“.§ 14 BNatSchG - Einzelnorm Sind solche Eingriffe nicht vermeidbar, müssen sie grundsätzlich kompensiert werden.§ 15 BNatSchG - Einzelnorm Dabei müssen alle durch den Eingriff entstandenen Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft funktional ausgeglichen werden. Vermeidbare Beeinträchtigungen müssen vermieden werden. Zur Vermeidung unvermeidbarer Beeinträchtigungen sind Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen vorgesehen. Demnach müssen die beeinträchtigten Funktionen des Naturhaushaltes am selben Ort zeitnah durch eine andere Maßnahme verbessert bzw. Natur und Landschaft an einer anderen Stelle aufgewertet werden.
Eingriffe in die Lebensräume von Fledermäusen als besonders und streng geschützten Arten erfordern Maßnahmen, die deutlich über die üblichen Kompensationsmaßnahmen nach den Eingriffsregeln hinausgehen. Durch das Verbot der Beeinträchtigung der Lebensräume von Fledermäusen nach der FFH-Richtlinie werden bauliche Maßnahmen – dies sind in der Regel der Bau von Verkehrswegen, oftmals Fernverkehrsstraßen – in den Habitaten der Tiere erheblich erschwert. Werden solche baulichen Eingriffe dennoch vorgenommen, müssen strenge Richtlinien beachtet werden. So sind die durch Baumaßnahmen beeinträchtigten Funktionen des Naturhaushaltes am selben Ort durch anderweitige Maßnahmen gänzlich zu übernehmen. Dabei ist der Nachweis des Erfolges solcher Maßnahmen vor dem baulichen Eingriff zwingend erforderlich. Die Maßnahmen müssen vor dem Baubeginn durchgeführt werden. Die baulichen Maßnahmen sind erst zu beginnen, nachdem die Kompensationsmaßnahmen nachweislich wirksam sind. Im Unterschied zu den normalen Ausgleichsmaßnahmen müssen die Störungen der Funktionen von Natur und Landschaft nicht nur verbessert, sondern gänzlich ausgeglichen werden.
Maßnahmen Im Zuge dieser Richtlinien sind verschiedene Maßnahmen denkbar, die die Folgen der Freilandzerschneidung für die Lebensräume der Fledermäuse auf ein Minimum reduzieren sollen. Verschiedene Untersuchungen an mehreren Grünbrücken haben ergeben, dass die Errichtung von Grünbrücken nicht nur Bodenlebewesen die Möglichkeit bietet, den zerschnittenen Lebensraum zu verbinden. Obwohl Fledermäuse wegen ihrer Flugfähigkeit nicht die hauptsächliche Zielgruppe waren, nutzten auch seltene Fledermäuse selbst solche Brücken, die nicht an bestehenden Flugkorridoren ausgerichtet waren. Dabei wurden die Brücken von den meisten Arten nicht nur als Überflughilfe, sondern auch als Jagdgebiet genutzt. Einen ähnlichen Effekt sollen spezielle Fledermausbrücken erzielen. Vor allem im Vereinigten Königreich sind einige solcher Konstruktionen errichtet worden, da die zuständigen Behörden die Brücken als Schutz der gefährdeten Fledermausarten im Zuge der auch hier gültigen FFH-Richtlinie werten. Man erhofft sich, dass die Brücken den Tieren als Überquerungshilfe nutzen.Bat bridges cost £27k per animal. In: BBC News, 22. Oktober 2009. Abgerufen am 6. Juni 2014 (englisch).
Aufbau und Ausführungen mini|Fledermausbrücke aus Drahtseilen mit kugelförmigen Reflektoren(A 590 bei High Newton (Cumbria), Großbritannien) Die verschiedenen bestehenden Fledermausbrücken variieren sehr stark in ihrer Gestalt. Ziel der Konstruktionen ist es, bei der Ultraschallortung durch Fledermäuse natürliche Bepflanzungen und Aufwuchs wie Sträucher oder Laubbäume möglichst exakt zu imitieren, damit diese die Brücken als neue Leitlinien annehmen. Die verschiedenen Ausführen verfolgen dabei sehr unterschiedliche Konzepte, um dies zu verwirklichen.
Viele Brücken bestehen aus mehreren parallel verlaufenden Stahlseilen, die an senkrechtstehenden Trägern auf beiden Seiten der Fahrbahn verankert sind und einige Meter darüber verlaufen. Teilweise sind kugelförmige Schallreflektoren an den Stahlseilen montiert. Sie streuen das Echo der Fledermäuse in alle Richtungen. Sie sollen vor allem Blätter von Hecken und Sträuchern nachbilden, die ihrerseits aufgrund ihrer Dichte und unterschiedlichen Ausrichtungen den Schall in zahlreiche Richtungen reflektieren. Eine ähnliche Bauart besteht aus drei engmaschigen Netzen, die – an jeder Straßenseite an einem Mast befestigt – über die Straße gespannt sind. Dabei bildet ein Netz die Unterseite, und die beiden anderen sind senkrecht dazu angebracht, sodass im Querschnitt eine „U“-Form entsteht. Der eigentliche Brückenkörper hat dabei nur eine Höhe und Breite von wenigen Metern.
Des Weiteren existieren auch Bauarten, die in ihrem Erscheinungsbild einer Grünbrücke ähneln. So werden statt der Masten Böschungen neben der Fahrbahn angelegt, die als Basis der Brücke dienen. Die Brücke selbst kann beispielsweise aus einem kurzen, massiven Stahlträger bestehen. Die Böschungen selbst können bepflanzt werden, sodass der Eindruck einer Grünbrücke entsteht.
In Biberach an der Riß existieren zwei Brücken, die aus massivem Metall bestehen und somit einer konventionellen Brücke – etwa einer Fußgängerbrücke – ähneln.
Liste mit Beispielen von Überquerungshilfen für Fledermäuse
Land Straße / Bahnstrecke Ort Bauart Kosten Eröffnung QuellenDE Biberach an der Riß zwei Vollmetallbrücken 400.000 € 2013 Friedrichshafen Vollmetallbrücke 1.600.000 € 2021 Wildkorridor zum Schutz von Mensch und Tier - Verkehrsfreigabe B31. 24. September 2021. Abgerufen am 18. Juli 2024. Bahnstrecke Mannheim–Basel Müllheim Stahlbetonbrücke 1.500.000 € 2020 Fledermausbrücke Deutsche BahnIn: Müllheim (Baden). 8. Januar 2023. Abgerufen am 19. Juli 2024. Pocking Stahlbetonbrücke 4.000.000 € 2026 FR Roquefort (Landes) Vollmetallbrücke 500.000 € 2012 Balbigny Vollmetallbrücke ? 2012 Balbigny (Loire)- Un pont pour les chauves-souris au-dessus de l'A89 In: France 3 Rhône-Alpes. 22. November 2012. Abgerufen am 8. Juli 2014 (französisch).IEGortStahlbetonbrücke UK Workington (Cumbria) Unterführung ? ? Drahtseilbrücke ? ? High Newton (Cumbria) Zwei Unterführungen ? ? Drahtseilbrücke 45.000 £ ? Dobwalls (Cornwall) Brückenkörper aus Netzen 300.000 £ ? Distington (Cumbria) Drahtseilbrücke 34.133 £ ? Haydon Bridge (Northumberland) Drahtseilbrücke 60.000 £ ? Pwllheli (Gwynedd, Wales) ? 2010 Abergavenny (Monmouthshire, Wales) ? ? 2007 Porthmadog (Gwynedd, Wales) Stahlträger zwischen Böschungen 650.000 £ 2010
Funktionsweise Echoortung der Fledermäuse mini|Fledermäuse können mithilfe ihrer Echoortung Objekte bis auf wenige Millimeter genau lokalisieren Die Funktionsweise von Fledermausbrücken beruht der Echoortung der Fledermäusen. Diese erzeugen im Kehlkopf Ortungslaute im Ultraschallbereich. Aus den von der Umgebung reflektierten Schallwellen setzten die nachtaktiven Tiere ein dreidimensionales Bild zusammen. Dazu erzeugen sie Rufe, deren Schallwellen stark gebündelt in eine bestimmte Richtung geworfen werden. Die trichterförmigen Ohren der Fledermäuse sind sowohl gegenüber der Richtung als auch der Klangqualität der Echos der Schallwellen, die von Objekten in der Umgebung oder auch von Beutetieren zurückgeworfen werden, äußerst empfindlich und können einzeln bewegt werden, um bestimmte Schallquellen genauer zu orten. Beide Ohren können die Tiere unabhängig voneinander wahrnehmen. Beim Eintreffen der Echos werden Zeitunterschiede beim Eintreffen des Schalls ausgewertet, sodass im Gehirn ein exaktes dreidimensionales Bild der Umgebung angefertigt werden kann. Aufgrund der differenzierten Analyse von Frequenz und Amplitude der Echos können Fledermäuse Größe, Form sowie Oberflächenstrukturen und damit das Material der Reflektoren bestimmen. Mittels des Dopplereffekts ist es ihnen auch möglich, den Bewegungszustand auszumachen. Fledermäuse können ihre Rufe so modulieren, dass sie sich auch in komplexen Umgebungen orientieren können und Objekte auf wenige Millimeter genau lokalisieren.
Orientierung mini|Fledermäuse nutzen vor allem Linienbiotope wie diese Hecken als Leitlinien zur Orientierung Mithilfe der Ultraschallortung können sich Fledermäuse auch bei vollkommener Dunkelheit einwandfrei orientieren. Die meisten Arten nutzen dabei im Flug linear verlaufende Strukturen – vor allem Hecken und Waldränder – als Leitlinien. Zudem erlauben ausgeprägte Heckenlandschaften den Tieren ein größeres Gebiet zur Nahrungssuche. Des Weiteren dienen jene Hecken auch als Lebensraum für Beutetiere, vor allem für Insekten. Fledermäuse verwenden dabei oftmals dieselben Wege über Jahre hinweg, um von ihrem Schlafplatz zu ihrem Jagdgebiet zu gelangen. „Strukturgebundene“ Arten fliegen dabei nur wenige Meter über dem Boden, da die Echoortung dieser Fledermäuse nur bis zu wenigen hundert Metern reicht. Durch eine niedrige Flughöhe können sich die Tiere somit besser an ihren Leitlinien orientieren. Untersuchungen haben ergeben, dass sich etwa die Kleine Bartfledermaus nur circa 0,3 bis 1,7 MeterMarc Holderied, Gareth Jones, Otto von Helversen: Flight and echolocation behaviour of whiskered bats commuting along a hedgerow: range-dependent sonar signal design, Doppler tolerance and evidence for ‘acoustic focussing’. In: Journal of Experimental Biology. 28. Februar 2006. Abgerufen am 5. Juli 2014 (PDF; 1 MB). und die Wasserfledermaus etwa 2,1 bis 4,5 Meter von ihren Leitstrukturen entfernt. Die maximalen Entfernungen sind dabei nur bei Störungen der Leitlinien vorzufinden.