mini|Gustave Moreaus Gemälde Ödipus und die Sphinx im Metropolitan Museum of Art, New York 1864 Der Ödipuskonflikt oder Ödipuskomplex ist ein psychoanalytisches Erklärungsmodell der konflikthaften psychosexuellen Entwicklung im frühen Kindesalter, das von Sigmund Freud entwickelt wurde und seitdem durch vielfältige Diskurse innerhalb und außerhalb der Psychoanalyse verschiedene Modifikationen erfuhr. Es gehört zu den Kernkonzepten der Psychoanalyse und war immer wieder Gegenstand kritischer Auseinandersetzung.

Nach heutigem Verständnis beschreibt der Ödipuskonflikt die Gesamtheit aller Liebes- und Hassgefühle und der sich daraus entwickelnden Schuldgefühle eines Kindes als Resultat der erlebten personalen Beziehungen, einschließlich der unbewussten intersubjektiven und familiendynamischen Vorgänge. Zur Bewältigung des Ödipuskonflikts gehöre die Anerkennung der Generationengrenzen, die Anerkennung der Mutter und des Vaters, die Anerkennung der Eltern als sexuelles Paar, das Durcharbeiten der Trauer über die sich nicht erfüllenden erotischen Bindungen an die Eltern sowie der Aggressionen aufgrund der Rivalität gegenüber dem einen Elternteil. Aus Sicht der Eltern sei eine Bearbeitung der ambivalenten Regungen von Liebe und Hass, Fürsorge und Destruktion von Bedeutung, die mit der Geburt eines Kindes immer verbunden seien. Auch können unbewältigte ödipale Konflikte aus der eigenen Kindheit reaktiviert werden und müssen neu bearbeitet werden.Wolfgang Mertens: Ödipuskomplex. In: Wolfgang Mertens; Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. 3., überarbeitete und erweiterten Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 532 f. Aktuelle Ausgabe: Mertens Hrsg., 2014, ISBN 978-3-17-022315-8.

Bis heute ist das Erklärungsmodell des Ödipuskonflikts von der patrizentrischen Haltung der ersten Psychoanalytiker-Generationen geprägt, die Männlichkeit für so selbstverständlich hielten, dass nur die weibliche Sexualität als „dunkler Kontinent“ (Freud) galt. Zudem werden heute zunehmend Vorstellungen über Zweigeschlechtlichkeit, Sexualität und Normalität in Frage gestellt.

Begriffsherkunft

Für die Bildung des Begriffes Ödipuskomplex stützte sich Freud auf die von der griechischen Mythologie überlieferte Figur des Ödipus, dessen Tragödie der Nachwelt u. a. in Sophokles’ Drama König Ödipus erhalten blieb.Sigmund Freud: Die Traumdeutung (1900). In: Gesammelte Werke, Band II/III. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 1999, S. 267–270. Ödipus hatte – ohne es zu wissen – seinen eigenen Vater, König Laios von Theben, in einem Handgemenge getötet. Später, nachdem er erfolgreich das Rätsel der Sphinx gelöst hatte, erhielt er als Belohnung seine eigene Mutter Iokaste zur Ehefrau – auch dies ohne sein Wissen. Als er erkennt, dass er mit seiner Mutter jahrelang im Inzest gelebt hat, sticht er sich die Augen aus und geht als blinder Mann ins Exil. Ödipus’ Geschichte wird oft verstanden als eine von vornherein vom Schicksal besiegelte und durch ein Orakel vorhergesagte Tragödie, die Ödipus mehr oder weniger unfreiwillig widerfährt.

Ödipuskomplex nach Freud Nach den Pionieren der Sexualwissenschaft war es Ende des 19. Jahrhunderts Sigmund Freud, der sich erstmals mit der Entwicklung sexueller Subjektivität befasste. Zunächst entwickelte er eine Theorie, die die Entstehung psychischer Erkrankungen auf sexuelle Traumatisierungen zurückführte, revidierte sie jedoch zugunsten seiner Triebtheorie, zu der auch der Ödipuskomplex gehört.

Das Erklärungsmodell des Ödipuskomplexes wurde von Sigmund Freud anhand seiner Beobachtungen an Patienten, Kindern und der Selbstbeobachtung entwickelt. Er beschreibt den Ödipuskonflikt ursprünglich als Inzestphantasie des Kindes zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr in Bezug auf den gegengeschlechtlichen Elternteil, verbunden mit der Rivalität gegenüber dem Elternteil gleichen Geschlechts und der damit einhergehenden Angst vor dessen Rache. Aufgrund der Analogie zur Gestalt des Ödipus der griechischen Mythologie nannte Freud diese Konstellation Ödipuskomplex oder Ödipuskonflikt. Dabei bestand die Annahme, dass es sich um ein universelles Phänomen handle und dass die umgekehrte Konstellation, die Liebe zum Elternteil gleichen Geschlechts und die entsprechende Rivalität zum anderen Elternteil, ebenfalls eine Regelerscheinung sei.Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968, S. 126–127. Aktuelle Ausgabe 2017, ISBN 978-3-596-31659-5.

Durch die Überwindung des Ödipuskonfliktes und die Identifikation mit den Eltern und der Verinnerlichung der durch sie gesetzten Grenzen bildet sich das Über-Ich als stabile innerseelische Instanz aus, welche den Triebansprüchen des Es gegenübersteht.Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1968, S. 135. Aktuelle Ausgabe 2017, ISBN 978-3-596-31659-5. Nach der Latenzphase erfährt der Ödipuskomplex in der Pubertät eine Wiederbelebung, um dann zur Ablösung von den Eltern und zur jeweiligen Form der erwachsenen Objektwahl zu führen. Der Ödipuskomplex spielt nicht nur eine wichtige Rolle bei der sexuellen Orientierung des Erwachsenen, sondern ebenso bei der Strukturierung der Persönlichkeit und der Entstehung der Neurosen.J. Laplache; J. B. Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. stw Suhrkamp-Verlag, 1973, S. 351.

Der Begriff Ödipuskonflikt betont, dass es sich um eine konflikthafte Konstellation in einem Dreieck handelt, die die Mutter-Kind-Dyade ablöst und als Triangulierung bezeichnet wird, während der Begriff Ödipuskomplex eher auf das gestalthafte Zusammenwirken unterschiedlicher Aspekte bezogen ist.

Das unbewusste Begehren des männlichen Kindes Die ersten Arbeiten Freuds stützten sich auf ein für den Jungen entwickeltes Modell. Das ödipale Begehren tritt zum ersten Mal im dritten bis fünften Lebensjahr auf, der von Freud so genannten „phallischen“ oder „ödipalen Phase“.

Freud greift die Figur des Ödipus auf, um mit ihr eine Beobachtung zu beschreiben, die er zunächst bei sich selbst und dann auch im Laufe seiner psychoanalytischen Therapietätigkeit bei seinen Patienten machte. Nach Freud findet sich im Unbewussten der Patienten ein sexuelles Begehren gegenüber der eigenen Mutter, das aber in der Regel verdrängt ist. Weil das begehrende Kind dementsprechend mit dem Vater um die Gunst der Mutter rivalisiert, will es den Vater unbewusst töten, um seinen Platz einzunehmen. Jungen entwickeln infolge des Begehrens nach der Mutter Schuldgefühle gegenüber dem Vater sowie eine schleichende Angst vor Bestrafung durch diesen (Kastrationsangst, siehe weiter unten).

Fallbeispiel „Kleiner Hans“ Als besonders wichtiger „Beleg“ für die Ödipus-Theorie gilt dabei der Fall des „kleinen Hans“, der Freud hauptsächlich aus den Berichten von Hans’ Vater, einem seiner Schüler, bekannt war. Hans entwickelte eine Pferdephobie, nachdem er Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden war, bei dem ein Pferd, das einen Wagen zog, hinfiel. Im Verlauf der psychoanalytischen Therapie, die Hans’ Vater bei dem Jungen nun durchführte, erklärte der Vater dem Kind, dass die Angst mit seiner Masturbation (die der Vater ihm zugleich verbietet) und mit sexuellen Phantasien bezüglich der Mutter sowie Hass auf den Vater oder Angst vor ihm zu tun habe, für den symbolisch die Pferde stünden. Das Kind selbst behauptet hingegen, seine Pferdeangst rühre von dem geschilderten Vorfall her, und auch die Mutter bestätigt, dass dieser sich so zugetragen und die Angst sich direkt danach erstmals gezeigt habe.

Kastrationsangst und Überwindung des Ödipuskonflikts

Der günstige Ausgang des ödipalen Konflikts besteht darin, dass das Kind auf den Inzestwunsch verzichtet und aufhört, den Vater als Rivalen zu bekämpfen. Stattdessen soll es gerade dadurch in seine Geschlechtsrolle hineinwachsen, dass es sich mit dem Vater identifiziert. Aus dem Feind wird ein Vorbild, dem das Kind nachzueifern versucht. Aus dem infantilen Wunsch nach dem Besitzen der eigenen Mutter wird der reifere Wunsch, jemanden wie die eigene Mutter zu besitzen und es so dem Vater gleichzutun – jedoch außerhalb der eigenen Familie.

Das Mittel, mit dem dieser notwendige Schritt in der Entwicklung des Kindes – die Überwindung des Ödipuskonflikts – ermöglicht wird, ist nach Freud die Kastrationsdrohung. Das Kind hat Angst, für seinen Wunsch und sein Aufbegehren gegenüber dem Vater mit der Kastration, dem Verlust seines Geschlechtsorgans, bestraft zu werden. Um dieser Drohung aus dem Weg zu gehen, ordnet es sich der Autorität des Vaters unter und akzeptiert letztlich die Unerreichbarkeit der Mutter. Indem es so die wohlwollende Anerkennung des Vaters erfährt, gewinnt es eben jene Macht und Potenz, die es scheinbar abgegeben hat.

Inzest und Inzestverbot Kind, Mutter und Vater bilden ein „ödipales Dreieck“, aus dem das Kind eine Person ausschließen will, um die andere exklusiv zu besitzen. Das Kind wünscht sich also letztlich, so Freuds nicht nur für die damalige Zeit provokante These, unbewusst eine Situation des Inzests herbei. Diese aus den Assoziationen und Träumen seiner Patienten gewonnene Beobachtung sah Freud durch die soziale Institution des Inzestverbots belegt, das bis in archaische Gesellschaften hinein zurückverfolgt werden kann.

Bereits die Bibel warnt eindringlich vor der „Blutschande“. Wenn aber die Vermeidung des Inzests erst durch eine strenge soziale Norm durchgesetzt werden muss, so muss es, nach Freud, auch eine Tendenz geben, die dieser Norm entgegenwirkt und von dieser in Schach gehalten wird. Das ödipale Begehren ist laut Freud eben jene Herausforderung, die der Ödipuskonflikt an jede Familie stellt und die im Idealfall mit seiner Überwindung endet.

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat die soziale Funktion des Inzestverbots in der Gewährleistung der Exogamie ausgemacht, das heißt in der Öffnung der Familie ihrer sozialen Umwelt gegenüber. Das Inzesttabu sichert auf elementare Weise den Zusammenhalt des Sozialen. Für Freud stand dagegen vor allem die individuelle Funktion im Vordergrund, die es dem Kind erlaubt, sich mit seiner Geschlechterrolle zu identifizieren und so eine Identität zu finden.

Der weibliche Ödipuskonflikt – Elektrakomplex Später beschrieb Freud auch eine präödipale Phase beim Mädchen, wobei es ebenso wie der Junge die Mutter als erstes Liebesobjekt betrachtet, und eine nachfolgende ödipale Phase, in der sich das Mädchen des Geschlechtsunterschiedes bewusst wird und die Mutter unbewusst für das „Fehlen“ eines Penis verantwortlich macht. Dadurch richten sich sein Interesse und seine Wünsche nun an den Vater, den das Mädchen besitzen möchte; dadurch rivalisiert es unbewusst mit der Mutter, wie Freud in seiner Schrift Das Ich und das Es (1923) ausführt.

Während die Kastrationsangst für den Jungen das Ende der ödipalen Phase markiert, bestimmt die imaginierte Kastration für das Mädchen, weil es sie als bereits vollzogen betrachtet, den Wechsel des Liebesobjekts zum Vater und somit den Anfang der ödipalen Phase, in der ein Wechsel des Liebesobjekts von der Mutter zum Vater stattfindet.Sigmund Freud: Die Traumdeutung (1900). Gesammelte Werke, Band II/III. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main, 1999, S. 353.

Carl Gustav Jung und andere Psychoanalytiker zu Freuds Zeiten nannten den beim Mädchen ähnlich gelagerten Komplex statt Ödipus- „Elektrakomplex“. Freud hat aber diese Bezeichnung stets entschieden abgelehnt.

Die Verführungstheorie als Vorgängertheorie des Ödipuskonflikts

In seinen frühen Überlegungen zur Ätiologie der Hysterie entwickelte Freud die Theorie, dass der Entstehung psychischer Störungen verdrängte, tatsächlich erlebte Erfahrungen sexuellen Missbrauchs zugrunde liegen, welche er bei all seinen (vor allem weiblichen) Patientinnen aufgespürt zu haben meinte.