Die Landgrafschaft Hessen-Kassel (zeitgenössische Schreibweise: Hessen-Cassel) war ein deutsches Reichsfürstentum im Heiligen Römischen Reich, von der älteren Linie des Hauses Hessen regiert.
Der Landgraf wurde 1803 zum Kurfürsten erhoben; bald darauf begann man, zur Abhebung von der 1806 durch Napoleon zum Großherzogtum Hessen erhobenen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, die Bezeichnungen Kurfürstentum Hessen oder kurz Kurhessen für die vom Kurfürsten regierten Lande zu gebrauchen. Der Wiener Kongress 1815 sanktionierte die neue Bezeichnung. Das Land wurde Teil des Deutschen Bundes.
Geschichte mini|hochkant|zentriert|Landgrafschaft Hessen-Kassel im Jahr 1662 mini|hochkant=1.5|Französischsprachige Karte von Hessen-Kassel um 1720
Entstehung der Landgrafschaft Die Landgrafschaft Hessen-Kassel entstand 1567 durch eine Erbteilung der Landgrafschaft Hessen. In seinem Testament ordnete Landgraf Philipp I. an, Hessen unter seinen vier Söhnen der Hauptehe aufzuteilen. Er opferte die Einheit des Landes somit familiären Erwägungen. Wilhelm IV., der als ältester Sohn Philipps I. ohne Teilungstestament Alleinerbe gewesen wäre, erhielt mit Hessen-Kassel etwa die Hälfte des Territoriums einschließlich der Hauptstadt Kassel. Aus den Territorien seiner drei Brüder entstanden Hessen-Marburg, Hessen-Rheinfels und Hessen-Darmstadt. Nach dem Aussterben der Linien Hessen-Rheinfels 1583 und Hessen-Marburg 1604 blieben zunächst nur die beiden Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt. Erst mit der Gründung des Bundeslandes Hessen im Jahr 1945 endete die Teilung Hessens.
In der Landgrafschaft Hessen-Kassel bildeten Landwirtschaft und Handwerk die wichtigsten Lebensgrundlagen. Um 1580 lebten in der gesamten Landgrafschaft rund 250 000 Menschen. Die Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse beruhten noch auf dem mittelalterlichen Lehenswesen. Für weltliche oder geistliche Grundherren mussten demnach Dienste und Abgaben geleistet werden. Die gesellschaftliche Stellung des Individuums wurde von der Geburt und dem familiären Besitzstand bestimmt. Als bedeutendste Grundherren bauten die Landgrafen ihre politische und wirtschaftliche Macht zunehmend aus. Durch ein entstehendes Beamtentum, Stehendes Heer und Verordnungen griffen die Landgrafen in viele Lebens- und Wirtschaftsbereiche der Bevölkerung massiv ein.
Zeitalter der konfessionellen Spannungen (1567–1648) Vor der Landesteilung von 1567 war die Landgrafschaft Hessen unter Philipp I. eine protestantische Vormacht im Heiligen Römischen Reich gewesen. Von hier aus waren entscheidende Impulse der Reformation wie das Marburger Religionsgespräch ausgegangen. Nach der Aufteilung des Landes Hessen fiel die Rolle der protestantischen Führung nunmehr den Kurfürstentümern von Brandenburg und Sachsen sowie der bereits reformierten Pfalz zu. Auch der Nachfolger Wilhelms IV., Moritz (regierte von 1572 bis 1627) neigte dem reformierten Bekenntnis seiner Ehefrauen Agnes (1578–1602) und Juliane (1587–1643) zu. Um seine Stellung als unabhängiger Fürst zu festigen, begann er schon um 1600 mit dem Aufbau einer „Landesausschuß“ genannten Milizarmee aus vier Regimentern zu Fuß (insgesamt wohl 4–5.000 Mann).Arthur von Sodenstern, Die Anfänge des stehenden Heeres in der Landgrafschaft Hessen-Kassel, Kassel 1867. Außenpolitisch suchte er nach einem Bündnispartner, der ihm eine gewisse Unabhängigkeit sowohl vom Kaiser und den katholischen Reichsständen als auch von den lutherischen Fürsten garantieren konnte. Deshalb besuchte er 1602 den französischen König Heinrich IV. in Paris. Mit dem französischen Monarchen unterhielt der Landgraf einen engen Briefwechsel. Dessen Ermordung im Jahr 1610 veränderte das Kräfteverhältnis in Europa und schwächte die Stellung des Landgrafen wieder. Nachdem Philipp von Hessen-Rheinfels und Ludwig von Hessen-Marburg 1583 bzw. 1604 ohne Erben verstorben waren, wurden deren Gebiete zwischen Darmstadt und Kassel aufgeteilt, wobei das Gebiet um Marburg mit der Universität Hessen-Kassel zufiel. 1605 führte Moritz in seinem Gebiet das reformierte Bekenntnis ein. Ludwig hatte jedoch für Marburg testamentarisch das lutherische Bekenntnis verfügt. Moritz setzte sich darüber hinweg, was zu einem Erbfolgestreit mit dem weiterhin lutherischen Hessen-Darmstadt führte, dem bis 1648 währenden sogenannten Hessenkrieg. Unmittelbare Folge war, dass die lutherischen Professoren von Marburg nach Gießen auswichen, was 1607 zur Gründung der dortigen Universität führte. 1611 gelang Moritz mit der Vermittlung eines Vertrages zwischen dem noch lutherischen Brandenburg und Sachsen ein letzter diplomatischer Erfolg vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618–1648.
In den ersten Jahrzehnten bis 1618 war die Landgrafschaft innenpolitisch durch eine Bürokratisierung geprägt, die die Macht der Landgrafen nach innen erheblich stärkte. Mit der ersten statistischen Erfassung hessischer Orte in den Land- und Dorfbüchern der „Ökonomischen Staaten“ gelang es den Beamten und Räten von Landgraf Wilhelm IV., zwischen 1570 und 1585 Einnahmen und Ausgaben des Landes zu ermitteln. Als Zentrum der landesherrlichen Verwaltung wurde der Renthof in der Residenzstadt Kassel ausgebaut. Landgraf Wilhelm IV. schuf mit dem zwischen 1578 und 1580 errichteten Kanzleibau eigene Räumlichkeiten für Verwaltungs- und Regierungszwecke. Ein Verbindungsbau zwischen dem Stadtschloss und dem Kanzleigebäude stärkte die Kontrolle des Landgrafen über die Verwaltungsinstitutionen. Unter dem Nachfolger Wilhelms IV. und zweiten Landgrafen von Hessen Kassel, Moritz, stieg der Hof in Kassel zu einem der bedeutendsten des Reiches auf; Theater, Musik und Alchemie blühten kurzzeitig. Dieser Entwicklung bereitete der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) jedoch ein jähes Ende.
Nachdem der Krieg 1618 mit dem Prager Fenstersturz begonnen hatte,Am Fenstersturz maßgeblich beteiligt war der Verlobte der späteren Landgräfin Amalie Elisabeth, der böhmische Adelige Albrecht Jan Smi?ický von Smi?ice, der jedoch schon 1618 vorzeitig starb. dehnte sich der zunächst regionale Konflikt auf das gesamte Heilige Römische Reich aus. Infolgedessen erlitt die Bevölkerung der Landgrafschaft Hessen-Kassel immer wieder Kampfhandlungen, Plünderungen, Vergewaltigungen und Morde, insbesondere durch kaiserliche Truppen unter der Führung ihres Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly.
Währenddessen beanspruchte im Hessenkrieg aufgrund des Konfessionswechsels von Moritz Ludwig V. von Hessen-Darmstadt die ganze ehemalige Landgrafschaft Hessen-Marburg für sich. Diese sprach Kaiser Ferdinand II. durch den Reichshofrat 1623 dem kaisertreuen Darmstädter Landgrafen zu. Am 12. Februar 1627 übertrug Moritz den Söhnen seiner zweiten Ehefrau Juliane Einkünfte und Besitzrechte der Rotenburger Quart, das jedoch weiterhin der Oberhoheit der Kasseler Landgrafen unterstand. Kurz darauf, am 17. März dankte Moritz zu Gunsten seines Sohnes Wilhelm V. ab, nachdem er bereits 1623 infolge der ersten Besetzung Hessen-Kassels durch die Kaiserlichen ins Exil gegangen war und die Statthalterschaft über die Landgrafschaft Wilhelm übertragen hatte. Im Dreißigjährigen Krieg wusste Hessen-Kassel zunächst nur die damals ebenfalls reformierte Kurpfalz, das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel und Frankreich an seiner Seite, wobei letzteres noch nicht in die Kampfhandlungen eingriff. Aufgrund der verzweifelten Lage schloss Wilhelm noch 1627 einen Vergleich mit Darmstadt auf Basis des Hofgerichtsurteils. Er nutzte die Atempause, um die kasselschen Landstände auf seine Seite zu ziehen, vier neue Regimenter aufzustellen (und so französische Subsidien einzuwerben), die Währung zu stabilisieren und mit Gustav II. Adolf von Schweden, wie er ein Urenkel Philipps I., einen weiteren Verbündeten zu gewinnen. Das Bündnis sollte auch nach dem Tod Gustav Adolfs 1632 bis zum Ende des Krieges weiter bestehen. Nach der Niederlage der Schweden und ihrer protestantischen Verbündeten in der Schlacht bei Nördlingen 1634 gelangte die kaiserlich-katholische Partei wieder in die Offensive, was Richelieu veranlasste, dass Frankreich 1635 seine Subsidienzahlungen an Schweden (und die mit ihm verbündeten protestantischen Stände) massiv erhöhte (Vertrag von Saint-Germain-en-Laye) und von 1636 an mit französischen Truppen in den Krieg eingriff. Daraufhin besetzten 1637 die kaiserlichen Heere Niederhessen. Wilhelm rettete sich und seine Armee zunächst in das Herzogtum Westfalen und das Bistum Paderborn und schließlich nach Ostfriesland, wo er noch im selben Jahr starb. Die in diesem Zuge eingetriebenen Kontributionen erlaubten es dem Landgrafen, seine Armee zu halten und zu konsolidieren. Wilhelms Witwe, die Landgräfin Amalie Elisabeth, eine geborene Gräfin aus dem calvinistischen Hause von Hanau-Münzenberg, regierte von 1637 bis 1650 für ihren noch unmündigen Sohn Wilhelm VI. Sie kehrte 1640 nach Kassel zurück und setzte die auf vollständige Wiederherstellung der Landgrafschaft bedachte Politik ihres Mannes energisch fort. Darüber hinaus gelang es ihr 1643, mit Graf Friedrich Casimir von Hanau einen Erbvertrag des Inhalts abzuschließen, dass bei einem Aussterben des Hauses Hanau die Grafschaft Hanau-Münzenberg an Hessen-Kassel fallen sollte; der Erbanfall erfolgte dann 1736 mit dem Tod von Graf Johann Reinhard III. In der letzten Phase des Hessenkriegs von 1645–1648 konnte sie schließlich vor allem mithilfe französischer und schwedischer Truppen große Teile der an Hessen-Darmstadt verlorenen Gebiete zurückgewinnen: die an Hessen-Darmstadt verpfändete Herrschaft Schmalkalden, die Abtei Hersfeld (nunmehr als Fürstentum), die Burg Rheinfels und weitere Gebiete kamen wieder zu Hessen-Kassel, insbesondere aber der nördliche Teil Oberhessens mit Marburg, der aber lutherisch blieb; außerdem erhielt die Landgrafschaft 1647 auf dem Erbschaftswege einen Teil der ehemaligen Grafschaft Schaumburg mit der Universität Rinteln. Diese Regelungen wurden im Westfälischen Frieden bestätigt. Weitere wichtige Ergebnisse des Friedens waren: auch das reformierte (calvinistische) Bekenntnis wurde neben dem lutherischen (evangelischen) und dem katholischen offiziell anerkannt; Frankreich und Schweden, die wichtigsten und mächtigsten Verbündeten der Landgrafschaft, sicherten und festigten deren Stellung im Reich als Garantiemächte; das Recht der Primogenitur für Hessen-Kassel wurde bestätigt.
Unter dem Krieg hatte Hessen-Kassel besonders zu leiden: in den Jahren 1622/23 (während braunschweigische, pfälzische und kasselsche Truppen die darmstädtischen Gebiete verwüsteten), 1625, 1637 (im sogenannten „Kroatenjahr“) und 1647 zogen kaiserliche Truppen durch Niederhessen, besetzten es zeitweise und verwüsteten es. Wegen der mangelnden hygienischen Bedingungen entwickelten sich zusätzlich namentlich in den 1630er Jahren verheerende Seuchen wie die Pest, die 1636 allein in Kassel etwa 1.400 Opfer forderte. Die zeitgenössischen Weidenbaumtaler bringen die desaströse Lage in Hessen-Kassel zum Ausdruck. Die Folgen für die Städte veranschaulicht die folgende Statistik der Haushalte (bzw. für Kassel der Einwohner):Nach Holger Th. Gräf: Ein schwieriges Erbe: Hessen-Kassel am Beginn der Regierung Landgraf Karls, in: Groß gedacht! Groß gemacht? Landgraf Carl in Hessen und Europa (Hrsg.: Museumslandschaft Hessen-Kassel, Gisela Bungarten), Kassel 2018, ISBN 978-3-7319-0610-0, S. 11–20, hier S. 12. StadtUm 158016391681Allendorf460k. A.300Felsberg1195868Grebenstein431k. A.157Hersfeld557264450Kassel (Einw.)5.0005.7447.500Marburg859575570Rotenburg34454321Schmalkalden877k. A.951Sontra23153156Ziegenhain142119140Gesamt9.020(6.867)10.613