mini|Carl Clauberg (1942) Carl Clauberg (* 28. September 1898 in Witzhelden-Wupperhof; † 9. August 1957 in Kiel) war ein deutscher Gynäkologe, der als SS-Arzt an Hunderten weiblicher KZ-Häftlinge, vor allem im Vernichtungslager Auschwitz, brutale Menschenversuche zur nicht-operativen Zwangssterilisation vornahm. Seine früheren Forschungen über weibliche Sexualhormone bildeten eine der Grundlagen für die spätere Entwicklung der „Antibabypille“.

Leben Jugend und Werdegang Carl Clauberg wurde in dem Dorf Wupperhof im Bergischen Land als Sohn einer Handwerkerfamilie geboren. Die Familie verzog im Jahr 1903 nach Kiel.Till Bastian: Auschwitz und die ‚Auschwitz-Lüge‘. Massenmord und Geschichtsfälschung. C.H. Beck, München 1997, S. 55 f. Ab 1916 nahm Clauberg als Infanterist am Ersten Weltkrieg teil. Clauberg war an der Westfront eingesetzt und geriet 1917 in britische Kriegsgefangenschaft.

Medizinstudium und Arzttätigkeit Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft begann Clauberg ab 1920 ein Medizinstudium an der Universität Kiel und setzte das Studium an der Universität Hamburg und der Universität Graz fort.Jürgen Peter: Der Nürnberger Ärzteprozeß im Spiegel seiner Aufarbeitung anhand der drei Dokumentensammlungen von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke. Münster 1994., S. 238f Das Studium beendete er im Juni 1924. Nach der Approbation im April 1925 promovierte er im Mai 1925 an der Universität Kiel zum Thema Zur Frage der Todesursache bei Luftembolie. Von November 1925 bis 1928 als Volontärassistent und von 1928 bis Juli 1932 als Assistent arbeitete Clauberg an der Universitäts-Frauenklinik in Kiel und absolvierte dort eine Facharztausbildung als Gynäkologe. In dieser Zeit erforschte er, unterstützt von Chemikern der Firma Schering-Kahlbaum, die Wirkungsweise weiblicher SexualhormoneTill Bastian: Furchtbare Ärzte. Medizinische Verbrechen im Dritten Reich. Nürnberg 1995, S. 86. und entwickelte 1929 einen auf den Forschungen von George W. Corner und William M. Allen aufbauenden Gestagentest (Clauberg-Test), der von den Firmen Ciba, Organon und Schering-Kahlbaum statt des zuverlässigeren, aber teureren Corner-Allen-Tests benutzt wurde.Hans Heinz Simmer, Jochen Süß: Der Gestagentest am infantilen Kaninchen. Die Erfindung von Willard M. Allen und ihre Anwendung durch Carl Clauberg. Ein Beitrag zur Problematik von Eponymen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 399–416; hier: S. 399 f. und 403 ff.

Ab dem 1. August 1932 war Clauberg als Assistenzarzt von Felix von Mikulicz-Radecki an der Universitätsklinik Königsberg beschäftigt und wechselte im November 1934 als Oberarzt an die Universitäts-Frauenklinik in Königsberg. Unter Miculicz-Radecki habilitierte sich Clauberg am 18. Februar 1933 an der Universität Königsberg. Im August 1937 wurde er durch die Universität Königsberg zum außerordentlichen Professor ernannt. Ein Ordinariat erhielt er auch als späterer Günstling Heinrich Himmlers jedoch nicht.Hans Heinz Simmer, Jochen Süß: Der Gestagentest am infantilen Kaninchen. Die Erfindung von Willard M. Allen und ihre Anwendung durch Carl Clauberg. Ein Beitrag zur Problematik von Eponymen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 13, 1995, S. 399–416; hier: S. 409–412.

Clauberg veröffentlichte in den 1930er Jahren Fachliteratur auf dem Gebiet der Gynäkologie. Bekanntheit erlangte Clauberg v. a. durch ein von ihm entwickeltes Verfahren, bei infolge eines Eileiterverschlusses unfruchtbaren Frauen ein von den Schering-Werken hergestelltes halbsynthetisches 'Oestradiol' (Progynon B)Helga Satzinger, Adolf Butenandt, Hormone und Geschlecht, in: Wolfgang Schieder, Achim Trunk, Adolf Butenandt und die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Wallsteinverlag 2004 S. 102, vgl. Schering (2) im Museum Sybodo , Innsbruck.Mediz. Mittg. Schering Heft 8, Nov. 1933, S. 209, vgl. Schering (4) im Museum Sybodo , Innsbruck. zu injizieren, um eine Schwangerschaft zu erreichen. Bei seinen späteren Versuchen zur Unfruchtbarmachung verfolgte er das Verkleben beider Eileiter.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war Clauberg während des Überfalls auf Polen als Chirurg in einem Lazarett tätig. Ab 1940 war Clauberg Chefarzt einer Frauenklinik im (wegen der Tätigkeit des Ausnahmeneurochirurgen Wilhelm Wagner weltweit berühmten) Knappschaftslazarett in KönigshütteErnst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 94. (Ortsteil Neu-Heiduk) sowie gleichzeitig auch noch an einem weiteren Krankenhaus in dieser oberschlesischen Industriestadt.

Politische Tätigkeit Clauberg trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP (Mitgliedsnummer 2.733.970)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/20460609 und der SA bei. In der SA bekleidete Clauberg den Rang eines Sanitätsobersturmführers. Zudem gehörte er dem NS-Dozentenbund und dem NS-Ärztebund an. Clauberg wurde 1940 ehrenhalber SS-Gruppenführer der Reserve.Robert Jay Lifton: Ärzte im Dritten Reich, Klett-Cotta, Stuttgart 1988, S. 312.

Medizinische Experimente im Nationalsozialismus mini|hochkant=0.8|Dr. Carl Clauberg „The beast“, Gemälde des expressionistischen Künstlers Stefan Krikl aus dessen Serie Doctors of Death, 1985 (dt. Dr. Carl Clauberg „Die Bestie“ aus Ärzte des Todes)

Clauberg, der als Fachmann auf dem Gebiet der Sterilisationsforschung galt, hegte lange Zeit den Plan für ein Forschungsinstitut für Fortpflanzungsbiologie, kam aber bei den entsprechenden Regierungsstellen mit dem Vorschlag nicht weiter. Er führte Tierversuche durch, bei denen er den Versuchstieren formalinhaltige Substanzen in die Eileiter injizierte, welche Schleimhautverklebungen zur Folge hatten. Clauberg suchte den Kontakt zu Reichsführer SS Heinrich Himmler und wurde am 22. März 1941 von ihm vorgeladen. Er trug Himmler Gedanken zu Behandlung von individueller Unfruchtbarkeit, zur generellen Ursache für die Zunahme von Unfruchtbarkeit und zur operationslosen Sterilisation vor.Helmut Grosch, Carl Clauberg und die Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus, in: Eckhard Heesch (Hrsg.), Heilkunst in unheilvoller Zeit. Frankfurt/M. 1993, S. 97 Hintergrund für Himmlers Interesse war die Absicht, eine „negative Demographie“ bei den „Ostvölkern“ in den bereits im Krieg eroberten Gebieten herbeizuführen.Carola Sachse (Hrsg.): Die Verbindung nach Auschwitz. Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten. Dokumentation eines Symposiums. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003 (=Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 6), ISBN 3-89244-699-7, S. 137 f. Im Mai 1942 bat Clauberg Himmler schriftlich um die Möglichkeit, in größerem Umfang diese Sterilisationsversuche auch an Frauen durchführen zu können. Spätestens im Dezember 1942 wurde Clauberg im KZ Auschwitz-Birkenau tätig und begann – ebenso wie Horst Schumann – im Block 30 des Frauenlagers mit den Sterilisationsversuchen. Im März 1943 wies man ihm den Block 10 im Stammlager des KZ Auschwitz für seine Experimente zu.Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt am Main 1997, S. 438f. In den zwei Sälen im Obergeschoss dieses Blocks waren einige hundert Jüdinnen aus verschiedenen Ländern untergebracht. Mit der von Clauberg erarbeiteten Methode einer operationslosen Massensterilisierung wurde ein für diese Zwecke speziell präpariertes chemisches Mittel in die Gebärmutter injiziert, das deren starke Entzündung der Eileiter zur Folge hatte. Nach einigen Wochen waren die Eierstöcke verwachsen und damit verstopft. Einige Jüdinnen verstarben in direkter Folge der Experimente, andere wurden, weil sie nach Claubergs Kriterien unbrauchbar waren für die Experimente, selektiert, in Birkenau im Gas erstickt oder in einem Arbeitskommando ums Leben gebracht.Hans-Joachim Lang: Die Frauen von Block 10. Medizinische Experimente in Auschwitz, Hamburg 2011, S. 115–131. Von 1942 bis 1944 wurden Clauberg in Auschwitz 498 Häftlinge „für Versuchszwecke“ zur Verfügung gestellt, wobei er pro Frau und Woche eine Summe von 1 Reichsmark an die Lagerleitung zu entrichten hatte. „Claubergs brutales Vorgehen ist bald lagerbekannt – einmal kommen SS-Aufseherinnen hinzu, weil sie sehen wollen, was er denn eigentlich mit den Frauen treibe, deren Geschrei durch das Lager hallt“. Aufgrund des Vorrückens der Roten Armee setzte er seine Versuche im Konzentrationslager Ravensbrück an mindestens 35 weiteren Frauen fort. Insgesamt führte Clauberg zwischen ca. 550 und 700 Zwangssterilisationen durch. Zu seinen Opfern zählte Ilse Arndt.

Im Dezember 1944 sterilisierte Clauberg 200 Roma-Mädchen. Den Müttern der Kinder erzählte er, dass sie freikämen, wenn sie ihre Kinder sterilisieren ließen. Die Roma-Frauen glaubten ihm. Den Mädchen, viele nicht einmal zehn Jahre alt, wurde eine Flüssigkeit in die Gebärmutter injiziert, die sie noch zwei Stunden nach der Operation vor Schmerzen schreien ließ. „Nach der Operation holten wir die Kinder aus dem Röntgenraum und legten sie in ein Bett im Behandlungszimmer, wo sie lagen und aus der Gebärmutter bluteten,“ berichtete eine Zeugin. Kurz nach der Behandlung starben zwei der Roma-Mädchen unter schrecklichen Schmerzen in der Gebärmutter. Das Vorgehen diente der Erprobung der großflächigen Anwendung der Unfruchtbarmachung durch Zerstörung der Gebärmutter und Eileiter von Mädchen und Frauen von „unerwünschten“ Völkern.

Im Juni 1943 schrieb Clauberg an Himmler:, Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau; zusammen mit weiteren Dokumenten auch in Bruno Baum: Widerstand in Auschwitz, erw. Ausgabe Kongress, Berlin 1957, 1962, S. 41

Am 21. Januar 2020 wurde auf Arte der Film Medizinversuche in Auschwitz (Untertitel: Clauberg und die Frauen von Block 10) gezeigt, der im Jahr 2019 unter der Regie von Sonya Winterberg und Sylvia Nagel entstand.

Verurteilung, Haft und Tod Am 8. Juni 1945 wurde Clauberg in Eckernförde (Schleswig-Holstein) festgenommen. Er wurde nach Anerkennung seiner Schuld im Juli 1948 in der Sowjetunion wegen der Ermordung sowjetischer Staatsbürger im KL Auschwitz zu 25 Jahren Haft verurteilt. Am 11. Oktober 1955 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft im Rahmen der „Heimkehr der Zehntausend“ als „Nichtamnestierter“ entlassen. Zunächst war er wieder als GynäkologeKrankheitsbezeichnungen von NS-Ärzten taz, am 3. Januar 2018 an seiner alten Universitätsklinik tätig. Er wurde dort als „Spätheimkehrer“ und Märtyrer gefeiert.Hermann Langbein im Brief an Maria Stromberger v. 8. November 1955 (PDF; 2,3 MB) und Anm. 262 Der Zentralrat der Juden in Deutschland erstattete Strafanzeige wegen fortgesetzter schwerer Körperverletzung. Am 21. November 1955 wurde in Kiel der Haftbefehl ausgestellt, nachdem er kurz zuvor schon auf Antrag seiner Frau wegen Drohungen mit Mord und Totschlag in die psychiatrische Klinik von Neustadt in Holstein eingewiesen worden war. Anfang Februar 1956 stellten die Gutachter seine Zurechnungsfähigkeit fest, bescheinigten ihm aber eine „abnorme“ Persönlichkeit. Er kam in das Strafgefängnis Neumünster und Anklage wurde erst im Dezember 1956 erhoben – es fand sich „kein führender Gynäkologe (wie Martius, Philipp usw.), der als Gutachter vor Gericht hätte fungieren wollen“.Prof. K. Tietze, zit. nach Helmut Grosch, Carl Clauberg und die Bevölkerungspolitik des Nationalsozialismus, in: Eckhard Heesch (Hrsg.): Heilkunst in unheilvoller Zeit. Frankfurt/M. 1993, S. 117 Ralph Giordano schrieb über die Anklageschrift:Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg, Hamburg 1989, S. 173