mini | hochkant=1.5 | Teil des Chorgestühls, 1855. – Die niedere Wange hängt heute als Bildwerk an der Wand (Segment F), die hohe Abschlusswange bei Sitz A14 befindet sich noch an ihrem ursprünglichen Platz. Das Chorgestühl der Stuttgarter Leonhardskirche wurde für die Hospitalkirche in Stuttgart geschaffen, zu der bis zur Säkularisation 1536 ein Dominikanerkloster gehörte.

Das Chorgestühl besteht aus sechs Sitzreihen aus Eichenholz mit 57 von ursprünglich 87 Sitzen. Die Sitze sind mit reichem Schnitzwerk an den Wangen, den Knäufen der Armlehnen und den Miserikordien ausgestattet und tragen an den Rücklehnen und Dorsalen Inschriften mit den Namen verbrüderter Klöster. Eine der beiden ursprünglich hinteren Sitzreihen wird von einem Baldachin überkrönt.

Das Gestühl wurde 1490 und 1493 von Hans Ernst von Böblingen bzw. Conrad Zolner und Hans Haß hergestellt und im Chor der Hospitalkirche aufgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die erhalten gebliebenen Segmente des Gestühls in die Leonhardskirche überführt.

Bezeichnungen Die Zahlen in den folgenden drei Abbildungen bezeichnen die in der Legende erläuterten Teile des Chorgestühls.

    Legende1 Dorsale (Hochlehne)2 Schulterring3 obere Armlehne (im Stehen benutzt)4 Rücklehne5 hochklappbares Sitzbrett6 Knauf7 untere Armlehne (im Sitzen benutzt) 8 niedere Abschlusswange9–10 nicht besetzt11 Baldachin12 Zinnenbekrönung13 Rankenfries14 Arkadenfries15 Zwischenwangenfigur16 hohe Zwischenwange17 Ortsnameninschrift18 Aufsatzfigur einer Abschlusswange

Aufbau mini | hochkant=2.5 | Lageplan der Chorgestühlsegmente A–G.Da kein anderer Grundriss der Leonhardskirche verfügbar ist, wurde ein Grundriss von 1884 herangezogen, der in einigen Details nicht den aktuellen Zustand widerspiegelt.

Hinweis: Die Sitze des Chorgestühls werden durch Buchstaben-Zahl-Kombinationen bezeichnet. Der Buchstabe kennzeichnet das Segment, die Zahl die Nummer des Sitzes, fortlaufend von links nach rechts gezählt. – Sitz A3 bezeichnet z. B. den dritten Sitz von links in Segment A.

Das Chorgestühl der Leonhardskirche besteht aus sieben Segmenten, die sich aus Teilen der ursprünglichen Sitzreihen in der Hospitalkirche zusammensetzen.Beschreibung des Chorgestühls bei Heideloff 1855, Riggenbach 1863, Hartmann 1888, Loose 1931, Möhring 1984, Wais 1956. Sie werden in dem nebenstehenden Grundriss als rote Balken und durch die Buchstaben A–G gekennzeichnet. Die Segmente verfügen insgesamt über 57 Sitze.

Eine Sitzreihe setzt sich aus mehreren miteinander verbundenen Klappsitzen zusammen. Vordere Sitzreihen (Segmente B, C, E, G) bestehen nur aus einem Untergeschoss, hintere Sitzreihen (Segmente A, D) bestehen aus Unter- und Obergeschoss.

Unter- und Obergeschoss

Das Untergeschoss ist mit dem eigentlichen Sitz identisch. Die hochklappbaren Sitzbretter tragen an der Unterseite Miserikordien, auf die sich die Mönche im Stehen mit dem Gesäß abstützen konnten. Die meisten Miserikordien sind verlorengegangen, die übriggebliebenen haben die Form einer gedrechselten Kegelhälfte (figürliche Miserikordien sind keine vorhanden). An den Rückwänden des Segments C haben sich vier hochklappbare Lesepulte erhalten.

Die Seitenwände eines Sitzes enden in der unteren Armlehne, die von einem figürlichen Knauf gekrönt wird. Die Rücklehne geht in den Schulterring mit den beiden oberen Armlehnen über und bildet den Abschluss des Untergeschosses.

Das Obergeschoss beginnt über dem Schultering. Die Rücklehne wird als Hochlehne (Dorsal) nach oben fortgesetzt. Das Obergeschoss wird in Segment A durch einen Baldachin bekrönt.

Wangen Eine Sitzreihe wird an den Seiten durch Abschlusswangen (Seitenwände) begrenzt, und zwar durch hohe Wangen mit Unter- und Obergeschoss bei den hinteren Sitzreihen und bei den vorderen Sitzreihen durch niedere Wangen, die nur aus einem Untergeschoss bestehen. Zur Trennung von Sitzgruppen werden in Segment A zwei hohe Zwischenwangen verwendet (A4, A9). Die einzelnen Sitze werden bei Segment A durch mittelhohe Trennwangen voneinander getrennt, die in das Obergeschoss hineinragen.

Die Wangen sind großenteils mit geschnitzten Reliefs, durchbrochenem Maßwerk und Aufsatzfiguren verziert, die hohen Zwischenwangen mit furchterregenden Fabeltieren.

Verteilung der Sitzreihen Die hinteren Sitzreihen A und D (14 bzw. 8 Sitze) stehen an der Südwand. Das fast vollständig erhaltene Segment A ist mit hohen Wangen, Dorsalen und einem Baldachin ausgestattet, Segment D hat niedere Wangen und keinen Baldachin. Die niederwangigen vorderen Reihen B, C und E (10, 7 bzw. 5 Sitze) entsprechen in der Sitzzahl nicht den hinteren Sitzreihen, wodurch eine Asymmetrie zwischen den vorderen und hinteren Sitzreihen entsteht.

An der Westwand rechts vom heutigen Haupteingang der Kirche hängt eine Abschlusswange (Segment F) wie ein Bildwerk an der Wand. Diese Wange ist die einzige niedere Wange, die im Laufe der Zeit unversehrt blieb. Die übrigen wurden an einer Seite beschnitten, um den Zugang zum Gestühl zu verbreitern. Eine niederwangige, ursprünglich vordere Sitzreihe G (13 Sitze) befindet sich an der Nordwand des Chores.

Wangen Die 13 Abschluss- und Zwischenwangen verteilen sich auf 2 hohe und 9 niedere Abschlusswangen und 2 Zwischenwangen. Die Wangen (außer vier niedere Wangen) sind mit geschnitzten Reliefs und mit durchbrochenem Maß- und Rankenwerk verziert, teilweise auch mit Figuren (Aufsatzfiguren auf den niederen Wangen, Fabeltiere an den Zwischenwangen).

Übersicht Sitz Art der Wange Obergeschoss Untergeschoss A1 Hohe Wange, links Durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) Maßwerk (Relief) A4 Hohe Zwischenwange Schuppentier (Figur), durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) – A9 Hohe Zwischenwange Drachen (Figur), durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) – A14  Hohe Wange, rechts Durchbrochenes Rankenwerk (Rundbogenfeld) Heiliger Ulrich (Relief) B1 Niedere Wange, links Antoninus von Florenz (Aufsatzfigur) Papst Benedikt XI. (Relief) B10 Niedere Wange, rechts Albertus Magnus (Aufsatzfigur) Papst Innozenz V. (Relief) C1 Niedere Wange, links – schmucklos C7 Niedere Wange, rechts Christus als Weltrichter (Aufsatzfigur) Fischblasenmaßwerk (Relief) D1 Niedere Wange, links Hieronymus (Aufsatzfigur) Ranken- und Knorpelwerk (Relief) D8 Niedere Wange, rechts – schmucklos E1 Niedere Wange, links – schmucklos E5 Niedere Wange, rechts – schmucklos F Niedere Wange, rechts Petrus Martyr (Aufsatzfigur) Maria mit dem Kind (Relief)

Beschreibung Sitz Bild Beschreibung A1  Linke, hohe Abschlusswange.

Durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) Das Spitzbogenfeld wird von drei übereinander angeordneten durchbrochenen Maßwerkformen ausgefüllt. Über einem Spitzbogen an der Basis stapeln sich zwei spitze, mit gestapelten Dreiblättern gefüllte Ovale, die zueinander gegenläufig angeordnet und an einem Ende aufgebrochen sind. Das mittlere Maßwerk überlappt teilweise das obere bzw. untere Maßwerk.

Maßwerk (Relief) Das Relief schließt das Untergeschoss von Segment A an der linken Seite ab. Das rechteckige Feld wird von Maßwerk ausgefüllt. Die Hauptstruktur bildet eine Fischblase, die an der Spitze in einen Kreis übergeht. Innerhalb der Fischblase stapeln sich flächenfüllend mit Dreiblättern besetzte Spitzbögen, in dem Kreis links und rechts spiegelbildlich eine S-Form aus angedeuteten Dreiblättern. mini | hochkant=0.5 | Maßwerkrelief. A4  Hohe Zwischenwange.

Schuppentier (Figur)

Durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) A9  Hohe Zwischenwange.

Drachen (Figur)

Durchbrochenes Maßwerk (Spitzbogenfeld) A14  Rechte, hohe Abschlusswange.Hartmann 1888, S. 11; Wais 1956, S. 24, Abb. 16–17.

Durchbrochenes Rankenwerk (Rundbogenfeld) Das Rundbogenfeld wird von durchbrochenem Rankenwerk ausgefüllt.

Heiliger Ulrich (Relief) Das Relief schließt das Untergeschoss von Segment A an der rechten Seite ab. Der Heilige Ulrich im Bischofsornat hält mit der linken Hand den Bischofsstab und in der rechten einen Fisch.

Nach einer Legende soll Ulrich „einem Sendboten an einem Freitag ein Stück Braten von seiner Tafel als Wegzehrung für den Rückweg mitgegeben haben. Als der Bote seinem Herrn, dem Herzog von Bayern, den Frevel zum Freitagsgebot durch Vorzeigen des Fleischstückes beweisen wollte, war dieses in einen Fisch verwandelt.“Ulrich von Augsburg#Ikonografie. Ulrich hält zur Erinnerung an diese Episode einen Fisch in der Hand, der wie das Bischofsornat zu Ulrichs Heiligenattributen gehört.

Das Relief erinnert an Graf Ulrich den Vielgeliebten, den Stifter der Hospitalkirche und des Dominikanerklosters. Die Hospitalkirche ging aus der kleinen, 1470 errichteten Kapelle „Unserer lieben Frauen“ hervor und erhielt ihren Namen „Unserer lieben Frau und dem heiligen Ulrich“ nach dieser Kapelle und Graf Ulrichs Namenspatron. Nach der Umwandlung des Klosters in ein Hospital 1536 wurde die Kirche in Hospitalkirche umbenannt.Sauer 1993, S. 11, 14, 42. mini | hochkant=0.5 | Rankenwerk. B1 Linke niedere Abschlusswange, links beschnitten.Hartmann 1888, S. 13; Wais 1956, S. 24, Abb. 16–17.

Antoninus von Florenz (Aufsatzfigur) Halbfigur des heiligen Erzbischofs Antoninus von Florenz (Angehöriger des Dominikanerordens), mit einem Münzbeutel,Der verschlossene Beutel spielt auf eine Maxime des Antoninus an, wonach das oberste Ziel der Armenpflege in der Bekämpfung des Bettelns bestehen sollte. Vgl. Norbert Huse, Wolfgang Wolters: Venedig, die Kunst der Renaissance. Architektur, Skulptur, Malerei 1460 – 1590. München 1996, S. 274. vor ihm liegt auf einem Lesepult ein Buch. Die aufgeschlagenen Seiten zeigen den Erklärungstext: „Patribus haut priscis pietatis Anthoninus impar qui scripsit quinque libros supra sacra doctrina“ (Den alten Vätern nicht ungleich in Frömmigkeit ist Antoninus, welcher fünf Bücher über die heilige Schrift geschrieben hat). Spruchband: „Pater er...“.Textverlust durch Verstümmelung. – Laut Hartmann 1888, S. 13 gab es „hinten ein Büchlein mit der Aufschrift »Cronica Anthonini«“ (Chronik des Antoninus), das nicht mehr vorhanden ist. An der vorderen Schmalseite der Wange ist ein Wappen mit Kelch und schwebendem Buchstaben W darüber befestigt.

Papst Benedikt XI. (Relief) Der unter einem Gewölbe sitzende Papst Benedikt XI., ein Dominikaner, liest in einem Buch. Die aufgeschlagenen Seiten zeigen den Erklärungstext: „Nicolaus de Triviso ... qui et Benedictus ... vir beatus“ (Nikolaus von Treviso ... der auch Benediktus ... seliggesprochen). mini | hochkant | Aufsatzfigur. mini | hochkant | Wappen. B10 Rechte niedere Abschlusswange, rechts beschnitten.Wais 1956, S. 24, Abb. 18.

Albertus Magnus (Aufsatzfigur) Halbfigur des Albertus Magnus, Kirchenlehrer aus dem Dominikanerorden, der in einem Buch liest, das vor ihm auf einem Lesepult liegt.

Papst Innozenz V. (Relief) Der unter einem Gewölbe sitzende Papst Innozenz V., ein Dominikaner, liest in einem Buch, das vor ihm auf einem Lesepult liegt. Die aufgeschlagenen Seiten zeigen den Erklärungstext: „Petrus de Tarentasia qui ... scripsit super sententias et epistolas“ (Petrus von Tarentaise, der die Sentenzen [von Petrus Lombardus] und die [Paulus]briefe kommentierte).Innozenz V. verfasste einen Kommentar zu den Sentenzen von Petrus Lombardus (In 4 libros sententiarum commentaria) und zu den Paulusbriefen (Postilla super omnes epistolas Pauli). Den Sentenzenkommentar schrieb Innozenz V. zusammen mit Thomas von Aquin und Albertus Magnus (siehe Aufsatzfigur bei Sitz B10). mini | hochkant | Aufsatzfigur. C7 Rechte niedere Abschlusswange, rechts beschnitten.Hartmann 1888, S. 13; Wais 1956, S. 24, Abb. 19.

Christus als Weltrichter (Aufsatzfigur) Sitzender Christus in der Mandorla als Weltrichter mit dem Spruchband „Venit hora iudicii eius Apoc.“ (In einer Stunde ist ihr Gericht gekommen, Offenbarung [18, 10]).

Relief: Fischblasenmaßwerk Rechteckiges Feld mit flächenfüllendem Maßwerk aus vier doppelten Fischblasen (Vierschneuß). mini | hochkant | Aufsatzfigur. D1 Linke niedere Abschlusswange, links beschnitten.Wais 1956, S. 24, Abb. 20.