Das Kunstwort Grammatologie bezeichnet die Wissenschaft von der geschriebenen Schrift. Im engeren Sinne bezeichnet Grammatologie einen Ansatz des französischen Philosophen Jacques Derrida, in dem er dem abendländischen Logozentrismus bzw. Phonozentrismus seine Theorie der Schrift entgegenstellt. Am ausführlichsten breitet er diesen poststrukturalistischen Ansatz in seinem Hauptwerk De la grammatologie von 1967 aus. In dem epochemachenden Werk strebt Derrida keine Beschreibung der historischen Genese der Kulturtechnik „Schrift“ an, sondern möchte durch ein neuartiges Verständnis des von ihm weitgefassten Phänomens „Schrift“ zu einer Überwindung „alle[r] technischen und epistemologischen Hindernisse“Derrida: Grammatologie. 1983, S. 14. und einer Abstreifung „alle[r] theologischen und metaphysikalischen Fesseln“Derrida: Grammatologie. 1983, S. 14. gelangen, die seiner Ansicht nach die abendländische Philosophie seit ihrem Beginn geprägt haben. Dabei wendet er das durch ihn bekannt gewordene Lektüre- und Analyseverfahren der Dekonstruktion an.

Davon abzugrenzen ist die stellenweise ebenfalls als Grammatologie bezeichnete Schriftlinguistik, die sich mit der Geschichte der Schrift, der Geschichte der Schriftmedien, den Schriften der Welt, der Schriftkultur oder Ähnlichem befasst.

Semiotische Grundlagen Dieser Abschnitt soll lediglich einer für das weitere Verständnis benötigten kurzen Einführung dienen. Für weitergehende Informationen siehe die Artikel Semiotik, Zeichen und den insbesondere hinsichtlich Derrida interessanten Abschnitt zur Theorie Saussures. Die Grammatologie bedient sich vornehmlich des Vokabulars des Strukturalismus, um es infolgedessen zu verwerfen oder zu radikalisieren. Derrida bezieht sich dabei namentlich auf die strukturalistischen Vordenker Ferdinand de Saussure, Charles Sanders Peirce und Louis Hjelmslev, aber auch auf Vertreter des Russischen Formalismus wie Roman Jakobson und die Opojaz. Für das Gros dieser Autoren stand das (sprachliche) Zeichen im Fokus der theoretischen Betrachtungen.

Das Zeichen Ein Zeichen ist nach dem Semiotiker Umberto Eco „[e]ine physikalische Form, die für den Empfänger auf etwas verweist, was diese physikalische Form denotiert, bezeichnet, nennt, aufzeigt, und was nicht die physikalische Form selber ist“Eco: Semiotik. 1972, S. 30. oder einfacher: Ein Zeichen ist etwas, das für etwas anderes steht. Für die Kommunikation ist das Zeichen unentbehrlich, denn aufgrund der Unübertragbarkeit geistiger Zustände kann der Austausch von Gedanken, Ideen oder Empfindungen nur mit Hilfe eines Mediums geschehen, eines vermittelnden Zeichens: „Man verwendet das Zeichen, um eine Information zu übermitteln, um jemandem etwas zu sagen“.Eco: Zeichen. 1977, S. 25.

Sprachliche Zeichen wie z. B. Morpheme sind durch kleinere paradigmatische Einheiten, in diesem Fall durch Phoneme, voneinander unterschieden. Diese kleinstmöglichen distinktiven Merkmale treten aus einem System von Oppositionen hervor.Vgl. Eco: Zeichen. 1977, S. 80. Zeichen sind also „die Resultante sukzessiver und gleichzeitiger Verbindungen von Unterelementen“Eco: Zeichen. 1977, S. 84f. die Korrelation von Ausdrucks- und Inhaltsebene wird durch einen Code gewährleistet.Eco: Zeichen. 1977, S. 85f.

Signifikat und Signifikant In der Linguistik wird vornehmlich das Modell des semiotischen Dreiecks zur Veranschaulichung der Beziehungen zwischen den Zeichen und der außersprachlichen Welt verwendet. Meist sind in diesem triadischen Modell folgende Elemente vertreten: Ein physisches Zeichen, zum Beispiel ein Wort oder ein Symbol Ein Begriff, der zwischen einem Ding in der Welt und dem Zeichen vermittelt Ein Ding in der Welt, worauf sich das Zeichen und der Begriff beziehen

Folgende Abbildung zeigt zwei mögliche Fassungen des semiotischen Dreiecks. Bei Modell 1 sind die Ecken mit gemeinsprachlichen Begriffen beschriftet, Modell 2 bedient sich der klassischen semiotischen Nomenklatur: Modell 1: Modell 2:

Begriff Signifikat /\ /\ / \ / \ / \ / \ / \ / \ / \ / \ Zeichen ...... Gegenstand Signifikant ...... Referent (Wort) (Ding)

Jede physische Gegebenheit, also etwa ein gesprochenes oder geschriebenes Wort, eine Gebärde oder ein akustisches Signal, kann als Zeichen interpretiert werden und zwar dann und genau dann, wenn sie auf einen Begriff (im Sinne einer „Vorstellung im menschlichen Geist“) verweist. So löst die Buchstabenkette ⟨birne⟩ (oder die Lautkette /ˈbɪʁnə/) bei einem deutschsprachigen Rezipienten das mentale Bild einer Birne aus. Um dieses gedankliche Bild zu aktivieren, muss keine „echte“ Birne vorhanden sein, da mittels eines Zeichens im engeren Sinne auf sie (auf eine bestimmte, auf die Gesamtheit der Birnen) verwiesen werden kann. Die zum Zeichen gewordene physische Gegebenheit nennt man Signifikant („das Bezeichnende“), die Vorstellung nennt man Signifikat („das Bezeichnete“). Der Signifikant steht dabei allerdings in keinerlei oder einer äußerst schwachen Beziehung zum Referenten (dem „Ding in der Welt“), was die gestrichelte Linie in den Schaubildern abzubilden sucht. Im Gegensatz dazu ist die Verbindung zwischen Referent und Signifikat gemäß dem Schaubild eine direkte. Oftmals wird dies so gedeutet, dass der Referent der Bezugspunkt ist, der das mentale Bild erst formt und mit Inhalt füllt, sodass es zum Vermittler zwischen Zeichen und Ding wird, indem es beiden Sinn gibt.

Wie jedoch der durchgezogene Strich in obigem Schema nahelegt, stehen der Signifikant und das Signifikat ebenfalls in direkter Beziehung zueinander. Diese bilaterale Struktur zwischen Ausdrucks- und Bedeutungsseite wird im Strukturalismus Saussurescher Prägung als Einheit verstanden, ein vollständiges Zeichen bestehe demzufolge immer aus Lautbild (oder Schriftbild) und Vorstellung, aus Signifikant und Signifikat. Für Saussure verweist erst ebendieses vollständige Zeichen auf einen Referenten.

Zwei mögliche Modelle für ein vollständiges Zeichen nach Saussure:

___________ ___________ ⎛ Vorstellung⎞ ⎛ Signifikat ⎞ ┃____________┃ ┃____________┃ ┃ Lautbild ┃ ┃ Signifikant┃ ⎝____________⎠ ⎝____________⎠

Das Missverständnis vom Referenten Durch das semiotische Dreieck wird der Anschein erweckt, die Bedeutung eines Signifikanten habe auch etwas mit dem „Ding in der Welt“ (dem Referenten) zu tun. Allerdings ist der Rückgriff auf eine außersemiotische Dingwelt nicht notwendig, um die Funktionsweise von Zeichen zu erklären. Der Referent ist bereits bei Saussure aus gutem Grund aus dem sprachlichen Zeichen ausgeschlossen, obwohl seine Argumentation noch nicht weit genug ging: Laut Saussure verweise ein „ganzes“ Zeichen, bestehend aus Signifikant und Signifikat, auf einen Gegenstand in der Welt. In der Semiotik entsteht durch das Festhalten am Referenten allerdings das Problem, dass der Signifikant weiterhin vom Gegenstand abhängig bleibt, wodurch sein Wahrheitswert als Zeichen vom Gegenstand bestimmt wird; außerdem müsste bei jedem Sprechakt aufs Neue der konkrete Bezugsgegenstand des Signifikanten (deiktisch oder metasprachlich) identifiziert werden, was zu einer unauflösbaren Aporie führt.vgl. Eco: Semiotik. 1972, S. 71. Der Sinn (bzw. das Signifikat) eines Signifikanten ist jedoch nicht oder zumindest nicht primär von realen Gegebenheiten abhängig: So verleitet die Aussage „Deine Schnürsenkel sind offen“ den Rezipienten zu der Handlung, auf seine Schuhe zu blicken – unabhängig davon, ob die Aussage wahr oder falsch ist, denn das „Problem der Lüge (oder der Falschheit), das für die Logiker von Bedeutung ist, ist prä- oder post-semiotisch“.Eco: Semiotik. 1972, S. 73. Der Inhalt der Aussage ist sogar weiterhin verständlich, wenn der Hörer Sandalen oder überhaupt keine Schuhe trägt.

Vielmehr findet eine Semiotisierung des Referenten statt, in der das „Ding in der Welt“ selbst zum Signifikanten wird, der sich auf das gleiche (oder ein sehr ähnliches) Signifikat wie der aus sprachlichen Symbolen bestehende Signifikant bezieht. Der Gegenstand wird nicht als Individuum wahrgenommen, sondern unter einem bereits bekannten System subsumiert.Vgl. Eco: Semiotik. 1972, S. 81ff. Um es wieder durch ein Beispiel zu verdeutlichen: Die Buchstabenkette ⟨birne⟩ vergegenwärtigt beim Hörer die Vorstellung einer Birne, doch der Anblick einer „echten“ Birne tut dies ebenfalls. Die real existierende Frucht wird als ein Vertreter der kulturellen Einheit „Birne“ zu einem Signifikanten für das dazugehörige Signifikat, das kraft seiner bestimmten semantischen Extension eine individuelle Konnotation trägt.

Grammatologie nach Derrida Die Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikat, die als zwei Seiten eines Blattes gedacht werden, ist Derrida zufolge nicht haltbar: Der Ursprung des Signifikats bleibe weiterhin im Verborgenen, außerdem zeitige die bloße Verweisfunktion des Signifikanten eine im Metaphysischen verhaftete Hierarchisierung, durch die das Signifikat ohne den Signifikanten gedacht werden könne.Vgl. Lagemann, Gloy: Zeichen. 1998, S. 93f. Dieses unendliche oder auch transzendentale Signifikat, das unabhängig von einem Zeichenträger existieren können soll, wird zum entscheidenden Kritikpunkt in Derridas Grammatologie.

Logozentrismus / Phonozentrismus Die Kritik am Logos (agr. λόγος), einem bereits seit der Zeit der Vorsokratiker verwendeten Kernbegriff der abendländischen Philosophie, ist zugleich der Ausgangspunkt und das Ziel von Derridas Betrachtung über die Sprache und die Schrift. „Das Zeichen muß die Einheit einer Heterogenität darstellen, denn das Signifikat (Sinn oder Ding, noëma oder Realität) ist nicht an sich Signifikant, Spur; sein Sinn konstituiert sich jedenfalls nicht durch sein Verhältnis zur möglichen Spur. Das formale Wesen des Signifikats ist die Präsenz, und das Privileg seiner Nähe zum Logos als phone ist das Privileg der Präsenz.“Derrida: Grammatologie. 1983, S. 35.

Damit eng verbunden sei das Primat der phone, das Derrida bereits bei Platon, Aristoteles, Rousseau, Hegel und Husserl verwirklicht sieht und das auch die semiotische und linguistische Forschung seit Ferdinand de Saussure bestimmte. Eine gesprochene Äußerung sei seit jeher mit der Repräsentation von inneren (oder auch: seelischen) Zuständen verknüpft. In der Stimme sei das Signifikat am unmittelbarsten ausgedrückt, ihre Funktion sei die „der unmittelbaren, natürlichen und direkten Bezeichnung des Sinns (des Signifikates, der Vorstellung, des idealen Gegenstandes oder wie immer man will)“.Derrida: Grammatologie. 1983, S. 54. Dieses Privileg der lautlichen Sprache führe zu einer Zurückdrängung der Schrift, denn das gesprochene Wort sei dem Sinn des Logos näherstehend.Vgl. Derrida: Grammatologie. 1983, S. 24. Das zweiseitige Zeichenmodell selbst sei nach wie vor dem als metaphysisch abgekanzelten Logozentrismus der abendländischen Philosophie verhaftet, es verschmelze mit dem Phonozentrismus zu einer „absolute Nähe der Stimme zum Sein, der Stimme zum Sinn des Seins“Derrida: Grammatologie. 1983, S. 25. und somit zu einer Metaphysik der Präsenz, in der ein jedes sprachliches Zeichen isoliert und kommunikativ weitergegeben werden könne, ohne in seiner Substanz (oder auch: in der οὐσία) verändert zu werden. Als Argument gegen den Phonozentrismus führt Derrida unter anderem die mathematische Schrift an, die nicht an eine phonetische Produktion, und damit auch nicht an das Präsenzdenken gebunden sei. Dieser Phonozentrismus und das binäre Zeichenkonzept, das sich im Wesentlichen auf das transzendentale Signifikat stützt, sei Ursache für die Präsenzmetaphysik und somit auch für den Logozentrismus, in dem die Schrift aus dem inneren Sprachsystem ausgeschlossen werde.Vgl. Lagemann, Gloy: Zeichen. 1998, S. 121.

Derridas Schriftbegriff „Wir werden zu zeigen versuchen, daß es kein sprachliches Zeichen gibt, das der Schrift vorherginge.“Derrida: Grammatologie. 1983, S. 29.