Die Segelyacht Taube war ein deutsches Sportboot, das zuletzt für einen Völkerverständigungsverein mit Jugendlichen internationaler Herkunft für einen großen Segeltörn in See stach.
Sie sank am 20. Januar 2009 nach Kenterung bei starkem Wellengang vor der Westküste Marokkos auf der Position , als sie in den Hafen von Mehdia einlaufen wollte. Von den sieben Besatzungsmitgliedern im Alter von 17 bis 28 Jahren überlebte nur eine 19-jährige Deutsche.
Als wesentliche Unglücksursache für diesen sehr schweren Seeunfall werden eine unprofessionelle Schiffsführung und mangelnde Seemannschaft vermutet.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 56.
Das Boot Die slupgetakelte Segelyacht aus der Werft Banange Shipyard wurde 1971 erstmals zu Wasser gelassen und diente anschließend als Freizeitboot. Die Länge über alles betrug 8,25 Meter, die Breite 2,45 Meter. Der Stahlrumpf war als Kielschwerter ausgelegt. Mit gehobenem Schwert betrug der Tiefgang etwa 1,0 Meter, bei herabgelassenem Schwert 1,6 Meter. Bis 2007 trug das 3,0 bis 3,5 Tonnen schwere Boot den Schiffsnamen Thun. Motorisiert war die Yacht mit einem Einzylinder-Dieselmotor von Farymann Diesel, der 4,4 kW (6 PS) leistete. Das Sportboot lief zuletzt unter deutscher Flagge, sein Heimathafen war Kappeln.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 9.
Umwandlung zum Vereinsboot Das damals 36 Jahre alte Boot wurde im August 2007 vom in Tübingen ansässigen Verein für Völkerverständigung Migrobirdo (Esperanto; auf Deutsch „Wandervogel“) für deutlich weniger als 2000 Euro von einer Werft gekauft. Laut Kaufvertrag war die Anzahl der Vorbesitzer unbekannt und das Boot als nicht fahrtüchtiges Bastelobjekt verkauft worden. Innerhalb von sechs WochenBundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 47. wurden durch Mitglieder des Vereins Sanierungsarbeiten am Boot durchgeführt. Im Zuge dieser Arbeiten, die von Zeugen als laienhaft bewertet worden sein sollen, wurde das Boot in Taube umbenannt.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 18 ff.
Bezüglich einer Seetüchtigkeit des Bootes gab es offensichtlich von Anfang an Zweifel.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 25 u. 50. Fest steht, dass der Motor während der anschließenden Reise regelmäßig Probleme bereitete.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 30.
Ausrüstung Zum Zeitpunkt des Unglücks war das Boot mit einer elektrischen und einer Hand-Lenzpumpe ausgerüstet. Es gab zwei GPS-Geräte sowie ein UKW-Seefunkgerät. Wegen Geldmangels gab es nur Kopien von Seekarten und Hafenhandbüchern, deren Aktualität und Vollständigkeit heute nicht mehr nachzuvollziehen ist. Es gab sieben Automatik-Rettungswesten einschließlich Sorgleinen, pyrotechnische Seenotsignale sowie einen Notsender (EPIRB), der sowohl von Hand als auch automatisch ausgelöst werden konnte. Eine Rettungsinsel gab es nicht, jedoch ein Schlauchboot als Beiboot, das für zwei Personen ausgereicht hätte.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 24.
Aufgrund der nicht gewerblichen Nutzung als Vereinsboot war keine behördliche Prüfung und Überwachung von Boot und Ausrüstung vorgeschrieben.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 49.
Die Reise Einen ersten Versuch einer längeren Reise gab es bereits nach den Renovierungsarbeiten im Herbst 2007. Dieser wurde jedoch schon vor dem Erreichen der Nordsee abgebrochen, nachdem die segelnden Vereinsmitglieder festgestellt hatten, dass sie noch nicht über ausreichende Segelerfahrungen verfügten.
Der eigentliche Segeltörn begann im Mai 2008. Bereits zu dieser Zeit bestand der Plan, zu den Kanarischen Inseln zu segeln und dann über den Atlantik Südamerika zu erreichen. Entgegen der ursprünglichen Planung wechselte die Besatzung relativ häufig, sodass nur ein kleiner Teil der Mitsegler Segelerfahrung vorweisen konnte. Das Schiff erreichte nach sechs Monaten Südspanien. Boot und Besatzung zeigten unterwegs durchaus seglerische Leistungen, wie Segeln bei Windstärke 8 sowie die Durchfahrt durch den Ärmelkanal und die Querung der Biskaya. Dies gab möglicherweise dem Schiffsführer und neu dazu stoßenden Mitseglern das Gefühl, mit allen Herausforderungen auf See umgehen zu können.
Wo das Boot auftauchte, fiel es mit seiner Bemalung, seiner überwiegend barfüßigen fröhlichen Besatzung und den auf dem Kai ausgebreiteten Ausrüstungsgegenständen und Vorräten auf. Das Leben auf dem kleinen Boot war extrem eng, hatte jedoch offensichtlich seine Reize.Anke Luebbert: Sie sahen glücklich und frei aus. In: Jetzt. 15. November 2009, abgerufen am 11. November 2018. Es gehörte zu den wesentlichen Zielen des eher der Hippie-Szene zuzuordnenden Vereins, dass keine Hierarchien gelebt wurden, sondern alle Entscheidungen mehrheitlich abzustimmen waren.Holger Fröhlich: Und hatten den Tod an Bord. In: Frankfurter Allgemeine Sonntags-Zeitung, 10. April 2011, S. 2–3, online bei bdzv.de, abgerufen am 11. November 2018. So sah sich der 25-jährige Schiffsführer nicht als der Skipper des Bootes. Da er aber der wesentliche Initiator der Reise war, das Boot am besten kannte sowie während der Reise sich die größte seemännische Erfahrung aneignen konnte, hatte sein Wort das meiste Gewicht. Er war Inhaber des Sportbootführerscheins See, was der gesetzlichen Mindestanforderung zur Führung eines Sportbootes in Küstengewässern entspricht. In allen Berichten wird er unstrittig als der „Schiffsführer“ angesehen.
Am 11. Januar 2009 lief das Boot in Asilah, Marokko ein. Dort gingen fünf von zehn Besatzungsmitgliedern von Bord, zwei stiegen zu. In Gesprächen mit anderen Seglern wurde die Gefahr, bestimmte Atlantikhäfen Marokkos bei hoher Dünung anzulaufen, angesprochen. Der Schiffsführer sah hierin kein Problem, die übrigen Besatzungsmitglieder vertrauten ihm offenbar aufgrund seiner während der Reise gewonnenen Erfahrung.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 33.
Filmaufnahmen, die am 16. Januar 2009 beim Auslaufen der Taube gemacht wurden, deuten auf einen geringen Freibord und damit auf eine offensichtliche Überladung der Segelyacht hin. Schon bei der Hafenausfahrt neigte der Bug dazu, die relativ leichten Wellen zu unterschneiden.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 34 f.
Untergang Die Taube lief am 17. Januar 2009 gegen 3 Uhr früh in den Hafen von Larache ein. Die Besatzung bestand aus sieben Personen: dem Schiffsführer und Initiator der Reise, einem weiteren Vereinsmitglied und fünf Gästen. Von den Gästen kamen zwei aus Deutschland, eine junge Frau aus Österreich, eine aus Slowenien und eine aus Dänemark.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 12. Die meisten Gäste waren erst wenige Tage oder Wochen an Bord. In Larache lag das Schiff bis zum 19. Januar spätabends.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 13.
Es gab seitens des marokkanischen Wetterdienstes eine Sturmwarnung über Windstärken bis 8 Beaufort aus westlichen Richtungen und hohen Wellengang. Ein Internetportal sagte nur eine Windstärke 5 Beaufort voraus. Der Schiffsführer informierte sich über das Internet, wobei nicht mehr sicher geklärt werden kann, welche Prognosen ihn tatsächlich erreicht hatten.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 37. Anschließend diskutierte er mit der Besatzung, ob man den Aufenthalt in Larache verlängern oder bei ungemütlichen Verhältnissen weitersegeln sollte. Die Entscheidung fiel auf Weitersegeln in Richtung Rabat. Bezüglich der auf der Strecke liegenden Häfen lagen dem Schiffsführer Kopien eines Hafenhandbuches vor. Diese müssen von ihm auch eingesehen worden sein.
In der Nacht zum 20. Januar 2009 lief die Taube aus dem Hafen von Larache aus. Auf See hatten mehrere Besatzungsmitglieder Schwierigkeiten mit der Seekrankheit, die sie unter Deck liegend ertrugen. Am frühen Nachmittag wurde das Boot von einer überkommenden Welle getroffen, wobei Teile der auf Deck unter dem Schlauchboot gestauten Ausrüstung, darunter vermutlich Teile der Fotokopien des Hafenhandbuches, über Bord gingen. Daraufhin wurde die verbliebene Ausrüstung vom Deck wieder in der Kajüte gestaut. Die drei Besatzungsmitglieder, die sich in der Plicht aufhielten, legten Rettungswesten an und pickten ihre Lifebelts ein.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, S. 14.
Das Segeln vor Westafrikas Küsten hat eine deutlich andere Dimension als das Segeln auf europäischen Gewässern. Auf dem Atlantik überwiegt die Dünung gegenüber der Windsee. Die Auswirkungen sind besonders in Landnähe spürbar: Wenn die Wellen auf flacheres Wasser treffen, entwickeln sich hochgefährliche Kreuz- und Grundseen. Die Einfahrt in den Hafen von Mehdia ist wie auch bei anderen Häfen an der westafrikanischen Küste deshalb bei bestimmten Wellenhöhen und Windstärken nicht möglich. Daher wird sie von den Hafenbehörden für gesperrt erklärt und darf nicht angelaufen werden.Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung: Kentern der SY TAUBE mit sechs Toten vor der Atlantikküste Marokkos am 20. Januar 2009. Untersuchungsbericht 015/09, 15. Februar 2010, u. a. S. 33, 37 u. 51. Dies wird vor Ort mittels einer Signalanlage angezeigt und über verschiedene seemännische Informationsdienste vermittelt, unter anderem auch über das Hafenhandbuch. Des Weiteren kann über Seefunk beim Hafenmeister entsprechende Information eingeholt werden.
mini|Hafeneinfahrt von Mehdia
Als das Schiff auf Höhe der Flussmündung des Sebou war, wurde kurz diskutiert, ob bis Rabat weitergesegelt oder der in der Flussmündung liegende Hafen von Mehdia aufgesucht werden solle. Dass der Hafen von Mehdia wegen gefährlicher Grundseen bei derartigen Windverhältnissen gesperrt war, war an Bord offensichtlich nicht bekannt. Die Mehrheit der Besatzung votierte für das Einlaufen in den Hafen. Mehrheitsentscheidungen dieser Art sind auf See eher unüblich. Vermutlich wurde dieses im Nachhinein fatale Abstimmungsergebnis vor allem durch die Seekrankheit von drei Seglern bewirkt.Carsten Kemmling: Das Motto: „Segeln in/für eine andere Welt“. In: Segelreporter. 13. April 2011, abgerufen am 11. November 2018. Es gab keinen Versuch, eine Funkverbindung mit dem Hafen aufzunehmen, und die Sperrsignale des Hafens wurden entweder nicht gesichtet oder nicht richtig interpretiert.