mini|Vase aus Mykonos um 670 v. Chr. (Mykonos, Archäologisches Museum) Die Kleine Ilias () ist ein nicht erhaltenes Epos, das als Teil des Epischen Zyklus zum trojanischen Sagenkreis gehörte. Es wird bisweilen dem Dichter Lesches zugeschrieben, bestand aus vier Büchern, von denen lediglich Kurzinhaltsangaben in der Chrestomathie des Proklos und der Bibliotheke des Apollodor, einige Testimonien und Fragmente überliefert sind.
Verfasser und Titel Meistens wird als der Verfasser der Kleinen IliasZum Titel siehe z. B. Pausanias 3,26,7; Clemens von Alexandria, stromata 1, p. 236; Aristoteles, Poetik 1459b 5. ein Lesches (, ausgesprochen: Les-ches) genannt, Pausanias hingegen nennt ihn Lescheos ().Pausanias 10,25,5(3); vgl. Gottfried Kinkel: Epicorum graecorum fragmenta. Teubner, Leipbzig 1877, S. 38 (Digitalisat): „Poeta a plurimis Λέσχης nominatur, a Pausania semper Λέσχεως“; Otto Immisch: Lescheos–Lesches. In: Rheinisches Museum für Philologie. Neue Folge Band 48, 1893, S. 290–298 (Digitalisat), hielt Lescheos für die ursprüngliche, ionische Form. Er soll von der Insel Lesbos stammen, entweder aus MityleneSo nennt ihn Proklos: „“, Codex Venetus A 454 fol. 6r. oder Pyrrha.Tabula Iliaca Capitolina = IG XIV 1284 und Pausanias 10,25,3; vgl. Friedrich Gottlieb Welcker: Der epische Cyclus oder die homerischen Dichter. Zweite Auflage. Band 1. Weber, Bonn 1865, S. 250 (Google Books). Doch sind diese Zuweisungen an den Dichter Lesches erst ab dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar. Zuvor wurden Homer oder Kinaithon als Verfasser angesehen. Das Epos verarbeitet zwar älteren Stoff, entstand aber wohl erst im 6. Jahrhundert v. Chr.Malcolm Davies: The Date of the Epic Cycle. In: Glotta. Band 76, 1989, S. 89–100. Im Epischen Zyklus folgte es auf die Aithiopis und wurde fortgesetzt mit der Iliu persis, die beide Arktinos von Milet zugeschrieben wurden. Aristoteles und Pausanias legen nahe, dass die Kleine Ilias und die Iliu persis in der Antike gelegentlich als ein Werk angesehen wurden.Aristoteles, Poetik 23, 1459 a und b; Pausanias, X, 25 ff.
Inhalt Die Bibliotheke des Apollodor (1./2. Jahrhundert n. Chr.) gibt den Inhalt in Epitome 5 an.Bibliotheke des Apollodor Epitome 5,6–16. Der davon unabhängige Text des Proklos aus dem 2. Jahrhundert enthält Kürzungen und Varianten. Beide Fassungen werden auf einer gemeinsamen Vorlage beruhen, die unterschiedlich ausgewertet wurde.Paul Dräger: Apollodor. Bibliotheke. Götter- und Heldensagen (= Sammlung Tusculum). Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Paul Dräger. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 2005, S. 875. Proklos gibt den Inhalt in der Chrestomathie wie folgt wieder (Ergänzungen nach der Bibliotheke des Apollodor in <>; Erläuterungen in eckigen Klammern):
Aristoteles merkt kritisch an, dass das Werk zu viele episodische Ereignisse enthalte, die zur Gestaltung von mehr als acht Tragödien verwendet worden seien, während ein gutes Epos Stoff für höchstens zwei bieten solle. Er nennt: „Das Waffengericht, Philoktetes, Neoptolemos, Eurypylos, Die Bettlerschichte, Die Lakonerinnen, Die Plünderung von Ilion und Die Rückfahrt der Griechen und Sinon und Die Troerinnen“ (zu den beiden verlinkten Titeln haben sich Dramen von Sophokles bzw. Euripides erhalten).Aristoteles, Poetik 23.
Fragmente Die neueste Ausgabe von Martin L. West zählt sechs Erwähnungen des Werks bzw. Autors, die beiden Inhaltsangaben sowie 32 Fragmente mit ca. 15 wörtlichen Zitaten.
Das Proömium – typischer Anfang eines frühgriechischen Epos – der Kleinen Ilias lautet:
Der Anfang ist ein typisch hymnischer.Gleich aufgebaute Proömiumanfänge finden sich bei den Homerischen Hymnen 12, 18 und 27. Auffällig ist aber, dass hier kein Gott angerufen wird.
Literatur Textausgaben (Auswahl, chronologisch aufsteigend) Gottfried Kinkel: Epicorum graecorum fragmenta. Teubner, Leipbzig 1877, S. 36–48 (). Erich Bethe: Homer. Dichtung und Sage. Band 2, Teil 2: Kyklos, Zeitbestimmung. Zweite Auflage. Teubner, Leipzig/Berlin 1929, S. 169–178 (). Bernabé, Alberto (Hrsg.): Poetae epici Graeci. Pars I. Teubner, Berlin, Boston 1996 (2. Aufl.), ISBN 978-3-11-093699-5, S. 71–86 (gr., lat. Kommentar). Martin L. West (Hrsg.): Greek Epic Fragments from the seventh to the fifth Centuries BC (=The Loeb Classical Library Bd. 497). Harvard University Press Cambridge (Mass.) 2003, ISBN 0-674-99605-4, S. 118–143 (Text gr./en.).
Sekundärliteratur
Michael Reichel: Pseudo-Homerica und sonstige Epik der archaischen und klassischen Epoche. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Abt. 7, Band 1). C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-57673-7, S. 66–77, hier: S. 68–71. Friedrich Gottlieb Welcker: Der epische Cyclus oder die homerischen Dichter. Zweite Auflage. Band 1. Weber, Bonn 1865, S. 250–255 ().
Anmerkungen
Kategorie:Epos Kategorie:Literarisches Werk der Antike Kategorie:Literatur (Altgriechisch) Kategorie:Trojanischer Krieg