mini|Die pazifischen Kulturgebiete

Die Literatur Ozeaniens ist die Literatur der Menschen in Melanesien, Mikronesien und Polynesien in Vergangenheit und Gegenwart. Sie wurde und wird in verschiedenen Sprachen verfasst, hauptsächlich jedoch in Englisch. Im Mittelpunkt dieser Literatur stehen seit den 1970er Jahren die Zerstörung der traditionellen Kultur und die Bewältigung der Folgen des Kolonialismus. Oft diente sie aber auch der Selbstverständigung und Identitätsfindung der zweisprachigen Wortführer der neuen pazifischen Eliten. In neuester Zeit spiegeln sich in vielen Texten die ethnischen Konflikte in der Region, aber auch die Umweltzerstörung und der drohende Anstieg des Meeresspiegels.

Nicht berücksichtigt werden hier die Literaturen Australiens und Neuseelands, zweier Länder, in denen die angelsächsische kulturelle Dominanz in der literarischen Produktion von Beginn an so stark ausgeprägt war, dass die ursprünglichen Bewohner, die Aborigines und Māori sich nur sehr spät und als benachteiligte Minderheitsgruppen gegenüber einer angelsächsisch geprägten Mehrheitskultur literarisch Geltung verschaffen konnten. Ein ähnliches Problem besteht in Fidschi, wo der Zuwachs der indischstämmigen Bevölkerung zur Entmündigung der Ureinwohner führen könnte. Ein kleiner Inselstaat wie Tonga hingegen war seit 1200 Jahren Königreich und wurde nie vollständig kolonialisiert, sondern breitete seine Herrschaft bis nach Fidschi aus, wo sie bis ins 19. Jahrhundert andauerte. In Tonga herrscht heute noch das Gefühl regionaler Verbundenheit mit dem großen polynesischen Sprachraum vor, in dem die Weißen immer nur eine Minderheit darstellten.

Die vorliterarische Phase

Insgesamt werden in der Pazifik-Region etwa 1300 verschiedene Sprachen gesprochen. Polynesien ist trotz seiner riesigen Ausdehnung ethnisch und sprachlich jedoch viel homogener als das in ethnischer und sprachlicher Hinsicht extrem zersplitterte Melanesien und Mikronesien. Gemeinsam ist den Gesellschaften und Kulturen, dass das Erzählen von Geschichten, Singen und Tanzen wichtige Elemente des Sozialisationsprozesses waren. Viele Traditionen insbesondere Melanesiens wurden im späten 19. und 20. Jahrhundert durch die christliche Mission zerstört.

Melanesien mini|Tänzer bei einer Vorführung im westlichen Hochland Papua-Neuguineas (2020) Die vorschriftliche Überlieferung Melanesiens war geprägt durch Mythen zur Entstehung von Mensch und Natur sowie zur Entstehung sozialer Gruppen. Viele Mythen handeln von der Setzung eines Urvaters und Ahnen durch eine unergründliche Macht. Aber auch andere Geschichten handelten von übernatürlichen Dingen, nicht vom profanen Alltag der Menschen. Die Mythen – insbesondere die Schöpfungsmythen – waren heilige Legenden, die eng mit religiösen Ritualen verbunden waren und oft zurückgehalten wurden, auch vor den Frauen. Kulturschaffende Heroen spielten eine große Rolle, z. B. das mythische Brüderpaar Kilibob und Manub.P. Albert Aufinger: Die Mythe vom Brüderpaar Kilibob und Manup auf den Yabob-Inseln Neuguineas, in: Anthropos, Bd. 37/40, H. 1/3 (1942/1945), S. 313–315. Durch die Vermischung und Wanderung vieler Mythen – insbesondere der ältesten – lassen sich hier wie auch in Mikronesien lokale Erzählformen nur schwer isolieren. Zaubersprüche, Lieder und vor allem zahllose Metaphern entfernten sich oft von ihrem Entstehungskontext und waren auch für Einheimische kaum noch verständlich,R. Schubert, 1996, S. 775 auch wegen der enormen Sprachzersplitterung. Märchen hingegen wurden auch unabhängig von den Ritualen erzählt. Eine Sammlung von Mythen und Märchen der Eipo (die im von Indonesien verwalteten Westneuguinea leben) im Original mit Transkription wurde von Volker Heeschen herausgegeben.Volker Heeschen: Die Eipo in Papua. Weltbilder, Ethnographie und Erzählungen. Institut für Ethnologie der LMU, München 2015.

Der Prozess des Aussterbens der lokalen Sprachen, die teils nur von wenigen Hundert Menschen gesprochen werden, wird durch die Fortschritte im Erziehungssystem und die Urbanisierung noch gefördert.

Mikronesien Auch in Mikronesien sind feste Gattungen in der vorkolonialen Phase nur schwer auszumachen. Gesang, Tanz, Masken und Bilder auf den Hausgiebeln wirken in einem rezitierten Mythos zusammen, der sich z. B. auf die Abstammung einer Familie oder die Bildung einer Gruppe beziehen kann. Die Rezitative der Mythen können wenige Minuten, aber auch mehrere Stunden umfassen. Dabei werden komplexe Symbole und Anspielungen auf bestimmte rituell verehrte Orte und lokale Gottheiten verwendet, die für einen Fremden kaum zu verstehen sind. Hinzu kommt die große ethnische und Sprachvielfalt, die die Verständigung erschwert. So haben die heutigen Föderierten Staaten von Mikronesien mit der Hauptinsel Pohnpei auf 700 km² sieben offizielle Staatssprachen neben vielen Dialekten.

Ein wichtiger Mythenzyklus Mikronesiens, hier für Truk und Yap, ist der Olofat-Zyklus: Olofat wird darin als vermenschlichter, hedonistischer Gott gedacht, ein Trickster.Hilde Link, Der Olofat-Zyklus in der Erzähltradition Mikronesiens, München 1986 Auf Nauru wird der Mythos von Areop-Enap, dem Weltenschöpfer gepflegt. Dieser Spinnengott, der aus Sand und Wasser die ersten beiden Wesen erschafft, findet sich als Nareau in den Schöpfungsmythen der I-Kiribati wieder.Migrations, myth and magic from the Gilbert Islands. Early writings of Sir Arthur Grimble. Routledge and Kegan Paul, London/Boston 1972, ISBN 0-7100-7164-7, S. 36 ff.

An vielen Orten Mikronesiens wurden von Ethnographen Mythen und die Folklore aufgezeichnet, so durch Augustin Krämer, den Marinearzt der Hamburger Südsee-Expedition 1908–1910. Diese konnte Paul Hambruch mit seinen 1916 im Diederichs Verlag erschienenen Märchen der Südsee auszugsweise erstmals in Deutschland bekannt machen. In Mikronesien folgten später der Japaner Hisataku Hijikata für Palau (1942 und 1953) und die US-Amerikaner Melford Spiro für Ifalik (1951) und William A. Lessa für das Ulithi-Atoll in den Karolinen (1961 und 1980)Hilde Link, 1996, S. 779 ff. sowie neuerdings Jane DowningWriter's Profile Jane Downing. Abgerufen am 6. Juni 2014 (englisch). und der Archäologe Dirk H. R. Spennemann,Literature auf der Website Dirk HR Spennemann. Abgerufen am 6. Juni 2014 (englisch). die illustrierte Schulbücher für die Marshallinseln herausgaben.Bwebwenatoon Etto: a collection of Marshallese legends and traditions, compiled and edited by Jane Downing, Dirk H.R. Spennemann & Margaret Bennett; with illustrations by Amram Enos and Paul Kingsbury, Republic of Marshall Islands Ministry of Internal Affairs, Historic Preservation Office, 1992

Polynesien Vor der Kolonialzeit waren die Häuptlinge die Träger der historisch-genealogischen Überlieferung in einer jahrhundertealten schriftlosen Kultur. Jedoch gab es Bildzeichen auf Tapa-Rindenbaststoff oder Ritzungen auf Stein und Holz, die zeremonielle, rituelle, mnemotechnische oder genealogische Funktionen hatten. Eine besonders elaborierte Form stellte die Rongorongo-Bildschrift der Osterinsel dar.

Kultische Gesänge und Tanzspiele waren durch Integration von Tanz, Gesang und Instrumentalbegleitung geprägt. Einige mündlich überlieferte polynesische Mythen sind mit denen der alten Japaner, aber auch denen der Dayak auf Borneo verwandt. Nur auf der Osterinsel (Rapa Nui) kam es vor der Missionierung zu Aufzeichnungen in der Schrift Rongorongo. Überall in Polynesien brachte die christliche Missionierung die Schrift, zerstörte aber alte mündliche Traditionen durch Verbote kultischer Praktiken. mini|hochkant|Wiremu Maihi Te Rangikaheke († 1897) Günstig wirkte sich auf den Erhalt der Überlieferung die relative Homogenität des polynesischen Sprachraums aus. Insbesondere das alles beherrschende Meer hat viele anthropomorphe Gottheiten und Heldengeschichten hervorgebracht.Christine Perez: Le moana nui des polynésiens: un monde divin propice aux exploits héroïques. 2 Bände. Éditions L’Harmattan, 2020. Zu den wichtigsten erhaltenen Überlieferungen der erst um das Jahr 1000 aus dem pazifischen Raum nach Neuseeland eingewanderten Māori gehören die Waiata genannten Liebes- und Klagelieder, die erstmals vom Gouverneur Neuseelands George Edward Grey gesammelt, vor allem von dem Stammesführer Wiremu Maihi Te Rangikaheke. Grey erlernte dafür eigens die Sprache der Maori und veröffentlichte die Lieder 1855. Sie werden heute immer noch gemeinsam gesungen.Cyril Hamshere: Sir George Grey: A Great Proconsul. In: History Today 29 (1979) 4, S. 240–247.

Besonders in Samoa, wo noch über 400.000 Menschen Samoanisch, eine Form des Polynesischen sprechen, haben sich bis heute viele Mythen und Gebräuche erhalten, so vor allem der Mythos des Schöpfer- und Himmelsgottes Tagaloa (in Tonga: Tangaloa, in Neuseeland in ähnlicher Rolle der Meeresgott Tangaroa). Samoanische Mythen und Erzählungen (tala) wurden u. a. in der deutschen Kolonialzeit von Paul Krämer und F. W. K. Müller gesammelt.F. W. K. Müller, Samoanische Texte. Unter Beihülfe von Eingeborenen gesammelt und übersetzt, Hg. C. Stübel, Veröffentlichungen aus dem Königlichen Museum für Völkerkunde, Berlin 1896; erneut in englischer und samoanischer Sprache hg. von A. H. Reed, Myths and Legends of Samoa: Tala O Le Vavau, 1976, ISBN 978-0-589-00968-7.

Die ersten Sammlungen oraler hawaiischer Traditionen (moʻolelo) erfolgten seit den 1830er Jahren und stammen von John Papa ʻĪʻī, Samuel Kamakau und David Malo.Werke von David(a) Malo mit engl. Übersetzung finden sich in Malcolm China (Hrsg.): Ka Moolelo Hawaii: Hawaiian Traditions. First Peopleʻs Productions. 2006. Seit den 1880er Jahren wurden unter König David Kalākaua mit historischem Anspruch traditionelle Erzählungen und Mythen in polynesisch-hawaiischer Sprache schriftlich fixiert. Diese Entwicklung wurde durch die Kolonisierung seitens der USA, das Verbot der hawaiischen Sprache an Schulen 1896 und die Dominanz der englischen Sprache unterbrochen. Die hawaiische Sprache ist fast ausgestorben und kann nur noch mit großen Schwierigkeiten erhalten werden.

Alte Geschichten und Gesänge aus Tonga wurden von Ernest Edgar Vyvyan Collocott (* 1986) von den 1920er bis in die 1970er Jahre (und später posthum) publiziert.Siehe z. B. E.E.V. Collocott: Tales and Poems of Tonga. Bernice P. Bishop Museum Bulletin no. 46, Honolulu 1928.

Anglophone Literatur Ozeaniens des 20. Jahrhunderts

Während der Kolonialperiode, die z. T. nur 60 bis 70 Jahre betrug, wirkte der europäische Einfluss auf die Kultur weitgehend durch die Missionsschulen. Aus dem 19. Jahrhundert sind nur wenige Lebenszeugnisse einheimischer Missionare überliefert, z. B. die Memoiren des auf Fidschi lebenden Tonganers Joeli Buru (Siaoeli Pulu, ca. 1810–1877).Joel Bulu: The Autobiography of a Native Minister in the South Seas, hrsg. von George Stringer Rowe, 1871 (moderner Reprint). Vielfach kam es zur Entwicklung von Pidginsprachen – teils mit Einsprengseln von Hindi – oder Sprachgemischen zwischen europäischen Sprachen wie etwa auf Nauru, was die Entwicklung einer Schriftkultur verzögerte. Auch die Stärke der mündlichen Überlieferung hat die Entstehung einer Literatur eher behindert. Einen Wendepunkt bildete erst das Südpazifik-Kunstfestival in Suva (Fidschi) 1972, auf dem man sich des Fehlens einer schriftlichen Literatur bewusst wurde.Subramani: South Pacific Literature: From Myth to Fabulation. Revidierte Ausgabe, Suva 1992. mini|University of the South Pacific, Campus in Suva