mini|hochkant|Titelseite der Erstausgabe von 1847 Die Sechs Kinderstücke für das Pianoforte op. 72vgl. Felix Mendelssohn Bartholdy: Sechs Kinderstücke für das Pianoforte op. 72. In: Ulrich Scheideler, Christa Jost (Hrsg.): Mendelssohn Klavierwerke, Urtext. Band II. G. Henle, Berlin 2009, S. 192 bis 202. (MWV U 171, U 170, U 164, U 169, U 166, U 168) sind fast die einzigen Zeugnisse speziell für Kinder komponierter Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die den Liedern ohne Worte nahe stehenden Klavierstücke aus dem Jahre 1842 hat der Komponist 1846 für eine Veröffentlichung mit der letzten von ihm selbst vergebenen Werknummer 72 vorbereitet. Die Kinderstücke sind jedoch erst nach Mendelssohns Tod im Dezember 1847 erschienen. Mendelssohn erweist sich mit den Kinderstücken als bedeutender Komponist auch für Kinder. Sein Herangehen an Musik für Kinder unterscheidet sich jedoch von dem vieler zeitgenössischer und nachfolgender Komponisten, insbesondere auch von Robert Schumann.
Entstehung der Kinderstücke Während seines siebenten Aufenthaltes im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Irland von Ende Mai bis Mitte Juli 1842 wohnte Felix Mendelssohn Bartholdy gemeinsam mit seiner Frau Cécil bei deren Tante Henriette Benecke in London. Zur Familie Benecke gehörten zu der Zeit sieben Kinder im Alter von unter einem bis 14 Jahren.vgl. R. Larry Todd: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben Seine Musik. Carus, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-89948-098-6, S. 481. Der ungenannte Autor eines Artikels zum 100. Geburtstag des Komponisten in The Musical Times beruft sich in seinem Bericht auf ein Mitglied der Familie Benecke:
Im Zusammenhang mit den Sechs Kinderstücken sind noch zwei weitere Stücke entstanden, die Mendelssohn jedoch nicht in op. 72 aufgenommen hat (MWV U 165, U 167). Diese „Zwei weiteren Kinderstücke“ wurden erstmals in den Jahren 1969 bzw. 2009 veröffentlicht.vgl. Felix Mendelssohn Bartholdy: Zwei weitere Kinderstücke. In: Ulrich Scheideler, Christa Jost (Hrsg.): Mendelssohn Klavierwerke. Urtext, Band II. G. Henle, Berlin 2009, S. 203 und 204. Ein am Abschiedstag (11. Juli 1842) geschriebenes Klavierstück, der „Bärentanz“, dessen Titel auf die bei den Kindern und bei Mendelssohn beliebten Stachelbeeren im Garten der Beneckes scherzhaft anspielt, ist im Druck bisher noch nicht erschienen (MWV U 174).
Klaviermusik für Kinder in der Mitte des 19. Jahrhunderts In dem von der Aufklärung geprägten 18. Jahrhundert entwickelte sich auch ein neues Verständnis für das Kind. Kindheit wurde nicht mehr als Summe von Defiziten verstanden, die bis zum Erwachsenenalter zu beheben sind, sondern als kostbarer, unverzichtbarer und selbstständiger Teil des Lebens. Christian Felix Weiße (der als Begründer der deutschen Kinderliteratur gilt), Johann Adam Hiller (der als „Kinderliedvater“ angesehen wird) und viele andere bemühten sich ganz in diesem Sinne um eine der Kindheit angemessene Literatur und Musik. Erstmals erschienen in diesem „pädagogischen“vgl. Wilfried Gruhn: Geschichte der Musikerziehung. 2. Auflage. Wolke, Hofheim 2003, ISBN 3-936000-11-5, S. 25. Jahrhundert auch mehrere speziell für den Musik- und Instrumentalunterricht entwickelte Werke.Dazu gehören u. a.: Johann Joachim Quantz: Versuch einer Anweisung die Flöte traversière zu spielen. Reprint der Ausgabe Berlin 1752. Deutscher Taschenbuch Verlag, Bärenreiter-Verlag, München Kassel 1992. Friedrich Reichardt: Über die Anwendung der Musik bei der frühen Erziehung. In: Johann Friedrich Reichardt: Briefe, die Musik betreffend. Reclam, Leipzig 1976, S. 164 f. Johann Friedrich Reichardt: An die Jugend. In: Johann Friedrich Reichardt: Briefe, die Musik betreffend. Reclam, Leipzig 1976, S. 165 ff. Carl Philipp Emanuel Bach: Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen. Erster und zweiter Teil. Faksimile-Nachdruck der I. Auflage, Berlin 1753 und 1762. VEB Breitkopf & Härtel Musikverlag, Leipzig 1969. Johann Adam Hiller: Anweisung zum musikalisch-richtigen Gesange mit hinlänglichen Exempeln. Johann Friedrich Junius, Leipzig 1774. Johann Adam Hiller: Anweisung zum musikalisch-zierlichen Gesange. Fotomechanischer Nachdruck der Originalausgabe Leipzig 1780. Edition Peters, Leipzig 1976. Leopold Mozart: Gründliche Violinschule. Faksimile-Nachdruck der 3. Auflage, Augsburg 1789. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1968. Die Hinwendung zum Kind setzt sich im 19. Jahrhundert verstärkt fort. Bis zum Jahr 1847 weist Eicker z. B. 50 Sammlungen von Klavierstücken nach, die an Kinder adressiert sind oder mit dem Thema Kindheit in Verbindung stehen. Bis zum Ende des Jahrhunderts wächst die Zahl gewissermaßen exponentiell auf 743.vgl. Isabel Eicker: Kinderstücke. An Kinder adressierte und über das Thema Kindheit komponierte Alben in der Klavierliteratur des 19. Jahrhunderts. Bosse, Kassel 1995, ISBN 3-7649-2623-6, S. 14. Viele dieser Werke sind heute vergessen. Für den Zeitraum von 1802 bis 1847 ist die Veröffentlichung von 29 deutschsprachigen Klavierschulen belegt.vgl. Irmgard Heimlich: Deutschsprachige Klavier-Lehrwerke von 1750 – 1850 in ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen. Untersuchung zur inhaltlichen Gestaltung und Reflexion musikkultureller Prozesse. Dissertation A, Humboldt-Universität zu Berlin, 1990, S. 3–9, 206 ff., 90. Die herausragende Bedeutung des Klaviers und der für Kinder geschriebenen Klavierliteratur hängt zweifellos mit dem Erstarken des Bürgertums zusammen. Klavierspielende Kinder waren ein besonders sinnfälliger Nachweis von Vermögen und Bildung. Robert Schumanns Klaviermusik für Kinder galt und gilt z. T. auch heute als Maßstab (oft als alleiniger Maßstab) für an Kinder gerichtete Klaviermusik. Schumann schreibt über seine Arbeit am Album für die Jugend: „Es war mir, als fing ich noch einmal von vorn an zu componiren.“vgl. Hermann Erler: Robert Schumann’s Leben. Aus seinen Briefen geschildert. Band II. Ries & Erler, Berlin 1887, S. 61 f. Wie bei vielen anderen Komponisten unterscheiden sich seine Stücke für Kinder deutlich von den anderen Klavierkompositionen.vgl. Isabel Eicker: Kinderstücke. An Kinder adressierte und über das Thema Kindheit komponierte Alben in der Klavierliteratur des 19. Jahrhunderts. Bosse, Kassel 1995, ISBN 3-7649-2623-6, S. 248. vgl. auch Matthias Schmidt: Komponierte Kindheit (= Spektrum der Musik. Band 7). Laaber-Verlag, Laaber 2004, ISBN 3-89007-585-1, S. 52. Felix Mendelssohn Bartholdy geht einen dezidiert anderen Weg.
Mendelssohns Personalstil und die Kinderstücke In den Kinderstücken knüpft der Komponist insbesondere an die in seinen Liedern ohne Worte entwickelte Kompositionsweise an. In den Liedern ohne WorteHeft 1 (1832, op. 19), Heft 2 (1835, op. 30), Heft 3 (1837, op. 38), Heft 4 (1841, op. 53), Heft 5 (1844, op. 62), Heft 6 (1845, op. 67). sind jeweils sechs Klavierstücke zusammengefasst – so auch in op. 72. Die Kinderstücke können den von Christa Jost beschriebenen Satztypen der Lieder ohne Worte zugeordnet werden.vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 72–186. Das erste und das dritte Stück der Kinderlieder können in Zusammenhang mit den sogenannten „Chorliedern“ gesehen werden – kurze, akkordische Klaviersätze, in denen auf chorisches Singen angespielt wird.vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 72 ff. (z. B. op. 19b,4, op. 30,3, op. 38,4). Das zweite Kinderstück gehört zur Gruppe der „Eingangsstücke“, den jeweils ersten Stücken in den Heften der Lieder ohne Wort. Diese Stücke galten als Inbegriff der mit den Liedern ohne Worte in Verbindung gebrachten Innigkeit des Ausdrucks und stehen in ruhigem Tempo. Im Klaviersatz dominiert die von Begleitfiguren umspielte Melodie.vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 182 ff. (z. B. op. 19b,1, op. 30,1, op. 38,1). Das vierte Kinderstück hat eine Beziehung zu Liedern ohne Worte, deren besonderes Kennzeichen die „nachschlagende Begleitung“ in der Mittellage ist. Die Begleitstimmen folgen der Melodie oft im Abstand einer Sechzehntel, Tempo und Tonfall dieser Lieder ohne Worte können sehr verschieden sein.vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 139 ff. (z. B. op. 38,2, op. 38,5, op. 53,6). Das fünfte Stück kann wie die Nummern 1 und 3 wegen der akkordischen Begleitung in einem Bezug zu den „Chorliedern“, wegen des sehr schnellen Tempos aber auch in Bezug zu den sogenannten „Agitato-Stücken“ gesehen werden. Das sechste Kinderstück gehört zweifellos in diese Gruppe virtuoser Klaviermusik.vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 100 ff. (z. B. op. 30,2). Nicht vertreten ist eine Gruppe von Stücken, die Mendelssohn in den Liedern ohne Worte in der Regel mit Überschriften versehen hat. Insbesondere ist ein den Venetianischen Gondelliedern vergleichbares Klavierstück in op. 72 nicht enthalten. Fehlende Überschriften sind ein unübersehbarer Unterschied zu Robert Schumanns Album für die Jugend. Schumann war bemüht, seine Aussageabsicht neben den Titeln auch durch illustrierende Zeichnungen zu verdeutlichen.vgl. Bernhard R. Appel: Robert Schumanns „Album für die Jugend“, Einführung und Kommentar. Atlantis Musikbuch-Verlag, Zürich und Mainz 1998, ISBN 3-254-00237-7 (Neuausgabe: Schott, Mainz 2010, ISBN 978-3-7957-8746-2), S. 85 ff. Die Anordnung der Kinderstücke op. 72 kann in Beziehung gesetzt werden zu der von Mendelssohn ab Heft 4 (op. 53) oft bevorzugten Zweiergliederung der Klavierstücke – z. B. langsam-schnell bzw. gerade-ungerade. Im Unterschied zu op. 53, 62 und 67 beginnen die Kinderstücke aber nicht im Andante, sondern Allegro. Man könnte interpretieren: Die Erwachsenen versichern sich in den ersten Stücken der Lieder ohne Worte ihrer Ruhe und Ausgeglichenheit, die Kinder versichern sich im ersten Kinderstück ihres Ungestüms. Durch den Vivace-Ausklang von op. 72 kann ein solcher Eindruck noch verstärkt werden. Ähnlich wie die Lieder ohne Worte ab op. 53 sind auch die Kinderstücke durch einen Tonartenplan verbunden,vgl. Christa Jost: Mendelssohns Lieder ohne Worte (= Frankfurter Beiträge zur Musikwissenschaft. Band 14). Hans Schneider, Tutzing 1988, ISBN 3-7952-0515-8, S. 68 ff. in dessen Zentrum das als Grundtonart nicht erklingende c-Moll steht.vgl. Isabel Eicker: Kinderstücke. An Kinder adressierte und über das Thema Kindheit komponierte Alben in der Klavierliteratur des 19. Jahrhunderts. Bosse, Kassel 1995, S. 177. In den Kinderstücken finden sich auch deutliche Belege für Mendelssohns Kompositionsweise außerhalb der Lieder ohne Worte bzw. außerhalb der Klaviermusik. Dazu gehört insbesondere der Verzicht auf kontrastierende Themen, stattdessen die Herstellung melodischer, rhythmischer oder metrischer Gemeinsamkeiten zwischen den Gliedern. Die verschiedenen melodischen Abschnitte, aber auch die Begleitstimmen werden durch Kombination, Variation, Reihung, Fortspinnen oder Differenzierung miteinander verflochten.vgl. Friedhelm Krummacher: Zur Kompositionsart Mendelssohns. Thesen am Beispiel der Streichquartette. In: Carl Dahlhaus (Hrsg.): Das Problem Mendelssohn (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Band 14). Bosse, Regensburg 1974, S. 174 und 182.