Die Würger (Lanius) sind eine Gattung von Sperlingsvögeln und die einzige Gattung der ebenfalls als Würger bezeichneten Familie Laniidae. Die Gattung wurde 1758 von Carl von Linné erstbeschrieben. Das lateinische Lanius bedeutet „Metzger, Fleischer“ und verweist auf die überwiegend carnivore Ernährungsweise der Arten und auf die Eigenschaft einiger Vertreter, Beutetiere aufzuspießen oder in Zweiggabelungen einzuklemmen.James A. Jobling: Helm Dictionary of Scientific Bird Names. Helm, London 2011, ISBN 978-1-4081-2501-4, S. 153. Der deutsche Name Würger, sowie die gelegentliche englische Bezeichnung ButcherbirdWürger werden im Englischen gelegentlich als Butcherbird bezeichnet. Hauptsächlich wird dieser Name jedoch für Vögel der vor allem in Australien verbreiteten Gattung Cracticus verwendet, die wahrscheinlich mit Lanius verwandt sind, und einige Verhaltensweisen, wie das Aufspießen von Beutetieren, mit diesen teilen. stehen im gleichen Kontext, ebenso Fiscal, der englische Namensteil einiger afrikanischer Vertreter.Der Fiscal (afrikaans) ist ein südafrikanischer Beamter, der auch die Rolle des Scharfrichters innehatte und eine schwarz-weiße Uniform trug Der englische Hauptname Shrike bezieht sich auf die rauen, harschen Rufe vieler Würgerarten (engl. shriek = schreien, kreischen).

Die Anzahl der Arten innerhalb der Gattung schwankt je nach wissenschaftlicher Auffassung zwischen 25 und über 30.[ Datenblatt ITIS – Lanius] Von ihnen sind die meisten zurzeit nicht gefährdet, obwohl für einige Arten gerade in Mitteleuropa erhebliche Bestandsrückgänge zu verzeichnen waren, die zum Teil noch immer anhalten. Der Philippinenwürger ist potentiell gefährdet,[ Datenblatt IUCN Lanius validirostris] der São-Tomé-Würger, ein Inselendemit auf São Tomé, ist vom Aussterben bedroht.[ Datenblatt IUCN Lanius newtoni]

Die meisten der sperlings- bis gut amselgroßen Vögel zeigen die typisch langschwänzige und relativ großköpfige Würgergestalt mit dunklem Hakenschnabel und schwarzer Gesichtsmaske. Schwarze, graue, weiße und rötlich braune Gefiederfarben dominieren. Würger ernähren sich vornehmlich von großen Insekten und kleinen Wirbeltieren, mit denen sie auch ihre Jungen großziehen. Die Arten der nördlichen gemäßigten Zone sind vielfach Zugvögel, zum Teil extreme Langstreckenzieher, die meisten afrikanischen und die Arten des südlichen und südöstlichen Asiens sind Standvögel.

Die Gattung ist in Europa, Asien, Nordamerika, Afrika und mit einer Unterart auf Neuguinea vertreten. Die Afrotropis und die Paläarktis weisen die größte Artenvielfalt auf.

Merkmale mini|Nördlicher Raubwürger – Fotomontage. Im Vordergrund: fliegend adultes Männchen; sitzend adultes Weibchen. Im Hintergrund sitzend Jungvogel mini|Schachwürger – Unterart L. schach erythronotus Sehr langschwänzige Art mit lachsroten Gefiederanteilen. Deutlich die vorne liegende und leicht vorgewölbte Augenposition mini|Büffelkopfwürger (L. bucephalus) Bei dieser ostasiatischen Art wurde der große Kopf namensgebend mini|Weiblicher Fiskalwürger. Deutlich die verlängerten, kastanienbraunen Flankenfedern, das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen den Geschlechtern mini|Weiblicher Tigerwürger (L. tigrinus) deutlich das gesperberte Gefieder und der mächtige Schnabel – engl. Thick-billed-Shrike Bei dieser Art ist der Färbungsdimorphismus relativ deutlich mini|Juveniler Rotkopfwürger (L. senator) Die Gattung umfasst kleine bis gut mittelgroße Sperlingsvögel, deren wesentlichste gemeinsame Merkmale die dunkle Gesichtsmaske und der mächtige, nicht sehr lange Hakenschnabel sind. Einige Vertreter der Gattung haben eine schwarze Oberkopffärbung; bei ihnen ist die Gesichtsmaske kaum erkennbar. Der Schnabel weist einen sogenannten Falkenzahn auf, einen spitzen Zacken im Oberschnabel nahe der Endkrümmung, der bei einigen Arten mit einer leichten, besonders scharfkantigen Einbuchtung im Unterschnabel korrespondiert. Diese Anpassung an die vorwiegend carnivore Ernährungsweise ermöglicht einen effektiven Tötungsbiss. Die Arten sind relativ langschwänzig, bei einigen ist der Schwanz besonders verlängert, was gelegentlich in einem Trivialnamen zum Ausdruck kommt. (Langschwanzwürger, Schachwürger engl. Long-tailed Shrike) Würger wirken großköpfig, dies ist zum Teil der stark entwickelten Kiefermuskulatur geschuldet.N. Lefranc, T. Worfolk: Shrikes. A Guide to... 1997, S. 17. Auch diese Großköpfigkeit kann wie beim Büffelkopfwürger oder beim Louisianawürger, engl. Loggerhead Shrike namensgebend werden.

Die kleinste Art, der Rotbürzelwürger ist mit 15 Zentimetern Körperlänge und einem Gewicht von 20–25 Gramm etwa so groß wie ein Haussperling, jedoch wesentlich leichter als dieser, die größte Art, der Keilschwanzwürger (vor allem die Hochlandunterart L. sphenocercus giganteus) ist 32 Zentimeter groß und bis 100 Gramm schwer. Er erreicht damit bei etwas geringerem Gewicht fast die Größe eines Kuckucks.

In der Gefiederfärbung herrschen vier Farben vor: weiß, schwarz, grau (in vielen Schattierungen) und rötlich braun in verschiedenen Abstufungen. Gelbliche (Maskenwürger und São-Tomé-Würger) rosa und lachsrote Farbtöne (Südlicher Raubwürger, Louisianawürger, Schachwürger, insbesondere die Unterart Lanius schach erythronotus) kommen vereinzelt im Bauch- und Flankenbereich einiger Arten vor, einige Weibchen afrikanischer schwarz-weißer Würgerarten, wie Fiskalwürger, Langschwanzwürger oder Mackinnonwürger weisen dunkel rötlich braune, verlängerte Flankenfedern auf. Die Färbung ist zumindest bei den Männchen intensiv und kontrastreich. Die Gesichtsmaske ist bei allen Arten, bei denen sie nicht durch die dunkle Oberkopffärbung wie etwa beim Taitawürger unsichtbar wird, sehr markant. Sie erstreckt sich vom Schnabelansatz über die Ohrdecken meist bis zum Nacken. Bei einigen Arten (Louisianawürger, Tigerwürger) bedeckt sie auch einen schmalen Stirnstreifen über dem Schnabel, bei anderen (Schachwürger, Schwarzstirnwürger) fast die gesamte Stirn. Häufig ist die Maske durch einen hellen, feinen Überaugenstreif zusätzlich akzentuiert. Sehr viele Arten weisen weiße Flügelfelder auf, die vor allem im Flug auffällig sind, nur wenige (Neuntöter, Tigerwürger, Braunwürger) sind völlig ohne Weißzeichnung auf der Oberseite der Flügel. Melanistische, seltener leuzistische Morphen kommen vor, in manchen Regionen gehäuft. In Ostchina hat die melanistische Form des Schachwürgers zur Aufstellung einer Unterart (fälschlich L. schach fuscatus – eigentlich melanistische Morphe von L. schach schach) geführt.Josep del Hoyo u. a.: Penduline-Tits to Shrikes. 2008, S. 739. Der Schwanz ist bei allen Arten abgestuft (besonders deutlich und namensgebend beim Keilschwanzwürger) bei wenigen (Rotkopfwürger, Neuntöter) auch löffelförmig gerundet. Bei einigen der rötlich braunen Arten ist er rötlich braun oder schwarz, bei den grauen Arten meist schwarz. Die kürzeren Außenfedern sind oft heller oder weiß. Die leicht hervortretenden, relativ weit vorne liegenden Augen sind bei allen Arten schwarz, ebenso ist der Schnabel adulter Vögel gefärbt. Die recht langen Beine sind grau braun, grau oder dunkelgrau, ebenso wie die vier scharf bekrallten Zehen.

Ein Größen- oder Gewichtsdimorphismus ist, wenn überhaupt vorhanden, nur schwach ausgeprägt und zwischen den Arten nicht einheitlich. Auch der Färbungsdimorphismus ist meist geringfügig, nur bei wenigen Arten, wie etwa dem Isabellwürger, dem Büffelkopfwürger oder dem Rotbürzelwürger ist er deutlich, beim Neuntöter sehr deutlich. Weibchen vieler Arten sind weniger kontrastreich gefärbt, die Gesichtsmaske ist kürzer und schmaler, das Brust- und Oberseitengefieder weist eine leichte, dunkle Wellung auf, wie sie das Jugendgefieder beinahe aller Arten kennzeichnet. Häufig ist der Schnabel etwas heller, vor allem der Unterschnabel kann an der Schnabelbasis hell bräunliche oder fleischfarbene Farbtöne aufweisen. Bei einigen schwarz-weißen, afrikanischen Arten unterscheiden sich die Geschlechter durch ein verlängertes, rötlich braunes Flankengefieder, das nur die Weibchen tragen. Ältere Weibchen vieler Arten gleichen sich in ihrer Gefiederfärbung zunehmend den Männchen an.

Vögel im ersten Jugendkleid unterscheiden sich immer deutlich von Adulten. Sie weisen zwar meistens bereits die Grundelemente der Gefiederfärbung adulter Vögel auf, doch sind die Farben blasser, meist zu Grau oder Graubraun hin abgeschwächt. Starke Kontraste fehlen. Die Gesichtsmaske ist zwar häufig (vor allem im Bereich hinter den Augen) angedeutet, aber nie durchgezeichnet. Bei fast allen Arten ist das Jugendgefieder dunkel gewellt, geflockt oder gesperbert, manchmal fein gestrichelt; Merkmale, die das Gefieder vieler weiblicher Lanius-Vertreter ebenfalls kennzeichnen. Bei adulten Weibchen verblassen diese Merkmale zunehmend mit den aufeinander folgenden Mausern. Keine oder eine nur angedeutete Sperberung weisen die Jugendkleider des Südlichen Raubwürgers und des Keilschwanzwürgers auf.E. N. Panov: The True Shrikes (Laniidae)... 2011, S. 71.

Morphologische Merkmale Der Hakenschnabel ist die deutlichste Adaption der Lanius-Arten an eine Lebensweise als Prädator. Der Schnabel ist hoch, nicht besonders lang und wirkt seitlich zusammengedrückt; er weist einen Falkenzahn auf, einen scharfen Hornzacken im Oberschnabel, der in eine Einkerbung im Unterschnabel einpasst; er erleichtert das schnelle Töten von Beutetieren, insbesondere das Durchtrennen der Wirbelsäule kleiner Wirbeltiere. Der Falkenzahn ist nicht wie bei den Falken (Falco sp.) schon embryonal angelegt, sondern entwickelt sich erst bei etwa vier Wochen alten Jungvögeln.E. N. Panov: The True Shrikes (Laniidae)... 2011, S. 43. Die Kau- und Kiefermuskulatur ist sehr kräftig dimensioniert, wodurch einige Arten im Verhältnis zum Rumpf großköpfig erscheinen. Die Laufbeine sind kräftig, verhältnismäßig lang, auf der Vorderseite getäfelt (mit Hornschuppen bedeckt) auf der Hinterseite eher kleiner geschuppt. Die Zehenanordnung ist wie bei fast allen Sperlingsvögeln anisodactyl. Die basalen Glieder der Mittelzehe und der 4. Zehe (Außenzehe) sind verwachsen. Die Krallen sind stark gekurvt, lang und spitz. Die 1. und die 3. Zehe sind gleich lang, was bei geschlossenem Fuß im Zusammenspiel mit den geriffelten Zehenballen einen zangenartigen, festen Griff ermöglicht. Die leicht vorstehenden Augen sind im Kopf relativ weit vorne positioniert, wodurch räumliches Sehen unterstützt wird.E. N. Panov: The True Shrikes (Laniidae)... 2011, S. 45. Die bei allen Arten vorhandene, aber bei jenen mit schwarzer Oberkopffärbung kaum erkennbare Gesichtsmaske hilft möglicherweise die Blendwirkung des Sonnenlichtes zu reduzieren.Josep del Hoyo u. a.: Penduline-Tits to Shrikes. 2008, S. 737. Die meisten Arten haben 10 Handschwingen, einige, wie viele Krähenarten auch, eine verkümmerte 11.

Mauser Art und Umfang der Mauser unterscheiden sich wesentlich zwischen Zugvögeln und Standvögeln. Auch zwischen Langstrecken-, Kurz- oder Mittelstreckenziehern sind Unterschiede festzustellen. Dies gilt auch innerhalb einer Art, wenn, wie zum Beispiel beim Nördlichen Raubwürger oder beim Louisianawürger, nördliche Populationen Zugvögel sind, südliche dagegen ganzjährig im Brutgebiet verbleiben. Die Mausersequenzen entsprechen im Wesentlichen jenen der meisten Sperlingsvögel.E. N. Panov: The True Shrikes (Laniidae)... 2011, S. 71.