mini|Funkkolleg Medien und Kommunikation, Studienbriefe (1990/91) Das Funkkolleg war von 1966 bis 2021 ein Weiterbildungsangebot im Medienverbund von Hörfunksendungen und zusätzlichen schriftlichen Arbeitsunterlagen für alle Interessierten, unabhängig von ihrem Schulabschluss. Es richtete sich zunächst in erster Linie an Teilnehmer in Deutschland, stand zuletzt aber – durch die Verbreitung über das Internet – darüber hinaus allgemein zur Verfügung. Ins Leben gerufen wurde dieses seinerzeit neuartige Bildungsangebot 1966 vom Hessischen Rundfunk (hr) aufgrund eines „Hilferufs“ des damaligen hessischen Kultusministers Ernst Schütte (SPD): Hessischen Lehrern sollte durch ein Fernstudium eine ergänzende Qualifizierung für Sozialkunde ermöglicht werden. Bereits drei Jahre später wurde das Funkkolleg für alle Berufsgruppen geöffnet. Zwischen 1969 und 1998 wurden rund 750.000 angemeldete Teilnehmer („Kollegiaten“) gezählt.Quelle für die im Artikel ausgewiesenen Daten und Fakten zur Geschichte des Funkkollegs war das Buch von Jochen Greven (Hrsg.): Das Funkkolleg 1966–1998. Ein Modell wissenschaftlicher Weiterbildung im Medienverbund. Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1998.

„Bildung ist Bürgerrecht“ Das Ende der 1960er-Jahre viel beachtete Projekt Funkkolleg war Teil jener vielseitigen Anstrengungen, die damals von Georg Picht diagnostizierte deutsche „Bildungskatastrophe“ zu beheben – ein Schlagwort, das im Jahr 2003 durch die PISA-Studien wiederauferstanden ist. „Bildung ist Bürgerrecht“ hatte beispielsweise 1965 Ralf Dahrendorf unter Verweis auf die seinerzeit im Vergleich zu anderen europäischen Ländern in Deutschland niedrige Abiturienten- und Studentenzahlen postuliert. Parallel zu dieser Forderung nach „Bildung für alle“ kam in Hessen der Gedanke auf, bereits im Beruf befindliche Lehrer zusätzlich für das Fach Sozial- bzw. Gemeinschaftskunde auszubilden. Politische Themen sollten verstärkt in den Unterricht einbezogen werden, wofür u. a. das erstmalige Erstarken der rechtsextremen NPD einen aktuellen Anlass gab. Damals erfand der Wissenschaftsrat ebenfalls den Ausdruck Kontaktstudium – die Universitäten sollten angehalten werden, sich auch für bereits Berufstätige zu öffnen, sie sollten also neben der akademischen Ausbildung zusätzliche Weiterbildungsangebote entwickeln. Darüber hinaus sollte aber auch für Menschen ohne Reifezeugnis (erfolgreiche Abitur­prüfung) ein neuartiger Zugang zu Universitäten und Hochschulen ermöglicht werden.

Der Frankfurter Universitätsrektor Walter Rüegg hatte wiederholt die öffentliche Verantwortung der Universitäten betont und hielt, obwohl politisch eher konservativ orientiert, nichts von einem Elfenbeinturm der Wissenschaften – und hatte auch keine Berührungsscheu zu den Massenmedien; vielmehr hatte er schon seit 1964 mit dem Leiter der Hauptabteilung Bildung und Erziehung des hr-Hörfunks, Gerd Kadelbach, über den Gedanken „einer Art Funk-Universität“ diskutiert. Kadelbach, der seit 1961 einen Lehrauftrag über „Schule und Massenkommunikationsmittel“ an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität wahrnahm, nutzte daher zunächst die halbstündigen Sendeplätze des von ihm verantworteten Schulfunks und ab 1965 einen zusätzlichen Stundensendeplatz, um im zweiten hr-Hörfunkprogramm Studiengebiete, „Studienberufe der Zukunft“ und die Fakultäten der hessischen Universitäten zu porträtieren.Gerd Kadelbach: Das Funkkolleg als Beispiel einer didaktischen Montage. In: Klaus Ahlheim: Bildung ist niemals unverbindlich. Offizin-Verlag, Hannover 2015, ISBN 978-3-945447-07-9, S. 50 f. (= Kritische Beiträge zur Bildungswissenschaft, Band 11). Im Verlauf der Vorbereitungen zu diesen Sendereihen entwickelten sich enge Kontakte zu den Hochschulen des Landes, insbesondere aufgrund eines Verbindungsausschusses zwischen dem Hessischen Rundfunk und den Rektoren der hessischen Universitäten. In diesem Gremium nahm die Idee einer über den Sender zu verbreitenden Ringvorlesung schließlich konkrete Formen an. Ausgangspunkt für das erste Projekt – das „Funk-Kolleg Modell I“ – war die Prüfungsordnung zur Erlangung der Zusatzbefähigung für Studienräte in den Fächer Sozial- und/oder Gemeinschaftskunde, die ausreichende Kenntnisse in den Fächern Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Neuere Geschichte und Soziologie erforderte.

Der Beginn: Das „Funk-Kolleg zum Verständnis der modernen Gesellschaft“ (1966–1969)

Vor diesem Hintergrund begann am 5. Mai 1966 um 17.15 Uhr im damaligen 2. Hörfunk-Programm (heute: hr2-kultur) das erste „Funk-Kolleg zum Verständnis der modernen Gesellschaft“. Die Sendereihe war auf drei Jahre (sechs Semester) ausgelegt und startete mit einer Vorlesungsreihe Frankfurter Professoren aus den Gebieten Volkswirtschaft (Karl Häuser), Politikwissenschaft (Iring Fetscher), Rechtswissenschaft (Rudolf Wiethölter), Neuere Geschichte (Paul Kluke) und Soziologie (Walter Rüegg). Nach der Einführungsphase (22 × 45 Minuten immer donnerstags im 2. Hörfunk-ProgrammVervielfältigtes Antwortschreiben des Hessischen Rundfunks auf Anfragen zum Funkkolleg, Frühjahr 1966. In: Jochen Greven (Hrsg.): Das Funkkolleg 1966–1998. Ein Modell wissenschaftlicher Weiterbildung im Medienverbund. Deutscher Studien Verlag, Weinheim 1998, S. 146.) begann ab Oktober 1966 der „erste Zyklus des Funk-Kollegs bzw. Modell I“; es stand jede der fünf Disziplinen, die in der Einführungsphase vorgestellt worden waren, im Mittelpunkt einer Vorlesungsreihe (jeweils ein Semester lang, Vorlesung 20 × 45 Minuten Donnerstag 17:15 bis 18:00 Uhr, am Freitag zusätzlich ein Kolloquium mit dem Hochschullehrer, beide Veranstaltungen wurden jeweils samstags und sonntags um 16:15 Uhr im damaligen 3. Hörfunk-Programm (heute hr3) wiederholt.Vervielfältigtes Antwortschreiben des Hessischen Rundfunks, Abteilung Bildung und Erziehung, auf Anfragen zum Funk-Kolleg vom 1. September 1966 - Az. 0300/141 –)

Die erfolgreiche Teilnahme an diesem Funk-Kolleg wurde semesterweise mit einem „Zeugnis“ (ab 1968 und im Modell II mit einem „Zertifikat“) bescheinigt (Gruppe A = Bewerber für die Begabtenprüfung; Gruppe B = Studenten, Gruppe C1 für Gymnasiallehrer und C2 für Volksschullehrer zum Erwerb einer Lehrbefähigung für Sozialkunde). Darüber hinaus konnten die Kollegiaten der Gruppe A, die alle Hausaufgaben bearbeitet haben, ein besonderes „Gutachten“ erwerben, das durch einen Erlass des Hessischen KultusministersNr. 206 des Hessischen Kultusministers vom 15. Oktober 1966 – E II 2 – 339 (656) – Amtsblatt des Hessischen Kultusministers, Abl, S. 1033 – Erlass zur Änderung der Ordnung der Prüfung für die Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis vom 27. März 1963 – III/31 – 339 (17) –, Amtsblatt des Hessischen Ministers für Erziehung und Volksbildung, Abl, S. 187. als eines von zwei „Befähigungsnachweisen“ anerkannt wurde, mit denen Begabte (Nicht-Abiturienten) die Zulassung zur Begabtenprüfung eröffnet wurde, nach deren erfolgreichem Bestehen ihnen als „besonders Begabten“ die Berechtigung zum Studium an den wissenschaftlichen Hochschulen verliehen wurde. An den ersten vier Kollegs haben jeweils ca. 600 Kollegiaten teilgenommen; zwischen 45 und 60 Begabte haben jeweils ein Gutachten erhalten (elf Teilnehmer erhielten drei Gutachten und zwei Teilnehmer sogar vier Gutachten).

Die Texte der Vorlesungen erschienen mit kurzem zeitlichem Verzug (auf Initiative des Verlags) als Fischer-Taschenbücher: In den folgenden 20 Jahren wurden insgesamt 1,5 Millionen Bücher zu den diversen Funkkollegs verkauft, etliche Bände erreichten Auflagen von mehr als 100.000 Exemplaren. Die dreibändige Textausgabe zum Funkkolleg Erziehungswissenschaft (1969/70 sowie 1972/73) erreichte eine Verkaufszahl von über 400.000.Philipps-Universität Marburg, Symposium: „30 Jahre Funkkolleg Erziehungswissenschaft“

Das ausgereifte Fernstudien-Konzept (1969–1998) mini|Bestätigung der Teilnahme an der 1. Klausur des Funkkollegs Erziehungswissenschaft (1969) 1967 schlossen sich drei weitere Rundfunkanstalten dem HR-Projekt an: SR, SDR und SWF, das daher ab 1969 unter der Bezeichnung „Quadriga-Funkkolleg“ (intern anfangs: „Funkkolleg Modell II“) in den Ländern Hessen, Saarland, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz seine Teilnehmer fand. Anfangs noch eine sehr akademische Veranstaltung (aufgezeichnete Vorlesungen und Kolloquien), wurden die Hörfunksendungen in den Folgejahren immer aufwändiger produziert, u. a. durch den Einsatz von professionellen Sprechern. Gleichwohl gab es bereits 1969 im Sendegebiet 50 Volkshochschulen, die Begleitzirkel zu den Radiosendungen des Funkkollegs anboten.

Das Funkkolleg bestand von Beginn an aus diversen, frei kombinierbaren „Bausteinen“, deren fachliche Qualität ein jährlich wechselndes Wissenschaftliches Team gewährleistete. Zu den „Bausteinen“ gehörten ab 1969 regelmäßig:

30 einstündige Kollegstunden im Radio als wöchentliche „Taktgeber“ für die Lernenden, produziert in jährlichem Wechsel von einer der beteiligten Rundfunkanstalten, der zugleich auch die Federführung des gesamten Funkkollegs in diesem Jahr oblag kostenpflichtige Studienbegleitbriefe für registrierte Teilnehmer („Kollegiaten“) mit umfassenden Arbeitsmaterialien zu jeder der 30 Studieneinheiten, herausgegeben vom Deutschen Institut für Fernstudien (DIFF) in Tübingen Studienbegleitzirkel an vielen Universitäten und Volkshochschulen jeweils zwei Hausarbeiten und zwei Klausuren, deren erfolgreiches Bestehen mit einem Zertifikat für die Teilnahme am Funkkolleg bescheinigt wurden.

Von Beginn an strebte nur ca. ein Drittel der registrierten Teilnehmer das Zertifikat an. Absolute Spitzenreiter bei der Zahl der erteilten Zertifikate waren 1975/76 das Funkkolleg Beratung in der Erziehung (20.001 Zertifikate) und 1972/73 das Funkkolleg Pädagogische Psychologie (14.688 Zertifikate) sowie 1984/85 das Funkkolleg Kunst (8.415 Zertifikate).

Veranstaltet wurden Funkkollegs zu den Themen:In Klammern genannt ist jeweils der federführende, also redaktionell verantwortliche Sender Zum Verständnis der modernen Gesellschaft: 1966–1969 (hr), ca. 3.500 Teilnehmer Erziehungswissenschaft: 1969/70 (hr), 13.495 Teilnehmer (Übernahme durch die Schweiz 1972/73) Mathematik: 1970/71 (SWF), 25.825 Teilnehmer Volkswirtschaftslehre: 1971 (hr), 8.247 Teilnehmer Sprache – Eine Einführung in die moderne Linguistik: 1971/72 (SDR), 16.950 Teilnehmer Pädagogische Psychologie: 1972/73 (hr), 40.688 Teilnehmer Biologie: 1973/74 (SR), 19.891 Teilnehmer Sozialer Wandel: 1974/75 (SWF), 23.097 Teilnehmer Beratung in der Erziehung: 1975/76 (SDR), 50.560 Teilnehmer Literatur: 1976/77 (hr), 30.503 Teilnehmer Musik: 1977/78 (SWF), 36.537 Teilnehmer Umwelt und Gesundheit: 1978/79 (SR), 19.203 Teilnehmer Geschichte: 1979/80 (SDR), 34.222 Teilnehmer Praktische Philosophie/Ethik: 1980/81 (hr), 24.664 Teilnehmer Mensch und Umwelt: 1981/82 (WDR), 22.583 Teilnehmer Recht: 1982/83 (SWF), 14.229 Teilnehmer Religion: 1983/84 (SDR), 24.758 Teilnehmer Kunst: 1984/85 (SR), 41.412 Teilnehmer Politik: 1985/86 (hr), 21.431 Teilnehmer Psychobiologie: 1986/87 (WDR), 26.271 Teilnehmer Musikgeschichte: 1987/88 (SWF), 24.648 Teilnehmer Jahrhundertwende: 1988/89 (SDR), 18.828 Teilnehmer Moderne Kunst: 1989/90 (SR), 37.264 Teilnehmer Medien und Kommunikation: 1990/91 (hr), 18.342 Teilnehmer Humanökologie: 1991/92 (WDR), 18.968 Teilnehmer Der Mensch – Anthropologie heute: 1992/93 (SWF), 22.119 Teilnehmer Literarische Moderne: 1993/94 (SDR), 33.019 Teilnehmer Technik: 1994/95 (SR), 10.728 Teilnehmer Steuern: 1995/96 (hr), 10.426 Teilnehmer Altern: 1996/97 (WDR), 18.739 Teilnehmer Deutschland im Umbruch: 1997/98 (DR Berlin), 10.375 Teilnehmer