Transnationale Geschichte ist eine Art der Geschichtsschreibung bzw. der Geschichtsbetrachtung in der Geschichtswissenschaft, bei der die geschichtliche Perspektive über die nationalstaatlich fixierte und begrenzte Geschichtsdeutung einer Nationalgeschichte hinausgeht und die Ausrichtung der Disziplin somit global und weltgeschichtlich wird.
Die Vielzahl der Themen- und Forschungsfelder, die unter transnationalen Aspekten untersucht werden können und somit zur transnationalen Geschichte gehören, ist groß und deutet auf ein beträchtliches Potenzial des Ansatzes hin. Insbesondere die moderne Globalisierung hat zum Aufschwung dieser Perspektive beigetragen [Stand: 26.I.2010], sie verharrt jedoch nicht in zeitgeschichtlichen Betrachtungen, sondern analysiert auch vorangegangene transnationale Phänomene. Ihr organisatorisches Hauptorgan ist das Projekt geschichte.transnationalhttp://geschichte-transnational.clio-online.net/transnat.asp [Stand: 26.I.2010], in dem sich verschiedene Fachforen und internationale Forschergruppen verschiedener Disziplinen organisieren. Wesentliche Ziele sind die Erforschung von transnationalen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Vernetzungen und ihren Auswirkungen auf lokale oder nationale Verhältnisse.
Die transnationale Geschichte versteht sich nicht als „Schule“ oder Paradigma, sondern als ein Zugang zur Geschichte neben anderen.http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum/id=573&type=artikel [Stand: 26. Januar 2010]
Begriffsgeschichte Der Begriff „transnational“ wurde in den 1960er und 1970er Jahren im Zusammenhang der „transnationalen Politik“ oder „transnationaler Beziehungen“ durch Karl Kaiser, Walter Bühl, Robert Keohane und Josef Nye etabliert. In den Geschichts- und Sozialwissenschaften hat der Ansatz seit 1989 kontinuierlich an Relevanz gewonnen.Kroh, Jens: Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Fokus geschichtspolitischer Initiativen. Frankfurt/New York 2006, S. 37. „[…] als transnational [werden] zunächst ganz allgemein all diejenigen Interaktionen zwischen Individuen, Gruppen, Organisationen und Staaten bezeichnet […], die über Grenzen hinweg agieren und dabei über den Nationalstaat hinausgehende Strukturmuster ausbilden“.Kaelble, Hartmut / Kirsch, Martin / Schmidt-Gernig, Alexander: Zur Entwicklung transnationaler Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert. Eine Einleitung, in: Dies. (Hg.), Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main/New York 2002, S. 9. Es geht hierbei um Transferprozesse, die sich zwischen Gesellschaften ausbilden sowie um die dadurch entstehenden transnationalen Netzwerke. Die Bedeutung dieser Verflechtungen und Vernetzungen beruht auf der Annahme, dass „die Entstehung und Entwicklung der modernen Welt als ‚gemeinsame Geschichte‘“Eckert, Andreas: Rezension zu: Budde, Gunilla; Conrad, Sebastian; Janz, Oliver (Hrsg.): Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. Göttingen 2006, in: H-Soz-Kult, 6. Oktober 2006.http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-050. angesehen werden kann, in der verschiedene Gesellschaften bestimmte Einsichten teilen und die Welt durch Interaktion und Interdependenz gestalten.Eckert, Andreas: Rezension zu: Budde, Gunilla; Conrad, Sebastian; Janz, Oliver (Hrsg.): Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. Göttingen 2006, in: H-Soz-Kult, 6. Oktober 2006.http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-050.
Entwicklung des Ansatzes der transnationalen Geschichte Die Popularität der transnationalen und weltgeschichtlichen Perspektive geht mit den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Phänomenen der Gegenwart einher. Vor allem seit den 1990er Jahren, mit dem Ende des Kalten Krieges, lässt sich ein weiträumiges, globales Interesse an historischen und sozialwissenschaftlichen Themen feststellen. Hinzu kommt ein allgemeines Interesse an weltgeschichtlichen Problemstellungen, nicht zuletzt durch die Einsicht, dass Geschehnisse an anderen Orten der Welt das eigene Leben beeinflussen. Die transnationale Historiografie bedient sich wissenschaftlicher Methoden, z. B. der historischen Komparatistik, macht sich aber gleichzeitig – als ursprüngliches Gegenmodell des Vergleichs – beziehungsgeschichtliche Ansätze zunutze, da deutlich geworden ist, dass Transferprozesse ohne Vergleiche nicht adäquat beschrieben werden können und das Gleiche umgekehrt gilt.Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. (Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag). Hrsg. von Gunilla Budde, Sebastian Conrad und Oliver Janz, Göttingen, 2006, S. 11f.
Hinzu kommt die Forderung nach einer Abgrenzung der transnationalen Geschichte zu anderen Bereichen, versucht man sich doch von einer Geschichtsschreibung, die eine privilegierte Nationalgeschichte zugrunde legt, zu entfernen. Auch von einer eurozentristische Perspektive möchte man sich mithilfe globaler Fragestellungen lösen, ist doch der Gedanke des europäischen Fortschritt und der Linearität in der Geschichtswissenschaft, so Sebastian Conrad, bisher in Abgrenzung zu Kulturen bzw. Gesellschaften in anderen Teilen der Welt konstruiert worden.Conrad, Sebastian: Doppelte Marginalisierung. Plädoyer für eine transnationale Perspektive auf die deutsche Geschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 145–169. Auch die seit den letzten Jahrzehnten voranschreitende Ausweitung internationaler Netzwerke, z. B. von Forschern und Wissenschaftsorganisationen, und neue Formen der Kommunikation, kommen dem transnationalen Ansatz zugute, tragen sie doch dazu bei, dass länderübergreifende Phänomene effizienter analysiert und interpretiert werden können.
Methodik der transnationalen Historiografie Die transnationale Geschichte hat verschiedene Instrumente entwickelt oder aufgegriffen, um diese spezielle Form der Geschichtsschreibung zu betreiben. Die beiden wesentlichen Methoden sind der historische Vergleich und die Transferanalyse. Diese Instrumente finden sich bereits bei Marc Bloch, der jene zwei Typen vergleichender Arbeit unterschied. Der erste Typus beinhaltet die Untersuchung von zwei Gesellschaften, die räumlich und zeitlich soweit voneinander getrennt sind, dass zwischen den beiden keine Transferbeziehungen bestehen, der zweite Typus besteht im Vergleich von räumlich nahen, zeitgenössischen Gesellschaften. Bei letzterem muss zwangsläufig auch nach wechselseitiger Beeinflussung, den sogenannten Transferprozessen, gefragt werden. In der modernen Geschichtswissenschaft haben sich diese Kategorien jedoch weiterentwickelt:
Historischer Vergleich: Der historische Vergleich ist die ältere Methode, die auch in Nachbardisziplinen, wie etwa der literaturwissenschaftlichen Komparatistik, bekannt ist. In der transnationalen Geschichtsschreibung wird ein Vergleich von Phänomenen, Prozessen oder Strukturen in zwei (oder mehr) Ländern vorgenommen, bei dem Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden und der Bezug auf die Kategorie des Nationalstaats in den meisten Untersuchungen vorausgesetzt wird.Wehler, Hans-Ulrich: Transnationale Geschichte der neue Königsweg historischer Forschung, in: Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. (Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag). Hrsg. von Gunilla Budde, Sebastian Conrad und Oliver Janz, Göttingen 2006, S. 162.
Transferanalyse: Diese Methode findet ihre Anwendung hauptsächlich im Rahmen sogenannter Transferstudien, die eine weitere Möglichkeit des Erkenntnisgewinns der nationalen und transnationalen Strukturen bieten.Paulmann, Johannes: Neue historische Literatur. Internationaler Vergleich und interkultureller Transfer. Zwei Forschungsansätze zur europäischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, in: HZ Band 267 (1998) S. 667f. Hierbei werden, z. B. in der Imperialismusforschung, nicht nur die Wechsel- bzw. Rückwirkungen auf die Ausgangskultur (Imperialmacht), sondern auch die Einflüsse auf die Rezeptionskultur (Kolonie(n)) erforscht.Wehler, Hans-Ulrich: Transnationale Geschichte der neue Königsweg historischer Forschung, in: Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. (Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag). Hrsg. von Gunilla Budde, Sebastian Conrad und Oliver Janz, Göttingen 2006, S. 162. Erforscht werden neben dem Austausch von Gütern, der Transfer von Wissen und Ideen zwischen Gebieten/Ländern und eine Aneignung der neuen Kenntnisse. Die transnationale Kulturgeschichte beschäftigt sich also einerseits mit dem Vergleich von Nationen hinsichtlich sozialhistorischer, politikwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Fragestellungen, andererseits mit ihren Austauschprozessen. Etwa lassen sich Deutschland und Frankreich sowohl (national-)kulturell beleuchten und vergleichen, aber ebenso lässt sich der interkulturelle Transfer zwischen den beiden Ländern analysieren.Siehe Étienne François, Hannes Siegrist, Jakob Vogel (Hrsg.): Nation und Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich; 19. und 20. Jahrhundert (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 110). 1995. In der Praxis sind beide Perspektiven selten ganz klar zu trennen. In der jüngeren Forschung entwickelt sich die Transferanalyse zum Leitmotiv, dem der Vergleich als Hilfsmittel dient, ältere Studien betonen eher den nationalen Vergleich und das Nationale, das dann auch durch Transferprozesse beeinflusst ist.
Die Geschichtsfelder der transnationalen Geschichte Die beschriebenen Instrumente der transnationalen Geschichte sind in der Anwendung in der Regel nicht so klar zu trennen. Vergleich, Transfer und andere methodische Vorgehen werden miteinander verwoben und ergänzen sich so.
Generell versteht sich die transnationale Geschichte nicht als turn. Daher stellt sie keine paradigmatischen oder dogmatischen Anforderungen hinsichtlich des Vorgehens und der Gegenstandswahl auf. Diese methodische Offenheit ist eine der Stärken dieser Betrachtungsweise. Entsprechend sind auch die Themen oft stark variabel. Ferner wird keine nur lineare Geschichte geschrieben. Ebenso wie die Kontinuitäten, sind auch die Brüche Bestandteile der transnationalen Geschichte. So besteht beispielsweise Interesse an „verkehrs- und kommunikationstechnischen Innovationen der letzten Jahrzehnte“, da diese eine massive transnationale Vernetzung ermöglichen – gleichzeitig besteht aber auch Interesse an „Prozessen der Ausdünnung oder sogar der Auflösung einmal geknüpfter Bindungen“.http://geschichte-transnational.clio-online.net/forum/id=573&type=artikel
Prinzipiell sind Raum, Zeit und Medium also frei arrangierbar. So böten sich beispielsweise in der transatlantischen Welt viele Möglichkeiten, die von der Geschichte des Sklavenhandels, über die Geschichte des kulinarischen Austauschs bis hin zum Nationalismusexport reichen. Ebenso wären Vorläufer moderner transnationaler Netze interessant, wie etwa ExpertennetzwerkeDominic Sachsenmaier: Searching For Alternatives to Western Modernity. Cross-Cultural Approaches in the Aftermath of World War I, in: Journal of Modern European History 4, 2006, Seite 241–259 im frühen XX. Jahrhundert. Ebenso können auch mentalitätsgeschichtliche Untersuchungen und ErinnerungskulturMosche Zimmermann: Die transnationale Holocaust-Erinnerung, in: Gunilla Budde, Sebastian Conrad, Oliver Janz : Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006, S. 202–216 beleuchtet werden.