mini|Alison Knowles Alison Knowles (* 29. April 1933 in New York; † 29. Oktober 2025 ebenda) war eine US-amerikanische Künstlerin der Fluxus-Bewegung.
Leben und Werk mini|Alison Knowles: The House of Dust (2021) Alison Knowles wurde als Tochter von Edwin und Lois (geb. Beckwith) Knowles geboren. Ihr Vater war Professor für englische Literatur am Pratt Institute in Brooklyn. Ihre Mutter arbeitete überwiegend in der Krankenpflege. Ihr Bruder Larry arbeitete als Fischer auf Long Island.
Zunächst studierte Knowles am Middlebury College in Vermont Französisch als Hauptfach.
Anschließend begann sie ein Studium der Malerei am Pratt Institute bei Josef Albers, Adolph Gottlieb, Richard Lindner und Franz Kline. 1956 schloss sie dort ihr Studium ab. Sie gehörte zu den frühen Bewohnerinnen des New Yorker Stadtteils SoHo und lebte mit ihrem ersten Ehemann James Ericson in einem Loft an der Canal Street und dem Broadway.
Im Jahre 1959 lernte Knowles durch die amerikanische Künstlerin Dorothy Podber Dick Higgins kennen. 1962 reiste sie mit ihm, den sie 1960 geheiratet hatte, nach Europa, um an den ersten, von George Maciunas organisierten Fluxus-Veranstaltungen teilzunehmen. 1964 bekam das Paar Zwillingstöchter, Jessica und Hannah. Hannah Higgins wurde später als Kunsthistorikerin bekannt, Jessica Higgins arbeitet selbst als Künstlerin. Knowles und Higgins ließen sich 1971 scheiden, heirateten jedoch 1984 erneut. Hannah schrieb über ihren Vater, dass er homosexuell gewesen sei und seine Partner ebenfalls zur Familie gehört hätten.
Zu ihren Arbeiten gehören Buchobjekte wie das Big Book (1967) – ein „begehbares“ Buch, das einen Ofen, ein Telefon und Chemietoiletten enthielt und Knowles’ eigenes Lebensumfeld in New York abbildete –, das Book of Bean (1983) für die Biennale Venedig und auch das frühe Multiple Bean Rolls (1963), in dem Texte über Bohnen als ein „canned book“ in eine Konservendose gepackt wurden. Mit ihrem Ehemann Dick Higgins gehört Knowles zu der frühen Protagonistinnen der Fluxus-Bewegung, einer in den 1960er-Jahren entstandenen Kunstrichtung, die sich mit der Aufführung sogenannter „Events“ gegen die Kommerzialisierung und den elitären Kunstbetrieb wandte. Diese Events basierten auf schriftlichen Handlungsanweisungen, den sogenannten „Scores“, die von den Künstlerinnen und Künstlern ausgeführt wurden und häufig die aktive Beteiligung des Publikums einschlossen. Dieses demokratische Kunstverständnis ermöglichte allen Anwesenden die Teilnahme am künstlerischen Prozess. Sie erarbeitete zahlreiche Fluxus-Performances wie The Identical Lunch (1969) oder Make a Salad (1962). Knowles gehörte damit zu den ersten Kunstschaffenden, die Lebensmittel als künstlerisches Medium einsetzten. In der 1962 entstandenen Performance Make a Salad wurde ein übergroßer Salat zerkleinert, gemischt und anschließend dem Publikum serviert. In The Identical Lunch nahm sie ein Jahr lang täglich exakt dieselbe Mahlzeit zu sich – Thunfisch auf Vollkornbrot mit Salat und Butter, ohne Mayo, dazu Suppe oder ein Glas Buttermilch. Mit diesen Aktionen verwandelte sie alltägliche Handlungen in künstlerische Ereignisse und stellte die Grenzen zwischen Kunst und Leben infrage. 1971 dokumentierte Knowles diese Performances im Journal of the Identical Lunch. Ende der 1980er-Jahre begann Knowles, Skulpturen aus Flachszellstoff herzustellen, die sie mit Hülsenfrüchten füllte. Dadurch konnten sie zugleich als Musikinstrumente dienen, die sie in Live-Performances einsetzte und in Installationen integrierte. Diese Arbeiten gehören zur Klangkunst oder wurden als Hörspiele konzipiert, wie das vom WDR produzierte Bohnen Sequenzen (1982), für das sie den Karl-Sczuka-Preis erhielt. Einige ihrer Werke sind im museum FLUXUS+ in Potsdam ausgestellt.
Alison Knowles lebte in New York. Sie starb am 18. Juni 2025 im Alter von 92 Jahren in ihrem langjährigen Wohnsitz in Manhattan.
Taxis and Buses (1960) Das Werk, Öl und Siebdruck auf Leinwand, zeigt Versatzstücke aus der Konsum- und Alltagswelt: Kettenglieder, Bildnisse von Köpfen, Comicfiguren, Schriftzüge und Buchstaben. Miteinander verschränkt bilden die Motive einen eigenen Kosmos, der für Interpretationen offen ist. Im Dezember 1969 erwarb der Sammler Hanns Sohm die Arbeit bei der Künstlerin während eines Atelierbesuchs in New York. Von dort gelangte es in das Fluxusarchiv Sohm nach Markgröningen und später in die Staatsgalerie Stuttgart.
#1 Shuffle (1961) Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes Event Score. Die Performance besteht darin, dass ein oder mehrere Performende leise durch bzw. um das Publikum in den Aufführungsbereich hinein- und wieder hinausgehen. Die Aktion kann einzeln oder als Gruppe ausgeführt werden. Die Uraufführung erfolgte im August 1963 im Advertisers’ Club in New York.
Newspaper Music (1962) In dieser Performance lesen mehrere Teilnehmende gleichzeitig Abschnitte aus verschiedenen Zeitungen laut vor, während Knowles vor ihnen als Dirigentin fungiert.
Shoes of Your Choice (1963) Die Performance wurde erstmals am 6. April 1963 im Old Gymnasium des Douglass College, dem Hauptcampus der Rutgers University in New Brunswick aufgeführt. Ein Mitglied des Publikums wird eingeladen, an ein Mikrofon zu treten und ein Paar Schuhe zu beschreiben, entweder die eigenen oder ein anderes Paar. Dabei kann beispielsweise berichtet werden, woher die Schuhe stammen, welche Größe und Farbe sie haben oder warum sie gefallen.
Bean Rolls (1963–64) Bei diesem Werk handelt es sich um das erste Multiple. Es besteht aus einem Buch in einer Teedose mit echten Bohnen und Schriftrollen mit Informationen der New York Public Library. Der Fluxus-Künstler George Brecht sah insbesondere in diesem Werk ein Beispiel für das subversive Potenzial der Fluxus-Bewegung. Nach seiner Auffassung veranschaulichten diese kleinformatigen Multiples den konzeptionellen Wandel der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Nivea Cream Piece (1966) Diese Performance wurde gemeinsam mit der spanischen Künstlergruppe Zaj 1966 in Madrid aufgeführt. Mehrere Performende reiben ihre Hände mit Nivea-Creme ein und führen vor einem Mikrofon gemeinsam eine Choreografie massierender Hände aus. Eine Fotografie dieser Aktion befindet sich in der Staatsgalerie Stuttgart.
The House of Dust (1967) Hierbei handelt es sich um eine Skulptur aus Glasfaser und eines der weltweit ersten computergenerierten Gedichte, das sich in Form von Architektur, Klang und Poesie manifestierte. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen Komponisten James Tenney. Die Arbeit nahm ihren Anfang bei einem informellen Fluxus-Seminar im Jahr 1967, in dem Tenney – der Anfang der 1960er Jahre ein Aufenthaltsstipendium an den Bell Laboratories hatte – demonstrierte, wie die Programmiersprache Fortran für auf Zufall basierende Verfahren in der künstlerischen Produktion eingesetzt werden konnte.
Die erste Ausführung des Werks wurde als begehbare Spiel- und Begegnungsstruktur in einer Wohnsiedlung im New Yorker Stadtteil Chelsea errichtet. Nachdem sich Anwohnerinnen und Anwohner gegen das ohne ihre Beteiligung ausgewählte Kunstwerk ausgesprochen hatten, wurde es – nach einem Brandanschlag – 1970 an das California Institute of the Arts versetzt, wo es unter anderem für Lehrveranstaltungen, Filmvorführungen und Performances genutzt wurde.
Coeurs Volants (1968–69) 1967 arbeitete Knowles auf Einladung von Marcel Duchamp22 mehrfach in dessen New Yorker Wohnung an diesem gemeinsamen Projekt, an dem auch der experimentelle Dichter Emmett Williams beteiligt war.150
Ursprünglich wollten Knowles und ihr Mann lediglich die Rechte erwerben, das Motiv für den Umschlag der US-amerikanischen Ausgabe von Emmett Williams’ Sweethearts zu verwenden. Über eine Vermittlung durch Daniel Spoerri, Richard Hamilton oder John Cage – Knowles’ Darstellungen hierzu unterscheiden sich hier – entstand schließlich die Entscheidung, eine neue Siebdruckfassung des Werks herzustellen. Die Herstellung erwies sich als technisch anspruchsvoll, da die für die optische Täuschung erforderliche präzise Passung der Druckfarben nur schwer zu erreichen war. Knowles fertigte die Drucke selbst an. Zusätzlich kam es durch zu viel Farbe zu Rissen in der Oberfläche. Von rund 100 angefertigten Siebdrucken erwies sich die Mehrzahl als unbrauchbar und wurde verworfen.
Three Songs (ab 1971) Für diese Werkreihe übertrug Knowles Zwiebelschalen aus ihrer Küche in einem Blaupausenverfahren auf Pergaminpapier. Dabei entstanden Schriftrollen mit sepiafarbenen Strukturen, die sowohl vertikal als Druckgrafiken als auch horizontal als grafische Partituren präsentiert wurden. Die abstrakten Formen sind keine präzisen Notationen, sondern lassen den Interpretierenden große Freiheit. Damit sollen sie, in Anlehnung an die Zufallsverfahren von John Cage, zu offenen und spielerischen Aufführungen anregen.
Bean Garden (1975) Bei diesem Werk handelt es sich um einen mit weißen Bohnen gefüllten Holzkasten in einem leerstehenden Hangar auf dem ehemaligen Militärflughafen Floyd Bennett Field im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die Installation wurde mit einer Soundkomponente des Klangkünstlers Bill Fontana ausgestattet. Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, die Bohnenfläche zu betreten. Dabei erzeugen Mikrofone Klänge, die auf leere Glasflaschen als Resonanzkörper übertragen werden und die Installation in eine Klangskulptur verwandeln.
Loose Pages (1983) Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit der Papierkünstlerin Coco Gordon. Das „Performance-Buch“ besteht aus Seiten aus Flachs- und Baumwollpapier, die als Kleidungsstücke getragen werden können. Das Werk wurde erstmals in der Emily Harvey Gallery in SoHo (New York) präsentiert und in den 2000er-Jahren mehrfach neu aufgeführt. Dabei legte Knowles, häufig gemeinsam mit ihrer Tochter Jessica Higgins, die einzelnen Papierseiten nach und nach am Körper der Performerin an, sodass durch deren Bewegungen auch eine klangliche Komponente der intermedialen Performance entstand.
Event Thread (2006–08) Das Werk vereint sowohl von Menschenhand gefertigte Gegenstände als auch natürliche Materialien, die mit Drähten und Schnüren zusammengehalten werden und die Knowles bei ihren Streifzügen durch New York gefunden hat. Weggeworfene Reste des städtischen Alltags und Treibholz gehen in diese verflochtenen Gebilde ein, die an Talismane oder Amulette erinnern. Knowles hängt die Skulpturen an jeweils nur einem Nagel auf, sodass das Gewicht der einzelnen Bestandteile ihre schlangenartigen Formen bestimmt. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der materielle Gegenstand selbst als vielmehr der Moment seiner Entdeckung, die Begegnung der Künstlerin mit ihm als einem „Event“.
The Boat Book (2014–15) Diese fast 2,5 Meter hohe Skulptur besteht aus beweglichen Seiten, die entlang einer zentralen Achse angeordnet sind. Das Werk ist eine Hommage an den älteren Bruder der Künstlerin, der auf Fischereischiffen im Atlantik arbeitete. Ein Schrank mit gefundenen Objekten aus dem eigenen Atelier der Künstlerin ergänzt die Installation. Vermittelnde Personen in der Ausstellung ermöglichen den Besucherinnen und Besuchern durch praktische Interaktion einen unmittelbaren Zugang zu den Werken.
Weitere Werke (Auswahl)
1960–61: Room (zusammen mit George Brecht), Siebdruck auf Leinwand 1962: #7 Piece for Any Number of Vocalists 1962: Newspaper Music 1962: Song of Your Choice 1962/2016: Celebration Red. Besucherinnen und Besucher werden in diesem Werk aufgefordert, rote Objekte aus dem eigenen Leben zu spenden. 1963: Blink (zusammen mit George Brecht und Robert Watts), Siebdruck und synthetisches Polymer auf Leinwand 1964: Man’s Shirt (BLINK), Siebdruck auf Baumwoll-Shirt 1964: Music by Alison, performed during Fully Guaranteed 12 Fluxus Concerts, New York 1964: Woman’s Shirt (Teeth), Siebdruck auf Baumwoll-Shirt 1964: Music by Alison, performed during Fully Guaranteed 12 Fluxus Concerts, New York 1964: Variation #1 on Proposition