mini|Eine der frühesten Darstellungen des Hieronymus. Oben: Hieronymus wird vom Bischof Damasus von Rom mit der Bibelrevision beauftragt. Unten: Hieronymus, sitzend mit dem fertigen Kodex im Arm, diktiert einem Kopisten (Elfenbeineinband des Dagulf-Psalters, 8. Jahrhundert, Louvre)Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 171. Sophronius Eusebius Hieronymus (* um 348/349 in Stridon, Dalmatia; † 30. September 420 in Bethlehem, Syria Palaestina) war einer der wichtigsten lateinischen Kirchenväter und ein sehr produktiver spätantiker Autor. Mit seiner rigoristischen Askese und seinen Leistungen als Übersetzer und Kommentator der Bibel übte er großen Einfluss auf die lateinische Christenheit aus. Die Vulgata ist in großen Teilen sein Werk. Zeitlebens war er ein konfliktfreudiger und vielfach kritisierter Außenseiter.

Nach dem Studium in Rom entschied sich Hieronymus für ein Leben als Asket und verbrachte rund drei Jahre in der Syrischen Wüste. Die dabei gewonnenen Erfahrungen machten ihn zum Mentor einer Gruppe gebildeter Christinnen aus der römischen Aristokratie. Mit zwei dieser Frauen, Paula und ihrer Tochter Eustochium, unternahm er eine Pilgerreise durch Palästina und Ägypten. Die von ihm geleitete Gruppe ließ sich in Bethlehem nieder, wo Paula die Errichtung eines Klosterkomplexes finanzierte. Hier konnte sich Hieronymus seiner bibelwissenschaftlichen Arbeit widmen. Dabei profitierte er stark von den Werken des Origenes. Dies hielt ihn nicht davon ab, Material für die Verurteilung des Origenes als Irrlehrer zu sammeln. In einer Zeit, in der die Griechischkenntnisse im Westen des Römischen Reichs rapide zurückgegangen waren, vermittelte Hieronymus als Übersetzer und Kompilator Werke griechischer Theologen an die lateinisch sprechende Christenheit. Ganz neu war sein Bemühen um den hebräischen Bibeltext, dem er vor der Septuaginta den Vorzug gab. Hieronymus hatte auch Kontakte zu Rabbinen in Palästina und lernte von seinen Gesprächspartnern Elemente jüdischer Bibelauslegung.

Hieronymus genießt in der Westkirche seit dem 8. Jahrhundert zusammen mit Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo und Gregor dem Großen als einer der vier Kirchenlehrer besondere Wertschätzung; Papst Bonifatius VIII. bestätigte die Bedeutung dieser Vierergruppe von Theologen 1285. Im Gegensatz zu Ambrosius, Augustinus, Gregor und den meisten Kirchenvätern war Hieronymus kein Bischof, sondern ein einfacher Presbyter. Von der Nachwelt wurde er (historisch unzutreffend) als Kardinal in die kirchliche Hierarchie eingeordnet.

Hieronymus wird in verschiedenen christlichen Konfessionen als Heiliger verehrt. Sein Gedenktag ist der 30. September. Er wird als Schutzpatron der Übersetzer verehrt, so dass am 30. September der Internationale Übersetzertag gefeiert wird.

Name Der Kirchenlehrer nannte sich selbst Eusebius Hieronymus. Er trug das griechische Cognomen „heiliger Name“, das ebenso wie sein Gentilname Eusebius vermuten lässt, dass seine Familie aus dem griechischsprachigen Osten des Reichs nach Dalmatien zugezogen war. Das Praenomen Sophronius wurde Hieronymus wohl irrtümlich zugeordnet; ein Sophronius fertigte (nicht erhaltene) Übersetzungen von Werken des Hieronymus ins Griechische an.Alfons Fürst: Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike, Freiburg/Basel/Wien 2016, S. 245 und S. 254 Anm. 1.

Leben Eine antike Biografie des Hieronymus gibt es nicht; die mittelalterlichen Heiligenviten sind ohne historischen Wert.

Für die Biografie der historischen Persönlichkeit Hieronymus ist man somit weitgehend auf seine eigenen Werke verwiesen. Er erwähnte biografische Details in seinen Schriften nur sparsam, und dort, wo er es tat, ist die literarische Stilisierung zu berücksichtigen. Je nachdem, wie man diese gewichtet, ergeben sich Unterschiede bei seinen Lebensdaten und den für ihn wichtigen biografischen Stationen.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 24.

Familie

Der Ort Stridon, in dem Hieronymus’ Familie ansässig war, lässt sich nicht sicher identifizieren.

Am 26. Juni 363 starb der letzte heidnische Kaiser Julian, ein für die christliche Bevölkerung einschneidendes Ereignis. Nach späterer, eigener Angabe war Hieronymus noch ein Junge, der Grammatikunterricht erhielt, als die Neuigkeit von jenem Tod in Stridon eintraf. Demnach war er zu dieser Zeit zwischen 12 und 15 Jahre alt. Diese Bemerkung ermöglicht es, zusammen mit anderen Indizien, die das Zeitfenster weiter einschränken, Hieronymus’ Geburtsjahr relativ sicher auf 348/49 festzulegen.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 28 f.

Hieronymus entstammte einer christlichen Grundbesitzerfamilie, die es sich leisten konnte, ihm eine hervorragende Ausbildung zu finanzieren. Er hatte einen etwa zehn Jahre jüngeren Bruder Paulinianus und eine Schwester, deren Name, ebenso wie der Name der Mutter, unbekannt ist. Viel später beauftragte Hieronymus seinen Bruder damit, alles zu verkaufen, was auf dem Grundbesitz der Familie an halb zerstörten kleinen Landhäusern (villulae) nach den Barbarenüberfällen noch vorhanden war. Weil Hieronymus’ Geschwister sich ebenso wie er selbst (und vermutlich unter seinem Einfluss) dem asketischen Leben zuwandten, gab es keine Erben. Alles, was vom Familienvermögen noch übrig war, ging in kirchlichen Besitz über. Da Briefe von Hieronymus an seine Eltern nicht dokumentiert sind und auch sonst über Kontakte nichts bekannt ist, wird vermutet, dass sie die Entscheidung ihrer Kinder zum Asketenleben nicht guthießen, bedeutete es doch, dass sie akzeptieren mussten, dass ihr Wohlstand zerfiel und die Erinnerung an sie mangels Nachkommen erlöschen würde.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 36–41.

Studienjahre in Rom mini|Bei Ausgrabungen nahe der Piazza Venezia in Rom freigelegte Reste des Athenäums (2021) Zusammen mit seinem Freund Bonosus, ebenfalls aus wohlhabendem Hause, reiste der jugendliche Hieronymus zum Studium nach Rom. Hier befand sich mit dem Athenäum eine bedeutende Bildungseinrichtung, an der Grammatik, Rhetorik (griechisch und lateinisch), Philosophie, Medizin und Rechtswissenschaft gelehrt wurden. Hieronymus und Bonosus studierten bei Aelius Donatus. Hieronymus blühte auf. Später erinnerte er sich daran, wie er „mit frisierten langen Haaren und mit der Toga bekleidet“ unter den Augen des Donatus über einen vorgegebenen Streitgegenstand disputierte, was allemal eine „gefährliche Situation“ gewesen sei. Dass Donatus wie die meisten berühmten Lehrer des 4. Jahrhunderts kein Christ war, störte nicht.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 44 f. Vgl. zum Zitat: Hieronymus, Contra Rufinum, 1.30.

Hieronymus genoss die Annehmlichkeiten, die Rom wohlhabenden Studenten bot. Sonntags unternahm er mit christlichen Freunden Spaziergänge zu den Katakomben, wo sie die Gräber der Apostel und Märtyrer verehrten. In Rom freundete er sich mit den Mitstudenten Pammachius, Heliodorus und Rufinus von Aquileia an.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 47–50; Alfons Fürst: Hieronymus. Askese und Wissenschaft in der Spätantike, Freiburg/Basel/Wien 2003, S. 152. Pammachius gehörte der gens Furia an, die übrigen Freunde entstammten, wenn nicht dem senatorischen Adel, so jedenfalls der vermögenden Oberschicht, da sie das Honorar eines Donatus zahlen konnten. Hieronymus nutzte die Zeit in Rom gut, um nicht nur Bildung zu erwerben, sondern auch im Blick auf die künftige Karriere wichtige Kontakte zu knüpfen.Stefan Rebenich: Hieronymus und sein Kreis: Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen. Steiner, Stuttgart 1992, S. 24 und 27.

Gegen Ende seiner Studienzeit in Rom empfing Hieronymus wahrscheinlich durch Bischof Liberius die Taufe. Für Augustinus von Hippo war seine Taufe eine dramatische Lebenswende; bei Hieronymus ist davon nichts zu bemerken, er erwähnte dieses Ereignis eher beiläufig.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 50. In seiner Studienzeit begann Hieronymus mit dem Aufbau einer Privatbibliothek.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 52.

Reise nach Trier und an den Rhein Für viele junge Männer, die in Rom studierten, war diese Zeit die Vorbereitung auf eine Karriere in der kaiserlichen Verwaltung. Auch Hieronymus und Bonosus hatten eine solche Laufbahn vor Augen bzw. waren von ihren Eltern dafür vorgesehen worden. Nach Abschluss des Studiums empfahl es sich daher, nicht länger in Rom zu bleiben, denn die Kaiser besuchten die Metropole am Tiber nur mehr zu bestimmten Festen. Es gab wichtigere Residenzen, wo die Chancen, sich dem Herrscher bekannt zu machen, besser standen. Valentinian I. machte 367 Trier zum Regierungssitz. Das war wahrscheinlich der Grund, warum Hieronymus und Bonosus etwa 367 an die Mosel reisten. Hieronymus hielt sich daneben aber auch die Möglichkeit einer kirchlichen Karriere offen.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 56–59.Stefan Rebenich: Hieronymus und sein Kreis: Prosopographische und sozialgeschichtliche Untersuchungen. Steiner, Stuttgart 1992, S. 33. Details über die Reise durch Gallien und den Aufenthalt in Trier sind nicht bekannt. Aber während dieser Reise kamen Hieronymus und Bonosus auch an den Rhein, vermutlich nach Mainz. Die Freunde teilten, wie Hieronymus sich ausdrückte, „an den halbbarbarischen Ufern des Rheins Tisch und Wohnung“Hieronymus: Epistula 3,5 an Rufinus (online). Es wäre zwar möglich, Trier in einem sehr weiten Sinn „am Ufer des Rheins“ zu lokalisieren, doch wäre es befremdlich, die prächtige Kaiserresidenz „halbbarbarisch“ zu nennen. – und fassten dabei beide den Entschluss zum asketischen Leben. Zu den Hintergründen vermutet Heinrich Schlange-Schöningen, dass das Bewerbungsverfahren in Trier mit einer längeren Wartezeit verbunden war, die sich Hieronymus mit dem Kopieren des Psalmenkommentars von Hilarius von Poitiers verkürzte. Dann seien beide in den kaiserlichen Nachrichtendienst eingetreten und als Beobachter (agentes in rebus) an die durch Germaneneinfälle gefährdete Rheingrenze entsandt worden. Die Hypothese kann erklären, warum sich Hieronymus und Bonosus überhaupt in dieser Randregion aufhielten, die ihnen hinsichtlich Bildung und Karriere nichts bieten konnte.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 60 f.

Asket in Norditalien Hieronymus und Bonosus kehrten 372/73 aus Gallien nach Italien zurück und lebten in oder nahe bei Aquileia, wo ihre Wege sich trennten. Hieronymus stand im Kontakt zu einem lockeren Kreis (chorus) von Asketen, darunter sowohl Kleriker als auch Frauen. Er verfasste sein Erstlingswerk: die fromme Vita einer anonymen Christin aus Vercelli, die als vermeintliche Ehebrecherin enthauptet, wunderbarerweise aber wieder lebendig wurde. Das Werk stellte den Statthalter von Ligurien äußerst ungünstig dar. Auch wenn Hieronymus keinen Namen nannte, hatte er sich damit offenbar unbeliebt gemacht. Hinzu kam ein familiärer Konflikt mit seiner Tante Castorina. Das veranlasste Hieronymus wahrscheinlich im Sommer 375, Norditalien zu verlassen und eine ruhigere Umgebung für sein asketisches Leben zu suchen.Heinrich Schlange-Schöningen: Hieronymus: Eine historische Biografie, Darmstadt 2018, S. 67–72.

Von Antiochia in die Syrische Wüste und zurück