Die Kaiserliche Bibliothek von Konstantinopel war eine der bedeutendsten Bibliotheken des (Ost-)Römischen bzw. Byzantinischen Reiches.
Die Bibliothek wurde wahrscheinlich schon kurz nach der durch Konstantin den Großen veranlassten Neugründung Konstantinopels als (ost-)römische Hauptstadt im Jahr 330 in Auftrag gegeben, vermutlich durch dessen Sohn, Kaiser Constantius II. (regierte 337–361). Die Bibliothek brannte 475 aus.Johannes Zonaras 14,2. Zur Datierung des Brands siehe etwa Viola Heutger: Lieferte die Bibliothek in Konstantinopel einen Beitrag zum Codex Theodosianus? In: Harry Dondorp, Martin Schermaier, Boudewijn Sirks (Hrsg.): De rebus divinis et humanis: Essays in honour of Jan Hallebeek. Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0731-6, S. 179–192, zur Datierung (um das Jahr 475) S. 185 mit Anm. 34; Heinrich Schlange-Schöningen: Kaisertum und Bildungswesen im spätantiken Konstantinopel (= Historia Einzelschriften. Heft 94). Steiner, Stuttgart 1995, ISBN 3-515-06760-4, S. 106: im Jahr 475; Alexander Demandt: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian. 284–565 n. Chr. (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Abteilung 3: Alter Orient, Griechische Geschichte, Römische Geschichte. Teil 6). 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55993-8, S. 445: im Jahr 476; Horst Blanck: Das Buch in der Antike. Beck, München 1992, ISBN 3-406-36686-4, S. 177, nennt das Jahr 473 ohne weitere Begründung.
Bestand der Kaiserlichen Bibliothek Constantius II. förderte Bestrebungen, Klassikertexte durch neue Abschriften auf Pergament zu bewahren, und begründete die Kaiserliche Bibliothek. Er richtete ein Skriptorium ein, um die erhaltenen Werke der griechischen Literatur zur Bewahrung abschreiben zu lassen. Der Geschichtsschreiber Zosimos berichtet, dass Kaiser Julian im Jahr 356 eine neue Halle in der Gestalt eines Halbkreises in Konstantinopel errichten ließ, die auch eine Bibliothek umfasste und der er alle seine Bücher übergab.Zosimos, Neue Geschichte 3,11 (griechisch; deutsch); Viola Heutger: Bibliothek und Skriptorium in Konstantinopel. In: Pázmány Law Review. Band 3, 2015, S. 53–60, hier S. 57 (Digitalisat). Ob es sich um eine private oder um eine weitere öffentliche Bibliothek handelte, ob sie gar mit der des Constantius in den neuen Räumlichkeiten vereinigt wurde, ist ungeklärt. An der Stelle des Stoa basileos oder Stoa basilike genannten Bauwerks, bei dem es sich um eine Basilika im römischen Sinn handelte,Glanville Downey: The Architectural Significance of the Use of the Words Stoa and Basilike in Classical Literature. In: American Journal of Archaeology. Band 41, 1937, S. 194–211. befindet sich heute nur noch die Yerebatan-Zisterne. Im Jahr 372 wies Kaiser Valens an, sieben antiquarii anzustellen, von denen vier des Griechischen und drei des Lateinischen mächtig waren.Codex Theodosianus 14,9,2; Viola Heutger: Bibliothek und Skriptorium in Konstantinopel. In: Pázmány Law Review. Band 3, 2015, S. 53–60, hier S. 59. Ihre Aufgabe bestand im Anfertigen neuer und der Reparatur alter Kodizes. Ihnen zur Hand ging eine unbekannte Anzahl condicionales, die für das Beschaffen, Inventarisieren und Einsortieren der Bücher zuständig waren.Carl Wendel: Geschichte der Bibliotheken. Das griechisch-römische Altertum. In: Fritz Milkau, Georg Leyh (Hrsg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Band 3. Harrassowitz, Leipzig 1940, S. 57. 62 (Digitalisat).
Die kaiserliche Sammlung in Konstantinopel soll eine 120 Fuß lange Schriftrolle mit Homers Werken besessen haben, die mit goldener Tinte geschrieben warGeorgios Kedrenos, Historiarum compendium 1,616; und in Schlangenhaut eingebunden war.
Nachfolger der Kaiserlichen Bibliothek Eine „Bildungseinrichtung“ mit Bibliothek bei der Basilike-Zisterne wird zum letzten Mal Mitte des 9. Jahrhunderts vom Chronisten Georgios Monachos erwähnt, als er über ihre Zerstörung im Jahr 726 durch den ikonoklastischen Kaiser Leo III. (717–741) berichtet. Leo hatte Widersacher, darunter kaiserliche Angestellte, in dem Gebäude einsperren und samt Einrichtung sowie Büchern niederbrennen lassen.Georgius Monachus. Chronicon. Hrsg. von Carl de Boor. Band 2. Teubner, Leipzig 1904, S. 742 (Digitalisat); zur Stelle siehe Paul Lemerle: Le premier humanisme byzantin. Presses universitaires de France, Paris 1971, S. 89 f. Es werden diverse kaiserliche Bibliotheken erwähnt, z. B. im Palast des Kaisers Theophilos († 842). Darüber hinaus gibt es weitere Hinweise auf eine kaiserliche Sammlung antiker Bücher oder Bücher ferner Herkunft mit seltenen Texten. Kaiser Konstantin VII. († 959) war ein eifriger Sammler von Büchern und richtete Bibliotheken im Kamilas-Palast ein, einem dreistöckigen Erholungspavillon, und im Großen Palast. Seine berühmten „Excerpta Constantiniana“, eine umfangreiche Kompilation von Textausschnitten antiker Geschichtsschreiber, waren nach Themen geordnet, um den Zugang zu moralischen, politischen und diplomatischen Beispielen aus der antiken Geschichtsschreibung zu erleichtern.Vgl. András Németh: The Excerpta Constantiniana and the Byzantine Appropriation of the Past. Cambridge 2018 (englisch). Kaiser Konstantin IX. († 1055) gründete im Jahr 1047 eine Rechtsschule im Kloster des Heiligen Georg von Mangana mit einer Bibliothek für die Lehrer und Studenten.
Während die ursprüngliche Kaiserliche Bibliothek öffentlich zugänglich war oder von Studenten genutzt wurde, waren ihre Nachfolger meist Büchersammlungen für Beamte und den Kaiser mit einer ungeordneten Sammlung antiker und seltener Werke. Ab dem 13. Jahrhundert förderten die byzantinischen Kaiser die Bildung, nicht jedoch die Gründung von Bibliotheken. Jedoch wurde die Verbreitung von Büchern durch die Verwendung von hochwertigem Papier erleichtert und nahm exponentiell zu.
Der Spanier Pero Tafur besuchte Konstantinopel im Jahr 1437 und beschrieb einen Ort im kaiserlichen Palast, der viele Bücher, antike Schriften, Geschichtswerke und Spielbretter enthielt, mit einfacher und langlebiger Einrichtung sowie schlichten Steinbänken und -tischen.
Zerstörung der Bibliotheken Im 5. Jahrhundert war die Kaiserliche Bibliothek von Konstantinopel die größte Bibliothek ihrer Zeit.Viola Heutger: Bibliothek und Skriptorium in Konstantinopel. In: Pázmány Law Review. Band 3, 2015, S. 53–60, hier S. 57. Die von Julian gestiftete Bibliothek brannte 475 zusammen mit dem Stadtzentrum nieder, wobei rund 120.000 Schriftrollen und Kodizes und damit der Großteil der Bestände verloren gingen.
Die byzantinischen Kaiser investierten auch nach dem 5. Jahrhundert in Bücher, aber eher als private Sammler und nicht zur Bewahrung der Vergangenheit. Wie vorher schon in der Bibliothek von Alexandria vernichteten Brände und politische Unruhen erhebliche Reste antiker Kultur:
726: Zerstörung einer Bibliothek bei der BasilikeZisterne im Jahr 726 durch Kaiser Leo III. als Folge des Ikonoklasmus 1204: Möglicherweise Brand und Plünderungen einer Palastbibliothek während des Vierten Kreuzzugs durch Kreuzritter und venezianische Söldner; gegebenenfalls Auslagerung von Restbeständen nach Nicäa oder Verbringung an andere Orte des Römischen Reichs 1453: Zerstörung der Bibliotheken beim Untergang des Byzantinischen Reichs während der Eroberung von Konstantinopel
Siehe auch Bücherverluste in der Spätantike
Literatur Viola Heutger: Lieferte die Bibliothek in Konstantinopel einen Beitrag zum Codex Theodosianus? In: Harry Dondorp, Martin Schermaier, Boudewijn Sirks (Hrsg.): De rebus divinis et humanis: Essays in honour of Jan Hallebeek. Vandenhoeck & Ruprecht unipress, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8471-0731-6, S. 179–192. Inmaculada Pérez Martín: Byzantine Libraries: The Public and the Private. In: Nuria de Castilla, François Déroche, Michael Friedrich (Hrsg.): Libraries in the Manuscript Age (= Studies in Manuscript Cultures. Band 29). De Gruyter, Berlin 2023, S. 183–208 (Digitalisat; ). Nigel G. Wilson: The Libraries of the Byzantine World. In: Greek, Roman, and Byzantine Studies. Band 8, Heft 1, 1967, S. 53–80 (Digitalisat), hier S. 54–58.
Anmerkungen Inmaculada Pérez Martín: Byzantine Libraries: The Public and the Private. In: Nuria de Castilla, François Déroche, Michael Friedrich (Hrsg.): Libraries in the Manuscript Age (= Studies in Manuscript Cultures. Band 29). De Gruyter, Berlin 2023, S. 183–208 (Digitalisat; ).
Konstantinopel Kategorie:Kulturgeschichte (Byzanz) Kategorie:Konstantinopel