mini|hochkant|Das Wappen des Hauses Visconti aus dem Jahr 1277 stellt die Geburt des Menschen aus einer Schlange (Biscione) dar. mini|hochkant|Wappen aus dem Jahr 1395 mit Krone über der Schlange.
Visconti ist der Name einer der großen Familien Italiens, die lange Zeit Mailand und die Lombardei regierten; sie beanspruchten für sich die Abstammung von Desiderius, dem letzten König der Langobarden. Im 11. Jahrhundert besaßen die Visconti Ländereien am Comer See und am Lago Maggiore. 1277 und erneut 1281 besiegten die Ghibellinen die Mailand kontrollierenden Guelfen, die Familie della Torre (die 1302–11 nochmals zurückkehrte), und herrschten nun als Podestà und Signori. Seit 1395 regierten sie als Herzöge über Mailand und die Lombardei. 1447 verstarb der letzte Visconti der regierenden Linie. Nach seinem Tode fiel das Herzogtum Mailand an seinen Schwiegersohn aus der Familie Sforza, die fortan bis 1535 die Herzöge von Mailand stellte. Die Wappenschlange der Familie (Biscione) wurde im 14. und 15. Jahrhundert zum Symbol Mailands und der Lombardei.
Seitenzweige der Familie bestehen bis heute.
Geschichte mini|Mit dem Reichsadler gebessertes Wappen der Visconti in der Herzogswürde von Mailand Gian Galeazzo Visconti, Herzog von Mailand, gab Ende des 14. Jahrhunderts eine Genealogie in Auftrag, mit der die Visconti auf die Grafen von Angera zurückgeführt wurden, denen Papst Gregor der Große im Jahr 606 einige Königshöfe, darunter den in Mailand und Monza, verliehen haben soll.Dies und die folgenden Aussagen dieses Abschnitts gemäß Vaglienti, Spalte 1717. Im Jahr 1397 gelang es Gian Galeazzo mit Hilfe dieses Konstrukts, dass der deutsche König Wenzel ihm den Adelsstand und den Titel eines Grafen von Angera zuerkannte. In dieser Genealogie treten auf: Ottone, der im Ersten Kreuzzug, also im Jahr 1099 beim Kampf um Jerusalem einen arabischen Herrscher getötet haben soll; Hintergrund dieses Details ist eine gewünschte Erklärung für das Familienwappen, dessen Schlangenemblem von diesem Gegner übernommen worden sein soll. Galvano Visconti, der Mailand gegen Kaiser Friedrich Barbarossa verteidigte, woraufhin ihm dieser den Titel eines Grafen von Angera entzog und ihn zum Vizegrafen herabstufte, was als Erklärung für den Familiennamen herhalten soll.
Erzbischof Ottone Visconti mini|140px|Erzbischof Ottone Visconti (1207–1295) und seine Armee 1277, Fresko auf Burg Angera Die Visconti waren nachweisbar seit der Mitte des 11. Jahrhunderts in Mailand politisch aktiv (siehe unten), kamen aber erst nach rund 200 Jahren an die Macht. Die Basis für das Familienvermögen legte Ottone Visconti (* 1207; † 8. August 1295), ein Kanoniker aus Desio, der durch den Einfluss des Kardinals Ottaviano Ubaldini (1214–1272) von Papst Urban IV. (regierte 1261–1264) 1262 als Anführer der Ghibellinen zum Erzbischof von Mailand ernannt wurde. Die Familie della Torre, die Anführer der Guelfen war und zu dieser Zeit die Stadt kontrollierte, widersetzte sich der Ernennung, und erst nach seinem Sieg bei Desio im Jahr 1277 war es Ottone möglich, seine Diözese in Besitz zu nehmen und die Herrschaft der Visconti über die Stadt zu begründen. Er ließ Napoleone della Torre und fünf seiner Verwandten in Eisenkäfige sperren und richtete seine weiteren Anstrengungen auf die Zukunft seines Neffen Matteo.
Matteo I. Visconti kaiserlicher Vikar mini|140px|links| Porträt des Matteo I. Visconti (1250–1322) auf einem Kupferstich, 19. Jahrhundert Matteo I. Visconti (* 15. August 1250 in Invorio) folgte seinem Onkel als politischer Anführer Mailands, und obwohl ein Aufstand der della Torre 1302 ihn zur Flucht nach Verona zwang, brachte ihm seine standfeste Loyalität zur kaiserlichen Sache in Italien den Dank Heinrichs VII. (regierte 1308–1313), die Wiedereinsetzung in Mailand 1311 und das Amt des kaiserlichen Vikars der Lombardei ein. Allerdings scheint Heinrich Matteo, wohl nicht zu Unrecht, teils misstraut zu haben, da dieser vor allem seine eigenen Ziele verfolgte und dabei die konkurrierende Familie der della Torre (die guelfisch gesinnt war) auszuschalten versuchte. Matteo brachte Piacenza, Tortona, Pavia, Bergamo, Vercelli, Cremona und Alessandria unter seine Herrschaft. Obwohl ein fähiger General, verließ er sich für seine Erwerbungen stärker auf Diplomatie und Bestechung und wurde als Modell eines vorsichtigen italienischen Despoten angesehen. Seine beharrliche ghibellinische Politik und sein Streit mit Papst Johannes XXII. (regierte 1316–1334) über die Besetzung des Bischofsstuhls in Mailand brachten ihm 1322 die Exkommunikation durch den päpstlichen Legaten Bertrand du Pouget ein. Er dankte zugunsten seines Sohnes Galeazzo ab und starb in Crescenzago am 24. Juni desselben Jahres. Außer Galeazzo hinterließ er noch die Söhne Marco, Lucchino, Giovanni und Stefano.
Galeazzo I. Visconti regierte Mailand von 1322 bis 1328 mini|120px|Galeazzo I. Visconti (* 1277; † 1328) auf einem Kupferstich Galeazzo I. Visconti (* 1277; † 1328) regierte Mailand von 1322 bis 1328. Er setzte sich 1324 mit Unterstützung des Kaisers Ludwig IV (regierte 1314–1347) in Vaprio an der Adda gegen die Armee durch, die der Papst gegen die Visconti gesandt hatte. 1327 setzte ihn der Kaiser in Monza gefangen, weil er im Verdacht stand, mit der Kirche Frieden geschlossen zu haben; er wurde lediglich aufgrund der Intervention seines Freundes Castruccio Castracani freigelassen. Von seiner Frau Beatrice d’Este hatte er einen Sohn, Azzo, der sein Nachfolger wurde. Sein Bruder Marco war Befehlshaber einer deutschen Truppe, die Pisa und Lucca eroberte; er starb 1329.
Azzo Visconti (* 1302; † 1339), der seinem Vater 1328 folgte, kaufte den Titel eines kaiserlichen Vikars für 25.000 Florin vom selben Kaiser, der Galeazzo eingesperrt hatte. Er eroberte zehn Städte, ermordete seinen Onkel Marco (1329), unterdrückte einen Aufstand seines Vetters Lodrisio, reorganisierte die Verwaltung seiner Länder, baute den achteckigen Turm von San Gottardo und hinterließ Mailand seinen Onkeln Lucchino und Giovanni.
Luchino Visconti mini|120px|links|Luchino Visconti (1287–1349), Kupferstich nach einem Porträt Luchino Visconti schloss 1341 Frieden mit der Kirche, kaufte Parma von Obizzo III. d’Este und brachte Pisa in seine Abhängigkeit. Obwohl er ein fähiger General und Regent war, war er auch eifersüchtig und grausam; er wurde 1349 von seiner Ehefrau Isabella Fieschi vergiftet. Sein Bruder Giovanni Visconti, Erzbischof von Mailand und Herr der Stadt von 1349 bis 1354, war einer der bemerkenswerten Charaktere seiner Zeit. Er unterstützte Francesco Petrarca, dehnte die Herrschaft der Visconti über Bologna aus (1350), widersetzte sich Papst Clemens VI. (regierte 1342–1352) und annektierte Genua (1353); bei seinem Tod am 5. Oktober 1354 hatte er die Herrschaft seiner Familie über ganz Norditalien außer Piemont, Verona, Mantua, Ferrara und Venedig ausgedehnt. Die Visconti der Zeit des Erzbischofs Giovanni waren keine Rivalen der della Torre mehr, auch nicht abhängig von kaiserlichen Launen, sondern echte souveräne Herrscher mit der anerkannten Macht über Mailand und seine Umgebung. Der Staat wurde bei Giovannis Tod unter die drei Söhnen Stefanos, Matteo II., Galeazzo II. und Bernabo aufgeteilt:
Matteo II. Visconti mini|120px|links|Matteo II. Visconti († 1355) Porträt im Profil auf einem Stahlstich aus dem 19. Jh. Matteo II. Visconti, der in Bologna, Lodi, Piacenza und Parma folgte, widmete sich selbst der Sittenlosigkeit und wurde 1355 auf Anweisung seiner Brüder ermordet, die anschließend seine Gebiete gemeinsam und vergleichsweise fähig regierten.
Galeazzo II. Visconti Galeazzo II. Visconti (ca. 1320–1378), der in Pavia residierte, war vornehm und gutaussehend, Förderer Petrarcas, Gründer der Universität Pavia und ein begabter Diplomat. Er verheiratete seine Tochter Violante an Lionel, Herzog von Clarence, einen Sohn des englischen Königs Eduard III. (regierte 1327–1377), was ihn eine Aussteuer von 200.000 Goldflorin kostete, und seinen Sohn Gian Galeazzo an Isabella, Tochter des Königs Johann II. von Frankreich (regierte 1350–1364). Er starb 1378.
Bernabò Visconti Bernabò Visconti (ca. 1323–1385), der in Mailand residierte, war permanent in Kriege verwickelt; und musste sehr drückende Steuern erheben, um deren Kosten zu decken. Er kämpfte gegen die Päpste Innozenz VI. (regierte 1352–1362) und Urban V. (regierte 1362–1370), die gegen ihn einen Kreuzzug ausriefen. Er kämpfte auch gegen Kaiser Karl IV. (regierte 1346–1378), der ihn seiner Lehen für verlustig erklärte. Er bemühte sich nach dem Tod seines Bruders um die alleinige Macht im Staat, wurde aber von seinem jungen Neffen Gian Galeazzo getötet (1385).
Gian Galeazzo Visconti mini|120px|Gian Galeazzo Visconti (1351–1402) auf einem Porträt Gian Galeazzo Visconti, (* 16. Oktober 1351 in Pavia; † 3. September 1402 in Melegnano) der mächtigste der Visconti, wurde Mitregent in Mailand nach dem Tod seines Vaters 1378 und alleiniger Regent der visconteischen Herrschaften nach der von ihm vollzogenen Gefangennahme und Ermordung seines Onkels Bernabò 1385. Er legte den Grundstein zur Kathedrale von Mailand, baute die Certosa und die Brücke über den Ticino in Pavia, förderte die Universität Pavia, gründete die Bibliothek dort und ließ die Universität Piacenza wiederherstellen. Seine Verwaltung war ausgezeichnet, er war ein fähiger und wirtschaftlich denkender Regent und wurde als einer der reichsten Fürsten seiner Zeit angesehen. Er hatte den Ehrgeiz, ganz Italien in die Hand zu bekommen, eroberte Verona 1387 und Padua mit Hilfe Venedigs im Jahr darauf. Er wandte sich erfolgreich gegen die Regenten von Mantua und Ferrara und anschließend, als die ganze Lombardei ihm gehörte, gegen die Toskana. 1399 kaufte er Pisa und beschlagnahmte Siena. Der deutsche König Wenzel (regierte 1376–1400) hatte ihm 1395 gegen eine Zahlung von 100.000 Florin den Titel eines Herzogs von Mailand gegeben, ihn 1395 zum Grafen von Pavia und 1397 zum Herzog der Lombardei ernannt, und sich andererseits geweigert, gegen ihn zu Felde zu ziehen. Gian Galeazzo eroberte Perugia, Assisi, Lucca und Bologna (1400–1401) und belagerte Florenz, als er am 3. September 1402 im Alter von 50 Jahren an der Pest starb. Seine Söhne Giovanni Maria und Filippo Maria waren zu der Zeit noch nicht erwachsen und kamen unter den Schutz des Condottiere Facino Cane de Casale; die meisten seiner Eroberungen gingen an seine selbstsüchtigen Generäle verloren.
Filippo Maria Visconti und Giovanni Maria Visconti mini|120px|links|Filippo Maria Visconti (1392–1447) mini|120px|Giovanni Maria Visconti (1388–1412) Porträt auf einem Kupferstich Giovanni Maria Visconti wurde 1402 zum Herzog von Mailand proklamiert; er zeigte eine geistesgestörte Grausamkeit und wurde 1412 von ghibellinischen Partisanen ermordet. Filippo Maria Visconti (1392–1447), seit 1402 nominell Regent von Pavia, folgte ihm als Herzog nach. Grausam und äußerst empfindlich in Bezug auf seine eigene Hässlichkeit, war er nie ein großer Politiker, beschränkte sich darauf, so mächtige Condottieri wie Francesco Bussone da Carmagnola, Niccolò Piccinino und Francesco Sforza die Lombardei regieren zu lassen. Durch die Heirat mit der unglücklichen Witwe des erwähnten Facino Cane, Beatrice di Tenda (um 1372–1418) erhielt er nahezu eine halbe Million Florin. Er starb 1447 als der letzte Visconti in männlicher Linie; ihm folgte im Herzogtum, nach der kurzlebigen ambrosianischen Republik, 1450 Francesco I. Sforza, der 1441 seine Tochter Bianca Maria (* um 1424; † 1468) geheiratet hatte (siehe Sforza).
Weitere Familienmitglieder Gabriele, ein unehelicher Bruder der beiden letzten Herzöge von Mailand, ergriff Besitz von Pisa und anderen Städten, wurde aber 1407 von Karls VI. Gouverneur von Genua abgesetzt und enthauptet.