Nehrungskurisch (nehrungskurisch: kursineeki wahloda, , ) oder Neukurisch (häufiger auf ) ist eine aussterbende ostbaltische Sprache, die bis nach 1945 auf der Kurischen Nehrung (damals Teil Ostpreußens) von Fischern, den Nehrungskuren, gesprochen wurde.

Linguistische und sprachgeschichtliche Einordnung Es handelt sich um einen lettischen Dialekt oder eine eigene Sprache mit starken Einflüssen der litauischen, niederdeutschen und deutschen Sprache.

Entgegen veralteten Hypothesen des 19. Jahrhunderts ist Nehrungskurisch weder ein Überrest der westbaltischen altpreußischen Sprache noch der wahrscheinlich westbaltischen altkurischen Sprache, die beide seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen werden. Stattdessen steht das Nehrungskurische der ostbaltischen lettischen Sprache am nächsten und wird entweder als lettischer Dialekt oder als eigene ostbaltische Sprache klassifiziert.Als lettischen Dialekt betrachtet Nehrungskurisch z. B. Wolfgang P. Schmid, in Zusammenarbeit mit I. Bernowskis (Hrsg.): Nehrungskurisch. Sprachhistorische und instrumentalphonetische Studien zu einem aussterbenden Dialekt Stuttgart 3 Bd.e, 1989–99, für die Einordnung als Sprache plädiert z. B. die Dalia Kiseliūnaitė (Universität Klaipėda): The sociolinguistic evaluation and recording of the dying Kursenieku language. (PDF; 0,3 MB) in: Language Documentation & Conservation Special Publication No. 9 (Januar 2016) der University of Hawaiʻi at Mānoa, S. 73–74.Alle Angaben im Kapitel vgl. Pietro U. Dini: Foundations of Baltic Languages. Vilnius 2014, S. 298.

Spracheinflüsse in Lexik und Grammatik Schon Bezzenberger bezeichnete den Wortschatz (Lexik) der Sprache der Einheimischen auf der Kurischen Nehrung, die er „preußische Letten“ nannte, als „teilweise Deutsch, teilweise Lettisch, teilweise Litauisch“.Vgl. Pietro U. Dini: Foundations of Baltic Languages. Vilnius 2014, S. 298. Richard Pietsch (siehe unten) schrieb, dass 60 % des Wortschatzes des Nehrungskurischen aus dem Lettischen kommen, 26 % aus dem Deutschen, zumeist aus dem Niederdeutschen, häufig dem regionalen Dialekt Niederpreußisch und 13 % aus dem Litauischen, oft aus dem schemaitischen (niederlitauischen) Dialekt.Richard Pietsch: Deutsch-Kurisches Wörterbuch, S. 17 Friedhelm Hinze untersuchte daneben eine Gruppe slawischer Lehnwörter aus dem Alltagsleben im Nehrungskurischen, teilweise ein Ergebnis sehr früher Kontakte aus Kurland zur Kiewer Rus,Dalia Kiseliūnaitė (Universität Klaipėda): The sociolinguistic evaluation and recording of the dying Kursenieku language. (PDF; 0,3 MB) in: Language Documentation & Conservation Special Publication No. 9 (Januar 2016) der University of Hawaiʻi at Mānoa, S. 73/74. teilweise Beleg für das frühere Sprachgebiet bis in die Nähe von Danzig, denn nur hier waren slawische Sprachen vor dem 18. Jahrhundert Kontaktsprachen der Nachbarschaft und näheren Umgebung (Polnisch und Kaschubisch).Friedhelm Hinze: Die slawischen lexikalischen Elemente im nehrungskurischen Wortschatz, die das Alltagesleben der Nehrungskuren bezeichnen. Versuch einer Systematisierung in: LOSP (=Michał Hasiuk (Hrsg.): Linguistic and Oriental studies from Poznań) (1993), S. 43–52. Wolfgang P. Schmid beschrieb im lettischen Anteil der Lexik daneben (ähnlich den lettischen Dialekten in Kurland) einen Bestand alter Lehnwörter aus dem Altkurischen und aus der finno-ugrischen Sprache Livisch, eine historische nördliche Nachbarsprache in Kurland, die allmählich vom Kurländer Lettischen zurückgedrängt wurde (der letzte Muttersprachler des Livischen starb 2013).

Auch auf grammatischer Ebene zeigt Nehrungskurisch nach Schmid viele Merkmale einer verbundenen gemischten fusion language.Wolfgang P. Schmid: Das Nehrungskurische, ein Sprachhistorischer Überblick. 1989, so zusammengefasst bei Pietro U. Dini: Foundations of Baltic Languages. Vilnius 2014, S. 298.

Herkunft und Geschichte der Nehrungskuren

mini|Sprachgebiet des Nehrungskurischen 1649 Die langen Grenzkriege zwischen dem Deutschen Orden, dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen verwüsteten die Grenzregionen beider Seiten. Sie wurden erst durch den Frieden vom Melnosee 1422 und endgültig durch den Zweiten Thorner Frieden 1466 beendet. Die preußisch-litauischen Grenzgebiete (West-Samogitien und Kleinlitauen) waren im 15. Jahrhundert weitgehend entvölkert. So ergab sich die Notwendigkeit, die fast entvölkerte „Große Wildnis“ im Norden, Osten, Süden und an der Küste des Deutschordensstaates Preußen allmählich wieder zu besiedeln.Andreas Kossert: Ostpreußen. Mythos und Geschichte. Siedler, München 2007, ISBN 3-88680-808-4, S. 192. Nur die Zentralgebiete hatten eine konstante Besiedlung aus deutschsprachiger Bevölkerung, in die sich bis um 1700 auch die altpreußisch-westbaltische Bevölkerung assimilierte. Zur Wiederbesiedlung der „Großen Wildnis“ wurden neben deutschen Siedlern im 16. und 17. Jahrhundert vor allem im Norden und Osten litauische Bauern („Preußisch Litauen“) ins Land geholt. In den Süden kamen polnische Bauern („Masuren“), darunter viele protestantische Emigranten vor der katholischen Gegenreformation in Polen-Litauen.

An der Küste ließen sich Fischer nieder, die im 15. Jahrhundert entlang der Westküste Kurlands nach Süden gezogen waren, bis ins Samland.Andreas Kossert: Ostpreußen. Mythos und Geschichte. Siedler, München 2007, ISBN 3-88680-808-4, S. 192. Diese „Kuren“ (nehrungskurisch: Kursenieki, lettisch: kursi, kurši) sprachen nicht mehr die alte, vermutlich westbaltische kurische Sprache, sondern mittellettische ostbaltische Dialekte, die bis zum 16. Jahrhundert durch den Zuzug aus Lettgallen und Semgallen die altkurische Sprache in Kurland verdrängt hatten.

Wie aus historischen Quellenauswertungen bekannt ist, breiteten sich die kurisch-lettischen Fischerdörfer vom 14. bis 17. Jahrhundert allmählich von Kurland an der Rigaer Bucht über die litauische Küste, die Kurische Nehrung und einige Dörfer an der Innenseite des Kurischen Haffs aus, dann über die Küste Samlands und das Frische Haff bis zur Küste östlich von Danzig. Die gesamte Meeresfischerei dieser Region lag im 17. Jahrhundert in der Hand kurischer Fischer. Nehrungskurisch wird deshalb oft auch als Soziolekt der Ostseefischer der Region charakterisiert, während die Bauern im Landesinneren deutsch, polnisch oder litauisch sprachen. Es gab seit 15./16. Jahrhundert auch einige Bauerndörfer abseits der Küste, die von kurischen Siedlern aus Kurland begründet und bewohnt wurden, die sich aber bis ins 18. Jahrhundert sprachlich in ihre litauische oder deutsche Umgebung assimiliert hatten. mini|Nehrungskurische („lettische“) Bevölkerung im März 1897 mit Bevölkerungstabelle, unterschieden zwischen der lettischen/kurischen Bevölkerung allgemein (insgesamt 1196) und jener mit Fachsprache „im Fischereigewerbe“ (insgesamt 3516). Hellrot: ehemaliges Gebiet, mittelrot: „Gebiet vereinzelter Kuren“; rot: „Gebiet mit kurischer Fischersprache“. Die Fischerdörfer nördlich der Nehrung an der heute litauischen Festlandküste zeigten große Unterschiede zwischen wenigen Alltagssprechern und den zahlreichen Sprechern im Fischereigewerbe, auf der Kurischen Nehrung dagegen gab es kaum Differenzierungen.aus: Franz Tetzner: Die Slaven in Deutschland : Beiträge zur Volkskunde der Preussen, Litauer und Letten, der Masuren und Philipponen, der Tschechen, Mährer und Sorben, Polaben und Slowinzen, Kaschuben und Polen. Braunschweig 1902, Kartenteil „Zu Seite 127.“ Seit dem 17. Jahrhundert wurde Kurisch allmählich durch Ehen und Kontakte mit dem Hinterland assimiliert und zurückgedrängt. Außerdem war Nehrungskurisch (oder Lettisch) niemals die Kirchensprache der Predigten und Gebete in den evangelisch-lutherischen Kirchen der Region, sondern im Süden Deutsch, im Norden Litauisch. Es bildete sich in einigen Regionen die Sitte, dass die Männer auf ihren Fischzügen Kurisch sprachen, zu Hause wurde dagegen Deutsch oder Litauisch gesprochen. Viele Fachbegriffe der Seefischerei kamen in Preußen aus dem Kurischen, was die Klassifizierung als Soziolekt der Seefischer förderte. Allein in Fischerdörfern der Kurischen Nehrung blieb Kurisch bis zum Zweiten Weltkrieg eine allgemein verwendete Sprache. Im 19. Jahrhundert bildete sich deshalb die Bezeichnung „Nehrungskurisch“. Anfang der 1920er Jahre erhob Lettland kurzzeitig politische Ansprüche auf die abseits gelegene Nehrung, deren Sprache für lettische Besucher weitgehend verständlich war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galten bis 1947 sämtliche Bewohner der Fischerdörfer auf der Nehrung offiziell als Deutsche,Andreas Kossert: Ostpreußen. Mythos und Geschichte. Siedler, München 2007, S. 339. darunter mindestens 245 Familien, die Kurisch sprachen.Richard Pietsch: Deutsch-Kurisches Wörterbuch. Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg 1991, S. 353. Im Zuge der Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen wurden sie 1948 nach Westen vertrieben.Andreas Kossert: Ostpreußen. Mythos und Geschichte. Siedler, München 2007, S. 337.

Eine sterbende Sprache mini|links|Aushang für einen Nehrungskurisch-Kurs von Dalia Kiseliūnaitė in Juodkrantė (Schwarzort) im April 2019. Nach der Vertreibung lebten die meisten Muttersprachler in Deutschland. Richard Pietsch (1915–2007) aus Nidden,Richard Pietsch. Nederdütsche Wikipedia ehemals Pferdepostbote mit nur linker Hand am Einspänner, nach der Flucht Versicherungsvertreter und später in der Bundeswehrverwaltung tätig, reiste durch Deutschland und interviewte alte Fischer, die noch Nehrungskurisch sprachen.Gabriele Lorenz-Rogler: Der letzte Kure: Ein Besuch bei Richard Pietsch. In: Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, 8. Februar 2004. Seine Erinnerungen an die Heimat stellte Jens Sparschuh 2001 in einem Hörfunk-Feature zusammen.ORF Radio Ö1: Hörbilder, 2001, Koproduktion von SFB, SWF und anderen; Rezension von Tom Peuckert in: Der Tagesspiegel vom 29. Dezember 2001, S. 27 (online, abgerufen am 8. Februar 2024). Einige Dokumentationen und Wörterbücher des Nehrungskurischen fertigte Pietsch gemeinsam mit dem Muttersprachler Paul Kwauka an.