Elisabetha „Elise“ Dosenheimer (* 22. Dezember 1868 in Ungstein; † 11. April 1959 in New York City) war eine deutsche und später US-amerikanische Germanistin, Dozentin, Publizistin und Frauenrechtlerin.
Leben Elise Dosenheimers Eltern waren der Kaufmann Abraham Dosenheimer und seine Frau Helene, geborene Adler. Der Jurist Emil Dosenheimer war ihr Bruder.Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 1: A–G. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 400–401.
Sie besuchte die Volksschule in Dürkheim und danach die Höheren Töchterschulen in Dürkheim und Speyer. Ab 1904 begann sie ihr Frauenstudium zunächst als Gasthörerin mit Vorlesungen der Philosophie in Berlin und Jena und später immatrikuliert in Heidelberg. Sie machte im Juni 1908 ihr Abitur am Realgymnasium in Mannheim und studierte Deutsche Philologie, Philosophie und Geschichte in München und Jena.
Über ihr Studium und ihre Mitstudentinnen schrieb sie später:„daß ein großer Teil der Studentinnen entweder ganz vergessen hat oder sich dessen nie ganz bewußt war, wem sie denn eigentlich das ihnen heute so selbstverständliche Recht des Studiums zu verdanken haben, daß so viele kaum zu wissen scheinen, daß es so etwas wie eine Frauenbewegung gibt. […] Ich war nicht wenig erstaunt, als ich im Wintersemester 1905/6 nach Berlin kommend und die Teilnahme der Universitätshörerinnen an den Bestrebungen der Frauenbewegung, zum mindesten den Besuch der ihnen gewidmeten öffentlichen Versammlungen als selbstverständlich voraussetzend, bei sehr vielen gänzliche Interesselosigkeit, nicht selten völlige Ignoranz in diesem Punkt vorfand.“1912 promovierte sie in Jena über „Friedrich Hebbels Auffassung vom Staat und sein Trauerspiel ‚Agnes Bernauer‘“ bei Rudolf Eucken. Sie war danach als Publizistin in Jena, München und auch in Heidelberg tätig und hielt bis 1933 Vorlesungen über Literatur an der Universität Jena. 1925 veröffentlichte sie das Buch „Das zentrale Problem in der Tragödie Friedrich Hebbels“. Ihm lag die These zugrunde, dass der Dualismus der Geschlechter bei Hebbel den Dualismus im Weltgeschehen repräsentiere. 1949 erschien ihr Hauptwerk „Das deutsche soziale Drama von Lessing bis Sternheim“, das von der Kritik gelobt und wiederaufgelegt wurde. Das Werk ist nicht nur ein literatur-kritisches, sondern auch eine gesellschaftskritische Analyse. Sie veröffentlichte zahlreiche Aufsätze in Zeitschriften und Zeitungen, darunter die Monatszeitschrift Die Tat, die Jüdisch-liberale Zeitung und die jüdische Zeitung Aufbau. Ihre Schwerpunkte waren Schiller, Hebbel und deutsches Drama. mini|Stolperstein für Elise Dosenheimer in Heidelberg Dosenheimer war in ihrer Zeit gut vernetzt. Sie war bekannt mit dem Musikwissenschaftler Alfred Einstein, kannte Lion Feuchtwanger und Thomas Mann. Mit Anita Augspurg, Helenie Stöcker und Lida Gustava Heymann war sie befreundet und wie diese in der Frauenbewegung aktiv. Sie setzte sich u. a. für den Zugang der Frauen zu den Universitäten, für Berufserschließung für Frauen sowie für das Frauenwahlrecht ein und veröffentlichte Beiträge in Die Frauenbewegung, Zeitschrift für Frauenstimmrecht und Die Neue Generation. Außerdem war sie Pazifistin, die davon überzeugt war, dass Frauen zur Befriedung der Welt beitragen könnten. Erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sollte sie ihre Ansicht ändern und diesen Krieg gegen den Hitler-Faschismus„bejahen, weil sie einsah, dass er unumgänglich war, sollte die Welt vor einem äußersten Abgrund, sollte die Idee der Menschheit vor letzter Schändung gerettet werden.“1929 zog sie nach Heidelberg. Am 22. Oktober 1940 wurde sie als Jüdin im Rahmen der Wagner-Bürckel-Aktion aus Heidelberg in das Internierungslager Gurs im besetzten Frankreich deportiert. Mit Hilfe von Paul Rehfeld, einem Sohn ihrer Nichte Sofie Rehfeld (geborene Lurch), entkam sie am 11. Februar 1941 nach Pau, wo sie sich bei der Familie Rehfeld aufhielt. Mit dem Schiff Colonial fuhr sie von Lissabon nach New York, wo sie am 3. Dezember 1941 eintraf. Dort angekommen wohnte sie vorübergehend bei der Professorin für Politische Ökonomie, Politik- und Sozialwissenschaften und späteren Friedensnobelpreisträgerin Emily Greene Balch (1867 – 1961), die Dosenheimer aus der internationalen Friedensbewegung kannte. 1957 wurde der sog. Wiedergutmachungsantrag von Elise Dosenheimer abgelehnt. In den USA lebte sie in bescheidenen Verhältnissen und nahm am 16. Juni 1947 die amerikanische Staatsbürgerschaft an.Paul Theobald: Jüdische Mitbürger in Frankenthal mit den Stadtteilen Eppstein und Flomersheim von 1800 bis 1940, Ausfertigung: August 2015.
Elise Dosenheimer starb am 11. April 1959 im Alter von 90 Jahren in New York City.
Gedenken Im Rahmen des Projektes Stolpersteine wurde am 20. November 2014 vor ihrem ehemaligen Wohnhaus an der Adresse Blumenthalstraße 36 in Heidelberg-Neuenheim ein Stolperstein für Elise Dosenheimer verlegt.
Werke Selbstständige Publikationen
Friedrich Hebbels Auffassung vom Staat und sein Trauerspiel „Agnes Bernauer“. Leipzig, 1912.
Aufsätze (Auswahl) Häckels Welträtsel im Lichte des reinen Laienverstandes. In: Bericht über die Mitgliederversammlung des Vereins Frauenbildung Frauenstudium, 7 (1905) Zur Studentinnenfrage. In: Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frauen, 12 (1906) Schiller zum 150. Geburtstag. In: Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frauen, 12 (1906) Agnes Bernauer. Zu Friedrich Hebbels 100. Geburtstag. In: Die Frau. Monatszeitschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit, 20 (1912/13) Kunst und Sittlichkeit bei Schiller. In: Die Tat, 8 (1916/17) Soziale Dramen Hauptmanns. In: Bayer. Lehrerinnenzeitung, 23 (1932)
Literatur Robert Schmitt-Scheubel: Dosenheimer, Elise, in: Christoph König (Hrsg.), unter Mitarbeit von Birgit Wägenbaur u. a.: Internationales Germanistenlexikon 1800–1950. Band 1: A–G. de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-015485-4, S. 400–401. Joseph Walk (Hrsg.): Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4.
Dosenheimer, Elise. In: Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 6: Dore–Fein. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. Saur, München 1998, ISBN 3-598-22686-1, S. 7–9.
Weblinks
Initiative Heidelberger Stolpersteine - Dr. Elise Dosenheimer (1868–1959) (PDF; 681 kB) Maja Linthe: Dr. Elise Dosenheimer und ihr Heidelberger Zimmer für sich allein. (PDF) In: Heidelberger Geschichtsverein e.V. (Hrsg.): Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt. Band 20. Kurpfälzischer Verlag, Heidelberg 2016, ISBN 978-3-924566-58-6, S. 193–204.
Einzelnachweise
Kategorie:Frauenrechtler (Deutschland) Kategorie:Germanist Kategorie:Publizist Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Person, für die in Heidelberg ein Stolperstein verlegt wurde Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Deutscher Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1868 Kategorie:Gestorben 1959 Kategorie:Frau