Jereruk (), auch Yererouk, Yereruyk, Ererouk, Ereruk’, Jererujk und Jererukh, ist ein ehemaliges Kirchengebäude der Armenischen Apostolischen Kirche in der nordarmenischen Provinz Schirak nahe der Siedlung Anipemza unmittelbar an der türkischen Grenze. Die im 5. oder 6. Jahrhundert erbaute und später kaum veränderte, dreischiffige Basilika zeigt von allen frühchristlichen armenischen Sakralgebäuden den deutlichsten syrischen Einfluss. Sie wurde bei einem Erdbeben im 17. Jahrhundert schwer beschädigt und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis auf das fehlende Dach teilrestauriert. Seit 1995 steht die mächtige Ruine als die bedeutendste, aus präarabischer Zeit erhaltene armenische Basilika auf der Tentativliste des UNESCO-WelterbesThe basilica and archaeological site of Yererouk. UNESCO World Heritage Centre.

In einem Grab aus dem 8./7. Jahrhundert v. Chr. in der Nähe der Kirche wurde ein urartäisches Gürtelblech aus Bronze gefunden, dessen Gestaltung skythischen und assyrischen Grabfunden ähnelt. mini|Basilika von Südwesten

Lage

Von Jerewan kommend zweigt rund 20 Kilometer hinter Etschmiadsin in Armawir eine Landstraße (H17) von der M5 in nordwestlicher Richtung ab und führt durch ein flaches Hügelgebiet mit einigen von kleinparzellierten Feldern umgebenen Dörfern parallel zur türkischen Grenze nach Anipemza. Alternativ ist Anipemza über die M1 zu erreichen, die Jerewan direkt mit Gjumri verbindet. In Talin und in Mastara zweigen von der M1 Nebenstraßen nach Westen ab.

Der in den Aras einmündende Grenzfluss Achurjan wird nördlich des Ortes zu einem 20 Kilometer langen künstlichen See aufgestaut, der sich im Norden bis kurz vor Gjumri ausdehnt und beiden Ländern zur Feldbewässerung dient. Der Achurjan selbst fließt in einer tiefen Schlucht und ist für die Bewässerung ungeeignet. In vorgeschichtlicher Zeit war das gesamte Achurjan-Tal nördlich von Anipemza ein großer See an der Westseite des Vulkanberges Aragaz. Die aus herabströmenden Lavamassen gebildeten Hügelketten hielten das Wasser zurück.

Der Ort Anipemza (Ani Pemza, bis 1938 Kzkule) ist als Landgemeinde (hamaynkner) deklariert und besteht im Wesentlichen aus einigen Wohnblocks, die sich entlang der Durchgangsstraße reihen. Bei der Volkszählung 2001 wurden 349 offizielle Einwohner registriert.RA 2001 Population and Housing Census Results. (PDF; 932 kB) armstat.am Für Januar 2012 gibt die amtliche Statistik 505 offizielle Einwohner an.RA Shirak Marz. (PDF; 150 kB) armstat.am, S. 291 Während der sowjetischen Zeit befand sich in Anipemza eine Industriefabrik zur Verarbeitung von Bimsstein, die zusammen mit der Tuffstein-Fabrikation von Artik zu den landesweit führenden Baustoffherstellern gehörte.Armenian Soviet Socialist Republic. Great Soviet Encyclopedia, 1979 Nach der Unabhängigkeit des Landes 1991 wurde die Fabrik zunächst geschlossen. Die so entstandene Arbeitslosigkeit, der Mangel an Trinkwasser und geeignetem Ackerland haben zu einer Abwanderung der Bevölkerung aus dem randständigen Gebiet geführt.

mini|Westseite der Kapelle Die Basilika von Jereruk steht weithin sichtbar auf einer leicht gewellten baumlosen Ebene am südlichen Rand der Siedlung. Die Entfernung von der Kirchenruine bis zum Fluss beträgt etwas über 300 Meter, geringer ist der Abstand zur Bahnlinie im Osten. 1958 kamen bei Ausgrabungen 200 Meter südöstlich die Reste eines Steindamms aus dem 4./5. Jahrhundert zum Vorschein, mit dem Wasser aus einem vom Achurjan abgeleiteten Kanal in einem Becken gespeichert wurde. In der Nähe befinden sich ferner die Ruinen eines mittelalterlichen Dorfes, eine noch nicht ausgegrabene Kapelle und eine frühere Wohnhöhle. Acht Kilometer nordwestlich liegen die Reste der mittelalterlichen armenischen Hauptstadt Ani auf türkischer Seite am Achurjan. Der Name Anipemza besteht in der ersten Silbe aus der Erinnerung an die von hier aus nicht erreichbare, bedeutendste armenische Ruinenstätte und dem Zusatz -pemza, der vom russischen Wort für Bimsstein abgeleitet ist.

Urartäischer Fundort mini|Blick von der Kirche nach Osten In einer Senke östlich der Basilika wurde ein eisenzeitliches Gräberfeld entdeckt. Ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Urartäer eine Reihe befestigter Siedlungen an den Hängen des Aragaz und im fruchtbaren Aras-Tal, wo sie das Land durch Bewässerungskanäle urbar machten. Gut erforscht wurden die Städte Argischtichinili (Argištiḫinili) nahe Armawir, die von König Argišti I. (reg. um 785–753) angelegt wurde,Mirjo Salvini: Geschichte und Kultur der Urartäer. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, S. 129 Dvin und Metsamor. Der Name Anipemza taucht in der Geschichtsliteratur auf, weil hier in Grab 6 einer der zahlreichen urartäischen Bronze- und Goldgürtel des 8. und 7. Jahrhunderts v. Chr. gefunden wurde. Keines dieser mit feinen Tierdarstellungen reliefierten Gürtelbleche blieb vollständig erhalten, um seine ursprüngliche Länge zu messen, und von den meisten ist die Herkunft unbekannt. Die stilistisch einheitlichen Bronzegürtel von Anipemza, Zakim (türkische Provinz Kars) und Guschchi (am Nordende des Urmiasees) zeigen mehrere umlaufende Reihen von punzierten Tieren, die sich stets in eine Richtung bewegen. Die Ränder sind durchlöchert, ohne dass sich Spuren von Nieten fanden; die Bleche waren demnach vermutlich auf eine Stoff- oder Lederunterlage genäht.

Keine Fundstelle der Gürtelbleche ist eindeutig datierbar, mit Ausnahme eines Exemplars aus Altıntepe, wo eine Keilschrift darauf hinweist, dass sein Besitzer ein Zeitgenosse von Argišti I. (reg. 714–680) war. Auf dem Anipemza-Gürtel sind Vogelmenschen zu sehen, die in Guschchi fehlen und den geflügelten Kentauren von Altıntepe ähneln, mit dem Unterschied, dass sie nicht wie jene Bögen in den Händen halten.R. W. Hamilton: The Decorated Bronze Strip from Gushchi. In: Anatolian Studies 15, 1965, S. 45–47, 49 Das Motiv eines aus verschlungenen Bändern gebildeten Lebensbaums des Anipemza-Gürtels findet sich auch auf einem goldenen Pektoral (Brustschmuck),Helene J. Kantor: A Fragment of a Gold Appliqué from Ziwiye and Some Remarks on the Artistic Traditions of Armenia and Iran during the Early First Millennium B. C. In: Journal of Near Eastern Studies, Vol. 19, No. 1, Januar 1960, S. 1–14, hier S. 7 der zum Schatz von Ziwiye gehört und (neben dem skythischen und assyrischen) den urartäischen Einfluss auf die dortige Kunstproduktion bestätigt. Daraus wird gefolgert, dass die Fundobjekte nicht das Werk der Mannäer gewesen sein können, die in Ziwiye lebten.Charles Burney, David M. Lang: Die Bergvölker Vorderasiens. Armenien und Kaukasus von der Vorzeit bis zum Mongolensturm. Kindler, München 1973, S. 342, ISBN 3-463-13690-2 Ferner ähnelt das Lebensbaummotiv von Anipemza denjenigen auf Kurzschwertern (Acinaces), die in den skythischen Kurganen am Fluss Kelermes (Region Krasnodar, Russland) gefunden wurden.Sandro Salvatori: An Urartian Bronze Strip in a Private Collection. In: East and West, Vol. 26, No. 1/2, März–Juni 1976, S. 97–109, hier S. 109

Herkunft und Datierung der Kirche Im 4. Jahrhundert v. Chr. begann in Großarmenien der Aufstieg der aus Baktrien stammenden Orontiden, der ersten armenischen Dynastie. Aus dem kleinasiatisch-iranischen Raum wurde Armenien ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. hellenistisch beeinflusst. Bis auf den römischen Tempel von Garni blieben keine Gebäude aus der unmittelbaren vorchristlichen Zeit erhalten, dafür geben an vielen frühchristlichen Kirchengebäuden mehrstufige Sockelunterbauten (Krepis) einen Hinweis, dass die Kirchen über einem älteren heidnischen Tempel errichtet worden sein könnten. Vertreter einer frühen Datierung der Jereruk-Basilika attestieren ihrem sechsstufigen Unterbau einen vorchristlichen Ursprung, während der Bautyp der Basilika der Struktur von im 2. Jahrhundert v. Chr. entstandenen römischen Profanbauten folgt.

Nach der armenischen Überlieferung, die ab der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts schriftlich greifbar wird, errichtete der heilige Gregor kurz nach 300 in Aschtischat die erste christliche Kirche der Armenier am Platz eines zerstörten zoroastrischen Tempels. Dass das Kirchengebäude in gleicher Größe über dem Tempel errichtet wurde, geht erst aus einer Quelle des 9./10. Jahrhunderts hervor. Eine solche unmittelbare Abfolge behauptet der armenische Kunsthistoriker Toros Toramanian (1864–1934) in seiner Evolutionstheorie, wonach die Urartäer langrechteckige Bauten entwickelt hätten und solcherart heidnische Tempel durch den Einbau einer Apsis und von Nebenräumen im Osten zu den ersten Kirchen umfunktioniert worden seien. Bauuntersuchungen am Mauerwerk der von Toramanian angeführten Beispiele konnten seine These jedoch nicht bestätigen.Annegret Plontke-Lüning, S. 265 f. Die Frage ist, ob aus der in der gesamten Antike vorhandenen Tradition heiliger Kultorte, die von verschiedenen Religionen nacheinander gepflegt wurde, im Einzelfall auf die Weiterverwendung von Gebäudeteilen geschlossen werden kann.

Die ersten armenischen Gotteshäuser waren aus Profanbauten abgeleitete Saalkirchen und Basiliken, noch bevor die für die armenische Architektur charakteristischen Zentralkuppelbauten entstanden. Anders sah es Josef Strzygowski, der in seinem einflussreichen Hauptwerk zur armenischen Baukunst 1918 den angeblich aus der iranischen (im Wortlaut „arischen“) Kultur stammenden Vier-Pfeiler-Zentralbau an den Anfang stellte und die Kathedrale von Bagaran als wesentliche Entwicklungsstufe betrachtete. Die frühchristlichen Basiliken in Armenien hielt er für einen kurzlebigen Import aus der Mittelmeerregion, dem er wenig Bedeutung beimaß.Christina Maranci, S. 117

Aus der vorarabischen Zeit blieben in Armenien fünf große Basiliken als Ruinen erhalten. Neben Jereruk sind dies Jeghward, Aschtarak und Aghtsk (zwischen Agarak und Bjurakan) im Süden des Aragaz sowie Aparan (Kasagh) an der Ostseite des Berges. Die erste Basilika von Dvin kann nur mit Unsicherheit aus den freigelegten Fundamenten und Mauerresten rekonstruiert werden. Der Bau von Dvin wird mit einiger Wahrscheinlichkeit nach historischen Quellen in die 460er Jahre datiert, die ungefähre zeitliche Einordnung der anderen Basiliken ist nur indirekt und durch Stilvergleiche möglich. Aghtsk dürfte die älteste Basilika gewesen und um 364 entstanden sein, weil nach der etwa 470 abgefassten „Epischen Geschichte“ (Buzandaran Patmut’iwnk’), die einem Autor namens Faustus von Byzanz zugeschrieben wird, in diesem Jahr in dem mit der Kirche verbundenen Mausoleum eine Beisetzung stattfand.Annegret Plontke-Lüning, beiliegende CD-ROM: Katalog der erhaltenen Kirchenbauten, S. 14

Der Forschungsreisende und Geologe Hermann von Abich (1806–1886) besuchte 1844 den Ort und fertigte einen Plan der Kirche an, der erst in Aus Kaukasischen Ländern: Reisebriefe aus den Jahren 1859–1874 veröffentlicht wurde. Abich ergänzte auf seinem Plan die Mauerreste irrtümlich zu einer Kreuzkirche.Hermann von Abich, Band 1, Wien 1896, S. 201; nach Josef Strzygowski, S. 158 Ansonsten schien das Interesse im 19. Jahrhundert an der Basilika gering zu sein, vermutlich weil die europäischen Besucher die armenischen Zentralbauten stärker als Besonderheit wahrnahmen.Christina Maranci, S. 28 Dies änderte sich im 20. Jahrhundert, als die Basilika von Jereruk aufgrund ihres relativ guten originalen Erhaltungszustands zu der am meisten besprochenen frühchristlichen Kirche Armeniens wurde.Annegret Plontke-Lüning, beiliegende CD-ROM: Katalog der erhaltenen Kirchenbauten, S. 370 Nikolai Marr legte die Ruine 1907 frei und publizierte 1910 auf Russisch in einer ersten Fassung seine Ergebnisse. 1928 und 1948 wurden die vorhandenen Außenwände restauriert.