Das Sturm-Bataillon Nr. 5 Rohr war eine spezialisierte Einheit der preußischen Armee im Ersten Weltkrieg.
Als Erkenntnis aus dem Stellungskrieg, der wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkrieges eingetreten war, regte General der Infanterie Hans Gaede Anfang 1915 die Aufstellung von Sturmabteilungen an, um mit diesen die Erstarrung der Front zu überwinden. Bei der Obersten Heeresleitung (OHL) nahm Oberst Bauer den Vorschlag auf, und auf Erlass des Kriegsministeriums vom 2. März 1915 wurde am 4. März 1915 die erste Sturmabteilung des deutschen Heeres als „Sturm-Abteilung“ aufgestellt. Sie wurde am 1. April 1916 in „Sturm-Bataillon“ und am 10. Februar 1917 in „Sturm-Bataillon Nr. 5 (Rohr)“ umbenannt.
Ihre Taktik unterschied sich von der Taktik der ursprünglichen Sturmabteilungen dadurch, dass der Angriff nicht nach dem Prinzip „Rammbock“ erfolgt, sondern durch Anpirschen und dann massiv an einem Punkt zuschlagen und die feindlichen Gräben von diesem Punkt aus aufzurollen, „säubern“ genannt.
Organisation Gliederung 4. März 1915 Sturmabteilung 1. Pionier-Kompanie (1. Sturm-Kompanie), gestellt vom Ersatz-Pionier-Bataillon 10 2. Pionier-Kompanie (2. Sturm-Kompanie), gestellt vom Ersatz-Pionier-Bataillon 3 Kanonenabteilung Ersatz-Kompanie
18. Oktober 1915 der Abteilung wurden angegliedert ein Maschinengewehr-Zug (MGZ) ein Flammenwerfer-Trupp eine Abteilung leichter Minenwerfer
1. April 1916Hellmuth Gruss: Die deutschen Sturmbataillone im Weltkrieg. Aufbau und Verwendung. Verlag Junker und Dünnhaupt, Berlin, 1939 Bataillonsstab vier Sturm-Kompanien à 210 Mann zwei Maschinengewehr-Kompanien (MGK) eine Minenwerfer-Kompanie (MWK) ein Flammenwerfertrupp eine Batterie von 10,5-cm-Krupp-GebirgshaubitzenEin Zug wurde im Laufe des Krieges an das osmanische Heer für den Mesopotamischen Feldzug abgegeben. Als Ersatz erhielt das Bataillon einen Zug Feldkanonen 96. eine Tragetierstaffel eine Pionier-Kompanie
1. September 1916 zusätzlich eine 5. Sturm-Kompanie
Bewaffnung und Ausrüstung Hauptbewaffnung Kanonen-Abteilung (KA) 23. November 1915 in Kaunas eroberte russische Sturmabwehrgeschütze, Kaliber 76,2 mm, ohne Aufsatz und Rundblickfernrohr 1. April 1916 10,5-cm-leichte Feldhaubitze 16Die Firma Krupp hatte während des Krieges nur vier Batterien hiervon hergestellt. Von diesen erhielt zwei die bulgarische, eine die türkische Armee.
Sturm-Kompanie 4. Januar 1916 sechs kleine Flammenwerfer 1. April 1916 vier leichte Maschinengewehre
Maschinen-Gewehr-Kompanie (MGK) 1. April 1916 sechs schwere Maschinengewehre
Minenwerfer-Abteilung 4. Januar 1916 vier leichte Minenwerfer vier schwere und zwei mittlere Ladungswerfer ein Granatenwerfer „Priester“Die sogenannte Priestermine wurde von einem ungarischen Priester namens „Vécer“ erfunden. Die Bezeichnung stammte aus der österreichisch-ungarischen Armee. In der deutschen Armee wurde das Gerät auch als „Granatenwerfer 16“ bezeichnet. 1. April 1916 acht leichte Minenwerfer
Ausrüstung mini|hochkant|Bild eines Sturm-Pioniers von Ludwig Dettmann
Stahlhelm umgehängter Karabiner auf dem Rücken Seitengewehr zwei Sandsäcke mit Handgranaten um den Hals über die Schultern gehängt und auf den Rücken durch ein zweites Band zusammengehalten in jedem Sandsack vier weitere leere Sandsäcke als Einbaumaterial mit einer Tragevorrichtung am Koppel befestigte mittlere Drahtschere feststehendes Pionierschanzzeug im Futteral (am Koppel befestigt, Stiel nach oben) Gasmaske im Behälter Brotbeutel mit vier eisernen Rationen und zwei Feldflaschen Pistole Grabendolch leichtes MG (LMG) Patronen waren in Rocktaschen und Brotbeutel unterzubringen, da Patronentaschen nicht mitgeführt wurdenWilly Rohr: Anweisung für die Ausbildung beim Sturm-Bataillon.Hermann Franke: Handbuch der neuzeitlichen Wehrwissenschaften. 2. Band: Das Heer. Berlin/Leipzig 1937.
Geschichte Gründung Die Sturm-Abteilung trat am 4. März 1915 auf dem Schießplatz Wahn bei Köln unter ihrem Kommandeur Major Calsow vom Samländischen Pionier-Bataillon Nr. 18 erstmals zusammen.
Kommandeure mini|hochkant|Hauptmann Rohr (1917) Dienstgrad Name Beginn der BerufungMajorCalsow4. März 1915HauptmannTillessen20. August 1915 (mit der Führung beauftragt)HauptmannWilly Rohr30. August bis 7. September (mit der Führung beauftragt)HauptmannAb April 1918 MajorWilly Rohr8. September 1915
Sonstige Offiziere Heinrich Buchgeister, vor dem Krieg Deutscher Meister im Diskus- und Speerwurf, leitete während seiner zweijährigen Bataillonszugehörigkeit dessen sportliche Ausbildung. Nach dem Kriege wurde er Universitätsprofessor an der Universität Freiburg. Hellmuth Prieß, Führer der 1. Maschinen-Gewehr-Kompanie.
Ausrüstung Zur Ausrüstung gehörten ab September 1915 zwanzig bei Kaunas erbeutete 3,7-cm-Kanonen mit großen Schutzschilden. Die Pioniere erhielten 1,40 m hohe und bis zu 28 kg schwere Schutzschilde.Mobile Schutzschilde waren bei der Belagerung von Port Arthur von den japanischen Pionieren beim Durchschneiden der russischen Drahtverhaue verwendet worden.
Einsatzgeschichte Sturmabteilung Nach ihrer Ausbildung wurde die Abteilung am 16. Mai 1915 von Wahn nach Douai verladen, um an der Schlacht um die Lorettohöhe teilzunehmen. Sie wurde von der 6. Armee der „Gruppe Lochow“ zugeteilt, die sie zunächst östlich von Souchez bei Givenchy einsetzte, kurz darauf aber auf die Höhe von Vimy verlegte. Bei einem Angriff fielen über die Hälfte der Männer, da ihre auffälligen Schutzschilde das feindliche Feuer auf sich zogen. Die Abteilung wurde zurückgezogen.
Das OHL stellte die Abteilung dann am 29. August 1915 der Armee-Abteilung „Gaede“ zur Verfügung. Sie wurde nach Neu-Breisach verladen und von dort an den Kaiserstuhl verlegt. Auf Befehl des Chefs des Generalstabs, General Erich von Falkenhayn, wurde dem bisherigen Kompaniechef im Garde-Schützen-Bataillon Hauptmann Rohr die Führung übertragen.„Falls er sich als geeignet erweist, ist seine Ernennung zum Führer der Sturmabteilung zu beantragen.“ (Ehrenbuch der deutschen Pioniere S. 559). Seine Ernennung erfolgte am 8. September 1915
Die Weiterverwendung von Schildkanonen lehnte Rohr ab. Sie wurden bei der 6. Armee zurückgelassen. Im September erhielt die Kanonen-Abteilung 20 in Kaunas erbeutete russische Kanonen. Eine wichtige Neuerung war der Bau nachgebildeter feindlicher Stellungen zum Üben des Angriffs.
Das Infanterie-Regiment Nr. 187Das zum XV. AK in Straßburg zählende Rheinische Jäger-Bataillon Nr. 8 hatte seinen Friedensstandort in Schlettstadt. Die aus ihm hervorgegangenen, einen Großteil der 187er bildenden Reservisten kannten daher die Vogesen aus ihrer aktiven Dienstzeit. wandte am 9. Oktober erstmals die neue Taktik beim Angriff auf das Schratzmännele und am 15. auf den Hartmannsweiler Kopf an. Beide Angriffe waren zwar erfolgreich, die Verluste aber beträchtlich. Die Sturm-Abteilung wurde währenddessen lediglich zum Stellungsausbau verwendet.
In der Nacht vom 21./22. Dezember gingen der Hartmannsweiler Kopf und der Hirzstein verloren. Die Abteilung rückte aus, aber der Hartmannsweiler Kopf war bereits zurückerobert, als sie dort eintraf. Der Versuch der Rückeroberung des Hirzsteins am 24. scheiterte, ebenso wie ein zweiter Versuch am 27. Dezember. Mit den ihm zur Verfügung gestellten neu aufgestellten Infanterie-Regimentern Nr. 188 und Nr. 189Karsten Richter: Die deutschen Sturmbataillone im ersten Weltkrieg. In: „Der Infanterist.“ Heft 01/2002. wurden Rohr die Vorbereitungen für den folgenden Angriff übertragen. Er ließ bei Ensisheim eine Stellung nach den Maßen der Front auslegen, um den Angriff zu üben.Lothar Nagel: Württembergische Sturmkompanie im großen Kriege. Tagebuch der Württ. Sturmkompanie des preuß. Sturm-Btls. 16. Körner-Verlag. Stuttgart 1930. Der Infanterie wurden als „Angriffsgerippe“ Stoßtrupps der Abteilung zugeteilt. Der Angriff wurde dann am 8. Januar 1916 durchgeführt und war erfolgreich.
Nach der Rückkehr der Abteilung an den Kaiserstuhl fand nach einer „großen Übung“ aller Waffen bei Oberbergen vor General Gaede der zweite Lehrgang (der erste war bereits im Dezember) der Abteilung in Oberrotweil statt, und die Lehrtätigkeit sollte nunmehr planmäßig entwickelt werden. Die OHL verlegte die Abteilung jedoch schon am 1. Februar 1916 zur 5. Armee, wo die Schlacht um Verdun begann. Der 12. Infanterie-Brigade zugeteilt führte die Abteilung, nachdem die Witterung dies drei Wochen lang verhindert hatte, von Azannes aus mit der 6. Infanterie-Division den ersten Angriff auf den etwa 1500 Meter entfernten Herbébois durch. Hierbei wirkten die Sturmtrupps als Keile, erlitten aber schwere Verluste.
Im März 1916 erhielt die Abteilung den Auftrag, die Divisionen der Armee im „modernen Nahkampf“ auszubilden. Als Übungsplatz wurde der in der Nähe liegende, in der Schlacht bei Longwy 1914 zerschossene Ort Doncourt verwendet. Aus den Reservebeständen der Armee-Abteilung Gaede wurden der Sturm-Abteilung ein Maschinengewehrzug, eine leichte Minenwerfer-Abteilung und eine Abteilung kleiner Flammenwerfer angegliedert.
Die Abteilung wurde danach auf die Höhen von Azannes zurückgenommen. Von dort wurden ihre Kompanien den ganzen Sommer über für Angriffe von Beuveille, was bis zum Winter 1918 ihr Standort bleiben sollte, aus vorgezogen und Erkundungen vorgenommen.
Ausbau der Abteilung zum Bataillon Am 1. April 1916 wurde die Abteilung vergrößert und in „Sturm-Bataillon“ umbenannt. Die Sturmkompanien erhielten zunächst Ersatz aus dem Pionier-Ersatz-Bataillon Nr. 7 aus Köln, später aus dem Pionier-Ersatz-Bataillon Nr. 35 aus Friedrichsfeld. Die Maschinengewehr-Kompanie(n) erhielten ihren Ersatz aus der Maschinengewehr-Ersatz-Abteilung Hirschberg, die Minenwerfer aus dem Minenwerfer-Ersatz-Regiment Markendorf, und die Batterie zunächst aus der Feldartillerie-Ersatz-Abteilung 83 in Köln, später aus der Gebirgs-Artillerie-Ersatz-Abteilung in Freiburg.
Das Bataillon wurde wieder nach Verdun verlegt, wo es der neu gebildeten „Angriffsgruppe Ost“ unter General von Lochow taktisch unterstellt wurde und an den misslungenen Eroberungsversuchen des Caillette-Waldes teilnahm. General Bruno von Mudra, der neue Befehlshaber der Angriffsgruppe Ost, entschloss sich daraufhin, die ihm neu zur Verfügung gestellten Divisionen zunächst hinter der Front vom Sturm-Bataillon ausbilden zu lassen und den Angriff erst dann zu beginnen.
Die 4. Sturm-Kompanie wurde am 1. Juni 1916 der 7. Reserve-Division zugeteilt und eroberte endlich den Caillette-Wald. Bei den insgesamt dreißig Angriffsunternehmungen gelangte das Bataillon schließlich am 23. Juni vor die Fortmauern von Souville und eroberte Fleury.
Die Armee richtete zwei- bis vier-wöchige Lehrgänge ein, bei denen Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften vom Bataillon ausgebildet wurden. Ab Juni 1916 fanden auch Lehrgänge für die Divisionen der anderen Armeen der Westfront statt.
Im Sommer beschloss die OHL, vier weitere Sturm-Bataillone zu bilden.In Aussicht hierfür wurden die Jäger-Bataillone 3 und 11, sowie die Reserve-Jäger-Bataillone 5 und 6. Von Juli bis August wurden deren Kommandeure zur Ausbildung entsandt. Die letzten drei Bataillone wurden jedoch vor deren Ausbildungsende in den Osten verlegt. Folglich wurde nur das erste zu einem etatmäßigen Sturm- und später zu einem weiteren Muster-Bataillon. Bis 1917 stellte die OHL noch 14 weitere Sturm-Bataillone auf, die die Nummer ihrer jeweiligen Armeen erhielten. Die Bataillone 14, 15, 16 wurden den Armee-Abteilungen A, B, C zugewiesen. Alle Kommandeure und die meisten Offiziere wurden in Beuveille ausgebildet. mini|Kaiserbesuch Vor dem Kronprinzen fand am 12. August eine „Große Übung“ in Doncourt statt. Zwei Tage später fand die Übung vor dem Kaiser statt. In seinem Gefolge waren unter anderem der Kronprinz, der Kriegsminister Adolf Wild von Hohenborn und der Leiter der Feldpressestelle Walter Bloem, der den Besuch in einem Aufsatz beschrieb („Der Kaiser bei seiner Sturmjugend“).