Als Ritterschwert bezeichnet man heute umgangssprachlich, im Gegensatz zum Langen Schwert, vor allem Einhand-Schwerttypen des europäischen Mittelalters, die im Zeitraum vom 10. bis 15. Jahrhundert als Kampfwaffen vornehmlich vom Schwertadel verwendet wurden. Unter dem Begriff können alle einhändig geführten geraden Schwerter des Hoch- und Spätmittelalters aufgefasst werden, wobei die Übergänge zu den wikingerzeitlichen Schwertern des Frühmittelalters fließend sind.
Beschreibung Kennzeichnend ist im Vergleich zu frühmittelalterlichen Schwertern vor allem die lange Parierstange, die die Kreuzform dieser Schwerter bedingte. Nach der Oakeshott-Klassifikation können unter den Schwertern des europäischen Hoch- und Spätmittelalters zwei Grundtypen unterschieden werden. Dies sind zum einen Schwerter, die meist breite Klingen besitzen und durch im Querschnitt konvexe Schneiden gekennzeichnet sind, und zum anderen Schwerter mit sich zur Spitze verjüngender Klinge mit rhombischem Querschnitt. Die Schwerter der ersten Gruppe (Typ X–XIV) fanden vor allem zwischen 1050 und 1350 Verwendung und wurden vorzugsweise als Hiebwaffen gegen leichte Kettenrüstungen eingesetzt. Die Schwerter der zweiten Gruppe lösten diese um 1350 allmählich ab und wurden bis zum Beginn der Neuzeit verstärkt als Stoßwaffen eingesetzt, um schwere Plattenrüstungen zu durchstoßen. Gesondert müssen innerhalb beider Gruppen Anderthalbhänder und Zweihandschwerter betrachtet werden.Laible: Das Schwert. 2006, S. 26 ff.
Entwicklung mini|Wikingerzeitliche Schwerter, die zum Teil Übergänge zum Ritterschwert zeigen Das europäische, mittelalterliche Schwert entwickelte sich im Laufe des Früh- und Hochmittelalters nahtlos aus der Spatha. Als eine Art Übergangstypus zu den hochmittelalterlichen Schwertformen kann das sog. „Wikingerschwert“ gelten, das etwa vom 8. bis 10. Jahrhundert verbreitet war und in die Typen I bis IX unterteilt werden kann. Entgegen dem gebräuchlichen Namen waren diese Schwerter der Wikingerzeit nicht nur bei Wikingern, sondern auch im übrigen Europa, etwa im Frankenreich, verbreitet. Die Klingenformen dieser Schwerter diversifizierten sich im Laufe der Zeit, das Parier war nun immer aus Metall und wurde mit der Zeit breiter. Die Klinge, anfangs meist nur für den Hieb ausgelegt (abgerundeter hieboptimierter Ort, relativ parallele Schneidkanten), wurde im Hochmittelalter stichlastiger gestaltet und wies eine verstärkte Abnahme der Klingenbreite zum Ort hin. Ab dem 10. Jahrhundert verzichtet man zunehmend auf komplexe Damaszierungen und geht zu Raffinierstahlklingen über, die unter anderem in „Drei-Lagen-Technik“ oder „Weichekerntechnik“ geschmiedet wurden.Craig Johnson: Sword Blade Hardness: A look at the current research. (Klingenhärte und ihr Aufbau. Umfangreiche Literaturliste). Wie bei jeder Gebrauchswaffe waren die Qualitätsschwankungen mitunter sehr ausgeprägt.
Bekannte hochmittelalterliche Schwerter sind etwa die Joyeuse, die angeblich als Schwert Karls des Großen galt, und das Reichsschwert, einst Insigne des Heiligen Römischen Reiches.
In der Mitte des 13. Jahrhunderts zeichnete sich eine Wende in der Waffentechnik ab, denn die Ringpanzer wurden verbessert und zunehmend mit Platten verstärkt, was noch stärker stichlastige Klingen erforderte. Eine Vielzahl an Schwerttypen wurde entwickelt, die aber schon bald ihre Hiebwirkung zugunsten der Sticheffektivität einbüßten. Mitte des 14. Jahrhunderts setzte sich das lange Schwert und die Typen XIV bis XVIII zunehmend durch, denn das hochmittelalterliche Hiebwaffen-Design wurde aufgrund der Entwicklung des Plattenpanzers zunehmend ineffektiv. In den letzten hundert Jahren des ausgehenden Mittelalters entstand eine große Fülle an verschiedenen Schwertarten, die jeweils an ihre Aufgabe angepasst waren. mini|Die Joyeuse gilt als Schwert Karls des Großen, stammt aber im Wesentlichen aus dem Hochmittelalter
Ab etwa 1600 setzten sich Feuerwaffen zunehmend durch, was eine Reduktion der Rüstungen nach sich zog. Dadurch wurden die Schwerter insgesamt schlanker und entwickelten sich zum Degen. In der neuzeitlichen Kampfweise, bei der in der Regel auch keine Schilde verwendet wurden, war die Schwerthand dem Gegner stärker ausgesetzt. Dies führte schließlich zur Ausbildung von komplexen Gefäßen und damit zur Abkehr vom kreuzförmigen Ritterschwert mit einfacher Parierstange. Parallel zum Degen waren allerdings auch in der Neuzeit Formen mit breiten Klingen, etwa das Korbschwert in Gebrauch.Laible: Das Schwert. 2006, S. 122 ff.
Aufbau
Schmiedetechnische Herstellung Stahl Laut zahlreichen UntersuchungenStefan Mäder: Bibliographie zur Schmiedetechnik und zum Material historischer Blankwaffen. Tokyo University of Fine Arts and Music, Tokio 2007, (). von europäischen antiken,Radomír Pleiner: The Celtic Sword. Clarendon Press, Oxford 1993, ISBN 0-19-813411-8. römischen,Janet Lang: Study of the Metallography of some Roman Swords. In: Britannia. Band 19, 1988, S. 199–216, . mittelalterlichenMäder: Stähle, Steine und Schlangen. 2001.Ian Peirce: Swords of the Viking Age. Reprint in paperback. Boydell Press, Woodbridge 2007, ISBN 978-0-85115-914-0.Alan Williams: A Metallurgical Study of some Viking Swords. In: Gladius. Band 29, 2009, , S. 121–184, (online).David Edge, Alan Williams: Some early medieval Swords in the Wallace Collection and elsewhere. In: Gladius. Band 23, 2003, S. 191–210, (online). und renaissancezeitlichenAlan R. Williams: Seven Swords of the Renaissance from an analytical Point of View. In: Gladius. Band 14, 1978, S. 97–127, (online). Stahlerzeugnissen kann davon ausgegangen werden, dass es sehr unterschiedliche Qualitätsstufen gab, die von reinem Eisen bis zu hochwertigen Stählen reichten. Das Ausgangsmaterial für Schwertklingen kam in der Regel von einheimischen Rennöfen (im späteren Mittelalter und Renaissance auch Stückofen oder Hochofen) in Form von Eisenluppen, die typischerweise mit zahlreichen Beimengungen von Schlacke, Schwefel und Phosphor verunreinigt waren. Nachdem die Stücke nach Kohlenstoffgehalt und Reinheit vorsortiert wurden, mussten sie durch Falten und Ausschmieden gereinigt werden. Der Vorgang wurde bis zu zehnmal wiederholt,Mäder: Stähle, Steine und Schlangen. 2001, S. 168. je nachdem wie gut das Ausgangsmaterial war. Damit wurde Raffinierstahl mit einem Kohlenstoffgehalt von 0,4 bis 1,1 % gewonnen, der anschließend für die Klingenherstellung genutzt werden konnte.
Die Qualität solcher Stähle könnte unter Umständen mit modernen Stählen mithalten. 0,005 % Schwefel und 0,015 % Phosphor, 0,75 % Kohlenstoff und eine homogene Kohlenstoffverteilung mit sehr wenigen Schlackeeinschlüssen ermöglichen eine qualitativ sehr hochwertige, gebrauchstüchtige Klinge.Pothmann (Hrsg.): Das Zeremonialschwert der Essener Domschatzkammer. 1995, S. 3 ff. Untersuchungen von spätmittelalterlichen und renaissancezeitlichen StählenWilliams: The Knight and the Blast Furnace. 2003, S. 939–942. bezeugen, dass die Hochofentechnologie des 15. und 16. Jahrhunderts die Produktion von Stählen ermöglichte, deren Gehalt an Schlacke bisweilen nur 0,3 % betrug. Im Vergleich mit modernen Stählen verringert der Schlackeanteil von 1 bis 2 % die Zugfestigkeit des Stahls um bis zu 25 %, je nach Größe und Verteilung jener nichtmetallischen Einschlüsse. 0,3–0,6 % dürften jedoch nur einen in etwa 10%igen Zugfestigkeitsverlust mit sich bringen.Williams: The Knight and the Blast Furnace. 2003, S. 932. Ein für den damaligen Stand der Technik so reiner Stahl dürfte sich in Form einer Schwertklinge in seiner Hieb- und Schnittleistung nur unwesentlich von modernen unlegierten Kohlenstoffstählen unterscheiden.
Konstruktion Wie Untersuchungen an Originalschwertern belegenCraig Johnson: Sword Blade Hardness: A look at the current research., wurden in Europa zahlreiche schmiedetechnische Konstruktionen verwendet. Die einfachste und am meisten verwendete Konstruktion seit der Antike war eine Eisenklinge mit separat aufgekohlten Schneiden; dieses Verfahren wurde verwendet, wenn keine hochwertigen Stähle zur Verfügung standen. Zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert wurden mitunter sehr komplexe Damaste verwendet, welche in den meisten Fällen einen weichen Eisenkern und separat aufgekohlte Schneiden aufwiesen.Peirce: Swords of the Viking Age. 2002, S. 146. Im Hochmittelalter wurden Damaszierungen im Zuge der Verbesserung der RennofentechnologieHerbert Westphal: Zur Entwicklung mittelalterlicher Waffen. In: Walter Melzer (Hrsg.): Schmiedehandwerk in Mittelalter und Neuzeit. Beiträge des 6. Kolloquiums des Arbeitskreises zur Archäologischen Erforschung des Mittelalterlichen Handwerks (= Soester Beiträge zur Archäologie. 5). Mocker und Jahn, Soest 2004, ISBN 3-87902-304-2, S. 47–61, hier S. 53, (). nicht mehr verwendet, man ging dazu über Eisen und Stahl miteinander zu „laminieren“, um die positiven Eigenschaften des jeweiligen Materials voll auszunutzen. Dadurch ergaben sich folgende Möglichkeiten: Weichkern-Methode (ein Stück Stahl um einen Eisenkern „gewickelt“), Drei-Lagen-Methode (ein Barren Eisen zwischen zwei Stahlbarren, oder umgekehrt, zu einer Klinge geformt) oder Stapelkonstruktion (mehrere Stähle in einem Stapel miteinander verschweißt und zur Klinge ausgeformt). Dadurch wurde angestrebt, dass die Schneiden und die Oberfläche des Schwertes eher hart sind, der innere Kern aber eher weich, die Klinge trug damit eine scharfe Schneide und war bis zu einem gewissen Grad flexibel und bruchfest. Eine weitere Methode ist das Schmieden der Klinge aus einem ganzen Stück besonders homogenen Stahls, was auch praktiziert wurde, jedoch aus Kostengründen und anderen technischen Einschränkungen nicht so oft wie Laminattechniken.
Wärmebehandlung Gemäß den beobachteten Gefügeformationen des Originalstahls unter dem MikroskopAlan R. Williams: Methods of Manufacture of Swords in medieval Europe: Illustrated by the Metallography of some Examples. In: Gladius. Band 13, 1977, S. 75–101, (online). lassen sich drei Basisverfahren unterscheiden: Abschreckhärtung (vollständige oder unvollständige – das sogenannte „slack quenching“), Abschrecken und Anlassen und anschließend gestufte Abschreckung. Die letzte Methode besteht darin, dass ein Werkstück mehrere Male nacheinander für eine sehr kurze Zeit ins Abschreckmedium getaucht und dann wieder rausgezogen wird. Die Oberfläche wird kurzzeitig hart, die im Inneren des Werkstücks verbleibende Hitze bewirkt ein „Anlassen von innen“. So kann die genaue Härte der Schneide eingestellt werden. Die optimale Variante stellt jedoch eine Vollhärtung (das komplette Überführen des Kohlenstoffs in martensitisches Gefüge) und das anschließende Anlassen dar, wobei das volle Potential des Werkstoffes ausgenutzt werden kann. Das Gelingen einer solchen Wärmebehandlung setzt jedoch einen homogenen reinen Werkstoff voraus, denn sonst besteht die Gefahr der Rissbildung – aus diesem Grund wurde die unvollständige Härtung („slack quenching“) im europäischen Mittelalter zu einer der häufigsten Arten der Wärmebehandlung, da sie leichter zu bewerkstelligen war. Es gibt außerdem Hinweise, dass selektive Härtung auch praktiziert wurde, die konkrete Technologie ist jedoch bis heute unbekannt.Neumann: Römischer Damaststahl. In: Archiv für das Eisenhüttenwesen. Band 1, Nr. 3, 1927, S. 241–244, hier S. 243; Bernhard Neumann: Die ältesten Verfahren der Erzeugung technischen Eisens durch direkte Reduktion von Erzen mit Holzkohle in Rennfeuern und Stücköfen und die Stahlerzeugung unmittelbar aus dem Eisenerz (= Freiberger Forschungshefte. Reihe D, 6, ). Akademie-Verlag, Berlin 1954, S. 63–64.Joachim Emmerling: Zur Technologie zweier Schwerter und einer Lanzenspitze aus Wolkow. In: Alt-Thüringen. Band 16, 1979, S. 120–136, hier S. 127, (Digitalisat). Es gab außer Wasser auch andere Abschreckmedien (Öl, Salzlösungen), welche heutzutage leider in Vergessenheit geraten sind, so dass der korrekte Prozess wissenschaftlich erschlossen werden muss.