Das Treffen in TUNIX fand vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität (TU) in West-Berlin statt und war der kurzfristige Versuch einiger Initiativen von „Unorganisierten“, die noch zerstreute neue Generation nach der 68er-Bewegung zu versammeln, die einen Gegenpol zum Politikverständnis der maoistischen K-Gruppen und der DDR-orientierten Organisationen wie der SEW bildeten. Die Teilnehmer, deren Zahl von den Veranstaltern auf 15.000 geschätzt wurde,„Nach Angaben von Glotz sind zu dem Tunix-Treffen 4800 Personen am Wochenende über die Transitwege angereist, von denen 3000 bis 4000 an der Demonstration teilgenommen hätten. Eine Minderheit der insgesamt 6000 Demonstranten hätten mit Steinen geworfen. […] in den Räumen [der TU] hielten sich zeitweise bis zu 7000 Teilnehmer auf.“ (Der Tagesspiegel, 31. Januar 1978.) Die Gesamtzahl wird hier wie auch in der Berliner Stimme vom 4. Februar 1978 mit 15.000 angegeben. nutzten ein vielfältiges Programm zur Vorstellung ihrer Aktivitäten, zu Diskussion, Austausch und Vergnügen. In der Folge kam es zu einer Vielzahl von Gruppen- und Projekte-Gründungen in Stadt und Land und deshalb gilt das Treffen als „Geburtsstunde“ der Alternativbewegung.

„Tunix“ ist eine kecke Form des Imperativs „Tue nichts“ und spielt auf die Kreativität an, die nur in Situationen des „Nichtstuns“ entstehe.

Vorgeschichte Das Treffen in TUNIX wurde von der Berliner Spontiszene und von Basisgruppen aus dem vorangegangenen Berufsverbotestreik an den Berliner Universitäten, Hoch- und Fachhochschulen 1976/77 auch in Reaktion auf den Deutschen Herbst initiiert und stand dem gesamten linken Spektrum mit Ausnahme von "Dogmatikern" offen.Jana König: "Falsche Wege und Neue Anfänge". Die Bedeutung von Theorie in Zeiten linker Krisen - Im Kontext von "Deutscher Herbst" 1977 und "Wiedervereinigung" 1989, in: Zauber der Theorie - Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 88–104. Im Ankündigungstext kritisieren die Initiatoren den polizeilichen Fahndungsdruck jener Wochen und die repressiven Auswüchse der damaligen sozialliberalen Politik, welche gern mit dem Begriff „Modell Deutschland“ etikettiert wurde:

Der Aufruf traf einerseits die Stimmung vieler Jugendlichen in der Bundesrepublik, zum andern bestand in Berlin durch den Unistreik ein hoher Mobilisierungsgrad der bereits in der Öffentlichkeit diskutierten „Neuen Studentenbewegung“. In Politik und Medien war mittlerweile erkannt worden, dass hinter dieser Bewegung sich keine kommunistischen oder gar terroristischen „Drahtzieher“ befanden. Im linken Berliner Extra-Dienst wurde das Treffen als „Stelldichein aller spaßigen Spontis, fröhlichen Freaks, munteren Mescaleros“ kritisiert und in der Berliner Morgenpost der Vergleich mit einem „orientalischen Bazar“ gezogen. Georg-Ludwig Radke meint jedoch in dem Treffen eine prinzipielle Haltung der Teilnehmer ausmachen zu können:

Ablauf des Treffens Programm Das Programm des Tunix-Treffens umfasste Diskussionsrunden, Vorträge, Filme und Kulturveranstaltungen. Dazu kamen mehrere Podiumsdiskussionen und die Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung im Audimax der TU.Die Aufstellung (auch die Orthografie) entspricht dem „endgültigen“ Programmheft, es gibt aber keine Gewährleistung dafür, dass es unverändert durchgeführt wurde. Zu den Ankündigungen siehe: Koordinationsausschuß TUNIX: TUNIX und was alles passieren wird, Flugschrift Januar 1978. Aus feministischer Perspektive wurde im Nachhinein vor allem kritisiert, dass keine der Veranstaltungen feministische Themen behandelte und dass überdies die Podien vorwiegend mit männlichen Rednern besetzt waren.Tunix Die phallokratische Linke gab sich die Ehre, in: berliner frauenzeitung Courage, Heft 3 1978, S. 56f

Freitag, 27. Januar 1978 14–20 Uhr: Treffpunkt Technische Universität (Foyer, Audimax): Informationen, der große Bazar (Stände der Gruppen, Verpflegung).Musik (Trotz & Träume, Klaus der Geiger, Mobiles Einsatzorchester, High Cracks, Professor Faust-Troll)Theater (Theatergruppe Ratiborstr., Hobbit-Puppenbühne, Gauckler und Feuerschlucker). mini|Deckblatt Programmheft des Treffens in TUNIX parallel: Treffen Alternative Bildungsmodelle in der Schule für Erwachsenenbildung. Endlösung Stammheim (Rechtsanwälte, Vertreter der franz. und ital. Presse, Humanistische Union) Solidarität mit den Agit-Druckern (Komitee zur Freilassung der im Deutschen Herbst verhafteten AGIT-Drucker) 20 Uhr: Eröffnungsveranstaltung im TU-Audimax 22 Uhr: Rosa glänzt der Mond von Tunix (Große Fete im Schwulenzentrum) 20 Uhr: Kulturprogramm im Jugendzentrum Drugstore

TUNIX-FILM-FESTIVAL [an allen drei Tagen] mit 26 Filmen und Veranstaltungen im Yorck-Kino Alternative Filmarbeit Initiativen für linke „Wochenschauen“ (Themen: BI Westtangente, Abriss der Feuerwache Kreuzberg u. a.)

Samstag, 28. Januar 1978 AGIT-ACTION in verschiedenen Stadtteilen 11 Uhr: Demonstration „vom Knast in die Innenstadt“ 14 Uhr: Die Theorie von den 2 Kulturen (TU-Audimax – Podiumsdiskussion mit Wissenschaftssenator Glotz, FU-Präsident Lämmert, Peter Brückner, Daniel Cohn-Bendit, Ex-Asta-Göttingen und drei Vertretern der Subkultur-Scene) parallel: Selbstverwaltete Jugendzentren (Georg-von-Rauch-Haus und die Verlängerung des Mietvertrages) AGIT-ACTION (Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit‘; Sinn und Zweck von Komitees; Formen von Aktionen) Feminismus und Ökologie Überleben im Stadtteil Veranstaltung der Einzelkämpfer ab 14 Uhr: Mobiles Kulturprogramm (MEK-Bilk, Krause-Berlin, Berliner Stadtmusikanten, Los Tros Tornados, Theatergruppe Fuddels, Theater aus Frankreich: Studio 4, Les Maroniers) 17 Uhr, TU Audimax: Linke Tageszeitung in der BRD (Ströbele, Günter Wallraff, Lotta Continua und Alternativzeitungen) Wissenschaft – Utopie – Widerstand (Veranstaltung der Berliner Herausgeber von Buback – Ein Nachruf) Schillern der Revolte (Merve-Verlag mit Ex-AStA Göttingen) Verhältnis der Linken zum Staat – Reaktionen des Staats auf die Linke. abends: Musikprogramm TU-Foyer und im Drugstore ab 22 Uhr: GROSSE FETE IN DER TAVERNE AM LÜTZOWPLATZ (Es spielen: Zabba Lindner, Missus Beastly, Munjau, Embryo, Linksradikales Blasorchester, Teller Bunte Knete, Dementia praecox)

Sonntag, 29. Januar 1978 Psychiatrie, Antipsychiatrie, (Vertreter verschiedener Psychiatrie-Projekte, David Cooper, Félix Guattari) Basisgruppen zur Situation an den Hochschulen Schwule Arbeitsgruppen / Schwule Projekte / Schwule autonome Theorie Stand der Anti-AKW-Bewegung (Gorleben, Grohnde, Kalkar) Kampf der Stadtzerstörung (Autobahn, Sanierung, Luftverschmutzung, Stromrechnungsboykott) Selbstversorgung und Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelkette Alternative Energiegewinnung und Technologien Medizinische Selbstversorgung und Selbstkontrolle unserer Gesundheit Ausstellung ‚Dauernde Energie‘ (im Sozialistischen Jungarbeiter- und Schülerzentrum) parallel: Alternative Stadtführung: Wo ist die ‚Reichshauptstadt Berlin‘ geblieben? Überleben im Stadtteil Feminismus und Ökologie Berufsverbot für Rechtsanwälte Alternative Medienpraxis – Gegenöffentlichkeit Politik der Minderheiten (Merve Verlag und Autonomie) ab 14 Uhr: Kulturprogramm im TU Audimax (Hobbit Puppenbühne/Kindertheater), Zauberer Bernd Heller (GRIPS-Theater) Was ist los mit dem linken Buchhandel Gibt es einen neuen Faschismus in der BRD? (Veranstaltung der Zeitschriften alternative, Berliner Hefte, Ästhetik und Kommunikation mit Karl Heinz Roth und ausländischen Gästen) – TU Audimax Linke Kneipen: Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation? Vorbereitung 'Freaktreffen in Frankfurt', Juli 1978 20 Uhr: Schlussveranstaltung im Audimax

Empfohlen werden im Programmheft 58 Kneipen und Restaurants in sechs Stadtteilen. Auf der Rückseite des Programmheftes ein „Wegweiser für Frauen“ mit 16 Galerien, Läden, Werkstätten, Zentren, Cafés und Kneipen.

Demonstration am 28. Januar 1978

Auf dem Weg zur Innenstadt gelang es der Polizei, den Zug zu teilen, „nachdem die ersten Steine gegen das Amerika-Haus geflogen waren. […] Daraufhin warfen Teilnehmer aus dem abgetrennten Zug einen wahren Steinhagel, so daß die Polizei zurückweichen mußte und der Zug sich wieder vereinen konnte. Er zog zum Kurfürstendamm.“Tagesspiegel, 29. Januar 1978.

„Eine große deutsche Fahne war mit der Aufschrift ‚Modell Deutschland‘ an einen Lautsprecherwagen der Demonstranten gebunden und durch den Straßenschmutz gezogen worden. An der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße wurde die Fahne dann vor den Augen von Polizisten und Passanten in Brand gesteckt. […] Nach dem Verbrennen der Fahne räumte die Polizei und die Demonstranten erklärten den Zug für beendet.“Tagesspiegel, 29. Januar 1978.

„Etwa 30 Polizisten wurden zum Teil erheblich verletzt. Mehr als 15 Schaufensterscheiben von Banken und Geschäften gingen zu Bruch.“Berliner Morgenpost, 29. Januar 1978. Die Frankfurter Rundschau meldete: „Die Polizei gab am Sonntag bekannt, 30 von tausend eingesetzten Polizisten seien leicht verletzt worden. […] Festnahmen gab es nicht. […] Nach Augenzeugenberichten hat eine Rockergruppe aus Hamburg [in Moabit] angefangen, die Polizisten mit Steinen zu bewerfen.“Frankfurter Rundschau: Ausschreitungen in Berlin. 30. Januar 1978.

Diskussionsveranstaltung „Die Theorie von den 2 Kulturen“ Unmittelbar nach der Demonstration folgte die angekündigte Hauptveranstaltung: „In teilweise sehr erregter Atmosphäre begann […] die Diskussion mit Wissenschaftssenator Glotz und FU-Präsident Lämmert in dem mit knapp 3000 Zuhörern überfüllten Auditorium maximum der Technischen Universität über die von Glotz geäußerte These, daß Teile der Studentenschaft sich in einer Subkultur befänden, deren Sprache für viele nicht mehr verständlich sei.“

Die Diskussion kam nach den Ereignissen auf der Demonstration nur mühsam in Gang und die Erklärung von Lämmert, „die Demonstranten sollten mit Argumenten an die Öffentlichkeit treten und nicht mit Steinen …“, spiegelte für viele Teilnehmer die Wirklichkeit nicht wider. Ein Student wies darauf hin, „daß man sich in dem Dilemma befände, sich durch den Dialog mit den Politikern einerseits nicht integrieren lassen zu wollen, zum andern aber Integrationsversuche auch nicht mit Steinwürfen verhindern wolle, sondern einen eigenen Weg finden müsse.“Beide Zitate: Tagesspiegel, 29. Januar 1978.

Glotz meinte, sein Vorgehen sei keine „Umarmungsstrategie“, er sei hier, da er den Eindruck habe, „eine geistige Auseinandersetzung sei in Gang gekommen.“Berliner Stimme, 4. Februar 1978.

„Der Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) begrüßte das beispielhafte Auftreten […] von Dr. Glotz in der TU vor Tausenden der freiheitlich demokratischen Grundordnung feindlich gesinnter Studenten. ‚Durch fundierte Argumentation und überzeugendes Auftreten gelang es ihm, den demokratischen Dialog mit der neuentstandenen Subkultur Tunix zu führen.‘ Nach den Worten des RCDS-Vorsitzenden Köhler sollte diese offensive Auseinandersetzung Vorbildcharakter für alle deutschen Politiker haben.“Berliner Morgenpost: Senator Glotz diskutierte mit „Spontis“. 29. Januar 1978.

Abschlussveranstaltung am 29. Januar 1978