mini|Jacques Seydoux in seinem Büro am Quai d’Orsay Charles Louis Auguste Jacques Seydoux (* 30. Dezember 1870 in Pau; † 28. Mai 1929 in Paris) war ein französischer Diplomat und Autor.

Leben Jacques Seydoux stammte aus einer wohlhabenden protestantischen Familie, die sich, ursprünglich aus der Schweiz kommend, Anfang des 19. Jahrhunderts in Nordfrankreich niedergelassen hatteStanislas Jeannesson: Jacques Seydoux et la diplomatie économique dans la France de l’apres-guerre. In: Relations Internationales. Band 121, 2005, S. 9–17, insbesondere S. 13. Wie bereits sein Vater Auguste waren seine beiden Söhne François und Roger ebenfalls DiplomatenStanislas Jeannesson: L’Europe de Jacques Seydoux’. In: Revue Historique. Nr. 298/1, 1998, S. 123–143, insbesondere S. 125.. Sein dritter Sohn, der Geophysiker René, war der Urgroßvater der französischen Schauspielerin Léa Seydoux. Zusammen mit seiner Frau Mathilde, geborene Fornier de Clausonne, hatte er eine weitere Tochter, GeorgetteJacques Seydoux – Family Tree Jean Hervé Favre auf Geneanet.org, abgerufen am 7. Mai 2014..

Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der École libre des sciences politiques trat Seydoux, nachdem er die Aufnahmeprüfung als Jahrgangsbester abgelegt hatte, 1895 in den diplomatischen Dienst ein. Von 1895 bis 1898Zu den Karrieredaten Seydoux’s siehe: Ministère des affaires étrangères: Annuaire diplomatique et consulaire de la République Française 1927. Paris 1927, S. 323. war er Attaché an der französischen Botschaft in London, zu einer Zeit, als die beiderseitigen Beziehungen durch koloniale Auseinandersetzungen extrem angespannt waren, und von 1901 bis 1905 Botschaftssekretär in BerlinStanislas Jeannesson: L’Europe de Jacques Seydoux’. In: Revue Historique. Nr. 298/1, 1998, S. 123–143, insbesondere S. 125..

mini|Jacques Seydoux an der Konferenz von Genua (mit Stock) Seit etwa 1906 litt Seydoux an Rheumatoider Arthritis, die ihn zunehmend körperlich einschränkte und schließlich an den Rollstuhl fesselte. Seine Krankheit machte eine weitere Verwendung im Ausland unmöglich, und von auf kürzeren Dienstreisen abgesehen, war er bis zu seinem vorzeitigen, ebenfalls krankheitsbedingten Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst zum 31. Dezember 1926 am Quai d’Orsay, dem Sitz des französischen Außenministeriums tätigStanislas Jeannesson: Jacques Seydoux et la diplomatie économique dans la France de l’apres-guerre. In: Relations Internationales. Band 121, 2005, S. 9–17, insbesondere S. 13. Während des Ersten Weltkrieges war Seydoux maßgeblich an der wirtschaftlichen Kriegsführung, der Wirtschaftsblockade gegen Deutschland beteiligt. Aufgrund der wirtschaftspolitischen Erfahrungen, die Seydoux in dieser Position gesammelt hatte, war es wenig überraschend, dass er nach dem Krieg Leiter der zum 1. Mai 1919 neugeschaffenen Wirtschaftsabteilung im Quai d’Orsay, der Sous-direction des relations commerciales, wurdeRalph Blessing: Der mögliche Frieden. Die Modernisierung der Außenpolitik und die deutsch-französischen Beziehungen 1923–1929. München 2008, S. 63 (= Pariser Historische Studien, Band 76). In Seydoux’ Zuständigkeitsbereich gehörte auch die Frage der deutschen Reparationen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs, eines der zentralen Probleme der internationalen und deutsch-französischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit. Soweit es sein Gesundheitszustand erlaubte, nahm er in leitender Funktion an den Reparationskonferenzen in Spa (Juli 1920), Brüssel (Dezember 1920), London (März und Mai 1921), Cannes (Januar 1922), Genua (April–Mai 1922) und London (Juli bis August 1924), die zum Dawes-Plan führte, teil.

Nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst bis zu seinem Tod im Jahre 1929 entfaltete Seydoux eine rege publizistische Tätigkeit und veröffentlichte mehr als zweihundert Artikel zu außenpolitischen Problemen, mit einem Schwerpunkt auf Reparationsfragen und den deutsch-französischen BeziehungenStanislas Jeannesson: L’Europe de Jacques Seydoux. In: Revue Historique. Nr. 298/1, 1998, S. 123–143, insbesondere S. 128..

Seydoux spielte eine Schlüsselrolle in der französischen Außenwirtschaftspolitik seit dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Abschied vom Quai d’OrsayGeorges-Henri Soutou: Problèmes concernant le rétablissement des relations économiques franco-allemandes après la Première Guerre mondiale. In: Francia. Band 2, 1974, S. 580–596, insbesondere S. 583. und war einer der Architekten der französischen ReparationspolitikMarc Trachtenberg: Reparation in World Politics. France and European Economic Diplomacy, 1916–1923. New York 1980, S. 163., der sich durch „hohe Kompetenz und intime Kenntnis der Zusammenhänge der internationalen Politik“ auszeichneteClemens A. Wurm: Die französische Sicherheitspolitik in der Phase der Umorientierung 1924–1926. Frankfurt a. M., Bern, Las Vegas, 1979 (= Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Band 115), S. 496..

Werke Jacques Seydoux: De Versailles au Plan Young. Paris 1932.

Literatur Stanislas Jeannesson: L’Europe de Jacques Seydoux. In: Revue Historique. Nr. 298/1, 1998, S. 123–143. Stanislas Jeannesson: Jacques Seydoux et la diplomatie économique dans la France de l’apres-guerre. In: Relations Internationales. Nr. 121, 2005, S. 9–17. Stanislas Jeannesson: Jacques Seydoux, diplomate 1870–1929. Paris 2013. Nicole Jordan: The Reorientation of French Diplomacy in the 1920s: The Role of Jacques Seydoux. In: English Historical Review. Band 117, Heft 473, 2002, S. 870–873. Georges-Henri Soutou: Die deutschen Reparationen und das Seydoux-Projekt, 1920–1921. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 23, 1975, S. 237–270.

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