mini|Stabhochsprungtechnik 1955 mini|Stabhochspringer bei der Lattenüberquerung mini|Aachener Domspringen 2021, Serienbild Stabhochsprung ist eine olympische Disziplin in der Leichtathletik, bei der die Springer nach ihrem Anlauf eine hochliegende Sprunglatte mit Hilfe eines langen, flexiblen Stabes überwinden. Diese Latte ist 4,50 Meter lang und so auf zwei Sprungständern gelagert, dass sie bei leichter Berührung herunterfällt. Die Anlaufbahn ist mindestens 45 Meter lang und 1,22 Meter breit.
Die Sprungstäbe selbst sind nicht reglementiert. Moderne Stäbe bestehen aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) oder aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK), haben einen Durchmesser von etwa fünf Zentimetern und sind hohl. Je nach Gewicht und Kraft des Springers und der Sprunghöhe variiert die Länge und Dicke des Stabes. Mit Stäben aus glasfaserverstärktem Kunststoff erreichen die besten Springer etwa 6 Meter bei den Männern (Weltrekord: 6,31 m, Armand Duplantis) und etwa 4,80 Meter bei den Frauen (Weltrekord: 5,06 m, Jelena Issinbajewa).
Der Stabhochsprung ist seit 1896 in Athen olympische Disziplin für die Männer und seit 2000 in Sydney bei den Frauen. Stabhochsprung ist auch eine Disziplin des Zehnkampfs.
Geschichte mini|Stabhochspringer in der Abstoßphase kurz vor der Lattenüberquerung mini|1890–1900 Frühe Formen des „Stabspringens“ sind von den Griechen in der Antike überliefert. Auf Kreta benutzte man lange Stäbe, um sich über Bullen zu schwingen. Die Kelten benutzten Stäbe für Weitsprünge. Wanderer und Hirten, die einen Stab oder Stock bei sich trugen, aber auch Soldaten sprangen mit Hilfe solcher über Gräben und Zäune.
Hochsprungveranstaltungen mit dem Stab sind seit ca. 1775 aus der deutschen Turnerschaft bekannt. Bei den ersten echten Stabhochsprungwettbewerben um 1850 wurden lange, schwere Eschenstangen benutzt, an denen die Sportler mehr kletterten als dass sie sprangen.
1889 wurden in den USA Handbewegungen am Stab entlang als regelwidrig erklärt, und zugleich kam die Technik auf, sich mit den Beinen voran und dem Bauch nach unten über die Latte zu schwingen.
Seit 1896 in Athen ist Stabhochsprung eine olympische Disziplin.
Leichte Bambusstäbe kamen 1900 auf und wurden vier Jahrzehnte lang benutzt (letzter Weltrekord mit Bambusstab: 4,77 m, Cornelius Warmerdam, 1942). Auch der „Einstichkasten“ wurde 1900 eingeführt. Bob Gutowski, USA, verbesserte 1957 den alten Bambus-Weltrekord auf 4,78 m mit einem Aluminiumstab. Dieser wiederum wurde 1960 mit einem Stahlstab durch Don Bragg auf 4,80 m getrieben. Zur Sicherheit der Springer wurden in dieser Zeit Landematratzen eingeführt. GFK-Stäbe waren in den USA seit 1956 in Verwendung, der erste Weltrekord – 4,83 m – mit einem GFK-Stab wurde 1961 von George Davies aufgestellt.
Von Frauen sind Stabhochsprungveranstaltungen seit 1911 bekannt, wurden aber erst in den 1990er-Jahren als offizielle Wettkämpfe durchgeführt.
Ab 1995 führt die IAAF, seit 2019 World Athletics Weltrekordlisten; der erste internationale Wettkampf mit Frauenstabhochsprung waren die Halleneuropameisterschaften 1996 in Stockholm (Siegerin: Vala Flosadóttir, Island). 1997 durften die Frauen erstmals bei den Hallenweltmeisterschaften in Paris mitspringen, 1999 auch bei den Freiluftweltmeisterschaften in Sevilla und 2000 in Sydney bei Olympischen Spielen.
Seit 1998 gab es mehrere Regeländerungen: Zunächst wurde das Berühren der Latte mit der Hand für regelwidrig erklärt. Ab 2002 wurde die Auflagefläche für die Lattenenden verkürzt, der Lattenquerschnitt wurde verändert und die Vorbereitungszeit für einen Versuch von zwei Minuten auf eine Minute verringert (in der Endphase zwei Minuten für die letzten drei Springer und fünf Minuten für den schon feststehenden Sieger). Initiiert wurden sie durch Serhij Bubka in seiner Eigenschaft als Sportfunktionär. Er selbst hatte seine Bestleistungen noch unter den alten Regeln erzielt.
Meilensteine Männer: erstes registriertes Ergebnis: 3,15 m (10 Fuß, 4 Zoll), Francis Temple (GBR), 6. Oktober 1849 in Woolwich erster offizieller Weltrekord: 4,02 m, Marc Wright (USA), 8. Juni 1912 erster Sprung über 4,50 Meter: 4,54 m, Bill Sefton und Earle Meadows, beide USA, 29. Mai 1937 erster Sprung über 5 Meter: 5,00 m, Brian Sternberg (USA), 27. April 1963 erster Sprung über 5,50 Meter: 5,51 m, Kjell Isaksson (SWE), 15. April 1972 erster Sprung über 6 Meter: 6,00 m, Serhij Bubka (URS), 13. Juli 1985
Frauen: erstes registriertes Ergebnis: 1,725 m, Ruth Spencer (USA), 15. Mai 1911 in Painesville erster Sprung über 3 Meter: 3,05 m, Irene Spieker (USA), 9. Februar 1979 erster Sprung über 3,50 Meter: 3,50 m, Jana Edwards (USA), 23. Juli 1983 erster Sprung über 4 Meter: 4,00 m, Zhang Chungzhen (CHN), 24. März 1991 erster offizieller Weltrekord: 4,05 m, Sun Caiyun (CHN), 21. Mai 1992 erster Sprung über 4,50 Meter: 4,50 m, Emma George (AUS), 8. Februar 1997 erster Sprung über 5 Meter: 5,00 m, Jelena Issinbajewa (RUS), 22. Juli 2005
Erfolgreichste Sportler Männer: Bob Richards (USA): Olympiasieger 1952 und 1956 sowie Olympiadritter 1948 Thierry Vigneron: er verbesserte den Weltrekord zwischen 1980 und 1984 insgesamt fünf Mal. Serhij Bubka (URS/EUN/UKR): Olympiasieger 1988 und sechsmal Weltmeister: 1983, 1987, 1991, 1993, 1995 und 1997. Verbesserte den Weltrekord zwischen 1984 und 1994 insgesamt 17 Mal, davon 14 Mal hintereinander. Renaud Lavillenie (FRA): ehemaliger Weltrekordhalter indoor (6,16 m) und Olympiasieger 2012 sowie Olympiazweiter 2016 und dreimal Hallenweltmeister und insgesamt siebenmal Europameister (dreimal Freiluft, viermal Halle) ab 2009 Armand Duplantis (SWE), Weltrekordhalter im Freien (6,30 m) und in der Halle (6,31 m) (wobei laut Regel 260.2 ein Weltrekord im Stabhochsprung unabhängig davon gilt, ob er in der Halle oder im Freien erzielt wurde), Olympiasieger 2021 und 2024, Weltmeister 2022, 2023 und 2025, Hallenweltmeister 2022 und 2026, Europameister 2018, 2022, 2024 und 2026 sowie Halleneuropameister 2021. Er verbesserte den Weltrekord seit 2020 15 Mal hintereinander. Erfolgreichster Deutscher: Wolfgang Nordwig, Olympiasieger 1972 und Olympiadritter 1968 Frauen: Stacy Dragila (USA): Olympiasiegerin 2000 und zweifache Weltmeisterin, 1999 und 2001 Jelena Issinbajewa (RUS): Olympiasiegerin 2004 und 2008, Weltmeisterin 2005, 2007 und 2013, WM-Dritte 2003. Weltrekordhalterin; sie verbesserte den Weltrekord insgesamt 17 Mal. Katie Moon bzw. Nageotte: Olympiasiegerin 2020 und dreifache Weltmeisterin (2022, 2023 und 2025).
Technik Die moderne Stabhochsprungtechnik beginnt mit der Verwendung hochelastischer Stäbe aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die sich stark biegen lassen, ohne Schaden zu nehmen. Der Grad der Durchbiegung lässt sich am kürzesten Abstand zwischen dem Einstichpunkt und dem Griffpunkt bewerten. Metallstäbe erlauben eine Verkürzung dieser Strecke beim Durchbiegen um 6 bis 20 Zentimeter, GFK-Stäbe um 60 bis 100 Zentimeter.
Die heute allgemein gebräuchliche Sprungtechnik geht auf den US-amerikanischen Stabhochspringer John Pennel (1940–1993) zurück, der von 1963 bis 1969 vier Weltrekorde erzielte (5,13, 5,20, 5,34 und 5,44 m).
Sprungverlauf im Einzelnen Grob lässt sich der Stabhochsprung in die Bewegungsphasen Anlauf – Einstich-Absprung – Eindringen – Aufrollen – Lattenüberquerung – Landung einteilen. Der Springer hält den Stab auf der dem Absprungbein entgegengesetzten Seite, also z. B. rechts, wenn er mit links abspringt. In der Startstellung greift ein Linksspringer den Stab mit der rechten Hand am oberen Ende von unten und mit der linken Hand in ca. 90 bis 120 Zentimetern Entfernung von oben; ein Rechtsspringer umgekehrt. Bei Anheben des Stabes vor dem Anlauf dreht sich die rechte Hand mit dem Handrücken nach oben, so dass Zeige- und Mittelfinger von oben auf den Stab drücken und ihn anheben können. Bei der linken Hand ruht der Stab auf dem Daumen, die anderen Finger greifen ihn von oben (Rechtsspringer: umgekehrt). Der Springer startet den Anlauf mit dem Ende neben dem Körper in Hüfthöhe, der Stab steht nahezu senkrecht.
Der Anlauf ist ein bis zu 45 Meter bzw. 20 Schritte langer Steigerungslauf, bei dem Geschwindigkeiten bis zu 9,5 m/s (Männer) bzw. 8,3 m/s (Frauen) auf den letzten fünf Metern erreicht werden. Während des Anlaufs wird der Stab kontinuierlich gesenkt, so dass er auf den letzten drei bis fünf Schritten eine waagrechte Position erreicht; der Körper richtet sich in eine senkrechte Position auf. Der folgende Einstich-Absprung-Komplex ist das zentrale Element des Stabhochsprungs. Während der letzten drei Schritte beschleunigt der Springer sein Stabende nach oben, verbunden mit Drehbewegungen der Hände, über den Kopf, bis der hintere Arm gestreckt ist; die Stabspitze „fällt“ dabei in den Einstichkasten. Bevor der Stab die rückwärtige Wand des Einstichkastens berührt, erfolgt der vorwärts-aufwärts gerichtete Absprung in Form einer schnellen Ganzkörperstreckung, wobei der Absprungpunkt genau unter der oberen Griffhand sein muss. Hier gibt es zwei verschiedene Techniken. Einerseits kann der Springer „Vorspringen“, das heißt, er führt den vollen Absprung, ohne Kontakt mit der Rückwand des Kastens zu haben, oder er springt, wie beschrieben, im selben Moment ab, in dem der Stab die Rückwand des Kastens berührt. Durch die geschickte Ausnutzung von Anlauf- und Absprungenergie biegt sich der Stab von ganz allein, wobei kinetische Energie auf den Stab übertragen wird. Der Springer dringt in den Stab ein, d. h., er speichert Energie im sich biegenden Stab.
Bevor sich der Stab wieder streckt, also seine Energie wieder an den Springer zurückgibt, muss der Körper in eine gestreckte Kopfunten-Position gebracht werden. Dieses Aufrollen wird durch ein möglichst kraftvolles und schnelles Schließen des Arm-Rumpf-Winkels erzeugt, bei dem der Körper in eine I-Stellung kommt. Der Springer hält sich am Stab mit gestrecktem rechten und angezogenem linken Arm (Linksspringer: umgekehrt). Während der Stabstreckung bleibt der Körperschwerpunkt möglichst nahe an der Streckachse des Stabes, so dass der Springer fast senkrecht in die Höhe katapultiert wird. Am Ende dieser Bewegung beginnt der Springer mit dem Drehumstütz, d. h. er dreht sich um seine Körperlängsachse mit der Brust zur Latte, um diese sicher überqueren zu können, und stößt sich vom Stab ab. Die Latte wird bei richtiger Vorbereitung fliegend im Bogen überquert, die Landung erfolgt bei einem gelungenen Sprung auf dem Rücken.
Physik des Stabhochsprungs Wie hoch ein Athlet mit dem Stab springen kann, hängt von folgenden Faktoren ab: Anlaufgeschwindigkeit: Männliche Weltklassespringer erzielen vor dem Absprung eine Maximalgeschwindigkeit von 9,5 bis 10 Meter pro Sekunde. Nach der Formel hmax = v0²/2g ergibt sich dadurch ein möglicher Höhengewinn von (g ≈ 9,81 m/s²) von 4,60 bis 5,10 Meter. Körperschwerpunkt: Je nach Größe, Körperbau und Absprungposition liegt er typischerweise im Bereich von 0,90 bis 1,20 Meter. Arbeit am Stab: Während sich der Stab biegt und wieder streckt, nutzt der Springer den Stab wie eine Katapult-Feder. Der zusätzliche Energieeintrag durch frühzeitiges und effizientes Hochziehen bringt weitere Zentimeter. 600 Newton Zugkraft, die auf 70 kg Körpergewicht wirkt, führt zu einer Beschleunigung von 8,6 m/s² (wegen a = f/m). Über 0,2 s hinweg lassen sich damit etwa 17 Zentimeter gewinnen (s = a × t²/2). Abstoßen vom Stab: Durch eine kräftige Zug- und Abstoßbewegung mit den Armen nach der Streckung des Stabs kann der Springer ein zweites Mal der Gravitation entgegenwirken. Ein Stoß mit 500 Newton, der auf 70 kg Körpergewicht wirkt, führt beispielsweise zu einer kurzfristigen (~0,1 s) Beschleunigung von 7,1 m/s², was weitere rund 4 Zentimeter bringen kann.