mini|Franz Schubert (Gemälde von Wilhelm August Rieder, 1875)
Die Sinfonie in h-Moll D 759, genannt Die Unvollendete, ist eine als dreisätziges Fragment überlieferte Sinfonie mit zwei vollständigen Sätzen von Franz Schubert, die 1822 in Wien entstand. Die Spieldauer der beiden vollendeten Sätze beträgt circa 22 Minuten.
Entstehung Im Herbst 1822 arbeitete Schubert an einer Sinfonie in der bis dahin völlig ungebräuchlichen Tonart h-Moll und schuf dabei mindestens drei Sätze, die er zunächst im vollständigen Klavierparticell notierte. Im Gegensatz zu seinen bisherigen sechs Sinfonien war das neue Werk diesmal nicht mehr für ein Liebhaberorchester, sondern – nach dem Vorbild von Beethoven – für die kritische Öffentlichkeit gedacht. Weiter ist davon auszugehen, dass die Sinfonie, wie seinerzeit üblich, vier Sätze umfassen sollte. Als Schubert im Herbst desselben Jahres eine Auftragsarbeit dazwischenkam, legte er das Stück auf unbestimmte Zeit zur Seite – und vollendete es nie. Dabei wäre ihm eine komplette Sinfonie sicherlich gut bekommen, allein schon wegen seiner katastrophalen Finanzlage. Doch träumte Schubert stattdessen lieber von der großen Oper, wie ein Brief an den befreundeten Librettisten Eduard von Bauernfeld bezeugt: „Ich kann nirgendwo hinkommen, ich habe GAR kein Geld, und es geht mir überhaupt sehr schlecht. Ich mache mir nichts draus und bin lustig. Übrigens komme sobald als möglich nach Wien. Weil man von mir eine Oper wünscht …“
Fakten und Fiktion Wieso die Sinfonie in h-Moll letztlich unvollendet blieb, gab ihrer Nachwelt Rätsel auf und ist Gegenstand der Diskussion unter Musikwissenschaftlern. So wird unter anderem behauptet, Schubert habe seine Sinfonie am Ende des zweiten Satzes (Andante in E-Dur) bereits als „vollendet“ betrachtet. Angeblich beweise allein schon die Tatsache, dass Schubert die Halbpartitur mitsamt einem Titelblatt aus der Hand gab und dem Steiermärkischen Musikverein widmete, dass er das Werk „in zweisätziger Form als fertig“ betrachtete. Dem steht die Meinung gegenüber, das als dritter Satz skizzierte Scherzo sei qualitativ nicht auf der Höhe der ersten beiden Sätze und daher irrelevant. Eine weitere These besagt, Schubert habe die Arbeit am dritten Satz abgebrochen, weil er in eine zu starke Nähe zum Scherzo von Beethovens 2. Sinfonie geriet.Martin Chusid (Hrsg.): Symphony in B minor. S. 103–105. Wieder andere behaupten, Schubert habe die Sinfonie wie viele andere schlicht aufgegeben. Doch all dies sind und bleiben Spekulationen, die sich aus den Manuskripten weder stützen noch widerlegen lassen.
Fakt ist, dass Schubert noch an einem dritten Satz mit der Bezeichnung Scherzo (Allegro) – Trio arbeitete; dies beweisen einige Seiten eines unvollendeten Scherzos, die erst in den 1860er Jahren auftauchten. Vom geplanten Scherzo in h-Moll hat Schubert nur die ersten 20 Takte orchestriert; das als Klavierskizze notierte Particell zu diesem Satz bricht indessen erst mit dem 16. Takt des Trios (in G-Dur) ab, nachfolgende Notenzeilen sind leer. Das nach der Skizze ausgearbeitete Partiturmanuskript der Sinfonie in h-Moll umfasst 70 durchnummerierte Seiten Reinschrift, beginnend mit einem von Schubert gestalteten Titelblatt mit der lateinischen Kalligraphie „Sinfonia / in / H moll / von / Franz Schubert mpia“ (= manu propria, eigenhändig) und der Datierung „Wien den 30. Octob. 1822“. Erst 1967 entdeckte Christa Landon eine weitere, bisher unbekannte Partiturseite im Archiv des Wiener Männergesangvereins mit den Takten 10–20 des Scherzos. Dieses Blatt ist unvollständig instrumentiert und war, da eine Seitenzahl fehlt, offenbar nie im Besitz Hüttenbrenners. Angaben der Entdeckerin zufolge wurde dieses Blatt aus der Partitur herausgeschnitten und blieb zunächst im Besitz der Familie Schubert, bevor es an den Männergesangverein gegangen war. mini|hochkant=1.6|Faksimile (1885) von Schuberts Autograph der Unvollendeten als Beilage der Biographie ihres Entdeckers Johann von Herbeck (hier: 3. Satz, Scherzo) Angeblich hatte Schubert das Werk 1823 dem Steiermärkischen Musikverein in Graz als Dank für seine Ernennung zum Ehrenmitglied gewidmet und geschenkt. Die Authentizität eines Dankschreibens des Komponisten vom 20. September 1823 mit den Worten „Um auch in Tönen meinen lebhaften Dank auszudrücken, werde ich mir die Freyheit nehmen, dem löblichen Vereine ehestens eine meiner Sinfonien in Partitur zu überreichen“ ist allerdings umstritten.Ernst Hilmar (Hrsg.): Schubert-Lexikon. Akademische Druck- und Verlags-Anstalt, Graz 1997, ISBN 3-201-01665-9. David Montgomery legte 2017 überzeugende Argumente vor, dass Schuberts Widmung eine Fälschung Hüttenbrenners ist und die Sinfonie erst 1824 komponiert wurde.
Die Klavierskizzen der Sinfonie in h-Moll gingen nach Schuberts Tod an seinen Bruder Ferdinand und nach dessen Tod 1859 in den Besitz des Wiener Autographensammlers Nicolaus Dumba. Die Partitur der Sinfonie kam hingegen auf ungeklärte Weise in den Besitz der Schubert nahestehenden Brüder Anselm und Josef Hüttenbrenner nach Graz. Zunächst verblieb die Partitur bei Josef, der davon 1853 einen vierhändigen Klavierauszug herstellte, später übernahm Anselm das Manuskript. Die Entdeckung der Halbsinfonie ist dem Wiener Hofkapellmeister Johann von Herbeck zu verdanken, der unermüdlich nach Schubert-Autographen suchte und dank dessen viele Manuskripte noch erhalten sind. Als Herbeck Anfang der 1860er Jahre von der Schenkung erfuhr, suchte er Anselm Hüttenbrenner auf und fand dort am 1. Mai 1865 das Autograph der Sinfonie.
mini|hochkant|Gedenktafel für die Unvollendete und Schubert als Gast bei Franz von Schober (1822) im Göttweiger Hof Wien in der Spiegelgasse
Uraufführung / Erstdruck Herbeck brachte die beiden vollständigen Sätze der Sinfonie in h-Moll am 17. Dezember 1865 in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde im großen Redoutensaal der Wiener Hofburg mit sensationellem Erfolg zur Uraufführung. Als Abschluss des als „unfertig“ empfundenen Werks wurde damals das furiose Finale der 3. Sinfonie in D-Dur gespielt. Schon bei der zweiten Aufführung am 4. November 1866 wurde das Werk jedoch nur noch zweisätzig dargeboten.Johann Herbeck. Ein Lebensbild von seinem Sohne Ludwig. Wien 1885, S. 162–169. Bei der Londoner Erstaufführung am 5. Februar 1881 wurde hingegen auf Anregung des britischen Schubert-Forschers George Grove erstmals die Zwischenaktmusik Nr. 1 in h-Moll aus der Bühnenmusik zu Rosamunde, Prinzessin von Zypern (D 797) als Schlusssatz verwendet. Die Halb-Partitur der Sinfonie in h-Moll erschien 1867 im Wiener Musikverlag Carl und Anton Spina, wobei sie die gängige Bezeichnung „Unvollendete“ erhielt.
Anmerkung zur Nummerierung In der alten Gesamtausgabe bei Breitkopf & Härtel (1885) wurde die Unvollendete als Sinfonie Nr. 8 (Sinfonie in h-Moll) und die später entstandene Große C-Dur-Sinfonie als Nr. 7 gelistet, was der Reihenfolge entspricht, in welcher die Werke damals aufgefunden und uraufgeführt worden waren. In der Neuen Schubert Ausgabe wird die Nummerierung üblicherweise nach der Entstehungszeit der jeweiligen Werke vorgenommen und die Unvollendete (1822) daher als Nr. 7 und die Große C-Dur-Sinfonie als Nr. 8 gezählt. Es hat sich erwiesen, dass die verschollen geglaubte „Gasteiner Sinfonie“ von 1825, für die Otto Erich Deutsch die Nummer D 849 vorgesehen hatte, mit der C-Dur Sinfonie identisch ist, die von Schubert in den Jahren 1825–1826 komponiert wurde.
Musikalische Gestalt (Analyse) Bei der Unvollendeten handelt es sich sozusagen um einen musikalischen Torso, der neben Mozarts Requiem KV 626 (1791) als das wohl bekannteste Musikfragment aller Zeiten gilt. Allerdings beginnt kaum eine Sinfonie derart düster und bedrohlich wie die Sinfonie in h-Moll von Franz Schubert. Eine besondere Bedeutung kommt außerdem den Posaunen zu, die hier sozusagen ihre „melodische Emanzipation“ erleben und fortan auch von anderen Komponisten sinfonischer Werke wie Schumann, Brahms, Dvořák, Bruckner oder Mahler in vergleichbarer Rolle eingesetzt wurden. Die beiden vollständigen Sätze, welche ihrerseits nicht nur bzgl. Taktart (3/4- bzw. 3/8-Takt) und Tempo (Allegro moderato bzw. Andante con moto) Gemeinsamkeiten aufweisen, werden in der heutigen Aufführungspraxis meist im ähnlichen Zeitmaß interpretiert.
1. Satz: Allegro moderato h-Moll, 3/4-Takt, 368 Takte mini|Anfang (Takt 1-21), 1. Satz Der Kopfsatz steht in Sonatensatzform. Die Exposition (Takt 1–104) eröffnet mit einer düsteren Unisono-Linie in den Celli und Kontrabässen in h-Moll, welche gesamthaft in tiefer Lage sowie im Pianissimo steht und auf der ausgehaltenen V. Stufe der Grundtonart endet. Diese rätselhafte Phrase mit satzartiger Binnenstruktur (8 in 2+2+4 Takte) kehrt im Verlauf des Satzes mehrmals bedeutungsvoll wieder und schafft dabei einen inneren Zusammenhang:
Zunächst erklingt dieses „Vor-Thema“ (?) nochmals in Originalgestalt bei der obligaten Wiederholung der Exposition; dann gleich zu Beginn der Durchführung (Takt 114), diesmal jedoch in e-Moll und mit variierter Fortsetzung; wenige Momente später (Takt 170) lässt nun das ganze Orchester eben jene Anfangslinie im Fortissimo erschallen; vor Beginn der einsetzenden Reprise verzichtet Schubert auf das Anfangsmotiv, um die Linie dann im Rahmen der Coda (Takt 328) wiederholt – und teilweise fragmentiert – erklingen zu lassen.
Die Weiterführung des Hauptsatzes (Takt 1–38) besteht aus dem bedrohlichen Klopfen der in Takt 9 einsetzenden Pizzicati von Bratschen, Celli und Kontrabässen im Zusammenwirken mit unruhigen Sechzehntelbewegungen der Violinen, worüber nun das etwas „süßliche“ Hauptthema (Takt 13–21) in der Oboe und der Klarinette erklingt. Das Thema gliedert sich in 8 (2+2+4) Takte und moduliert von h-Moll nach D-Dur, bevor ein zweitaktiges fz-Motiv (T. 20/21) in den Hörnern und Fagotten die Rückmodulation besorgt und das Thema danach in variierter Form wiederholt wird und nach einer dynamischen Steigerung mit dem ganzen Orchester in der Grundtonart kadenziert. mini|Seitenthema (Takt 44-53), 1. Satz