Weit vom Stamm: Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind (US-amerikanischer Originaltitel: Far From the Tree: Parents, Children, and the Search for Identity) ist ein mehrfach mit Preisen ausgezeichnetes Sachbuch des US-amerikanischen Schriftstellers, Journalisten und Dozenten für Psychiatrie Andrew Solomon. Es erschien 2012 auf Englisch und 2013 in deutscher Übersetzung. Solomon setzt sich in Weit vom Stamm mit der Frage auseinander, wie Familien mit Kindern zurechtkommen, die sich physisch, geistig und sozial deutlich von ihren anderen Familienmitgliedern unterscheiden. Er bezeichnet diese Merkmale als „horizontale Identitäten“ und unterscheidet sie von „vertikalen Identitäten“, jenen Eigenschaften und Werten, die über Generationen von Eltern an ihre Kinder nicht nur über die DNA, sondern auch über gemeinsame kulturelle Normen weitergegeben werden.
Inhalt mini|Vater und sein Sohn mit Down-Syndrom Solomon stellt in seinem umfangreichen Werk über 300 überwiegend US-amerikanische Familien vor, deren Kinder taub, kleinwüchsig, hochbegabt, kriminell, schizophren, sehr stark körperlich und geistig behindert oder autistisch sind oder das Down-Syndrom haben. Jeder dieser Einschränkungen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in der Solomon auch ausführlich auf die medizinischen Fakten und die jeweilige Forschungsgeschichte eingeht. In einem der letzten Kapitel des Buches stellt er Frauen vor, deren Kinder durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden.
Solomon widerspricht entschieden der Ansicht, das Leben von Eltern behinderter Kinder sei ein Leben in steter Sorge.Andrew Solomon: Far From the Tree: Parents, Children and the Search for Identity. Scribner, New York, 2012, ISBN 978-1-4767-0695-5. Kapitel Prodigies. E-Book Position 7426. Inwieweit das Leben mit einem Kind, das sich stark von seinen anderen Familienmitgliedern unterscheidet, zur Katastrophe oder zur Chance für diese Familie wird, entscheidet in nicht geringem Maße das Verhalten des Umfelds der Familie. Daneben spielt eine große Rolle, wie stark sich das Leben mit diesem Kind auf den Lebensrhythmus der Eltern auswirkt:
Zu den Bekannteren unter den ausführlicher porträtierten Personen gehören unter anderem Emily Perl Kingsley und ihr Sohn mit Down-Syndrom, Jason. Kingsley hat als eine Autorin der Sesamstraße dazu beigetragen, dass auch behinderten Kindern in dieser Sendung ein Platz eingeräumt wurde. Emily Kingsley ist außerdem als Autorin des Essays Willkommen in Holland bekannt, der die Erfahrung, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen, mit einer lang geplanten Reise nach Italien vergleicht, bei der man plötzlich in Holland landet, ihr Sohn hat mehrfach Rollen in Fernsehsendungen übernommen. Er interviewte auch ausführlich Thomas und Sue Klebold, die Eltern eines der Täter des Amoklaufs an der Columbine High School im Jahre 1999, weil er der Frage nachgehen wollte, wie Familien damit umgehen, wenn eines ihrer Mitglieder zum Schwerverbrecher wird.
Solomon entschied sich, auch sogenannte „Wunderkinder“ und ihre Familien zu porträtieren, weil er zu der Überzeugung gelangt ist, es könne eine nicht weniger isolierende, verwirrende und lähmende Erfahrung sein, ein mit seinen Begabungen herausragendes Kind zu haben, als eines, das an einer schweren Behinderung leidet. Solomon kommt zu dem Schluss, dass ein solch hochbegabtes Kind das Kräftespiel innerhalb einer Familie in einem ähnlichen Maße verschieben kann wie ein Kind mit Schizophrenie oder einer Schwerstbehinderung.Andrew Solomon: Far From the Tree: Parents, Children and the Search for Identity. Scribner, New York, 2012, ISBN 978-1-4767-0695-5. Kapitel Prodigies. Zu den von ihm porträtierten Persönlichkeiten, die bereits als Kinder im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit standen, gehören unter anderen Jewgeni Igorewitsch Kissin, Leon Fleisher, Yefim Bronfman, Lang Lang und Vanessa-Mae und ihre jeweiligen Familien. Solomon weist zwar darauf hin, dass viele als Wunderkinder vermarktete Künstler sehr ich-bezogen sind, dass es häufig aber die Eltern sind, die einen narzisstischen Trieb ausleben. Solomon schreibt weiter, dass sie häufig ihre eigenen Hoffnungen und Ambitionen auf ihre Kinder übertragen und statt in ihnen Neugier zu kultivieren, durch sie Ruhm nachlaufen.Andrew Solomon: Far From the Tree: Parents, Children and the Search for Identity. Scribner, New York, 2012, ISBN 978-1-4767-0695-5. Kapitel Prodigies. E-Book Position 8973. Im Original lautet das Zitat: While many performers are self-involved, it is often the parents of prodigies who are most obviously narcissistic. The may invest own hopes, ambitions, and identities in what their children do rather than who their children are. Instead of cultivating curiosity, they may sprint for fame.
Entstehungsgeschichte Der Anlass für Andrew Solomon, dieses Buch zu schreiben, war die eigene Identitätsfindung. Die Erfahrung von Familien, in denen Kinder aufwachsen, die sich stark von ihren Eltern unterscheiden,
Andrew Solomon war 2001 bereits für sein Buch Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression mit dem National Book Award ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung brachte ihm unter anderem Stipendien von mehreren Stiftungen ein. Er erhielt in der Zeit, in der er an Weit vom Stamm arbeitete, unter anderem Wohnrecht bei Yaddo, bei der MacDowell Colony sowie der Ucross Foundation und wurde durch das Rockefeller Foundation Bellagio Center unterstützt.
Auszeichnungen und Nominierungen Weit vom Stamm wurde von The New York Times zu einem der zehn besten Bücher des Jahres 2012 gewählt. In der Kategorie Sachbuch gewann es den National Book Critics Circle Award, es erhielt eine Auszeichnung durch das National Council on Crime and Delinquency, den Anisfield-Wolf Book Award und den Dayton Literary Peace Prize sowie eine Auszeichnung durch die US-amerikanische National Multiple Sclerosis Society, den J. Anthony Lukas Book Prize und wurde von der New Atlantic Independent Booksellers Association (NAIBA) zum Buch des Jahres in der Kategorie Sachbuch gewählt.
Deutschsprachige Rezensionen
Buchbesprechung im BR vom 27. November 2013 Buchbesprechung in der Zeit vom 20. Februar 2014
Ausgaben Die Erstausgabe erschien in den Vereinigten Staaten im November 2012 und zwei Monate später in Großbritannien mit dem Titel Far from the Tree: A Dozen Kinds of Love. Die deutsche Ausgabe erschien im Oktober 2013 in Deutschland im S. Fischer Verlag. An der Übersetzung aus dem Amerikanischen waren Antoinette Gittinger, Enrico Heinemann, Ursula Held und Ursula Pesch beteiligt. Far From the Tree: Parents, Children and the Search for Identity. Scribner, New York, 2012, ISBN 978-1-4767-0695-5. Weit vom Stamm: Wenn Kinder ganz anders als ihre Eltern sind. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-070411-5.
Einzelbelege
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Englisch) Kategorie:Literatur (Vereinigte Staaten) Kategorie:Sozialwissenschaftliches Werk Kategorie:Behinderung Kategorie:Essay