Eisenmangel oder Sideropenie (von „Eisen“, und „Armut, Mangel“) bedeutet einen Mangelzustand des Organismus an Eisen. Ein Eisenmangel ist häufig symptomlos. Treten die Symptome eines Eisenmangels vor der Anämie auf, spricht man von Sideropenie. Der menschliche Körper enthält etwa 2 bis 4 Gramm Eisen. Ungefähr 60 Prozent davon sind an den roten Blutfarbstoff Hämoglobin, die restlichen 40 Prozent an Ferritin, Hämosiderin, Myoglobin und Enzyme gebunden.Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 1. Auflage. Umschau / Braus Verlag, 2001.
Häufigste Ursachen Die häufigsten Ursachen des Eisenmangels sind regional unterschiedlich: In westlichen Industrieländern sind chronische Blutverluste, beispielsweise durch konsumierende Prozesse wie Tumorleiden, Hypermenorrhoe oder chronische entzündliche Prozesse wie Osteomyelitiden führend, während im globalen Süden bakterielle (z. B. Tuberculose), parasitäre (z. B. Malaria) und mangelernährungsbedingte Ursachen dominieren.
Blutungen kommen bei Männern und Frauen häufig im Magen-Darm-Trakt, häufig auch als Blutungen von Tumoren vor, bei jungen Frauen kann auch eine zu starke Menstruation Ursache der Eisenmangelanämie sein. Durchschnittlich verlieren Frauen ungefähr 15 mg Eisen mit jeder Regelblutung. In der Schwangerschaft ist der Eisenbedarf sogar um fast 100 % erhöht. Auch regelmäßige Blutspender haben einen erhöhten Bedarf, da durch die Entnahme von etwa einem halben Liter Blut auch ca. 250 mg Eisen verloren gehen. Des Weiteren tritt Eisenmangel gehäuft im Zusammenhang mit chronischer Herzinsuffizienz auf.
Die Behandlung von Krankheiten mittels häufiger, regelmäßiger Aderlässe, wie etwa die Polycythaemia vera, verursacht bei den Patienten gezielt einen Eisenmangel. Bei der Blutkrankheit Polycythaemia vera werden zu viele Blutkörperchen produziert. Der durch Aderlässe gewollt herbeigeführte Eisenmangel führt zu einer gewünschten längerfristigen Reduktion des Hämatokrits, vor allen Dingen durch eine Verringerung der Erythrozytengröße, sowie der Blutkörperproduktion.
Ausreichende Reserven an Eisen sind eine wesentliche Voraussetzung für das Überleben von Menschen, aber auch von Mikroorganismen wie Bakterien und Parasiten. Der Körper verfügt über verschiedene Mechanismen, um die Gefahr einer Infektion zu bekämpfen, und bildet Zytokine, um die Körpertemperatur zu erhöhen, bei gleichzeitiger Reduzierung der Verfügbarkeit von Eisen im Blut und Gewebeflüssigkeit, und verhindert so das Wachstum und die Vermehrung von Mikroorganismen. Daher sind ein Eisenmangel oder eine Anämie bei Infektionen nicht notwendigerweise ein Grund für die Verabreichung von Eisenpräparaten.M. Wessling-Resnick: Iron homeostasis and the inflammatory response. In: Annual review of nutrition. Band 30, August 2010, S. 105–122, doi:10.1146/annurev.nutr.012809.104804. PMID 20420524, (Review).
Auch Mikroorganismen passen sich den schlechten Bedingungen an, welche ihnen das Immunsystem bereitet, indem sie das Ferritin aus dem Kreislauf entziehen, zum Beispiel können Chlamydien Eisen aus den Zellen extrahieren, hämolytische Streptokokken zersetzen die roten Blutkörperchen, manche Mikroorganismen ziehen Eisen aus schwer erreichbaren gebundenen Reserven.F. M. Pieracci, P. S. Barie: Iron and the risk of infection. In: Surg Infect (Larchmt). (6), 2005, S. 1–41.
Bei manchen Mäusen wurde ein Stoffwechseldefekt festgestellt, der die Eisenaufnahme reduziert bzw. blockiert. Ob solch ein Eisenstoffwechseldefekt auch bei Menschen existiert, ist Stand 2023 Gegenstand von Forschungen.
Ernährung
Insgesamt erreichen in Deutschland 14 % der Männer und 58 % der Frauen die empfohlene tägliche Zufuhr für Eisen nicht. Bis zum Alter von 50 Jahren sind hiervon über 75 % der Frauen betroffen.
Eisen ist ein potentiell kritischer Nährstoff bei vegetarischer und veganer Ernährung. Die Deckung der D-A-CH-Referenzwerte ist laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung über eine rein pflanzliche Kost möglich. Ältere Studien wie die Deutsche Vegan Studie (1993–1995) zeigten bei 40 % der Veganerinnen im Alter zwischen 19 und 50 Jahren Werte unter 12 μg/l bei den Veganerinnen über 50 Jahren waren es 12 %. Eine Eisenmangelanämie war bei lediglich 4 % nachweisbar. Neuere Studien zeigen, dass in westlichen Industrieländern heute eine Eisenmangelanämie bei Vegetariern und Veganern nicht häufiger vorkommt als bei Nicht-Vegetariern.Angela V Saunders, Winston J Craig, Surinder K Baines, Jennifer S Posen: Iron and vegetarian diets. In: Medical Journal of Australia. 199, 2013, doi:10.5694/mja11.11494. Während Serumeisen und Hämoglobin sich kaum von Nicht-Vegetariern unterscheiden, befinden sich die Eisenspeicher, gemessen an der Serumferritinkonzentration, meist im unteren Normalbereich. Erwachsene mit veganer oder vegetarischer Ernährung haben niedrigere Eisenspeicher als Personen, die sich auch mit Fleisch ernähren. Niedrige Eisenspeicher können mit gesundheitlichen Nachteilen verbunden sein, zum Beispiel während der Wachstumsphase, bei hohem Eisenbedarf während der Schwangerschaft oder bei Krankheiten mit Blutverlust. Niedrige Eisenspeicher erhöhen das Risiko einer Eisenmangelanämie. Vorteil niedriger Eisenspeicher ist eine mögliche Risikoreduktion gegenüber nicht ansteckbaren Krankheiten wie Diabetes Mellitus Typ 2, Koronare Herzkrankheit oder das allgemeine Risiko einer Krebserkrankung.Ester Orban, Sigrid Schwab u. a.: Association of iron indices and type 2 diabetes: a meta-analysis of observational studies. In: Diabetes/Metabolism Research and Reviews. 30, 2014, S. 372, doi:10.1002/dmrr.2506.N. Abbaspour, R. Hurrell, R. Kelishadi: Review on iron and its importance for human health. In: Journal of research in medical sciences : the official journal of Isfahan University of Medical Sciences. Band 19, Nummer 2, Februar 2014, S. 164–174, PMID 24778671, (Review).Monica Dinu, Rosanna Abbate, Gian Franco Gensini, Alessandro Casini, Francesco Sofi: Vegetarian, vegan diets and multiple health outcomes: A systematic review with meta-analysis of observational studies. In: Critical Reviews in Food Science and Nutrition. 57, 2017, S. 3640, doi:10.1080/10408398.2016.1138447.
Symptome und Folgeerkrankungen Folgende Symptome und Folgeerkrankungen gelten als typisch:Herold: Innere Medizin. Köln 2007, S. 24. Haut und Schleimhaut: Blässe Nägel: Brüchigkeit (Onychorrhexis), Rillenbildung, Koilonychie Plummer-Vinson-Syndrom Mundwinkelrhagaden (ICD-Code: K13.0) diffuser Haarausfall Nervensystem: Müdigkeit Kopfschmerzen Schwindelgefühl Konzentrationsstörungen Psychische Labilität selten: Pikazismus (ICD-Code: F50.8) selten: Restless-Legs-Syndrom Blut: Eisenmangelanämie Belastungsdyspnoe (verminderte O2-Träger bei manifester Anämie) Herz Herzinsuffizienz (eine 2009 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass Patienten mit Eisenmangel und gleichzeitig bestehender Herzinsuffizienz eine deutliche Verbesserung der letzteren aufwiesen, wenn der Eisenmangel ausgeglichen wurde, und zwar unabhängig davon, ob gleichzeitig eine Eisenmangelanämie bestand oder nicht.S. D. Anker, J. Comin Colet, G. Filippatos, R. Willenheimer, K. Dickstein, H. Drexler, T. F. Lüscher, B. Bart, W. Banasiak, J. Niegowska, B. A. Kirwan, C. Mori, B. von Eisenhart Rothe, S. J. Pocock, P. A. Poole-Wilson, P. Ponikowski: FAIR-HF Trial Investigators: Ferric carboxymaltose in patients with heart failure and iron deficiency. In: The New England Journal of Medicine 361(25), 2009, S. 2436–2448. doi:10.1056/NEJMoa0908355, PMID 19920054. Das eisenhaltige Myoglobin ist Hauptprotein des Herzmuskels.) In einer neuen Studie HEART-FID bleibt ein patientenrelevanter Nutzen von Eiseninfusionen bei Herzinsuffizienz und Eisenmangel unbelegt. Es ist unklar, unter welchen Voraussetzungen ein Nutzen möglich ist.Mentz RJ, Garg J, Rockhold FW, Butler J, De Pasquale CG, Ezekowitz JA, Lewis GD, O’Meara E, Ponikowski P, Troughton RW, Wong YW, She L, Harrington J, Adamczyk R, Blackman N, Hernandez AF; HEART-FID Investigators. Ferric Carboxymaltose in Heart Failure with Iron Deficiency. N Engl J Med. 2023 Sep 14;389(11):975-986. doi:10.1056/NEJMoa2304968. Epub 2023 Aug 26. PMID 37632463.
Untersuchungsmethoden Maßgeblich zum Ausschluss oder Beweis von Eisenmangel ist die Bestimmung des Ferritinwerts und der Transferrinsättigung im Blut. Während ein erniedrigter Ferritinwert immer einen Eisenmangel anzeigt, schließt ein erhöhter oder normaler Ferritinwert einen Eisenmangel nicht aus. Ferritin ist nämlich ein Akute-Phase-Protein und kann im Rahmen von Entzündungsreaktionen verstärkt freigesetzt werden. In solchen Fällen ist die Transferrinsättigung entscheidend für die Diagnose, da sie nicht durch die Akute-Phase-Reaktion verfälscht wird. Auch Zink-Protoporphyrin im Blut ist ein nützlicher Parameter, wird aber in den meisten europäischen Ländern selten verwendet. Die Bestimmung nur des Eisenwertes ist hierfür nicht geeignet, weil er zu sehr schwankt.: Ferritin ist bei Verdacht auf Eisenmangel immer zu bestimmen; der Eisenwert (ist) zur Diagnose der Eisenmangelanämie obsolet
Behandlung
LebensmittelEisen (mg/100 g)Thymian, getrocknet123,6Kardamom, Gewürz100Grüne Minze, getrocknet87,5Majoran, getrocknet82,7Sauerampfer, getrocknet81,7Kreuzkümmel69Dill, getrocknet48,77Süßholz41,4Zimt38,1Brennnesseln, getrocknet32,2BlutwurstEisengehalt verschiedener Nahrungsmittel gemäß Schweizer Nährwerttabelle 2004, GU-Nährwert-Tabelle 2002/2003.29,4Petersilie, getrocknet23,961Schweineleber22,1Spirulina, getrocknet20,0Bierhefe, getrocknet20,0Sojamehl15,0Speisehanfsamen, ungeschält14,9Produktdatenblatt Bio Hanfsamen, 150g ecoinform.de (oder 12 von Davert)Kakaopulver, stark entölt14,5Zuckerrübensirup13,0Kakaopulver, schwach entölt12,5Texturiertes Soja12,5Kürbiskerne11,2Ingwer, Pulver11,5Sesam10,0Schweineniere10,0Mohn9,5Pinienkerne9,2Hirse9,0Sojabohnen8,6Sauerampfer, frisch8,5Leinsamen8,2Quinoa8,0Kalbsleber7,9Amarant7,6Linsen6,9Pfifferlinge6,5Sonnenblumenkerne6,3Weiße Bohnen6,1Persipan, Rohmasse6,1Hafer5,8Austern5,8Petersilie, frisch5,5Dill, frisch5,5Leberwurst5,3Aprikosen, getrocknet3,8Erbsen5,0Molkenkäse5,0Roggen4,9Knäckebrot4,7Haferflocken4,6Gerste4,5Grünkern4,2Spinat4,1Brennnessel4,1Mandel4,1Corned Beef4,1Sojasauce3,9Haselnuss3,8Topinambur, frisch3,7Vollkornbrot3,3Rindfleisch3,2Löwenzahn, frisch3,1Schweinefleisch3,0Geflügel2,6Fenchel2,5Kalbfleisch2,2Thunfisch1,2Rote Bete0,93Rote-Bete-Saft0,87Lachs0,7
Umstellung der Ernährung Falls die Ursache eines Eisenmangels Fehl- oder Mangelernährung ist, sollte man mehr eisenhaltige Nahrungsmitteln essen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine Eisenzufuhr je nach Alter und Geschlecht von 10 bis 12 mg/Tag. Für die Stillzeit werden 20 mg, während der Schwangerschaft 30 mg/Tag empfohlen.
Es gibt die Vermutung, dass die Verwendung von gusseisernem Kochgeschirr bei Eisenmangel die Eisenwerte verbessern könne.
In Kambodscha, wo viele Menschen Eisenmangel haben und viele Arme kein gusseisernes Kochgeschirr, gibt es den „glücksbringenden Eisenfisch“. Er wird mitgekocht und soll Eisen an die oftmals eisenarme Speise abgeben; eine Wirksamkeit konnte nicht nachgewiesen werden.
Zu den Folgen der erhöhten Aufnahme eisenhaltiger Verbindungen im pflanzlichen Organismus siehe Eisentoxizität.
Förderstoffe und Hemmstoffe der Resorption von Eisen