Lienzingen ist ein Stadtteil von Mühlacker im baden-württembergischen Enzkreis in Deutschland. Der Ort war bis zum 5. Juli 1975 eine selbstständige Gemeinde und wurde in der Gebietsreform in Baden-Württemberg zwangseingemeindet.Blog des langjährigen Gemeinderats Günter Bächle über das Ende der Unabhängigkeit Am 31. Dezember 2023 hatte Lienzingen 2.083 Einwohner. Lienzingen ist bekannt durch seinen historischen Ortskern, der als Etterdorf geschützt ist.

Geographie Lienzingen liegt nördlich von Mühlacker an der Württemberger Weinstraße. Nördlich von Lienzingen liegt das zu Maulbronn gehörende Zaisersweiher, nordwestlich das ebenfalls zu Maulbronn gehörende Schmie, westlich die eigenständige Gemeinde Ötisheim, östlich die Gemeinde Illingen (Württemberg) und nordöstlich das zu Illingen gehörende Schützingen. Der niedrigste Punkt der Gemarkung liegt auf am Ausfluss des von Schmie kommenden und südsüdostwärts durch Lienzingen fließenden Schmiebachs in die Gemarkung von Illingen. Der Schmiebach ist einer von zwei Dorfbächen. Der zweite ist der Scherbentalbach, der im Ort von Nordwesten her in den Schmiebach fließt. Der höchste Punkt der Gemarkung liegt an der nördlichen Markungsgrenze zu Zaisersweiher auf dem Kamm des Eichelbergs in einer Höhe von . Der Südhang des Eichelbergs ist der Weinberg für Lienzingen, Zaisersweiher und Schmie.

Lienzingen liegt östlich des Kraichgaus zwischen den Ausläufern des Strombergs, zu denen der Eichelberg gehört.

Geschichte Frühe Siedlungsgeschichte Lienzingen kann auf eine lange Siedlungsgeschichte zurückblicken. Gräberfunde aus der Früheisenzeit und der La-Tène-Zeit zeigen, dass schon damals hier Menschen lebten. Die Kelten errichteten auch die „Alte Burg“ auf dem heute noch „Burgberg“ genannten Bergplateau knapp jenseits der Gemarkungsgrenze zu Schützingen.

Um 85 n. Chr. kamen Römer in die Gegend und prägten die Region bis in die heutige Zeit. Aus dieser Zeit wurden Scherben und ein Diana-Relief im Scherbentalbach gefunden. Um das Ende des 3. Jahrhunderts wurden die Römer von den Alemannen überrannt, die hier eine Siedlung gründeten, aus der das heutige Lienzingen hervorgegangen ist. Urkundlich ist das zwar nicht belegt, allerdings lässt sich der alemannische Ortsname als „Bei den Leuten von Luizi bzw. Leonzi“ deuten. Danach geriet Lienzingen unter fränkische Herrschaft.

Die erste urkundliche Erwähnung unter dem Namen Laizhingen (fränkische Schreibweise auch: Lentzencheim oder Letzenheim) stammt aus dem Jahr 766 und betrifft die Schenkung an das Kloster Lorsch. Im Jahr 1186 wird zum ersten Mal eine Kirche urkundlich erwähnt, als Lienzingen dem Kloster Sinsheim übereignet wurde.

Mittelalter Da Lienzingen an einer wichtigen Durchgangs- und Handelsstraße lag, wurde es im Mittelalter ab dem 13. Jahrhundert und bis ins 16. Jahrhundert hinein nicht selten in Kriegshandlungen zwischen Pfalz und Württemberg hineingezogen. Ziel der Parteien war es, die Oberherrschaft über das Kloster Maulbronn zu gewinnen. Dies hatte auch den mehrfachen Wechsel der Herrschaft über Lienzingen zur Folge.

Aus dieser Zeit stammen die Wehranlagen der Peterskirche mit den Gaden. Diese sind inzwischen im privaten Besitz. Sie wurden als Vorratskammern bei Belagerungen genutzt. Sie waren ursprünglich mehrstöckig und fast so hoch wie die Kirche selber. In den oberen Stockwerken des Kirchendaches kann man noch heute die Nischen erkennen, die von den Einwohnern bei ihrem Rückzug bewohnt wurden.

Neuzeit 1525 gab es nach Jahren des Hungers, der Not und wachsender Unterdrückung einen Bauernaufstand, der jedoch blutig niedergeschlagen wurde. Auch die folgenden Jahre brachten viele Kriege und Not, wie z. B. den Dreißigjährigen Krieg, während dessen Lienzingen oft Opfer von Plünderungen wurde. Später, während der Raubkriege Frankreichs, wurde Lienzingen auch des Öfteren geplündert und 1692 sogar von der Soldateska niedergebrannt. Ende des 17. Jahrhunderts, im Zuge der Errichtung der Eppinger Linien, ließ Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden nahe Lienzingen eine Sternenschanze sowie einen Beobachtungsturm (Chartaque) bauen. Zur Ruhe kam Lienzingen erst nach den Revolutions- und napoleonischen Kriegen.

Während des 19. Jahrhunderts wanderten wie in anderen deutschsprachigen Gebieten viele Menschen aus, hauptsächlich nach Nordamerika.

20. Jahrhundert Der nächste Einschnitt kam mit dem Ersten und dem nicht lange danach folgenden Zweiten Weltkrieg. In diesen Kriegen starben viele Lienzinger. An die Gefallenen und Vermissten erinnert eine Gedenktafel auf dem Friedhof.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine große Zuwanderungswelle aus den „ehemaligen Ostgebieten“, und so wurde ein ganz neuer Dorfteil Lienzingens gebaut – das Brühlgebiet südlich des Schmiebachs. Die Straßen dort erinnern an die Geschichte Lienzingens, sie sind nach Alemannen, Franken, Merowingern, Karolingern, Saliern und Hohenstaufen benannt.

Eingemeindung Lienzingen wurde unter großem Protest und Widerstand am 5. Juli 1975 zwangseingemeindet und der Stadt Mühlacker zugesprochen. Bis zum heutigen Tag ist dadurch das Verhältnis vor allem alter Lienzinger gegenüber der Stadt Mühlacker angespannt.

Der historische Ortskern Das Etterdorf miniatur|Knittlinger Straße: Typisches Lienzinger Fachwerkhaus Der Ortskern im Mündungswinkel der Dorfbäche besteht aus einem fast gänzlich geschlossenen Scheunenring, vielen gut erhaltenen Fachwerkhäusern und der imposanten Kirchenburg. Zum Gesamtensemble des Etterdorfs gehören außerdem die Schrebergärten sowie der Weg um den gesamten Ortskern. Die Kirchengaden sowie die schönen Fachwerkhäuser waren und sind Teil mehrerer Sanierungsmaßnahmen.

Das älteste bekannte ländliche Wohnhaus im Regierungsbezirk Karlsruhe, gebaut um 1441, ist Teil des Ensembles in der Knittlinger Straße. Das Gebäude wurde in den 1990er Jahren aufwändig und unter Beibehaltung von möglichst viel historischer Substanz restauriert und zur Gaststätte Zum Nachtwächter umgebaut.Geschichte des Gebäudes Hotel Zum Nachtwächter Die Bemühungen wurden 1996 mit dem Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg geehrt. Auch das Gebäude Knittlinger Straße 20 gehört zu diesem Ensemble.

Kirche mini|Turm der Evang. Peterskirche, erbaut 1492. Foto vom 29. Januar 1928 Die erste Kirche in Lienzingen wird im Jahr 1186 urkundlich erwähnt. Die heutige Peterskirche ist Bestandteil der sehr gut erhaltenen Wehranlage, mit der um 1400 die Errichtung einer Ringmauer, der dazugehörigen Gaden (Kirchkammern oder Fruchtvorratskammern) und damit der Ausbau zu einer Fluchtburg begonnen wurde. Das Steinmaterial soll der Überlieferung nach die Ruine der „Alten Burg“ vom Burgberg bei Schützingen geliefert haben. Die bis dahin romanische Peterskirche wurde Ende des 15. Jahrhunderts im spätgotischen Stil umgebaut.

miniatur|Ansicht der Liebfrauenkirche aus Südosten Des Weiteren gibt es die Frauenkirche, eine ehemalige Wallfahrtskirche des Klosters Maulbronn. Sie steht am südlichen Ortsrand auf einer kleinen Anhöhe, ist dadurch weithin sichtbar und wird heute als Beerdigungskirche und – aufgrund der guten Raumakustik – für Konzerte des seit über dreißig Jahren stattfindenden „Musikalischen Sommers“ genutzt.

Die Kirchengemeinde Lienzingen zählt ca. 900 evangelische ChristenWebseite der evangelischen Kirchengemeinde Lienzingen und hat ein reges Gemeindeleben. Sie unterhält neben der Peterskirche den Friedrich-Münch-Kindergarten und ein Gemeindehaus. Die Liebfrauenkirche sowie ein weiterer Kindergarten sind in städtischem Besitz.

Dorfleben Das Dorfleben ist geprägt durch einige Feste, Konzerte und andere kulturelle Angebote. Gelegenheit für sportliche Betätigung bieten zwei Sportplätze, ein Bolzplatz, eine Turn- und Festhalle sowie eine Tennishalle. Daneben bietet auch die freie Natur reichlich Platz.

Außerdem gibt es eine Freiwillige Feuerwehr und auch das Technische Hilfswerk Mühlacker hat hier Räumlichkeiten. Zudem betreibt der Malteser Hilfsdienst eine Rettungswache mit einem Rettungswagen. Lienzingen hat einen Bäcker mit Lebensmittelladen.

Vereine Es gibt in Lienzingen einen Fußballverein, einen Turn- und Sportverein Lienzingen, den Verein der Tennisfreunde und den Männergesangverein „Freundschaft“. Seit 2010 gibt es den Lienzinger Gaden e. V., einen Verein zum Erhalt der Kirchengaden und zur Austragung des jährlichen Weihnachtsmarktes im mittelalterlichen Flair: „Weihnachts-Gaden Lienzingen“.

Politik

Wappen Das Lienzinger Wappen ist ein rotes Schild, in dem ein an der Vertikalen gespiegeltes, goldenes S mit fischschwanzähnlichen Enden steht.

Vertretung im Gemeinderat Unter der Unechten Teilortswahl stellte Lienzingen im Gemeinderat der Stadt Mühlacker nach der Wahlordnung 3 Gemeinderäte. Die Teilortswahl wurde im Jahr 2010 abgeschafft. Seit 2014 gibt es für alle Ortsteile nur eine Liste.Sitzungsvorlage zur Abschaffung der unechten Teilortswahl

Bürgermeister In der selbständigen Gemeinde führte der Chef der Ortsverwaltung anfangs den Titel Schultheiß, ab 1929 dann Bürgermeister. Seit der Eingemeindung nach Mühlacker am 5. Juli 1975 ist der Oberbürgermeister der Stadt Amtschef der für Lienzingen zuständigen untersten Verwaltungsebene.Liste der Schultheißen und Bürgermeister von Lienzingen siehe Wissmann 1970, S. 177

Schultheißen von Lienzingen: soweit bekannt 1446: Hans Klebsattel 1476, 1482: Jakob Windhofen 1506: Jakob Klingeisen 1533: Jakob Steiger, Vogt 1539: Konrad Schweitzer, Schultheiß 1542, 1545: Hans Kostfrey 1551–1567: Veit Conlin 1570: Michael Kraus 1571/72: Martin Gaupp 1576: Martin Haakh 1595, 1602: Konrad Schweitzer, reisiger Schultheiß 1625: Hans Knodel 1635–1661: Hans Sidler 1670: Simon Hettler 1692: Hans Jakob Geißler 1693: Keller 1735 und 1751: Jakob Herzog 1738–1748: Johann Ulrich Gries 1751–1755: Joh. Jakob Schmidgall 1772: Johann Jakob Romig 1801, 1819: Christian Geißler 1828: Neuffer 1829, 1834: Fehleisen 1836–1867: Steußing 1867–1880: Fischer 1880–1907: Link 1907–1920: Adolf Fallscheer 1920–1929: Karl Brodbeck (danach Bürgermeister)

Bürgermeister von Lienzingen:

1929–1945: Karl Brodbeck (zuvor Schultheiß) 1945–1947: Jakob Straub 1947–1975: Richard Allmendinger

Oberbürgermeister von Mühlacker:

1975–1993: Gerhard Knapp (SPD) 1994–2002: Klaus Schönfeld (parteilos) 2002–2009: Arno Schütterle (Bündnis 90/Die Grünen) seit 2010: Frank Schneider (FDP)

Wirtschaft und Infrastruktur Wirtschaft In Lienzingen gibt es mehrere kleine bis mittlere Betriebe hauptsächlich der Metallverarbeitung (wie z. B. Geissel GmbH) sowie Handwerker (wie z. B. Klempner Zischka Haustechnik) und Läden (wie z. B. Bäckerei Schmid), sowie andere Dienstleister (wie z. B. Fahrzeug-Codierung.de). In der nahen Umgebung liegen einige größere bis große Industriestandorte, etwa in Mühlacker.

Landwirtschaft Ackerbau Lienzingen war ursprünglich ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf. Heute gibt es neben mehreren Nebenerwerbs- nur noch drei Haupterwerbslandwirte. Die Fläche der Gemarkung Lienzingen beträgt heute 11,09 km².Wissmann 1970, S. 197. → Literatur Hier wird die Fläche geringfügig abweichend oder auch nur gerundet mit 1.110 ha angegeben. Davon waren 1853–1873 634 ha Feldfläche, bis 1965 stieg diese auf 648 haSiehe Wissmann 1970, S. 197 an. Mit der Ausweisung des Neubaugebietes „Raith“ in den 1990ern nahm sie wieder um einige Hektar ab.

Angebaut werden hauptsächlich Mais, Raps, Kartoffeln und Getreide.

Der Mais wird zum Großteil in der Biomethananlage in Mühlacker verwertet, die in sechs Silos insgesamt etwa 30.000 t organische Frischmasse einlagern kann und mit 5 MW Gasleistung bzw. 2 MW elektrischer Leistung eine Einspeisekapazität in das Erdgasnetz von 46.000.000 kWh im Jahr hat. Der übrige Mais wird für Viehfutter siliert.

Nutztierhaltung