Alfred Geist (* in Riga, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich; † 2. Oktober 1919 in Riga, Lettische SPR), mit vollem Namen Karl Alfred Geist, auch Alfred Karl Geist geschrieben, war ein deutsch-baltischer Pastor. Er gilt als evangelisch-reformierter Bekenner und ist auf dem Rigaer Märtyrerstein verzeichnet.
Die Datumsangaben in diesem Artikel richten sich, wenn nicht anders angegeben, für den Zeitraum bis 1918 nach dem julianischen Kalender.
Leben Jugend, Ausbildung und Amtseinführung Alfred Geist wurde in der Reformierten Kirche in Riga getauft.Aus den Kirchengemeinden. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 1, 2. Januar 1864, online unter Von 1883 bis 1884 studierte er an der Kaiserlichen Universität Dorpat. Danach arbeitete er bis 1885 zunächst als Hauslehrer. Vom 5. Mai 1885 bis zum 5. Mai 1886 setzte er dann sein Studium in Heidelberg und Jena fort. Am 27. November 1887 wurde er ordiniert, danach war er bis 1888 Vikar in Moßbach in Sachsen-Weimar-Eisenach.
Palmsonntag, Karfreitag und Ostersonntag 1888 hielt er Bewerbungspredigten an der Reformierten Kirche in Riga.Locales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 84, 12. April 1888, online unter Am 15. Mai 1888 wurde er von der Gemeindeversammlung dieser Kirche mit Wirkung zum 1. Oktober zum Hilfsprediger gewählt.Locales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 111, 16. Mai 1888, online unter
Am 11. November 1890 hielt er die Festpredigt anlässlich des 150-jährigen Bestehens der reformierten Kirche zu Mitau.Litteratur. in der Libauschen Zeitung, Nr. 54, 7. März 1891, online unter Literärisches. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 52, 31. Dezember 1891, online unter
Am 30. November 1890 trat Alfred Geist gemeinsam mit Gustav Cleemann der literärisch-praktischen Bürgerverbindung bei.Aus den Protokollen der Allgemeinen Versammlungen der literärisch-praktischen Bürgerverbindung in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 51, 20. Dezember 1890, online unter
Zu Neujahr spendete er regelmäßig zu wohltätigen Zwecken.Neujahr 1892 in der Düna-Zeitung, Nr. 1, 2. Januar 1892, online unter Neujahr 1894 in der Düna-Zeitung, Nr. 298, 31. Dezember 1893, online unter Neujahr 1895 in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 31. Dezember 1894, online unter Neujahr 1897 in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 31. Dezember 1896, online unter Neujahr 1898 in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 31. Dezember 1897, online unter Neujahr 1899 in der Düna-Zeitung, Nr. 295, 31. Dezember 1898, online unter Neujahr in der Düna-Zeitung, Nr. 289, 24. Dezember 1899, online unter Neujahr 1900 in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 31. Dezember 1899, online unter Neujahr 1901 in der Düna-Zeitung, Nr. 294, 30. Dezember 1900, online unter Neujahr 1901 in der Rigaschen Rundschau, Nr. 293, 30. Dezember 1900, online unter Neujahr 1902 in der Rigaschen Rundschau, Nr. 295, 31. Dezember 1901, online unter Neujahr 1904 in der Düna-Zeitung, Nr. 298, 31. Dezember 1903, online unter Neujahr 1904 in der Rigaschen Rundschau, Nr. 294, 31. Dezember 1903, online unter Neujahr 1906 in der Düna-Zeitung, Nr. 285, 31. Dezember 1905, online unter Neujahr 1907 in der Rigaschen Rundschau, Nr. 300, 30. Dezember 1906, online unter Neujahr 1908 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 302, 31. Dezember 1907, online unter Neujahr 1908 in der Düna-Zeitung, Nr. 1, 2. Januar 1908, online unter Neujahr 1909 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 303, 31. Dezember 1908, online unter Neujahr 1909 in der Düna-Zeitung, Nr. 303, 31. Dezember 1908, online unter Neujahr 1910 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 302, 31. Dezember 1909, online unter Neujahr 1912 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 302, 31. Dezember 1911, online unter Neujahr 1913 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 286, 31. Dezember 1912, online unter Neujahr 1914 in der Rigaschen Zeitung, Nr. 301, 31. Dezember 1913, online unter
Am 26. Januar 1892 um 13 Uhr assistierte er bei der Einweihung der renovierten Friedhofskapelle.Locales. in der Düna-Zeitung, Nr. 21, 27. Januar 1892, online unter
Am Sonntag, dem , wurde er alleiniger Pastor der Reformierten Kirche, als sechster reformierter Pastor Rigas.Locales. in der Düna-Zeitung, Nr. 210, 17. September 1893, online unter Vermischtes. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 32, 12. August 1899, online unter Er betrat gemeinsam mit seinem Vorgänger, Pastor August Iken, und Pastor Kurnatowski aus Mitau die Kirche und betete kurz am Altar. Dann stellte sich Geist zwischen die Vorsteher der Gemeinde. Iken hielt die Einführungsrede zu den Worten Jesu an Petrus: „Simon Johanna, hast Du mich lieb?“ (). Kurnatowski begrüßte ihn in der Pastorenschaft. Geist predigte dann über . Am Ende gratulierte ihm die Gemeinde.Notizen. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 41, 14. Oktober 1893, online unter
Nebentätigkeiten Als Pastor der Reformierten Kirche Rigas bemühte sich besonders Alfred Geist erfolgreich um die innerevangelische Ökumene mit den Rigaer Lutheranern unter Wahrung der jeweils eigenen, gegenseitig respektierten Identität.Der Reformierten Kirche Rigas ein Festgruß zur Zweijahrhundertfeier. in der Rigaschen Rundschau, Nr. 63, 18. März 1933, online unter Außer um seine Rigaer Gemeinde machte sich Geist um die Reformierte Kirche ganz Russlands verdient. So brachte er den Zusammenschluss der wenigen, im ganzen Land verstreuten evangelisch-reformierten Pastoren auf den Weg und bemühte sich auch weiter um diesen Verbund.
Am heiratete er in Riga Martha Ottilie Wagner (* 1862).Aufgeboten. in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 46, 18. November 1899, online unter
Um 1903 bat die Rigasche Reformierte Gemeinde das Generalkonsistorium in Sankt Petersburg, auch das reformierte geistliche Mitglied des livländischen Konsistoriums, nämlich Geist, an seinen Sitzungen teilnehmen zu lassen. Das Gesuch wurde an das Innenministerium weitergeleitet. Erst im Februar 1906 kam die entsprechende Erlaubnis, so dass Geist Anfang März 1906 erstmals an einer solchen Sitzung teilnehmen konnte.Petersburg. Eine Session der Reformierten Abteilung des Generalkonsistoriums in der Düna-Zeitung, Nr. 40, 17. Februar 1906, online unter
Geist war Präses des Evangelischen Jünglingsvereins zu Riga.Jahresbericht des evangelischen Jünglingsvereins zu Riga in den Rigaschen Stadtblättern, Nr. 45, 9. November 1906, online unter
In den Jahren 1907 bis 1911 hielt er alljährlich Ansprachen anlässlich des Geburtstags des deutschen Kaisers Wilhelm II. bei der reichsdeutschen Kolonie.Der Verein der Angehörigen des Deutschen Reiches in Riga in der Rigaschen Rundschau, Nr. 12, 16. Januar 1907, online unter Vereine. in der Düna-Zeitung, Nr. 11, 15. Januar 1907, online unter Kleine Nachrichten. in der Düna-Zeitung, Nr. 12, 15. Januar 1908, online unter Zur Feier des Geburtstages des deutschen Kaisers in der Rigaschen Zeitung, Nr. 12, 15. Januar 1908, online unter Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 10, 14. Januar 1909, online unter Der 50. Geburtstag des Deutschen Kaisers in der Düna-Zeitung, Nr. 11, 15. Januar 1909, online unter Eine reichsdeutsche Schulfeier in der Rigaschen Zeitung, Nr. 10, 15. Januar 1910, online unter Die Schulfeier des Vereins der Angehörigen des Deutschen Reiches zu Riga in der Rigaschen Zeitung, Nr. 10, 14. Januar 1911, online unter
Am 29. Januar 1909 explodierte die Petroleumküche seines Hauses. Seine Köchin, Marie Oseedataj, erlitt dabei lebensgefährliche Brandverletzungen an Armen, Gesicht und Brust.Explosion. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 24, 30. Januar 1909, online unter
Am 5. Dezember 1912 trat er in den Vorstand der deutschen Kinderfürsorge des St. Johannisvereins, Abteilung Riga, ein.Die deutsche Kinderfürsorge des St. Johannisvereins in der Rigaschen Zeitung, Nr. 267, 6. Dezember 1912, online unter
Am 19. März 1914 wurde er auf der reich besuchten Vorstandssitzung der Ortsgruppe Riga des Deutschen Vereins, in dem alle Deutsch-Balten Livlands zusammengeschlossen waren, einstimmig zu deren Präses gewählt.Deutscher Verein. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 64, 19. März 1914, online unter Inland. in der Libauschen Zeitung, Nr. 65, 20. März 1914, online unter
Während des Ersten Weltkrieges war er Geschäftsführer des Rigaer Hilfskomitees, welches das Evangelische Feldlazarett mit Geld- und Materialspenden der Bevölkerung belieferte.Evangelisches Feldlazarett. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 226, 1. Oktober 1914, online unter
Geist führte die evangelisch-reformierten Litauer in Riga zu einer Gemeinde zusammen. Um auch diese angemessen betreuen zu können, lernte er trotz seines fortgeschritteneren Alters Litauisch, so dass er nun außer in deutscher Sprache auch Gottesdienste in litauischer Sprache ausrichtete.Lokales. in der Rigaschen Zeitung, Nr. 12, 16. Januar 1915, online unter
Ferner war Geist schulisch engagiert. In der Hauptsache aber bemühte er sich um seine deutschsprachige evangelisch-reformierte Gemeinde, wobei er die Ideale Emil Sulzes bezüglich der Gemeindearbeit vertrat. In 30 Jahren verwuchs er immer mehr mit seiner Gemeinde.
Während des Lettischen Unabhängigkeitskrieges Während des Lettischen Unabhängigkeitskrieges rückten die Bolschewiki auf Riga vor. In dieser Situation sagte Alfred Geist:
Nur wenige Familien seiner Gemeinde blieben zurück. Er blieb nur noch wenige Wochen in Freiheit, die er nutzte, um seine Gemeindeglieder zu besuchen, ihnen Rat zu geben, sie zu trösten und ihnen zu helfen. Die Bolschewiki veranstalteten mehrere Hausdurchsuchungen bei Geist.
Haft Am 19. März 1919 wurde Alfred Geist gemeinsam mit seinem 16-jährigen Sohn schließlich verhaftet. Der Pastor wurde von den Bolschewiki außerhalb der Stadt im Rigaer Zentralgefängnis inhaftiert, zunächst gemeinsam mit seinem Amtsbruder Erhard Doebler. Hier waren alle Geiseln der Bolschewiki inhaftiert. Abwechselnd mit Doebler hielt Geist Andachten für die Mitgefangenen. Auf einem Zettel fand man später die Perikopen vermerkt, über die er dabei gepredigt hatte:
Psalm 69 ()
Psalm 3 ()
Psalm 50 () Psalm 1 () Psalm 2 () Psalm 14 () Psalm 15 () weitere Stellen
Die Psalmen studierte er gemeinsam mit Doebler im hebräischen Original. Immer wieder erzählte er seinen Mitgefangenen von seiner Reise nach Palästina.
Am 29. März wurde sein Sohn aus der Haft entlassen. Alfred Geist blieb als angeblicher Konterrevolutionär in Geiselhaft, aus der er seiner Frau nur zwei Zettel zukommen lassen konnte, ehe sie und die anderen Kinder ebenfalls ins Gefängnis gebracht wurden. Er beklagte sich in diesen Nachrichten nicht, bat aber darum, dafür zu sorgen, dass die Gemeinde in der Karwoche Gottesdienst und Abendmahl feiern könne.
Die litauische Gemeinde versuchte erfolglos, ihren Pastor zu befreien. Dies führte dazu, dass er aus der vergleichsweise luftigen Zelle in einen Kerker im Keller verlegt wurde. Hier war er gemeinsam mit Dieben inhaftiert. Diese stahlen ihm das verbleibende Essen und zerrissen seine Kleidung. Gemeinsam mit den Dieben musste er nun in Ringmundshof Zwangsarbeit leisten, indem er Holz in Waggons verladen musste.
Fleckfieberinfektion Unterernährt wie sie waren, lehnten die Diebe die Zwangsarbeit ab. Die Strafe, die Geist teilen musste, bestand darin, dass sie in einen Frachtwaggon gesperrt wurden. Darin befand sich auch ein junger russischer Gutsbesitzer, der an Fleckfieber litt. Der Wagen war mit Ungeziefer verseucht, so dass auch Alfred Geist infiziert wurde.
Er litt an Fieber, als er wieder ins Zentralgefängnis zurückgebracht wurde, wo er außer Doebler auch die Pastoren August Eckhardt und Eberhard Savary antraf. Schließlich teilte er die Zelle auch mit den Pastoren Hermann Bergengruen und Theodor Hoffmann. Nach der Zeit mit Kriminellen betrachtete er die Gesellschaft, die er jetzt genoss, als „paradiesisch“. Ungeachtet seiner Fiebererkrankung musste Geist nun auf dem ausgedehnten Waldfriedhof arbeiten. Er benutzte einen Ast, den er gefunden hatte, als Krücke, um unter Mühen wieder ins Gefängnis zurückzugelangen.