mini|Verlagsumschlag der französischen Ausgabe (Terre humaine)

Traurige Tropen ist der deutsche Titel eines Reiseberichts des französischen Ethnologen und Soziologen Claude Lévi-Strauss über seine Reisen ins Innere Brasiliens in den Jahren zwischen 1935 und 1938. Das Buch wurde 1955 auf Französisch unter dem Titel Tristes Tropiques veröffentlicht und gilt als Programmschrift des Strukturalismus.

Entstehungsgeschichte In den Jahren 1935–1938 wurde Lévi-Strauss im Rahmen einer französischen Kulturmission als Gastprofessor für Soziologie an die neu gegründete Universität in São Paulo entsandt. Dort unterrichtete seine erste Frau Dina Dreyfus, mit der er zwischen 1935 und 1939 ausgedehnte ethnographische Forschungsreisen zu indigenen Völkern in den Mato Grosso und ins Amazonasgebiet unternahm. Constantin von Barloewen deutet die Abreise nach Brasilien als offene Rebellion gegen den berühmten Soziologen Émile Durkheim, dessen historische Empirie Lévi-Strauss zu theoretisch war. Er nahm den Ruf an, „um der Philosophie zu entfliehen“.In der Wildnis der Zivilisation, abgerufen am 14. April 2014. Mehr als 15 Jahre nach diesen Erlebnissen, im Jahr 1955, fand Lévi-Strauss Zeit für seinen Reisebericht, den er in nur vier Monaten zusammenstellte. Von seiner damaligen Frau Dina Dreyfus, die ihn auf den Reisen durch Brasilien begleitet und damit wesentlichen Anteil an dem Werk hatte, hatte er sich bereits 1939 getrennt. Er erwähnt sie nur ein einziges Mal in diesem Buch.

Inhalt Gliederung Die erste Hälfte des Buches beschreibt Anlass und Motivation der Reisen und ethnografischen Studien, dann die Anreise nach Südamerika und erste Eindrücke vom Land. Die zweite Hälfte schildert die Suche nach Indianerstämmen des brasilianischen Mato Grosso und enthält die Analyse ihrer Lebensbedingungen, Kultur und gesellschaftlichen Struktur. Im Fokus stehen die Völker der Caduveo (oder Kadiweu), der Bororo, der Nambikwara und der Tupi-Kawahib. Abschließend setzt er sich kritisch mit der Rolle des Ethnologen und der Sichtweise der zivilisierten Welt auf primitive Völker und der Religion auseinander.

Die Suche nach dem Ursprung Zentrales Thema war für Lévi-Strauss die Auseinandersetzung mit dem Fremden, exemplarisch mit Völkern, die noch nie der uns bekannten Zivilisation begegnet waren. Die Konfrontation mit der Zivilisation führte zum Untergang der Eigenarten dieser Kulturen. Lévi-Strauss versuchte, die Ursachen dafür zu erforschen und in Selbstreflexion gleichzeitig seine Motive für die Suche nach dem Ursprünglichen, die schließlich scheitern sollte, zu eruieren.

Die Entwicklung der Städte und Landschaften als Forschungsfeld Lévi-Strauss beschreibt die Entwicklungsdynamik der urbanen Peripherie, wie sie sich von den großen Städten die Pionierzone immer weiter ins Innere von Brasilien schiebt. Somit finde sich am äußeren Rand noch ein embryonaler Zustand, eine im Entstehen begriffene Siedlung, während gleichzeitig die älteren Formen in stetigem Niedergang seien, bis sie zu „fossilen Städten“ (S. 103) würden, wenn die Böden ausgelaugt, die Erzlager erschöpft und die Umwelt verwüstet sei. Die Dörfer entstünden entlang der Verkehrswege und gingen mit ihnen unter. So habe zum Beispiel die Eisenbahnlinie die Ortschaften an den Flüssen . Die Namen der Städte seien oft willkürlich von einzelnen Personen oder Moden abgeleitet und wechselten zudem noch häufig (S. 105f.). Das Analysieren der Veränderungen der Städte und Landschaften sieht Lévi-Strauss als erweitertes Forschungsfeld für die Ethnografie:

Das Wachsen der Städte In den 1930er Jahren lässt die Ansiedlungspolitik für ost- und mitteleuropäische Einwanderer in Paraná, einem brasilianischen Bundesstaat südlich von São Paulo, viele neue, schnell wachsende Städte entlang einer Eisenbahnlinie entstehen. In ihnen glaubt Lévi-Strauss die Entwicklung von Armut und Reichtum vorhersehen zu können, denn der Raum, in dem sich die Stadt entfalte, besitze „seine eigenen Werte“. So entwickle sich die Stadt immer von Ost nach West. Die östlichen Teile verfallen mit der Zeit in Armut. Das liege daran, dass in der Stadt wie in einem Mikroskop die unbewussten Verhaltensweisen kollektiv vergrößert wirkten.

Die Stadt entwickle sich kollektiv unbewusst und ähnele damit der Kunst, die allerdings individuell unbewusst sei.

Menschenmassen in Asien In den Kapiteln Menschenmassen und Märkte steht der Vergleich zwischen dem amerikanischen und dem asiatischen Kontinent in Bezug auf die sozialen Beziehungen im Mittelpunkt, „der radikale Gegensatz zwischen den menschenleeren Tropen und den überbevölkerten Tropen.“ (135) Für Lévi-Strauss verändert die hohe Bevölkerungsdichte des asiatischen Kontinents das gesellschaftliche Leben vollkommen. Während auf dem amerikanischen Kontinent „die Beziehungen der Menschen untereinander“, verglichen mit Europa, „keine neuen Formen an[nehmen]“ (126), erscheint in Asien „das tägliche Leben als permanente Zurückweisung des Begriffs der menschlichen Beziehungen“ (126), „alle Ausgangssituationen, welche die Beziehungen zwischen Personen definieren, sind verfälscht, die Regeln des sozialen Spiels verdorben“ (127).

So sei es zum Beispiel in Asien üblich, alles Mögliche zu versprechen, was nicht gehalten werden kann, und damit „zwingt man dich, dem Anderen im vornherein sein Menschsein abzusprechen, das auf Ehrlichkeit, Vertragstreue und der Fähigkeit beruht, Verpflichtungen einzugehen“ (126). Ebenso sei die Bettelei ein weit verbreitetes Übel, das die Beziehungen zwischen den Menschen verfälsche. Das Elend werde nicht als politisches Problem, zum Beispiel als Klassengegensatz wahrgenommen, sondern als individuelles Schicksal. „Das Hinnehmen einer gegebenen Situation ist […] total.“ (126) „Der Abstand zwischen äußerstem Luxus und äußerstem Elend sprengt die Dimensionen des Menschen.“ (128). Auch die Unterwürfigkeit der Dienstboten vor allem gegenüber Europäern hält Lévi-Strauss für entwürdigend. „Dauernd streichen sie um dich herum und lauern auf einen Befehl.“ (129) „Sie wollen […] nicht gleich sein.“ (127)

Das „Problem der großen Zahl [der Menschen]“ (141) schränke die Freiheit des Individuums ein. Denn Freiheit sei „das Ergebnis einer objektiven Beziehung zwischen dem Individuum und dem Raum, den es einnimmt, zwischen dem Verbraucher und den Ressourcen, über die er verfügt.“ (140) Auf engem Raum sei die Freiheit schwer zu erlangen. Das Kastensystem in Indien betrachtet Lévi-Strauss als gescheiterten Versuch, in einer großen Menschenmasse so zusammen zu leben, dass „sich alle als Menschen, aber als anders erkennen“ (141). Die Beengung des Menschen auf kleinstem Raum berge die Gefahr, dass Ideologien entstünden, die Gruppen von Menschen vom Menschsein ausschließen, damit wieder mehr Platz für die Verbliebenen entstehe, bis das Bevölkerungswachstum die Ausgrenzung weiterer Gruppen notwendig mache. Lévi-Strauss sieht diese Entwicklung auch in Europa, „denn jene systematische Abwertung des Menschen durch den Menschen breitet sich immer weiter aus […] (142).“ „Was mich in Asien erschreckt, ist das Bild unserer eigenen, von ihm vorweggenommenen Zukunft. Im indianischen Amerika liebe ich den selbst dort flüchtigen Widerschein eines Zeitalters, in dem sich der Mensch auf der Höhe seines Universums befand und in dem ein adäquates Verhältnis zwischen der Ausübung der Freiheit und ihren Zeichen bestand.“ (142)

Die Caduveo siehe auch Kadiweu mini|Kadiweu-Frau 1892

Fünfter Teil des Buches mit folgenden Unterkapiteln (Kapitelnummer in römischen Ziffern): XVII Paraná XVIII Pantanal XIX Nallike XX Eine Eingeborengesellschaft und ihr Stil

Die Caduveo sind ein indigenes Volk, das heute in vier Dörfern in einem Reservat zwischen der Serra da Bodoquena und dem Rio Aquidabán lebt. Lévi-Strauss’ Interesse gilt der gesellschaftlichen Struktur und der Kunst des Stammes und insbesondere der Beziehung zwischen beiden. An der Spitze der Gesellschaft stehen die Adligen, die dies entweder aufgrund von Geburt oder Verdienst sind. Danach kommen die Krieger. Die untere Kaste bilden die Sklaven, die in der Regel anderen Völkern angehören (S. 169). „Die Gesellschaft zeigte sich allen Gefühlen abhold, die sie für natürlich halten; so empfanden sie einen tiefen Abscheu vor dem Zeugen von Kindern. Abtreibung und Kindsmord waren an der Tagesordnung …“ (ebd.). Kinder wurden stattdessen von anderen Stämmen geraubt. Die gleiche Abneigung gegen das Natürliche zeige sich auch darin, dass die Caduveo sich zu besonderen Anlässen immer bemalten. Nur Tiere bemalten sich nicht. „In der Gesichtsmalerei wie in der Abtreibung und im Kindsmord brachten die Mbaya ihren Abscheu vor der Natur zum Ausdruck.“ (S. 179) Die Kunst der Caduveo sei „von einem Dualismus gekennzeichnet: dem zwischen Männern und Frauen, wobei die einen Bildhauer, die anderen Malerinnen sind; die ersten pflegen einen trotz aller Stilisierungen darstellenden und naturalistischen Stil, während sich die zweiten einer abstrakten Kunst widmen.“ (ebd., S. 181) Der Ethnologe analysiert in der Folge die dualistischen Prinzipien im Aufbau der abstrakten Formen, die dann im Kontrast zur Dynamik der Produktion stehen, die die „Dualität auf allen Ebenen [überschneidet]“ (ebd., S. 183). Dadurch werden sehr komplexe Muster von Symmetrie im Kleinen und Asymmetrien in der Gesamtkomposition erzeugt.

Typisch für Lévi-Strauss ist es, dass er darüber hinausgehend versucht, eine Beziehung zwischen der gesellschaftlichen Struktur und den Zeichensystemen (den Codes) herzustellen, die sich auf die gesellschaftliche Wirklichkeit beziehen. So sei der Stil in der Kunst eine Auseinandersetzung mit der eigentümlichen sozialen Struktur des Volkes: Er glaubt, dass man „die graphische Kunst der Caduveo-Frauen, ihre geheimnisvolle Verführungskraft und ihre auf den ersten Blick grundlose Kompliziertheit als die Phantasie einer Gesellschaft deuten und erklären [muss], die mit ungestillter Leidenschaft nach Mitteln sucht, die Institutionen symbolisch darzustellen, die sie hätte haben können, wenn ihre Interessen und ihr Aberglaube sie nicht daran gehindert hätten. […] Hieroglyphen, die ein unerreichbares goldenes Zeitalter beschreiben, das sie, in Ermangelung eines Codes, in ihrem Schmuck preisen und dessen Geheimnisse sie zur gleichen Zeit enthüllen wie ihre Nacktheit.“ (S. 188f.)

Die Bororo Sechster Teil des Buches mit folgenden Unterkapiteln: XXI Gold und Diamanten XXII Gute Wilde XXIII Die Lebenden und die Toten

Als Lévi-Strauss auf die Bororo-Kultur traf, war sie noch weitgehend intakt bis auf den Einfluss der Missionare vom Orden der Salesianer. Zum einen verdanke man diesem Orden die besten ethnologischen Quellen über den Stamm, zum anderen aber hätten die Missionare versucht, „die Eingeborenenkultur systematisch auszurotten“ (S. 208). Trotzdem sei noch so viel von ihr vorhanden, dass sie „den Forscher aus der Fassung bringt“ (S. 206). mini|Bororo

Religiöse Gesänge

Die Nächte der Eingeborenen sind für das religiöse Leben reserviert. Es gibt die ganze Nacht Gesang, der durch Kürbisrasseln begleitet wird. Die Gesänge dienen dazu, den Geist der bei der Jagd erlegten Tiere zu besänftigen, damit sie gegessen werden können.

Schmuck

Die Eingeborenen legen sehr großen Wert auf Schmuck. „Die Frauen besitzen wahre Juwelenschreine ...“ (S. 218). Die Männer tragen für rituelle Zwecke aufwändige Federkronen auf dem Kopf, die bis zu zwei Meter hoch sein können. mini|Anlage der Siedlung

Siedlungsstruktur und Clans

mini|Kopfschmuck der Bororo-Männer