mini|Turmfragment der ehemaligen evangelische Kirche Ragnit Die Evangelische Pfarrkirche in Ragnit ist ein 1771/1772 zunächst ohne Turm errichteter Bau und war bis 1945 evangelisches Gotteshaus für die einst ostpreußische und heute Neman genannte Stadt im Nordosten der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg in Preußen).
Geographische Lage Das heutige Neman liegt am südlichen Ufer des gleichnamigen Flusses () an der russischen Fernstraße A 198 (ehemalige deutsche Reichsstraße 132). Die nächste Bahnstation ist Sowetsk (Tilsit), Endpunkt an der von Kaliningrad (Königsberg) kommenden Bahnstrecke.
Das einstige KirchengebäudeHeutiger Turmeingang der KircheHeutige Seitenansicht der Kirche steht im südöstlichen Stadtzentrum an der Oktjabrskaja uliza („Oktoberstraße“).
Kirchengebäude Ein bereits im 15. Jahrhundert vorhandenes Kirchengebäude wurde 1517 durch ein neues ersetzt,Ragnit bei Genwiki das 1757 bei einem BrandBauwerke in Ragnit bei ostpreussen.net im Siebenjährigen Krieg ein Raub der Flammen wurde. In den Jahren 1771/1772 wurde es durch einen NeubauWalther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 112, Abb. 497 ersetzt. Dabei handelte es sich um einen verputzten dreischiffigen Bau, dessen Pläne Johann Friedrich Fischer erstellte. Erst im Jahre 1853 wurde der Turm angebaut.
Der Kircheninnenraum war in der Mitte gewölbt und an den Seiten flach gehalten. Bis zur Ostwand reichten die breiten, umlaufenden Emporen. Der Raum war bestimmt von einem durchgegliederten Kanzelaltar von 1775. Die Orgel stammte aus der Gründungszeit der Kirche.
Das KirchengebäudeЕвангелическая кирха Рагнита Die evangelische Kirche Ragnit bei prussia39.ru (mit historischen und aktuellen Fotos), das nahezu unbeschadet durch den Zweiten Weltkrieg kam, wurde nach 1945 vollständig umgebaut. Im Langhaus richtete man ein Möbellager ein und darüber Wohnungen. Nach einem Unfall wurde der Turm 1993 bis zur Höhe des Dachfirstes des Kirchenschiffes abgetragen, so dass nur noch sein Unterbau vorhanden ist. Die gesamte Kirchenausstattung ging verloren. mini|Ansicht von Ragnit mit Burg und Pfarrkirche (1684) Im Ostteil des einstigen Kirchengebäudes stellte man 1993 einen Raum als katholische Kapelle zur Verfügung, im Westteil entstand ein Gebetsraum der russisch-orthodoxen Kirche, den diese bis 1995 nutzte. Danach bezog sie eine neu gebaute Kirche.
Kirchengemeinde Ragnit Bereits in vorreformatorischer Zeit war Ragnit ein Kirchdorf.Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 488 Mit der Reformation nahmen hier lutherische Geistliche ihren Dienst auf, zunächst ein litauischer Pfarrer, danach zusätzlich ein deutscher Amtsträger, ab 1888 ein dritter Geistlicher, zunächst als Hilfsprediger, dann ab 1917 auf einer ordentlichen Stelle.
Ragnit war Sitz einer eigenen Inspektion und eines späteren Kirchenkreises, der mit dem Nachbarkirchenkreis Tilsit nach 1920 in den neuen Kirchenkreis Tilsit-Ragnit – unter Beibehaltung der beiden Diözesen Tilsit und Ragnit, allerdings bei Abtrennung der nördlich der Memel gelegenen Kirchengemeinde – umgewandelt wurde. Er gehörte bis 1945 zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. In den 1920er Jahren zählte die evangelische Kirchengemeinde in Ragnit 13.000 Gemeindeglieder, die außer in der Stadt in mehr als 40 Kirchspielorten lebten.
Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung im Zusammenhang des Krieges ließen nach 1945 das kirchliche Leben in der nun „Neman“ genannten Stadt zum Erliegen kommen.
Während hier heute wieder katholische und orthodoxe Gottesdienste stattfinden, sind hier lebende evangelische Kirchenglieder jetzt zur nächstgelegenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Sabrodino (Lesgewangminnen, 1938 bis 1946 Lesgewangen) hin orientiert. Sie ist Teil der Kirchenregion Tschernjachowsk/Slawsk (Insterburg/Heinrichswalde) in der Propstei Kaliningrad (Königsberg) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.
Kirchspielorte Die große Mehrheit der Kirchengemeindeglieder wohnten in der Stadt Ragnit, ein kleinerer Teil in dem weitflächigen Kirchspiel mit 46 Orten, kleineren Ortschaften und WohnplätzenDer * kennzeichnet einen Schulort:
Name Änderungsname(1938 bis 1946) Russischer Name Litauischer Name Name Änderungsname(1938 bis 1946) Russischer Name Litauischer Name Alexen Aleksai Kurschen Rakitino *Althof-Ragnit Mitschurinski Lepalothen Loten Druschinino *Bittehnen-Schillehnen Bitėnai Mattischken Klingsporn Schurawljowo Bittehnen-Uszbitschen B.-Ußbitschen Užbičiai *Ober Eißeln Obereißeln Gorino Bludischken Palentienen Palen Dubrawino *Brohnen *Paskallwen Schalau Dubki Charlottenwalde Schirokodolje *Paszuiszen1936–38: Paßuißen/Paschuischen Altengraben Rutschi Dorlauken Dorfelde Pellehnen Dreidorf (Ostpr.) Schdanki Endruhnen Wenderoth Wsspolje Pötischken Flachdorf Iwowoje Girschunen Girdschunai *Petratschen Petersfelde (Ostpr.) Groosten Gorkino Pröwoiszen1936–38: Pröwoischen Pröschen (Groß) Neuhof-Ragnit Kotelnikowo Scheidischken Scheiden Barwenkowo *Gudgallen Großfelde Gudkowo Schuppinnen Schuppenau Scharowo, jetzt:Wetrowo Ikschen Bergdorf Nikitino *Sobersken Bersken Walzowo Jautelischken Tehlen Kuprijanowo Steireggen Jonienen Tilsenau Otwaschnoje, jetzt:Gudkowo Stepponaten Steffenshof Karlsberg Korodowo Stiemerau Kaukerwethen *Titschken Tischken Podgornoje Kiauschälen Kleinmark Krasnoje Selo Tracken *Kindschen,1928–1946: Groß Kindschen Iskra Tussainen Tschapajewo *Klapaten Angerwiese Krasnoje Selo Wallullen Wallenfelde Klein Neuhof-Ragnit Akulowo *Willmantienen Willmannsdorf Krakonischken Krakiniškiai *Woydehnen Wodehnen Wetrowo
Pfarrer Als evangelische Geistliche amtierten an der Kirche in Ragnit die PfarrerFriedwald Moeller, Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, S. 117:
Ambrosius N., ab 1538 Johann Tusien, vor 1540 Hans Pappel, 1540 Martin Mosvid, 1549–1563 David N., 1562 Augustin Jamund, 1563–1576 Hans Hoppe, 1564 Johann Blumenaju, ab 1569 Johann Hafer, ab 1569 N. Hynerus, ? Joachim Colonius, ? Simon Waissnarus, 1579 Joachim Cloccowius, 1593 Samuel Hurtelius, ab 1599 Johann Gettkandt, ab 1600 Georg Beselmann, 1625 Johann Hurtelius, ab 1633 David Hoppe, 1636–1639 Hiob Lerner d. Ä., 1639–1660 Hiob Lerner d. J., 1660–1680 Johann Schöning, 1665–1667 Albrecht Pusch, 1667–1671 Marcus Naunien, 1671–1710 Heinrich Julius Hagemann, 1680–1700 Georg Bogendorf, 1690–1710 Hiob Naunien, 1695–1726 Balthasar Gottfried Hoppe, 1711–1734 Johann Friedrich Leo, 1726–1730 Ernst Fr. Schimmelpfennig, 1731–1768 Martin Lindenau, 1735–1757 Otto Gottlieb Fiedler, 1758–1784 Johann Christoph Wander, 1768–1788 Joachim Jakob Krüger, 1783–1807 Daniel Friedrich Mielke, 1788–1818 Johann Bernhard Fiedler, 1807–1832 Karl Heinrich Malkwitz, 1818–1850 Carl August Jordan, 1832–1871 Carl Eduard Ziegler, 1851–1873 Carl Eduard Schrader, 1872–1887Schrader († 1887), Hammer († 1907), Radtke († 1939) und Superintendent Struck († 1945) waren Angehörige des Corps Littuania Carl Alexander Tiedtke, 1873–1881 Albert Hammer, 1881–1907 Friedrich Wilhelm Emil Pauly, 1888–1904 Alfred Fr. Emil Pipirs, ab 1888 Theodor Ad. Pastenaci, 1892–1894 August Ed. Sinnhuber, 1894–1896 Ferdinand Radtke, 1896–1902 Hermann Georg Alb. Pötz, 1902 Ferdinand W.K. Lubenau, 1902–1905 Theodor Gustav Struck, 1904–1926 Johannes Seemann, 1905–1907 Robert Julius Triebel, 1906 Benno Rudolf Franz Riech, 1907–1911 Georg Richard E. Woede, 1908–1928 Bernhard Moderegger, 1913 Max Walter Prill, 1917–1925 Hermann Braun, 1925–1933 Ernst Garmeister, 1927–1942 Walter Jurkschat, 1930–1945 Friedrich Jung, 1933–1945 Christian Zürcher, 1943–1945
Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern der Pfarrkirche Ragnit haben sich erhalten und werden im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrtChrista Stache, Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, Teil 1: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, Berlin, 1992³, S. 96–97:
Deutsche Stadtgemeinde:
Taufen: 1757–1853
Trauungen: 1758–1766 1771–1843
Begräbnisse: 1759–1846
Konfirmationen: 1759–1787Deutsche Landgemeinde:
Taufen: 1757–1836
Trauungen: 1758–1843
Begräbnisse: 1759–1838
Konfirmationen: 1759–1783Litauische Gemeinde:
Taufen: 1757–1842
Trauungen: 1757–1845
Begräbnisse: 1765–1842
Konfirmationen: 1759–1787
Kirchenkreis Tilsit-Ragnit/Diözese Ragnit Bis in die 1920er Jahre hinein war Ragnit Amtssitz einer Inspektion bzw. eines Kirchenkreises. Dann wurde Ragnit mit dem Nachbarkirchenkreis Tilsit zusammengefasst, es blieben jedoch die beiden getrennten Diözesen. Lediglich die nördlich der Memel liegenden Orte schieden aus.
Die Diözese Ragnit des Kirchenkreises Tilsit-Ragnit umfasste bis 1945 neun Pfarreien: Name Änderungsname1938 bis 1946 Russischer Name Budwethen Altenkirch Malomoschaiskoje Groß Lenkeningken Großlenkenau Lesnoje Kraupischken Breitenstein Uljanowo Lengwethen Hohensalzburg Lunino Ragnit Neman Rautenberg Uslowoje Szillen1936–46: Schillen Schilino Trappönen Trappen Nemanskoje Wedereitischken Sandkirchen Timofejewo
Früher gehörte auch die heute in Litauen liegende Pfarrei der Kirche Wischwill (heute litauisch: Viešvilė) dazu.
Literatur Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 126–128.
Einzelnachweise
Kategorie:Erbaut in den 1770er Jahren Kategorie:Kirchengebäude (lutherisch) Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kategorie:Kirchengebäude in der Oblast Kaliningrad Kategorie:Profaniertes Kirchengebäude in Russland Kategorie:Umgewidmetes Kirchengebäude Kategorie:Wohngebäude in Russland Kategorie:Rajon Neman Ragnit