Reisende auf einem Bein (1989) ist der Titel einer Erzähl-Collage von Herta Müller. Das Werk ist aus verschiedenen Blickwinkeln interpretiert worden: als Thematisierung einer Künstlerexistenz, als eine Erzählung über Entfremdung in einer bestimmten soziokulturellen Situation zwischen Ost und West, als Darstellung einer Heimatlosigkeit, die alle betrifft, oder als eine Aussage dazu, welche Funktion eine marginalisierte Perspektive haben kann. Die Labilität der Protagonistin Irene und ihre Kraft werden vor allem im Schreibstil zum Ausdruck gebracht.Hans Ester: „Reizigster op één been“, in: Trouw 18 (1993), S. 4. Auch die Erzählweise kann sich auf einem Bein nur hüpfend voranbewegen.Karl Schulte: „Reisende auf einem Bein. Ein Mobile“, in: Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung. Bildlichkeit in Texten Herta Müllers, herausgegeben von Ralph Köhnen, P. Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-30662-8, S. 53–62. Irene sucht einen Ausweg aus ihrer Traumatisierung, indem sie mithilfe einer Collage aus Zeitungsschnipseln ausprobiert, wie sich eine fluide Subjektivität anfühlt.Brigid Haines: „‹The unforgettable forgotten›. The traces of trauma in Herta Müller’s Reisende auf einem Bein“, in: German life and letters, 55 (2002), 3, S. 266–281. Es existieren verschiedene Auffassungen dazu, ob es einen Handlungsfaden gibt oder nicht. Bei der Lektüre bekommt man selbst zu spüren, wie sich Irenes dünne Haut anfühlt.
300px|rechts|An der Berliner Mauer 1988 Zusammen mit Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (1986) und Barfüßiger Februar (1987) kann Reisende auf einem Bein zu Müllers „Transit-Texten“ gezählt werden, wobei Reisende die Ankunft nach der Ausreise zum Inhalt hat.Julia Müller: Sprachtakt. Herta Müllers literarischer Darstellungsstil, (Dissertation 2009) Böhlau, Köln/Weimar/Wien 2014, ISBN 978-3-412-22151-5, S. 181 Es handelt sich um eine Momentaufnahme von West-Berlin und Europa in den späten 1980er Jahren, in der West-Berlin als eine Stadt präsentiert wird, die von Armut und Entfremdung durch Mangel an materiellen Gütern und durch soziale und räumliche Ausgrenzung gekennzeichnet ist.Maria-Leena Hakkarainen: „‹[...] und Armut, das sind die Fremden›. Erlebte Exklusion in Herta Müllers Reisende auf einem Bein“, in: Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur (VII), Band 7: Armut, herausgegeben von Martin Hellström und Edgar Platen, Iudicium, München 2012, ISBN 978-3-86205-309-4, S. 279–291. Herta Müller schreibt mit Reisende auf einem Bein das Genre des Großstadtromans aus der Sicht einer fremden deutschsprachigen Frau um.Antje Harnisch: „‹Ausländerin im Ausland›. Herta Müllers Reisende auf einem Bein“, in: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur, 89 (1997), 4, S. 507–520.
In einem Interview vom 23. Juni 1989 in zitty Berlin äußert sich Herta Müller, dies sei der Versuch, nicht sich selbst in Betracht zu ziehen, sondern eine kollektive Erfahrung literarisch zu verarbeiten.René Kegelmann: „Emigriert. Zu Aspekten von Fremdheit, Sprache, Identität und Erinnerung in Herta Müllers Reisende auf einem Bein und Terézia Moras Alles“, in Wahrnehmung der deutsch(sprachig)en Literatur aus Ostmittel- und Südosteuropa – ein Paradigmenwechsel? Neue Lesarten und Fallbeispiele, IKGS-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-9811694-2-3, S. 251–263. Müller sagte nach der Veröffentlichung des Romans in einem Vortrag im Rahmen ihrer Poetik-Gastdozentur an der Universität Paderborn über die Künstlerin Irene: „Als schneide sie ihre Lebensaugenblicke aus, als halte sie das, was jeden Tag mit ihr und anderen geschieht in der Hand, so stellt sich Irene die Collage zusammen. So stellt sich für Irene die Collage nach ihren eigenen, undurchschaubaren Takten zusammen.“Herta Müller: „Der Riß als Chronologie und Kontinuität des Geschehens“, Vortragsmanuskript der Poetik-Gastdozentur ‹Der ganz andere Diskurs des Alleinseins›, Universität Paderborn, Wintersemester 1989/1990, S. 11. Hieraus wird zitiert in: Petra Renneke: Poesie und Wissen. Poetologie des Wissens der Moderne. Winter, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8253-5510-4, S. 278
Der Titel Reisende auf einem Bein kann im Plural verstanden werden oder als weiblicher Singular.Diese Anmerkung zum späteren Titel machte Bernhard Doppler 1991 im Vergleich mit dem von Herta Müller im Januar 1989 geplanten Titel: Bewohner mit Handgepäck. Der Name Irene leitet sich von einem Stadtnamen her, der in Die unsichtbaren Städte (1972) von Italo Calvino vorkommt. Schon in Müllers Titel wird ein Zustand des Übergangs thematisiert und im Werk wird vor allem der Verlauf von Handlung und Erfahrung geschildert.Ralph Köhnen: „Über Gänge. Kinästhetische Bilder in Texten Herta Müllers“, in: Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung. Bildlichkeit in Texten Herta Müllers, herausgegeben von Ralph Köhnen, P. Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-30662-8, S. 123–138. Bei Calvino ist die Stadt Irene ein Sinnbild für etwas, das sich im Übergang befindet. Diese Passage lässt Müller vom deutschen Mann Franz zitieren. Als Motto für Reisende auf einem Bein hat Müller den Eröffnungssatz „Wir waren noch sehr jung“ aus Der Teufel auf den Hügeln (1948) von Cesare Pavese ausgewählt und ihn abgewandelt zu: „Aber ich war nicht mehr jung“, was im Text wiederholt auf Irene selbst bezogen wird.Karin Binder: „Reisende auf einem Bein (1989)“, in: Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller, herausgegeben von Bettina Bannasch und Gerhild Rochus, De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025674-1, ISBN 978-3-11-025675-8, S. 464–471.
2013 ist Reisende auf einem Bein in der dritten Taschenbuchauflage erschienen (Fischer Taschenbuch-Verlag). Die Erstausgabe wurde 1989 beim Rotbuch-Verlag in Berlin verlegt, ab 2010 dann bei Hanser in München, auch als E-Book.
Inhalt Irene ist Mitte Dreißig, sie verlässt mit behördlicher Genehmigung ein von Militärs regiertes „anderes Land“ und kommt mit einem einzigen Koffer nach Westdeutschland, wo sie hofft, ein neues Zuhause zu finden. Das, was vertraut werden sollte, scheint allerdings ebenfalls ein „anderes Land“ zu sein. Sie findet Aufnahme in einem Übergangsheim und erhält schließlich, nach Monaten, die deutsche Staatsbürgerschaft. „Unter den Menschen, Dingen und Örtlichkeiten der neuen Welt zurechtgefunden“ hat Irene sich noch nicht.
Die ersten beiden Kapitel spielen im „anderen Land“ im Damals, aber die Erinnerung bleibt in der neuen Umgebung präsent.Bernhard Doppler: „Die Heimat ist das Exil. Eine Entwicklungsgestalt ohne Entwicklung. Zu Reisende auf einem Bein“, in: Die erfundene Wahrnehmung. Annäherung an Herta Müller, herausgegeben von Norbert Otto Eke, Igel Verlag Wissenschaft, Paderborn 1991, ISBN 3-927104-15-9, S. 95–106. Irene stellt fest, dass sie „in dem anderen Land“ verstanden hatte, was Leute kaputtmacht und die Gründe täglich sehen konnte, „hier“ tut es ihr „weh, die Gründe täglich nicht zu sehen.“ (S. 138/139)Herta Müller, Reisende auf einem Bein, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main erschien, 3. Auflage 2013 Die Repression des rumänischen Staates ist nicht nur durchsichtiger, sondern erscheint Irene vor allem vertrauter als diejenige im System der Bundesrepublik. „Die Überschwenglichkeit der Wünsche und die Kargheit der äußeren Dinge hatten sich überlagert. Was sich nie begegnen durfte, es war einunddasselbe gewesen in dem anderen Land. [...] Irene fühlte sich über Jahre hin genarrt. Herausgefordert und betrogen.“ (S. 134) Sie unterdrückt dennoch aktiv jegliches Gefühl von Heimweh, aber körperliche Symptome zeigen ihr, dass dies nicht ohne Folgen bleibt.
Irene lässt das Leben fast teilnahmslos an sich vorüberziehen und bekommt das zweite Bein nicht auf die Erde, weil sie den angeblich goldenen Westen lediglich als etwas empfindet, was undurchsichtig grau ist.Ursula Homann: „Herta Müller. Reisende auf einem Bein“, in: Deutsche Bücher, Band 20 (1990), S. 109–110. Als Stadtläuferin lotet sie die neue Stadt räumlich aus und erlebt sie als Beobachterin und nicht als Teilhabende oder Anteilnehmende. Irene erkennt, dass ihr Leben zu Beobachtungen geronnen ist, die sie handlungsunfähig machen.Maria Kublitz-Kramer: „Die Freiheiten der Strasse. Zu Herta Müllers Reisende auf einem Bein“, in: Frauen in der Literaturwissenschaft, Rundbrief 41, April 1994, S. 5–8. Eines Tages stellt Irene aus Zeitungsausschnitten eine Collage her, deren disparate Bereiche ihr selbst fremd erscheinen. Durch das Abtasten und Begehen mit den Augen versucht sie das eigene Bild zu begreifen: „Irene hängte das Bild an die Küchenwand. Sie saß am Küchentisch. Ihre Blicke waren Schritte.“ (S. 50) Im vorletzten Kapitel kommt ein Besucher und kommentiert die Collage: Sie sei richtungsverkehrt, leer und tot. Irene zeigt ihm daraufhin, auf welchem der Bilder die Figuren Ähnlichkeit mit ihm haben, kleine Ganoven mit Schirmmütze, und dass sie die Städte fliehen. (S. 156)
Zu Beginn des letzten Kapitels erhält Irene zwei Briefe. Den ersten erkennt sie am Umschlag, er ist von einer Freundin aus dem anderen Land. Der zweite ist ein Schreiben des Senats für Inneres, in dem steht, dass ihr die Staatsbürgerschaft gewährt wird. „Irene freute sich nicht. Sie las weiter, als gehe es in dieser Mitteilung nicht um sie. Den Zusammenhang, in dem die Wörter ‹Festessen› und ‹Begrüßungsansprache› im letzten Absatz standen, verstand Irene nicht.“ (S. 167) Dann will sie sich mit dem Inhalt des ersten Briefes befassen: „Der Magen schwebte zwischen Kehle und Knie. Sie setzte sich, um ihn aufzufangen, an den Küchentisch.“ (S. 167) Sie liest vom Tod eines Freundes, der sich erhängt hat, und erinnert sich an eine Begegnung mit ihm. Dann wirft auch Irene wieder einen Blick auf die Collage und stellt fest: „Der Mann, den man nur von hinten sah, war die Hauptperson auf der Collage.“ (S. 168)
Am Schluss findet sich Irene ab mit einer Situation, die sie nicht durchschaut. Sie will lieber da bleiben, wo sie ist, anstatt woanders neue Unsicherheiten in Kauf zu nehmen. Ebenso empfindet sie den Wunsch weit wegzufahren als eine Sucht, womit sich die Situation als ambivalent darstellt. Die letzten beiden Sätze lauten: „Irene lag im Dunkeln und dachte an die Stadt. / Irene weigerte sich, an Abschied zu denken.“ (S. 176)
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