Gladio (auch Operation Gladio; italienisch für „Kurzschwert“; von lateinisch Gladius) war eine Stay-behind-Organisation in Italien, die dort im Fall einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes Guerilla-Operationen und Sabotage gegen die Invasoren durchführen sollte. Sie entstand 1956 aus der Zusammenarbeit des italienischen Militärgeheimdienstes Servizio Informazioni Forze Armate (SIFAR) mit der US-amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) und war seit 1964 in die NATO integriert. Sie hatte rund 600 paramilitärisch ausgebildete Mitglieder und eine unbekannte Zahl ziviler Unterstützer. Sie verfügten über 139 Waffenlager und trainierten regelmäßig mit anderen Stay-behind-Gruppen.
Gladio wurde im August 1990 öffentlich bekannt und im November 1990 aufgelöst und für illegal erklärt. Gladios Beteiligung an Terroranschlägen der 1970er und 1980er Jahre in Italien wurde jahrelang untersucht, aber nicht bewiesen. Ähnliche frühere Stay-behind-Organisationen wurden ab 1990 auch in anderen Staaten Westeuropas bekannt.
Organisation Aufbau und Ziele Die Regierung Badoglio hatte 1943 zunächst Benito Mussolinis Militärgeheimdienst Servizio Informazioni Militare (SIM) übernommen, bis das Office of Strategic Services (OSS) der USA dessen Auflösung anordnete. Der Geheimdienst SIFAR wurde 1949 als Nachfolgeorganisation des SIM gegründet. 1956 vereinbarten die CIA als Nachfolgerin des OSS und SIFAR vertraglich ihre Zusammenarbeit beim Aufbau der Gladio-Einheiten. Hauptverantwortlich dafür war Gerry Miller, der CIA-Vertreter in Italien. Er übergab William Colby, dem späteren CIA-Direktor, die paramilitärische Ausbildung der Gladiokräfte. Deren Trainingsbasis war der Militärstützpunkt Capo Marrargiu auf Sardinien. Die CIA bezahlte die Teilnehmer, Waffen, Kommunikationsmittel und sonstiges Material.John Prados: William Colby and the CIA: The Secret Wars of a Controversial Spymaster. University Press of Kansas, Lawrence 2009, ISBN 0-7006-1690-X, S. 53
Der Gründungsvertrag zwischen SIFAR und CIA von 1956 sah keinen internen Einsatz von Gladio gegen den Kommunismus vor. Doch 1958 erklärte SIFAR der CIA, dass die Friedensmission der Gladioeinheit Alpine Star die Kontrolle und Neutralisierung kommunistischer Aktivitäten einschließe. Ein Planungsdokument von 1959 sprach von Aktivitäten gegen „interne Suversionen“. Gemeint war laut der späteren Kontrollkommission die Abwehr von Aufständen, die eine legitime Regierung gefährdet hätten. Somit sollten zumindest Teile von Gladio nicht erst im Fall einer Invasion von außen aktiv werden. Effektive innenpolitische Aktionen Gladios sind jedoch nicht belegt.Juan Avilés: The Strategy of Tension in Italy, Sussex 2021, S. 225
Mitglieder SIFAR wählte für Gladio Personen mit strikt antikommunistischer Haltung aus, die man als geeignet für den verdeckten Widerstand gegen eine zukünftige „kommunistische Invasion“ einstufte. Die ersten Gladio-Einheiten von 1956 kamen aus der Sezione Calderini: Diese verdeckt operierende Geheimdienstabteilung hatte Marschall Pietro Badoglio 1943 kurz nach der Kapitulation Italiens gegenüber den Alliierten gegründet. Weitere Mitglieder kamen aus der Partisanengruppe Brigate Osoppo, gegründet im Dezember 1943 in Udine. Sie bestand vor allem aus Katholiken, Laizisten, Liberalen und Sozialisten. Die ersten operativen Gladio-Einheiten von 1956 stammten aus dem dritten Freiwilligenkorps der Osoppo-Partisanen (Osoppo-Terzo Corpo volontari della libertà). Dieses hatte nach dem Kriegsende 1945 als paramilitärische Gruppe in der Region Friaul und Julisch Venetien fortbestanden, um die kommunistischen Partisanen der Brigate Garibaldi und Titopartisanen in Jugoslawien zu bekämpfen.Giacomo Pacini: Le altre Gladio, Turin 2014, S. XI–XXI (Einleitung), hier S. XVI–XVIII (PDF-Auszug S. 4f.)
Gladios Mitgliederzahl ist unklar. Laut einem streng geheimen SIFAR-Dokument vom 1. Juni 1959 plante man damals für Gladio eine Truppenstärke von 1.672 Aktiven plus 1.500 Reservisten.Parlamentsbericht 2001, S. 49 (Tabelle); Le forze speciali del SIFAR e l'operazione Gladio. SIFAR, 1. Juni 1959 (Faksimile) Nach offiziellen Angaben von 1990 hatte Gladio insgesamt 622 Mitglieder, darunter viele ehemalige und aktuelle Militärs sowie unauffällige Zivilisten mit gewöhnlichen Handwerker- oder Beamtenberufen. Laut einem Medienbericht von 1990 sollte jedes Mitglied seinerseits 12 bis 15 Unterstützer rekrutieren. Darum schätzten manche Autoren das theoretische Rekrutierungspotential von Gladio auf bis zu 15.000 Unterstützer.Paul L. Williams: Operation Gladio, 2015, S. 39; Paul Ginsborg: Italy and Its Discontents, Palgrave Macmillan, London / New York 2006, ISBN 1-4039-7394-6, S. 144 und Fn. 41f.; Philip Willan: Puppetmasters, London 1991, S. 138–141 Der Politikwissenschaftler Franco Ferraresi hielt die offizielle Mitgliederzahl für viel zu niedrig.Franco Ferraresi: A secret structure codenamed Gladio. In: Italian Politics 7, 1992, S. 29–48, hier S. 37 Der Historiker John Prados schätzt, dass schon die CIA allein mehr als 600 italienische Gladio-Agenten rekrutierte, die ihrerseits rund 2000 weitere Mitarbeiter angeworben hätten. Laut dem Historiker Thomas Riegler hatte Gladio jedoch nie mehr als 622 Mitglieder. Davon seien bis 1967 erst die Hälfte, bis 1990 die übrigen rekrutiert worden. Die meisten waren maximal 45 Jahre alt, viele jünger. Sie wurden von Italiens Nordostgrenze bis Bologna stationiert und fünf Gladio-Bereichen zugeteilt: Information und Propaganda, Guerillakampf, Sabotage, Flucht und Entlastung.Thomas Riegler: Gladio - Myth and Reality, London 2020, S. 16
Nach den 1990 ausgehändigten Gladio-Dokumenten sollen 3,5 Prozent der Mitglieder früher oder aktuell Faschisten gewesen sein. Die Aufnahme von 1.300 Personen, darunter mehreren Faschisten, sei abgelehnt worden. Der Untersuchungsrichter Felice Casson, der Gladios Existenz 1990 aufgedeckt hatte, vermutete eine Manipulation dieser Liste.Juan Avilés: The Strategy of Tension in Italy, Sussex 2021, S. 228
Ausrüstung Das Hauptquartier, das Centro Adestramento Guastatori (CAG) auf Sardinien, war mit Bunkern, Trainingsanlagen und zwei Flugzeuglandebahnen ausgestattet. Die Gladio-Einheiten besaßen 139 Waffenlager, die mit tragbaren Schusswaffen, darunter Maschinengewehren, rückstoßfreien Gewehren und Gewehren für Scharfschützen, Sprengstoff, Munition, Handgranaten, Mörsern, Messern, Dolchen, Funkgeräten, Radiosendern, Ferngläsern und Werkzeugen ausgestattet waren. Diese Depots (genannt Nasco) waren in Erdlagern, oft in Waldgebieten, unterirdischen Bunkern oder Polizei- und Armeegebäuden versteckt. Die meisten Depots wurden von 1961 bis 1963, das letzte 1971 angelegt. Bis März 1991 fand der Kontrollausschuss Comitato Parlamentare di Controllo sui Servizi di Informazione e di Sicurezza (Copasis) darin 144 Maschinengewehre, 180 Winchestergewehre, 242 Pistolen, davon 32 mit Schalldämpfer, sowie 619 Kilogramm C4-Sprengstoff, 843 Handgranaten und 29 Brandsätze. Bei einer Schusswaffe pro Mann hatte Gladio demnach zuletzt mindestens 566 Mitglieder. Zusätzliche Spezialkräfte wie Alpine Star hatten ihre eigenen Waffen. Nach Aussage des Generals Geraldo Serravalle (Gladio-Leiter von 1971 bis 1974) waren die Waffen zuvor in 48 Baracken der Carabinieri sowie 15 Armeebaracken deponiert und stammten von der „O Organisation“.Juan Avilés: The Strategy of Tension in Italy, Sussex 2021, S. 222f.
Integration in die NATO Ab 1964 wurde Gladio wie zuvor andere europäische Stay-behind-Gruppen der NATO unterstellt.Leopoldo Nuti: The Italian ‘Stay-Behind’ network, in: Journal of Strategic Studies 30 (2007), S. 972 Damit war Gladio Teil des kollektiven Sicherheitssystems, das die USA nach dem Zweiten Weltkrieg in Zusammenarbeit mit befreundeten Geheimdiensten in Europa aufgebaut hatten. Zur Koordination ihrer Stay-behind-Truppen hatten die westeuropäischen Regierungen im Brüsseler Pakt von 1948 (ein Jahr vor der NATO-Gründung) das Clandestine Committee of the Western Union (CCWU) gegründet. Dieses wurde 1951 zum Clandestine Planning Committee (CPC) umgewandelt und den Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE) in Brüssel angegliedert. Ab 1957 bildete das CPC zwei Unterabteilungen, darunter das Allied Clandestine Committee (ACC). Dieses war fortan für die Koordination der meisten westeuropäischen Stay-behind-Gruppen zuständig, darunter Gladio. Es bestimmte ihre politischen Richtlinien und organisierte gemeinsame Trainings auf Stützpunkten der USA und Großbritanniens. Die jeweiligen nationalstaatlichen Teilgruppen sollten in der Friedenszeit ihrerseits Stützpunkte aufbauen, weitere Mitglieder rekrutieren und mit SHAPE je eigene Operationen für die Kriegszeit planen. Ab 1980 organisierte das ACC jährliche internationale Trainingskurse, zuletzt im Oktober 1990. Danach lösten die meisten NATO-Staaten ihre Stay-behind-Gruppen auf.Simone Selva: Gladio Networt (1945–Early 1990s). In: Jan Goldman (Hrsg.): The Central Intelligence Agency: An Encyclopedia of Covert Ops, Intelligence Gathering, and Spies. ABC-Clio, Santa Barbara (Kalifornien) 2015, ISBN 978-1-61069-092-8, S. 157f.
Ausbildung und Training Ausgebildete Gladio-Offiziere trainierten zusammen mit Spezialkräften der US-Armee und dem britischen Special Air Service. Zwischen 1973 und 1983 fanden mehrere gemeinsame Übungen mit Stay-behind-Kräften des Bundesnachrichtendienstes statt, etwa bei US Special Forces in Bad Tölz und Fort Bragg (North Carolina).Erich Schmidt-Eenboom, Ulrich Stoll: Die Partisanen der NATO: Stay-Behind-Organisationen in Deutschland 1946-1991. Pustet, Regensburg 2015, ISBN 978-3-86153-840-0, S. 182 Die gemeinsamen Übungen mit anderen Stay-behind-Gruppen erfolgten alle drei Jahre, zuerst auf einer Basis in Großbritannien, 1980 und 1986 in Italien, 1983 in Frankreich.
Teilauflösung Im Februar 1972 fanden Polizisten in Aurisina bei Triest zufällig ein Waffenlager, das zu Gladio gehörte (Nasco 203). Die Waffencontainer waren jedoch an eine 400 Meter entfernte Stelle transportiert worden. Ein Teil der ursprünglich darin deponierten Sprengmittel fehlte, darunter rund fünf Kilogramm des C4, und war gegen andere Sprengstoffe ausgetauscht worden. Die Polizei ließ das übrige C4 aus einem der Container detonieren, um es unschädlich zu machen. Ab April 1972 ließ General Serravalle dieses Depot in Absprache mit dem Servizio Informazioni Difesa (SID) ganz auflösen, da es außerhalb von Gladio bekannt geworden war und er keine unkontrollierbare bewaffnete Bande leiten wollte.