Das Drama von Hautefaye ist ein französischer Kriminalfall, bei dem am 16. August 1870 der Grundbesitzer Alain de Monéys bei einer Messe im Dorf Hautefaye in der Dordogne gelyncht und verbrannt wurde. Der Fall ist vor dem Hintergrund des Krieges 1870/71 und der durch ihn in der Bevölkerung des kleinen Ortes aufgewühlten Leidenschaften zu sehen. Als Folge eines simplen Missverständnisses hielt man Alain de Monéys für einen Preußen, was zu seinem Lynchmord führte. Die Gerüchte über Kannibalismus, die aufgrund von dem Bürgermeister zugeschriebenen Äußerungen und mutmaßlichen Handlungen der Dorfbewohner aufkamen, verschärften noch den barbarischen Charakter des Ereignisses. Von den 21 Angeklagten in diesem Mordfall wurden die vier Hauptverantwortlichen zum Tode und ein weiterer zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt.
Mehrere Bücher haben sich mit dieser Affaire befasst. Für den Schriftsteller Georges Marbeck symbolisiert sie den Ritualmord des Sündenbocks,Marbeck 1982, S. 8 während der Historiker Alain Corbin die Gründe für die Ereignisse eher im Hass der Bauern auf den Adel sieht.
Hintergrund mini|alt=peinture montrant une charge de cavalerie| Illustration der Schlacht bei Wörth (Reichshofen), Quelle des Missverständnisses, das zum Lynchmord an Alain de Monéys führte. Das Drama spielte sich im August 1870 ab, also einen Monat nach der Kriegserklärung Frankreichs an Preußen vom 15. Juli 1870. Die ersten Nachrichten von den Niederlagen an der lothringischen Front bei Wissembourg, Forbach und Frœschwiller waren am 5. und 6. August eingegangen. Alain Corbin sieht gerade die Entscheidung der Regierung, Informationen über diese Niederlagen zurückzuhalten, als Grund zur Verbreitung von Gerüchten über die Anwesenheit preußischer Spione in der Umgebung sowie eine Verschwörung von Adel und Priesterschaft gegen das Kaiserreich. Diese wiederum beunruhigten die öffentliche Meinung und führten sogar zu Ausbrüchen kollektiver Angstzustände.Corbin 1995, S. 59 So wurde in Châtellerault ein Eisenbahnangestellter belästigt, weil er in den Verdacht geriet, ein Spion im Solde des Feindes zu sein.Corbin 1995, S. 63 Diese Unruhen und Gerüchte im Verbund mit der die Region 1870 befallenden Dürre sind Bestandteil der Gerüchte, die sich im Dorf und auf dem Messegelände anlässlich des jährlichen Viehmarkts von Hautefaye, Anlass zu Begegnungen und Handel für die Bewohner des Dorfes und der Nachbargemeinden,Corbin 1995, S. 88 verbreiten.
Zu dem allgemeinen politischen Hintergrund kam in der Dordogne eine katastrophale wirtschaftliche Lage für die Landwirte. Im Sommer 1870 hielt die Dürre mit Regenmangel und hohen Temperaturen, die Ernte und Vieh bedrohen, schon seit Monaten an. Am 16. August, dem Tag des Viehmarkts von Hautefaye, wo die Geschäfte normalerweise gut liefen, liefen sie ausgesprochen schlecht: in Verbindung mit den Nachrichten von der Front wurden die Gemüter zusätzlich erhitzt. An diesem besonders heißen Tag sprach ein Teil der Marktbesucher mehr und mehr dem Alkohol zu, neben Wein auch dem Absinth.Robert Guinot, « Autopsie d'une mort atroce et barbare », La Montagne, 26 juin 2009 („Autopsie eines entsetzlichen und barbarischen Todes“)Marbeck 1982, S. 229–233
Das Drama Die Protagonisten mini|hochkant=0.5|alt=photo montrant un homme debout accoudé contre un meuble| Das Opfer, Alain de Monéys Das Opfer, Alain Romuald de Monéys d'Ordières, war der Sohn von Amédée de Monéys, dem ehemaligen Bürgermeister von Beaussac. Er führte das Gut von Schloss Brétanges zwischen Hautefaye und Beaussac. Junggeselle von 32 Jahren, war er wegen seiner schwächlichen Konstitution vom Militärdienst freigestellt, insbesondere auch von der Einberufung im Rahmen der 1870 im Gefolge der preußischen Bedrohung erfolgten Einführung der Wehrpflicht. Jedoch hatte er, beseelt von dem Wunsch seinem Land zu dienen, diese Freistellung aufheben lassen und stand kurz vor dem Einrücken zur lothringischen Front. Seit 1865 gehörte er dem Stadtrat von Beaussac an und war erster Beigeordneter. Seiner Familie gehörten 80 Hektar Land in Hautefaye.Corbin 1995, S. 90 An der Messe von Hautefaye am 16. August 1870 nahm er in seiner Eigenschaft als Verwalter des Familienguts teil.Corbin 1995, S. 89
Die von den Justizbehörden als Rädelsführer Bezeichneten sind Einwohner von Hautefaye und Viehmarktbesucher aus den benachbarten Dörfern. Im Einzelnen: François Chambord, 33 Jahre alt, Hufschmied in Pouvrière, einem Ortsteil der Gemeinde Souffrignac in der Charente, 9 km von Beaussac entfernt; er wurde als Anführer der Gruppe angesehen und ist, wie die übrigen Hauptaggressoren, nicht mit dem Opfer persönlich bekannt; Léonard, genannt „Piarrouty“, 53 Jahre, Lumpensammler in Nontronneau; Pierre Buisson, genannt „Arnaud“ oder „Lirou“, 33 Jahre, Landwirt; François Mazière, genannt „Silloux“, 29 Jahre Landpächter; und die Brüder Étienne und Jean Campot, Landwirte in Mainzac.Corbin 1995, S. 88–89
Die folgenden Personen haben versucht, Alain de Monéys zu beschützen und zu verteidigen: der Abbé Victor Saint-Pasteur, Pfarrer von Hautefaye; Philippe Dubois, Sägewerker aus Hautefaye; Georges Mathieu, Handwerker aus Beaussac und Neffe von Bernard Mathieu, des Bürgermeisters von Hautefaye; sowie Pascal, der Hausdiener im Schloss Bretanges.
Erster Vorfall Die Affaire begann mit einem Vorfall, in dessen Mittelpunkt Camille de Maillard de Lafaye steht, ein Cousin von Alain de Monéys, 26 Jahre alt, Sohn des Bürgermeisters von Beaussac und bekannt für seine legitimistischen Ansichten. Er wurde zum Opfer eines ersten Missverständnisses, das für ihn ohne Folgen blieb, dessen Wiederholung jedoch in der Folge Alain de Monéys zum Verhängnis wurde. Nachdem er die Depeschen über die Schlacht bei Wörth (franz. auch Schlacht bei Reichhoffen) gelesen hatte, äußerte Maillard, dass die französische Armee zum Rückzug gezwungen sei. Daraufhin wurde er von den Umstehenden angefeindet und beschuldigt, falsche Nachrichten zu verbreiten, ja, im Dienste der Preußen zu stehen. Beim Versuch, sich zu erklären und seine Äußerungen klarzustellen, wurde er nunmehr beschuldigt, „Es lebe die Republik“ gerufen zu haben. Die Gemüter erhitzten sich immer mehr, die Anfeindungen ihm gegenüber wurden immer lebhafter. Durch das Eingreifen seines Pächters gelingt ihm jedoch die Flucht.
Während des Prozesses erklärte einer der Mörder von Alain de Monéys, François Mazière, er habe einige Tage vorher, am 9. August, auf einer Messe in Charras, Maillard erklären gehört: „Der Kaiser ist verloren, er hat keine Munition mehr“, und bedauerte, dass er ihn an jenem Tag, empört über seine Äußerungen, nicht habe „erledigen“ können. Für Corbin heißt das, dass am 16. August, dem Tag der Ermordung de Monéys, offensichtlich vorsätzlich gehandelt wurde. Laut Corbin zwang die Flucht Maillards die misstrauischen und erregten Einwohner, sich auf de Monéys als Ersatzopfer zu stürzen.
Zweiter Vorfall Alain de Monéys erschien auf der Messe von Hautefaye gegen zwei Uhr nachmittags, nach der Flucht von Camille de Maillard.Marbeck 1982, S. 225 Kurz nach seiner Ankunft auf der Messe sieht Monéys, wie sich mit Stöcken bewaffnete Bauern nähern. Als er sich nach der Situation erkundigt, erfährt er von einem Kolporteur namens Brethenoux, genannt „der Mexikaner“, weil er an der französischen Intervention in Mexiko teilgenommen hatte, sein Cousin, Camille de Maillard, habe geschrieen: „Nieder mit Napoleon! Es lebe die Republik!“ Da er den Worten Brethenoux’s keinen Glauben schenken konnte, begleitete Monéys den Bauern an den Ort des Geschehens um festzustellen, ob andere Zeugen den Hergang bestätigen könnten. Unter diesen befanden sich: Le Cussou, Pinard, Mazière, die Gebrüder Campot und Buisson, die alle die Ausführungen Brethenoux’s bestätigten. Schließlich versammelte sich die Gruppe um Alain de Monéys, der weiterhin seinen Cousin verteidigte.Marbeck 1982, S. 256
Als er sich weiterhin weigert zuzugestehen, dass Maillard diese Worte ausgesprochen haben könnte, wird Monéys schließlich von der Gruppe angefeindet, die immer zahlreicher und feindseliger wird. Von manchen mit Maillard verwechselt, wird er zum Mittelpunkt der Ereignisse und seinerseits bezichtigt, „Es lebe die Republik“ gerufen zu haben, ein Verräter und Preuße zu sein. Trotz seiner Einlassungen (er versichert, auf der Seite der Bauern zu stehen und sich auf den Kampf gegen die Preußen vorzubereiten), stößt die Gruppe erste Todesdrohungen aus und führt die ersten Schläge.Marbeck 1982, S. 257
Folterungen und Mord Erhängungsversuch Trotz seiner Bemühungen, das Missverständnis aufzuklären und zu zeigen, dass er auf ihrer Seite ist, sieht sich Alain de Monéys von zunehmend aufgebrachteren Bauern umringt. Einer von ihnen, Buisson, schreit: „Das ist ein Preuße, man muß ihn aufhängen, man muß ihn verbrennen!“ Die Brüder Campot schlagen als erste zu; das ist der Auslöser für die Massenhysterie. Sich vor den Schlägen schützend, mit dem Ruf „Es lebe der Kaiser!“ die Menschenansammlung zu beruhigen suchend, sieht sich Alain de Monéys rasch umzingelt und misshandelt. Der Abbé Saint-Pasteur, Ortspfarrer von Hautefaye, interveniert, Pistole in der Hand, um ihm beizustehen. Angesichts der Entschlossenheit der Angreifer und in der Einsicht, selbst der wachsenden Wut der Gruppe ausgesetzt zu sein, zieht er sich jedoch in das Pfarrhaus zurück. Er unternimmt einen Ablenkungsversuch, indem er die Bauern einlädt ihm zu folgen, um mit ihm auf das Wohl des Kaisers zu trinken; einige folgen ihm.Corbin 1995, S. 94 Nun greifen Philippe Dubois und Georges Mathieu, der Neffe des Dorfbürgermeisters, ein und versuchen, Monéys den wiederholten Angriffen der Bauern zu entziehen; von der Menge abgedrängt, gelingt es auch ihnen nicht, den Adligen, der bereits von Fußtritten und Stockschlägen gezeichnet ist, in Sicherheit zu bringen. Sie wollen ihn in das Haus des Bürgermeisters, Bernard Mathieu, schaffen, aber der verwehrt ihnen den Zutritt, weil er fürchtet, dass auch der Mob dort eindringen und sein Haus verwüsten wird.Corbin 1995, S. 103Marbeck 1982, S. 266 Die Beschützer können sich selbst nicht länger der Gruppe widersetzen. Mazière und Buisson bemächtigen sich daraufhin des Opfers und liefern es erneut der Wut der von dem vom Pfarrer angebotenen Wein weiter aufgestachelten Bauern aus.
Die Gruppe unter Leitung von Chambord erwägt zunächst, Monéys den Behörden zuzuführen, aber angesichts der Passivität des Dorfbürgermeisters entscheiden die Bauern, ihn an einem Kirschbaum aufzuhängen. Alain Corbin hebt hervor, dass die fehlende Autorität des Bürgermeisters in diesem Augenblick Chambord gestattet, sich zum Führer der Strafaktion aufzuschwingen: der versteigt sich zu der Behauptung, Mitglied des Gemeinderats von Hautefaye zu sein, was ihm das Recht zur Ergreifung von Initiativen gebe. Der Erhängungsversuch scheitert an der Brüchigkeit der Äste des Baumes; man beschließt, das Opfer zu Tode zu prügeln.Corbin 1995, S. 96
Folterungen Von nun an wird die Absicht, die Qualen des Opfers zu verlängern, bevor man Alain de Monéys endgültig umbringt, umgesetzt. Chambord putscht die Menge auf: „Bevor man den Preußen umbringt, muß man ihn leiden lassen!“ Die Folterer gewähren dem Opfer Ruhephasen zwischen den einzelnen Angriffen.Corbin 1995, S. 107 Er wird in die Werkstatt des Bürgermeisters gezerrt, der gleichzeitig Hufschmied ist. Die Angreifer binden ihn mit Gurten auf dem Klauenstand fest, während er wüsten Schlägen ins Gesicht und Fußtritten durch Bouillet, genannt „Déjeunat“, ausgesetzt ist. Corbin weist darauf hin, dass zu dieser Episode nur wenig aus den Befragungen und Zeugenaussagen erhellt.Corbin 1995, S. 97