Die Eigentlichen Maulwürfe (Talpini) bilden eine Gattungsgruppe (Tribus) innerhalb der Altweltmaulwürfe (Talpinae). Diese Gruppe umfasst rund 40 Arten in sechs Gattungen, von denen der Europäische Maulwurf der wohl bekanntester Vertreter ist. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Europa und Asien, wo die einzelnen Vertreter Wälder und offene Landschaften in Tiefland- und Gebirgslagen besiedeln. Es handelt sich um strikt unterirdisch aktive Tiere. An diese Lebensweise sind sie mit einzelnen Körpermerkmalen angepasst. Hierzu gehören der walzen- bis zylinderförmige Körper, der kurze Hals, die äußerst kräftigen und zu Grabwerkzeugen umgestalteten Vordergliedmaßen sowie die stark zurückentwickelten Augen. Dadurch ist es ihnen möglich, sich in selbst gegrabenen Tunneln und Gängen fortzubewegen. Oberirdisch werden diese Gangsysteme häufig durch Maulwurfshügel angezeigt. Als Nahrung dienen überwiegend Regenwürmer und Insekten. Der Nachwuchs kommt ein- bis zweimal im Jahr zur Welt. Wissenschaftlich eingeführt wurden die Eigentlichen Maulwürfe bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts, auch wenn sich ihr heutiger systematischer Status erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts herausbildete. Stammesgeschichtlich sind die Eigentlichen Maulwürfe bis in das Oligozän zurückverfolgbar. Dadurch reihen sich neben den heutigen Gattungen auch einzelne fossile Formen ein.

Merkmale Habitus mini|Kleiner Japanischer Maulwurf (Mogera imaizumii) Die Eigentlichen Maulwürfe repräsentieren kleine bis große Vertreter der Maulwürfe. Sie erreichen eine Kopf-Rumpf-Länge von 8 bis 23 cm und ein Gewicht von 20 bis 220 g. Der Schwanz ist üblicherweise kurz und übertrifft in der Regel nicht die Länge der Hinterfüße. Die Tiere sind an eine unterirdische Lebensweise angepasst. Dies zeigt sich in dem walzen- bis zylinderförmigen Körper, dem kurzen Hals und den sehr kräftigen sowie nach außen gedrehten Vordergliedmaßen, die dadurch effektive Grabwerkzeuge darstellen. Sie enden in fünf, mit kräftigen Krallen ausgestatteten Fingern. Die Hinterbeine tragen ebenfalls fünf Zehen, sind aber weniger spezialisiert als die Vordergliedmaßen und deutlich schlanker. Des Weiteren ist die Schnauze zugespitzt, äußere Ohrmuscheln sind nicht erkennbar. Die Augen verbergen sich entweder unter einen Hautfalte oder liegen frei, sind aber in jedem Fall in ihrer Größe reduziert. Das Fell ist meist kurz, die Färbung kann von schwarz über grau bis bräunlich variieren, mitunter treten bei einigen Arten Farbanomalien auf. Der Schwanz weist häufig nur eine spärliche Fellbedeckung auf.

Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel ist bei den grabenden Maulwürfen relativ uniform gebaut. In der Regel erreicht er seine größte Breite am Hirnschädel und spitzt sich nach vorn zu. Das Rostrum ist je nach Art kurz und breit oder lang und schmal. Eine auffällige Einschnürung im Bereich der Orbita kommt meist nicht vor. Jochbögen sind ausgebildet, wirken aber sehr schwach. Die Schädeloberfläche ist glatt, auffällige Rippeln oder ein Scheitelkamm sind nicht vorhanden. Das Hinterhaupt ist häufig kräftig gestaltet. Die einzelnen Schädelknochen verwachsen sehr früh miteinander. An der Schädelbasis treten vollständige Paukenblasen auf. Das Mittelohr weist einzelne Variabilitäten bezüglich der Gehörknöchelchen auf. Bei allen Arten der Eigentlichen Maulwürfe sind diese nur locker mit dem Ohr verankert, was eine höhere Beweglichkeit ermöglicht und wahrscheinlich mit der Wahrnehmung von Geräuschen im niedrigen Frequenzbereich im Zusammenhang steht. Der Hammer besitzt einen Kopf aus massivem Knochenmaterial, lediglich bei Weißschwanzmaulwurf (Parascaptor) und beim Kurzgesichtmaulwurf (Scaptochirus) ist dieser stark hypertrophiert.

+ Zahnformeln der Eigentlichen MaulwürfeGattungZahnformelZahnanzahlEuroscaptor, Oreoscaptor, Talpa44Mogera42Parascaptor42Scaptochirus40 Die einzelnen Gattungen der Eigentlichen Maulwürfe lassen sich hauptsächlich anhand des Gebissaufbaus unterscheiden. Die Anzahl der Zähne variiert zwischen 40 und 44. Allerdings ist die Zahnanzahl innerhalb der Gattungen nicht einheitlich, da bei zahlreichen Arten Oligodontie auftritt. Dadurch können Zähne fehlen, zusätzliche auftreten oder mehrere miteinander verschmolzen sein. In entsprechenden Fällen betrifft dies meist die Prämolaren, von denen der jeweils zweite besonders klein ausgebildet ist. Eine weitere Auffälligkeit der Eigentlichen Maulwürfe findet sich in dem kleinen oberen vorderen Schneidezahn, der den beiden hinteren ähnelt. Im Vergleich dazu verfügen die Neuweltmaulwürfe (Scalopini) und die Desmane (Desmanini) über einen stark vergrößerten oberen vorderen Schneidezahn. Des Weiteren haben die Eigentlichen Maulwürfe einen großen sowie spitzen oberen Eckzahn. Das Merkmal kommt auch bei den Langschwanzmaulwürfen (Scaptnonychini) vor, fehlt aber bei den Neuweltmaulwürfen. Im Unterkiefer zeigt sich bei den Eigentlichen Maulwürfen der Eckzahn hingegen klein und gleicht den Schneidezähnen, ist also incisiviform, während der erste Prämolar vergrößert und eckzahnähnlich, also caniniform wirkt. Bei den Neuweltmaulwürfen bleibt der untere erste Vormahlzahn klein, er ist aber bei den Langschwanzmaulwürfen ebenfalls vergrößert. Die übrigen vorderen Prämolaren sind bei den Eigentlichen Maulwürfen meist einspitzig. Die Molaren kennzeichnen sich durch mehrere spitze Haupthöcker, die bei Oberkiefermahlzähnen in einer dilambdodonten (W-förmigen) Anordnung stehen. Eine Eigenheit der Eigentlichen Maulwürfe ist der fehlende Zahnwechsel vom Milch- zum Dauergebiss.

Skelettmerkmale + Beckenformen der Eigentlichen MaulwürfeBeckenformMerkmalGattungcaecoidalkeine KnochenbrückeEuroscaptor, TalpaeuropaeoidalKnochenbrücke über der Öffnung des vierten KreuzbeinwirbelsParascaptor, TalpamogeridKnochenbrücke über der Öffnung des vierten und fünften KreuzbeinwirbelsMogera, Oreoscaptor, Scaptochirus mini|Skelett des Europäischen Maulwurfs Auffallend im Skelettbau der Eigentlichen Maulwürfe ist die variierende Gestaltung des Beckens mit drei grundsätzlichen Formen. Diese unterscheiden sich durch eine auftretende Knochenbrücke, die die Öffnungen des vierten (europaeoidal) beziehungsweise des vierten und fünften (mogerid) Kreuzbeinwirbels überdeckt oder fehlt (ceacoidal). Es handelt sich hier jeweils um Anpassungen an die unterirdische Lebensweise. Beim mogeriden Becken versteift die Knochenbrücke das Becken stärker und bietet so größere Muskelansatzstellen für die hinteren Gliedmaßen. Ähnliches kann für das europaeoidale Becken angenommen werden. Das caecoidale Becken kommt vor allem bei Arten vor, die feuchtere Landschaften besiedeln. In einzelnen Fällen treten Übergangsformen auf, bei denen die Foramen der Kreuzbeinwirbel deutlich verschmälert oder geschlossen sind, so dass wiederum eine größere Ansatzfläche entsteht. Als zusätzliche Auffälligkeit ist die Symphyse des Schambeins verknöchert.

Weitere besondere Charakteristika teilen die Eigentlichen Maulwürfe mit anderen grabenden Maulwurfsvertretern. Hierfür können der extrem kurze und an den Gelenkenden stark verbreiterte Oberarmknochen, das ebenfalls kurze und breite Schlüsselbein sowie das Schulterblatt mit einem reduzierten Metacromion (ein Fortsatz am Acromion) genannt werden. Ersterer stellt den massivsten Knochen im Bewegungsapparat dar und verfügt über kräftige Rippeln für die Armmuskulatur. Der Gelenkkopf sitzt zumeist tief und wird von den beiden Knochenvorsprüngen Tuberculum majus und Tuberculum minus deutlich überragt. Beim Schlüsselbein wiederum übertrifft die Breite mitunter die Länge um teils bis zum Doppelten. Das untere Ende artikuliert wie bei allen Maulwürfen mit den Knochenvorsprüngen des Oberarmknochens. Die einzelnen Handknochen sind kurz und breit gestaltet und ergeben so eine breite Handfläche. Diese wird seitlich zusätzlich durch ein Sesambein erweitert, der sogenannte Präpollex („Vordaumen“) oder Os falciforme, welches bei den Eigentlichen Maulwürfen die Länge der Handwurzel zuzüglich der Mittelhandknochen erreicht. Das Merkmal ist wenigstens seit dem Oligozän nachweisbar. Die jeweiligen Endphalangen der Fingerstrahlen weisen am vorderen Ende einen tiefen Einschnitt auf.

Genetische Merkmale + Cytogenetische Merkmale der Eigentlichen MaulwürfeGattungChromosomensatzFundamentale AnzahlX-ChromosomY-ChromosomEuroscaptor2n = 34–38FNa = 52–60metazentrischfleckenartig/metazentrischMogera2n = 30–36FNa = 52–60metazentrischfleckenartigOreoscaptor2n = 36FNa = 52metazentrischfleckenartigParascaptor2n = 34FNa = 58/64metazentrischacrozentrischScaptochirus2n = 48FNa = 54???Talpa2n = 34–38FNa = 62–64metazentrischfleckenartig Der diploide Chromosomensatz der Eigentlichen Maulwürfe ist stark variabel und reicht von 2n = 30 bis 2n = 48. Der ursprünglich angedachte Ansatz einer eher konservativen Chromosomenstruktur ließ sich durch die zahlreichen Untersuchungen dadurch nicht bestätigen. Ein größerer Anteil der Eigentlichen Maulwürfe weist jedoch einen Chromosomensatz von 2n = 34 bis 36 auf. Dem gegenüber zeigt die Anzahl der Arme der Autosomen, die als fundamentale Anzahl bezeichnet wird, eine bimodale Verteilung. Häufig sind dabei 52 bis 60 Arme ausgebildet, was sich sowohl bei den variantenreicheren Gattungen wie den Ostasiatischen Maulwürfen (Mogera) wie auch bei den Südostasiatischen Maulwürfen (Euroscaptor) findet. Jedoch weichen die Eurasischen Maulwürfe (Talpa) davon ab, bei denen die fundamentale Anzahl jeweils über 60 liegt. Bei den Eurasischen Maulwürfen überwiegen demnach zweiarmige Autosomen wie meta- bis submeta- und telo- bis subtelozentrische Formen gegenüber den einarmigen wie den acrozentrischen. Bei den Ost- und Südostasiatischen Maulwürfen nimmt hingegen die Anzahl acrozentrischer Autosomen im Vergleich zu den zweiarmigen zu.

Verbreitung und Lebensraum Die Eigentlichen Maulwürfe sind ausschließlich in Eurasien verbreitet. Der westliche Teil des Kontinentalgebietes wird dabei nur von den Vertretern der Eurasischen Maulwürfe bewohnt, die von Europa bis nach Vorderasien und teils abgetrennt davon auch in Nordasien vorkommen. Im übrigen Asien, vor allem in Ostasien und Südostasien sind verschiedene Gattungen beheimatet, deren Lebensbereiche sich teilweise überschneiden. Hierzu gehören unter anderem die Südostasiatischen Maulwürfe und die Ostasiatischen Maulwürfe. Erstere sind mit einer hohen Diversität in Indochina zu finden, letzterer treten recht vielgestaltig auf den japanischen Inseln auf. Dort ist auch der Japanische Bergmaulwurf (Oreoscaptor) anzutreffen. Der Weißschwanzmaulwurf wiederum besiedelt größere Teile des südöstlichen und östlichen, der Kurzgesichtmaulwurf weitgehend des östlichen Asiens. Ein tatsächlich sympatrisches Vorkommen ist aber nur in den wenigsten Fällen gegeben, in der Regel liegt bei der Nutzung gleicher Regionen eine parapatrische Verbreitung vor. Als Lebensräume können geschlossene und offene Landschaften in Tiefland- oder Gebirgslagen herausgestellt werden, zumeist in Verbindung mit tiefgründigeren Böden und einer hohen Biomasse an Beutetieren.

Lebensweise mini|Maulwurfshügel