Die norwegische Literatur ist die Literatur in norwegischer Sprache und ein Bestandteil der skandinavischen Literatur bzw. der weiter gefassten nordischen Literatur. Sie ist geprägt durch die Liebe zu Natur und eine teils tiefgründige Psychologie. Zu ihr werden auch ihre Vorläufer gezählt: die meist von Isländern verfassten norwegischen Chroniken in altnordischer Sprache (bis zum 13. Jahrhundert) sowie die in Norwegen entstandene oder von Norwegern in Dänemark verfassten literarischen Zeugnisse in dänischer Sprache (bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts). Von einer eigenständigen norwegischen Literatur kann man jedoch erst seit dem 18. Jahrhundert sprechen, als sie sich von der dänischsprachigen Literatur löste. Dieser Prozess war erst im 19. Jahrhundert durch die Normierung der dialektreichen norwegischen Sprache abgeschlossen.
Literatur in zwei Sprachvarianten Von dieser Standardsprache existieren zwei Varianten, das konservativere Riksmål, das noch stärker unter dem Einfluss der dänischen Sprache und Orthographie steht, und das heute am häufigsten genutzte Bokmål, das 1907 der norwegischen Aussprache angepasst wurde.
Die regionalen Dialekte blieben wegen der zerklüfteten Landschaft Norwegens lange unvermischt nebeneinander bestehen und konnten sich nicht zur Schriftsprache entwickeln. Erst im 20. Jahrhundert wurde das auf den älteren norwegischen Dialekten der Westküste und des Fjordlandes basierende Nynorsk (früher Landsmål) ebenfalls als Literatursprache verwendet.
Zwar versuchte man in mehreren Sprachreformen von 1917, 1938 und 1958, beide Schriftsprachen anzunähern. Das scheiterte jedoch in den 1960er Jahren vor allem am konservativen Widerstand, da Bokmål stärker mit der Region um Oslo, den Bildungseliten und damit der dänischen Tradition und einer internationalen Orientierung verbunden war. Beide Varianten wurden daher durch die Reformen von 2005 bzw. 2012 wieder eigenständig standardisiert, statt auf eine Verschmelzung hinzuarbeiten. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass im Bokmål die weibliche Form fakultativ ist: Feminine Substantive können wie Maskulina behandelt werden. Im Nynorsk Westnorwegens hingegen sind hingegen die drei Geschlechter fest verankert. Außerdem bewahrt gerade das Nynorsk – anders als die Bezeichnung suggeriert – ältere Formen und Phoneme wie z. B. Diphthonge.Ernst Håkon Jahr: Language Planning as a Sociolinguistic Experiment: The Case of Modern Norwegian. Edinburgh 2014.
Frühzeit Die Skaldendichtung entstand etwa um 800 an den norwegischen Königshöfen. Die norwegischen Königschroniken in altnordischer Sprache wie das Ágrip af Nóregs konunga sögum und die Heimskringla spielen zwar meist in Norwegen, sie wurden aber außerhalb des Landes meist von Isländern verfasst. Das gilt nicht für die um 1220 entstandene Fagrskinna, die vermutlich ebenfalls von einem Isländer in Norwegen verfasst wurde.Wolfgang Golther: Die isländische und norwegische Literatur des Mittelalters (=Nordische Literaturgeschichte, Bd. 1). Sammlung Göschen, Band 254. Leipzig 1900. Sprache und Stil dieser Geschichtswerke aus christlicher Zeit unterscheiden sich kaum vom Altnorwegischen, wie es sich in Gesetzestexten des 13. Jahrhunderts findet, und der Skaldendichtung. mini|hochkant|Pedder Claussøns Norske Kongers Chronica (Chronik der norwegischen Könige, posthum gedruckt 1633) Die Pest raffte seit 1349 mehr als die Hälfte der norwegischen Bevölkerung dahin. Sie führte zum Verlust des Adels, der die Künste hätte fördern können, und zur allgemeinen Verarmung des Landes. Die folgende Periode vom 14. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in der Norwegen von Dänemark beherrscht wurde, gilt als finsteres Zeitalter der norwegischen Literatur. Durch die von Dänemark 1537 verordnete Reformation wurde die dänische Sprache in Norwegen etabliert, während sich Druckereien und höhere Bildungsanstalten nur in Dänemark entwickeln konnten.
Im 16. Jahrhundert war die sprachliche Entwicklung zum neueren Norwegisch abgeschlossen; man verstand seither die altnordischen Texte nicht mehr. Seit 1520 machte sich der Einfluss des Humanismus zuerst in Bergen bemerkbar, das wegen seiner internationalen Handelsbeziehungen weniger unter der Krise litt. Zu den bedeutenden Humanisten gehörte der Theologe und Reformator Absalon Pederssøn Beyer (1528–1575), Rektor der Kathedralschule in Bergen und erster namentlich bekannter norwegischer Theaterregisseur. Er verfasste das bedeutende Geschichtswerk Om Norges Rige (1567).Absalon Pedersson Beer auf Store norske leksikon
Norwegischstämmige Autoren wie der als Übersetzer der alten Sagas und Verfasser von Landesbeschreibungen Grönlands und Islands von diesen beeinflusste Peder Claussøn Friis (1545–1614) oder der barocke Kirchenlieddichter Petter Dass (ca. 1646–1707) hatten ihren Anteil an einer gemeinsamen dänisch-norwegischen Literatur und brachten regionale Besonderheiten und einen kulturellen norwegischen Patriotismus zum Ausdruck.Baumgartner 1996, S. 140. Doch wurde wegen der anhaltenden wirtschaftlichen Notlage das erste norwegische Buch erst 1644 in Kristiania (heute Oslo) gedruckt.Baumgartner 1996, S. 139.
Aufklärung, Empfindsamkeit, Nationalromantik mini|360px|Eilif Peterssen (1892): Ein Abend bei „Det Norske Selskab“ in Kopenhagen. Der Mann in der Mitte mit erhobenem Glas ist Johan Herman Wessel, Verfasser satirisch-antiaristokratischen Versdichtungen; mit roter Jacke Bischof Johan Nordahl Brun, Verfasser von Tragödien, Lehrgedichten und Kirchenliedern; links die Gastgeberin Frau Juel. Im 18. Jahrhundert erstarkten neben den deutschen auch französische und englische Einflüsse auf die sich entwickelnde bürgerlich-städtische Kultur Norwegens, u. a. durch das Werk Edward Youngs (1683–1765). Auch die Antike wurde rezipiert; die barocke Rhetorik und Allegorik verdrängte den einfachen Prosarealisms. Doch in der Opposition gegen das kulturelle Übergewicht der Deutschen entwickelte sich bei den Norwegern ein stärkeres Nationalgefühl. Der in Bergen geborene Kulturhistoriker und Dichter Ludvig Holberg war ein Vorläufer dieser aufklärerisch-patriotischen Bewegung, die sich um die in Kopenhagen seit 1772 ansässige studentische Det Norske Selskab bildete. In Trondheim entstand Det Trondhjemska lærde Selskab, eine allerdings weiterhin von der deutschen Philosophie beeinflusste Gelehrtengesellschaft, die 1767 in Det Kongelige Norske Videnskabers Selskab aufging.
Der Historiker Gerhard Schøning (1722–1780) verließ 1765 Trondheim und ging nach Dänemark. In seinem Hauptwerk Norges Riiges Historie (3 Bände, 1771–81) verteidigte er die Rechte des freien germanischen Bauern gegen den dänischen Absolutismus. Ähnlich idealisierte der Vorromantiker Hans Bull (1739–1783) mit seinem Gedicht Landmandens Lyksalighed (1771; „Glückseligkeit des Landmanns“) das ländliche Leben im Gebirge, das Norwegen vom flachen oder allenfalls hügligen Dänemark unterscheidet und zum Inbegriff des Freiheitsstrebens wurde.
Doch wirkten die meisten norwegischen Autoren in Dänemark: Johan Nordahl Brun (1745–1816) verfasste Alexandriner-Tragödien in französischem Stil, Niels Krog Bredal (1732–1778) brachte in seiner Oper Gram og Signe 1756 erstmals einen nordischen Stoff zur Musik von Giuseppe Sarti auf die Kopenhagener Bühne,Otto Oberholzer: Aufklärung, Klassizismus, Vorromantik. In: Fritz Paul (Hrsg.), 1982, S. 58 ff. und Christen Pram (1756–1821) verfasste Romane, Gedichte und Theaterstücke. Gegen diese hohen Ansprüche und teils „verstiegenen Anachronismen“ wirkte Johan Herman Wessel mit seinen Satiren, in dem er sie mit der Ohnmacht der einfachen norwegischen Bürger konfrontiert. Viele Pointen Wessels sind sprichwörtlich geworden, so z. B. „den Bäcker für den Schmied hinrichten“: In einem Dorf wird ein Bäcker gehängt, weil es davon zwei gibt; so kann man den einzigen Schmied, der des Totschlags schuldig ist, behalten.Baumgartner 1996, S. 141.
Erst mit dem Aufkommen des politischen Nationalismus und dem Kampf für die Unabhängigkeit, der sich seit 1814 gegen die Union mit Schweden richtete, welche die dänische Herrschaft ablöste, kam es zu einer Blüte der Nationalliteratur. Der Dramatiker und Volksaufklärer Henrik Wergeland war der einflussreichste Autor dieser Periode der Spätaufklärung und beginnenden norwegischen Nationalromantik, einer kulturellen Erneuerungs- und politischen Autonomiebewegung, die durch die Herausgabe der norwegischen Königssagas in der Heimskringla befeuert wurde, aber erst viel später (um 1870) zur Massenbewegung wurde und dann auch Architektur („Drachenstil“) und bildende Künste ergriff.Holger Simon-Denoix: Konstruktion einer norwegischen Identität im Zeitalter der Nationalromantik und die Rolle der frühen nationalen Literaturgeschichtsschreibung. Diss. Tübingen 2015.
Die Großen Vier: Psychologischer Realismus und Naturalismus mini|hochkant|Henrik Ibsen. Gemälde von Henrik Olrik Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die norwegische Schriftsprache, die sich zunächst im Wortschatz, später auch in Syntax und Orthographie dem gesprochenen Norwegisch annäherte. Patriotismus, Individualismus, Liberalismus und Gesellschaftskritik verbanden sich in der Folge sehr eng, so dass eine konservative Nationalromantik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch eine geringe Rolle spielte. Das Quartett der „Großen Vier“ Ibsen, Bjørnson, Kjelland und Lie, zu denen auch Amalie Skram und Arne Garborg gerechnet werden müssen, leitete um 1875/80 den modernen Durchbruch in der Literatur ein; sie wurden in Deutschland schon damals als „progressive“ Autoren wahrgenommen.Baumgartner 1996, S. 140; 143 f.
Der Dramatiker Henrik Ibsen mit seiner großen Sprachkraft und der realistische Erzähler und religionskritische Dramatiker Bjørnstjerne Bjørnson verschafften Norwegen einen einflussreichen Platz in der westeuropäischen Literatur. Mit seinem noch in dänischer Sprache verfassten Debütroman Das Fischermädchen hat Bjørnson 1868 den ersten norwegischen Künstlerroman vorgelegt. In Et Dukkehjem („Nora oder Ein Puppenheim“) von 1879 realisierte Ibsen in für damalige Verhältnisse unbekannter Radikalität seine Vorstellungen zur Emanzipation der Frau: Die Hauptperson Nora verlässt ihr Puppenheim, um sich selbst zu verwirklichen. Ibsen demontiert die Tragödie und macht sie zu einer Tragikomödie.Baumgartner 1996, S. 143. Alexander Kielland machte die Klassenunterschiede zum Thema, geißelte in seinen scharf kontrastierenden und satirisch zugespitzten Werken die Bigotterie des Bürgertums – wo in der Gift-Trilogie, wo sich die Spekulanten in den Schutz der Kirche flüchten – und beeinflusste damit noch Thomas Mann, während sich Theodor Fontane abgestoßen zeigte.Baumgartner 1996, S. 144. Der Novellist und Dramatiker Jonas Lie schildert das Milieu der Seeleute und Arbeiter und deren Familienprobleme und legt die sozialen Konflikte in ihrer Dramatik offen. Sein spätes erzählerisches Werk kennzeichnet den Übergang zu Impressionismus und Neuromantik. mini|Amalie Skram Das Leben der Fischer, Seeleute und Auswanderer wurde von Johan Bojer naturalistisch gestaltet. Ein weiterer, in Deutschland gelesener Vertreter des Naturalismus war Arne Garborg, der sich auch politisch-journalistisch betätigte. In seinem Roman Bei Mamma (1890) kritisierte er die Sozialisation junger Frauen. Zu den naturalistischen, von Émile Zola beeinflussten Werken zählen die teils autobiographischen Ehe-, Familien- und Psychiatrieromane von Amalie Skram, die von den verheerenden Beschädigungen der Geschlechter handeln.