mini|300px|Ermershausen von Südwesten

Ermershausen im Landkreis Haßberge ist die kleinste Gemeinde Unterfrankens. Bundesweite Publizität als „Rebellendorf“ erreichte Ermershausen 1978, als es sich der Eingemeindung nach Maroldsweisach – zunächst erfolglos – verweigerte.

Geografie Geografische Lage Die Gemeinde liegt im Naturpark Haßberge. Das für den Naturpark typische Landschaftsbild ist geprägt von Feldern, Wiesen und mit Mischwald bewachsenem, sanftem Hügelland. Durch Ermershausen fließt der etwa acht Kilometer lange Bach Ermetz. Dieser entspringt in der Au nördlich des Dorfes im Grenzgebiet zu Thüringen und mündet bei Sulzbach in die Baunach.

Größere Orte in der Umgebung von Ermershausen sind Bad Königshofen im Grabfeld, Ebern und Hofheim in Unterfranken. Die nächstgelegenen Städte sind Bamberg, Schweinfurt und Coburg.

Nur etwa 1,5 km nördlich des Ortskerns befindet sich die Grenze zum Freistaat Thüringen. Somit lag Ermershausen direkt an der innerdeutschen Grenze und dem Eisernen Vorhang.

Nachbargemeinden Nachbargemeinden sind von Norden beginnend im Uhrzeigersinn: Schweickershausen (Landkreis Hildburghausen), Maroldsweisach und Sulzdorf an der Lederhecke (Landkreis Rhön-Grabfeld).

Gemeindegliederung Es gibt drei Gemeindeteile (in Klammern ist der Siedlungstyp angegeben): Ermershausen (Pfarrdorf) Holländermühle (Einöde) Weidachsmühle (Einöde) Die beiden genannten ehemaligen Wassermühlen befinden sich südlich des Hauptortes an der Ermetz. Während der Flurbereinigung in den 1960er Jahren entstanden fünf Aussiedlerhöfe, davon vier nördlich und einer südlich des Dorfs. Inoffiziell unterteilen die Ermershäuser den Hauptort in das westlich der Ermetz gelegene Oberdorf und das östlich gelegene Äußerdorf.

Baudenkmäler

Bodendenkmäler

Historische Straßen- und Flurnamen Die heutige Hauptstraße hieß 1836 noch Baunachstraße, im Oberdorf auch Schlossgasse. Sie war Teil einer bedeutenden alten Heeres- und Handelsstraße von Nürnberg über Bamberg, Ebern, Ermershausen, Schwanhausen, Trappstadt und Römhild nach Meiningen (Nürnberger Landstraße). Die alte Straße nach Maroldsweisach führte im Bereich der Fresengasse aus dem Ort hinaus, vorbei am Sühnekreuz über die Steig. Sie bestand bis etwa in die 1830er Jahre. Die jetzige Wegführung über den Rehberg wurde Ende des 17. Jahrhunderts angelegt und in den 1830er Jahren ausgebaut. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden entlang der heutigen B279 alle 5 km Kilometersteine gesetzt. Kilometerstein 50 (Distanz nach Bamberg) steht auf Ermershäuser Gemeindegebiet Richtung Sulzdorf ().

Die Birkenfelder Straße (Ausbau 1835) wurde auch als Schweinfurter Straße bezeichnet. Der Weg nach Allertshausen hieß auch Coburger Straße. Weiterhin finden sich entsprechend der nächstgelegenen Ortschaften die Bezeichnungen Hellinger Weg, Dippacher Weg (Ausbau 1865), Serrfelder Weg (teilw. auch Wahlweg), Sternberger Weg und Käßlitzer Weg. Der Schweickershäuser Weg (Ausbau 1855), der Pfad ab dem Kreuzweg Richtung Schweickershausen und der Weg in der Waldabteilung Bauholz Richtung Hellingen (nicht der heutige Hellinger Weg) wurden jeweils auch Judenweg genannt, da diese insbesondere die jüdischen Bürger Ermershausens für den Handel mit den benachbarten sächsischen Dörfern (heute Thüringen) nutzten.

Im nordwestlichen Gemeindegebiet verläuft ein Stück der Weinstraße, die hier die Bundesstraße 279 quert. An der Kreuzung teilt sich diese in die Obere Weinstraße, welche auf der Gemeindegrenze zu Sulzdorf in Richtung Schweickershausen verläuft, und die Untere Weinstraße, die parallel zur Oberen auf Sulzdorfer Gebiet nach Nordosten zieht. Richtung Süden verläuft die Weinstraße im Wald zwischen Dippach und Neuses bzw. Serrfeld. Östlich von Schweinshaupten kreuzt sie die Staatsstraße 2284 und führt weiter gen Süden, wo sie im Bereich von Manau auf den Rennweg trifft. Zur Namensherkunft der Weinstraße gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Einerseits wird Bezug genommen auf den Weintransport vom Maintal (Weinbaugebiet Franken) Richtung Thüringen (ehem. Sachsen). Andererseits könnte der Name auch einfach vom Begriff Wagenstraße (Wagen = wayne oder waine) kommen, also eine – im Gegensatz zu Pfaden – für Fuhrwerke geeigneten Straße. mini|Karte der Flurnamen von Ermershausen Die Flurnamen des Ortsgebietes und der umgebenden Felder, Wiesen und Wälder kamen tlw. schon im 17. Jahrhundert vor. Folgende sind bekannt: (Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.)

Sowohl das Wegenetz und die Wegführungen als auch die Unterteilung und Bezeichnungen der Flurabschnitte erfuhren in den 1960er Jahren Änderungen durch die massiven Umgestaltungen im Zuge der Flurbereinigung.

Wüstungen in der Umgebung Im Waldgebiet nördlich des Weges zwischen Ermershausen und Allertshausen befinden sich zwei Wüstungen. Lindach (auch Lindech oder Lintach; ungefähre ) wurde 1373 erwähnt. Heute erinnert daran nur noch eine gleichnamige Waldabteilung und der Bach Lindach, der nordwestlich Allertshausen in die Weisach mündet. Der zweite Ort hieß Steferich (auch Stauferich, Staiffrich, Stefryt, Stegraif, Stepperich; ungefähre ) und wurde 1355 urkundlich genannt, etwa 1450 aber schon als wüstgefallen bezeichnet. Anfang des 20. Jahrhunderts sollen der Schulchronik von Maroldsweisach nach noch Mauerreste und Kellergewölbe vorhanden gewesen seien. Dies wird auch im Ermershäuser Dorfbuch von 1939 erwähnt. Darin findet sich weiterhin die Aussage, dass Forstarbeiter beim Anpflanzen von Bäumen auf den Friedhof von Steferich stießen. Einer Sage nach stammt die alte Kirchenglocke von Ermershausen aus Steferich, welche von einem Schweinehirten im Wald gefunden und nach Ermershausen gebracht worden sei.

Südlich der Weidachsmühle bzw. nordöstlich des Schlosses Birkenfeld, im Flurstück Blitzengrund nahe des heutigen Teichs, befand sich der Weiler Blitzenhaug (auch Blitzenhauk; ungefähre ). Vor dem Dreißigjährigen Krieg wurden vier Einwohner genannt, spätestens 1661 war er verlassen.

Geschichte Bis zum 19. Jahrhundert Ermershausen wurde erstmals urkundlich im Jahr 1049 als Ermannshuson in Helidungero marca, d. h. in der Hellinger Markung, erwähnt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde der Ort mehrmals verwüstet. Die Herren von Hutten waren von 1475 bis zu ihrem Aussterben 1783 in Birkenfeld ansässig, in deren Besitz befanden sich sowohl Ermershausen als auch Birkenfeld. 1814 fiel Ermershausen an Bayern. Mit dem Gemeindeedikt von 1818 entstand die Landgemeinde Ermershausen. Im Jahr 1830 wurde in Ermershausen ein jüdischer Friedhof angelegt.

Ehemalige jüdische Gemeinde von Ermershausen 17. Jahrhundert bis 1933 Ab dem 16. Jahrhundert wanderten viele Juden infolge anhaltender Repressalien aus den Städten in kleine Dörfer auf dem Land aus, wo sie sich als „Schutzjuden“ an die örtliche Reichsritterschaft niederlassen durften und gewisse Sicherheit fanden.

In Ermershausen waren wahrscheinlich schon im 16. Jahrhundert, spätestens jedoch seit 1648 Juden angesiedelt. Im Jahre 1813 wurden 97 jüdische Einwohner gezählt. Bis 1900 schwankte die Zahl der Juden in Ermershausen bei ca. 90 Einwohnern, mit Höhepunkten in den Jahren 1800 und 1830 mit 126 Personen. Dies entspricht einen Bevölkerungsanteil von etwa 15 bis 20 %. Im 17. Jahrhundert wohnten sie zunächst im alten Schloss zur Miete, danach überwiegend in kleinen Anwesen in der Fresengasse.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbesserten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung allmählich, da man ihnen bspw. mit dem Bayerischen Judenedikt von 1813 mehr und mehr Rechte zustand. So wurden ihnen neben den traditionellen Tätigkeiten Handel und Geldverleih (siehe auch Zinsverbot und Zunftzwang) auch andere, vormals verbotene Beschäftigungen erlaubt. Bei den Ermershäuser Juden gewannen das Handwerk und der Ackerbau als Einkunftsquellen an Bedeutung. Unter ihnen fanden sich u. a. Händler (Vieh, Seife, Kerzen, Schmieren, Bänder, Getreide, Alteisen), Metzger, Schneider, Schuster, Seifensieder und Seiler. Einige brachten es im Laufe der Jahre zu einem gewissen Wohlstand, erwarben komfortablere Anwesen an der Hauptstraße und richteten dort Kaufläden für Schnittwaren, Kolonialwaren und Landesprodukte ein.

In die Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts fällt auch der neue Zwang, dass Familiennamen angenommen werden mussten, nachdem Juden für gewöhnlich nur Vornamen hatten. Die von den Ermershäusern gewählten Namen weisen vielfach Bezüge zur Region auf: Sachsendorfer vom Handel mit den nahen Dörfern in Sachsen (heute Thüringen), Zeilberger vom Zeilberg oder schlicht Ermetz.

Die jüdischen Bewohner Ermershausens nahmen an Bürgerversammlungen teil, stellten von 1919 bis 1933 Gemeinderäte und waren bspw. im Gesangverein aktiv. Juden erlangten mit der Reichsgründung 1871 volle Bürgerrechte und -pflichten. So kämpften jüdische Soldaten aus Ermershausen im Deutschen Krieg 1866, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und zwei von mindestens 11 jüdischen Teilnehmern aus Ermershausen fielen im Ersten Weltkrieg.

Emigration von Ermershäuser Juden fand zu verschiedenen Zeiten aus unterschiedlichen Gründen statt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sie vor allem wegen der ausbleibenden Gleichstellung Amerika als Ziel. Um die Jahrhundertwende waren es dann die Städte, welche durch Gesetzesänderungen neue Möglichkeiten boten. Im Jahre 1933 waren noch 58 Juden in Ermershausen.

Politisch standen die Juden der SPD nahe, welche bei der Reichstagswahl 1930 mit 135 Stimmen in Ermershausen noch etwa gleich viele wie die NSDAP erhielt. Bei der letzten Wahl vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im November 1932 sah dieses Verhältnis jedoch anders aus: 61 Stimmen für die SPD, mutmaßlich überwiegend der jüdischen Wähler, gegenüber 298 Stimmen für die NSDAP.

NS-Zeit 1933 bis zur Auslöschung 1942 Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 bedeutete auch für die jüdische Gemeinde in Ermershausen den Anfang der vollständigen Ausgrenzung. Zusätzlich zu den Nürnberger Gesetzen im September 1935 wurden zahlreiche Verordnungen und Gesetze erlassen, die den Juden sowohl die Einkommensquellen (Entlassungen, Berufs-, Handels- und Handwerksverbote) als auch den Besitz nahmen. Auch der angestammte Wohnraum wurde ihnen genommen und sie wurden in sogenannte Judenhäuser gepfercht (siehe: Liste antijüdischer Rechtsvorschriften im Deutschen Reich 1933–1945).