mini|Fabrik von Longines in Saint-Imier mini|Der erste Eindruck am Bahnhof
Saint-Imier [] ist eine Einwohnergemeinde im Schweizer Kanton Bern. Sie gehört zum Verwaltungskreis Berner Jura. Der deutsche Name Sankt Immer wird heute hauptsächlich noch in der weiteren Region verwendet.
Geographie mini|Hôtel de la maison de Ville, später das Hôtel Central, um etwa 1890 mini|Das Musée de Saint-Imier
Saint-Imier befindet sich 15 km nordöstlich von La Chaux-de-Fonds (Luftlinie). Die Ortschaft liegt auf im zentralen Teil des Juralängstals Vallon de Saint-Imier grösstenteils auf der linken Seite der Schüss (französisch Suze). Nach Norden erstreckt sich das 20,9 km² grosse Gemeindegebiet über den Mont Soleil, der mit den höchsten Teil der Antiklinale der Montagne du Droit bildet, die das gesamte Vallon de Saint-Imier auf seiner Nordseite begleitet, hinaus.
Die kesselförmigen Landschaftsteile Chenevières und Champ Meusel am Südhang des Mont Soleil, nördlich von Saint-Imier, sind ausgeprägte Erosionsformen. Gemäss dem Schweizer Geologen Michel Monbaron lassen sich diese und ähnliche Geländeformen im Faltenjura (wie etwa der Creux du Van im Kanton Neuenburg) mit der klassischen Erosion «des Fluviokarstes und einer glazialen und/oder periglazialen Überprägung erklären».Michel Monbaron: Impacts de météorites ou cicatrices d'érosion? Etude de quelques formes en hémicycle du Jura plissé suisse. In: Bulletin de la Société Neuchâteloise des Sciences Naturelles 113 (1990), S. 146–156, Zitat S. 155. (Digitalisat in E-Periodica).Philippe Bourquin kannte keine sichere Interpretation des Phänomens: Philippe Bourquin: Atlas géologique de la Suisse 1:25'000. Feuilles 114 Biaufond, 115 Les Bois, 116 La Ferrière, 117 St-Imier. Notice explicative. Bern 1946, S. 18. (Digitalisat). In der Senke Champ Meusel befindet sich ein Biotop mit einem Feuchtgebiet, das im Bundesinventar der Hoch- und Übergangsmoore von nationaler Bedeutung aufgeführt ist.Champ Meusel, Objektblatt des Bundesinventars der Hoch- und Übergangsmoore von nationaler Bedeutung. Früher wurde eine andere Hypothese für die Entstehung der Landschaftsform vorgeschlagen: man vermutete als Ursache der Bodenform den Einschlag eines Meteoriten.Franz Hofmann und Kurt Bächtiger stellten diese Hypothese vor in ihrem Beitrag Die Oberflächenstruktur Les Chenevières-Champ Meusel am Mont Soleil bei St-Imier (Berner Jura) als vermutliches Ergebnis eines Meteoriten-Einschlags. In: Eclogae Geologicae Helvetiae. 69 (1976), Nr. 1 (9. April), S. 177–179 (Digitalisat in E-Periodica). Siehe auch: Franz Auf der Maur: Wanderungen zu Denkmälern der Natur. Geologische Sehenswürdigkeiten der Schweiz in 17 Ausflügen. Thun: Ott Verlag 1987, S. 198–203.
Mit einem schmalen Streifen reicht das Gemeindegebiet von Saint-Imier nördlich des Mont Soleil weiter in die Senke von La Chaux d’Abel hinunter, die geographisch zu den Freibergen (französisch Franches-Montagnes) gehört. Sie zeigt die typische leicht gewellte Hochfläche des Plateaujuras, auf der sich meist oberirdisch abflusslose Senken mit Kuppen aus Kalkstein abwechseln. Das geschützte Moorgebiet Tourbière de la Chaux d’Abel ist unter anderem im Bundesinventar der Hoch- und Übergangsmoore von nationaler Bedeutung und im Verzeichnis der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung aufgeführt. Nach Süden erstreckt sich die Gemeindefläche auf die Höhe von Les Pontins, wo ebenfalls ein bedeutendes Moorgebiet liegt,Les Pontins, Objektblatt des Bundesinventars der Hoch- und Übergangsmoore von nationaler Bedeutung. und ganz im Südosten auf die nördliche Krete der Chasseral-Kette. Hier befindet sich auf der Cornette mit der höchste Punkt von Saint-Imier. Der Chasseral ist als Landschaftsschutzgebiet im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) verzeichnet.Chasseral Objektblatt des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler. Auf den Jurakämmen erstrecken sich ausgedehnte Hochweiden mit den charakteristischen mächtigen Fichten, die einzeln oder in Gruppen stehen. Von der Gemeindefläche entfielen 1997 9 % auf Siedlungen, 42 % auf Wald und Gehölze, 48 % auf Landwirtschaft, und etwas weniger als 1 % war unproduktives Land.
Zu Saint-Imier gehören die Siedlung Sur le Pont () auf der südlichen Seite der Schüss sowie zahlreiche Einzelhöfe, die weit verstreut auf den Jurahöhen liegen. Nachbargemeinden von Saint-Imier sind Sonvilier und Villeret im Kanton Bern, Muriaux, Le Noirmont und Les Bois im Kanton Jura sowie Val-de-Ruz im Kanton Neuenburg.
Geschichte mini|Luftbild aus 300 m von Walter Mittelholzer, 1925 mini|Ansicht von Süden
Der Ursprung von Saint-Imier geht auf den heiligen Himerius zurück, einen Eremiten, der aus Lugnez in der Ajoie stammte und sich um 600 im Schüsstal niederliess. Auf seinem Grab wurde eine Kapelle errichtet und ein Benediktinerkloster gegründet. Die Siedlung entwickelte sich bald zu einem Wallfahrtsort. Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes datiert auf das Jahr 884, als Kaiser Karl III. die cella sancti Hymerii dem Kloster Moutier-Grandval schenkte. Später erschienen die Bezeichnungen Sanctus Ymerius (962) und Sanctus Imerius (1239).
Im Jahr 999 kam Saint-Imier durch eine Schenkung von König Rudolf III. von Burgund zusammen mit Moutier an den Bischof von Basel. Das Kloster Saint-Imier wurde in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in ein weltliches Chorherrenstift umgewandelt. Es unterstand zwar dem Bistum Lausanne, die Gerichtsbarkeit übte aber bis zur Reformation der Bischof von Basel aus. 1335 schloss Saint-Imier ein Burgrecht mit der Stadt Biel, was den Beginn der Einflussnahme Biels auf die Herrschaft Erguel im Vallon de Saint-Imier bedeutete. Von Biel wurde 1530 die Reformation eingeführt und das Kapitel aufgelöst.
Während des Dreissigjährigen Krieges wurde Saint-Imier schwer in Mitleidenschaft gezogen. Von 1797 bis 1815 gehörte die Gemeinde zu Frankreich und war anfangs Teil des Département Mont-Terrible, das 1800 mit dem Département Haut-Rhin verbunden wurde. Durch den Entscheid des Wiener Kongresses kam Saint-Imier 1815 an den Kanton Bern, der es dem Bezirk Courtelary zuteilte. Inzwischen war in Saint-Imier eine vorindustrielle Uhrenproduktion angelaufen.
1866 wurde die Compagnie des Montres Longines Francillon SA gegründet. Breitling, Blancpain, Chopard und TAG Heuer stammen ebenfalls ursprünglich aus Saint-Imier. Mit der Uhrenindustrie setzte ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung ein, und die Bevölkerung wuchs von 2632 Einwohnern (1856) auf 7557 Einwohner (1888). Saint-Imier wurde zum Zentrum der Uhrenherstellung im Vallon de Saint-Imier und erlebte nach 1880 eine Blütezeit, in der zahlreiche grosse Industriebauten und Arbeiterwohnungen erstellt wurden. 1901 wurde eine Uhrmacherschule, die heutige Ingenieurschule, gegründet.
Manche Arbeiter kehrten in den Abendstunden erst spät in die beengten Wohnungen zurück, sie gingen lieber in ein Café. Einige machten Lundi-Bleu, dies bedeutete, dass sie manchmal am Montag nicht zur Arbeit gingen, ein aus dem Mittelalter stammender Brauch. Die ab 1882 bestehende lokale Sektion der Abstinenz-Organisation Blaues Kreuz richtete 1893 (Rue du Temple) und 1894 (Rue Basse) zwei alkoholfreie Freizeitlokale ein, die auch das Ziel hatten, die sich dort aufhaltenden Männer zu evangelisieren. Ihr Hauptsitz war die Maison des Rameaux an der Rue du Midi. Sie vertraten die Sichtweise, dass «nur Christus einen der Sünde verfallenen Mann frei machen» kann. Der gewerkschaftliche Cercle ouvrier entgegnete dem, «es wird häufig gesagt, Alkohol führe zu Elend […] aber es ist Elend, das zu Alkoholismus führt». Deshalb strebten sie nach einer sozialen Revolution zur Überwindung dieser Zustände.
Im Arbeitskampf gab es immer wieder Streiks und Aussperrungen. Um in diesen finanziell schwierigen Zeiten ihre Forderungen aufrechterhalten zu können, gründeten die Arbeiter die Streikkasse Société de résistance. Seit 1849 gab es die Kasse für gegenseitige Hilfe Société mutuelle. Im Generalstreik 1918 musste Longines dicht machen. Aus Renan kam ein grosser Streikzug zur Verstärkung herbeigeeilt.
1891 wurde in Saint-Imier mit dem Le Socialiste die erste Zeitung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in der Romandie gegründet. Auch Le Jura Bernois erschien hier. Der 1902 gegründete Arbeiterverein Cercle ouvrier verfügte ab 1920 über sein eigenes Volkshaus, das Maison du Peuple. Darin waren eine Bibliothek, ein Café, Versammlungsräume und Gewerkschaftssekretariate untergebracht. Die Gewerkschaftsmusik L’Union instrumentale und der Chor L’Espérance probten im Volkshaus. Die Uhrmachergewerkschaften schlossen sich grösstenteils dem SMUV an. Ab 1937 etablierte sich in der Schweiz der sogenannte Arbeitsfrieden. Dabeben gab es Ansätze bürgerlicher Kultur. Auch viele Uhrmacher malten zum Ausgleich in der Freizeit. Aus Saint-Imier gingen die Maler Henriette Meyrat, Herbert Theurillat, Werner Geel und Pierre Warmbrodt hervor.
Unter der Krise in der Uhrenherstellung ab 1970 litt der Ort schwer. Hunderte von Arbeitsplätzen gingen verloren, und die Bevölkerungsabnahme verstärkte sich. Heute hat sich die Industrie der Gemeinde auf die Mikromechanik und die Produktion von Präzisionsgeräten spezialisiert. Weitere Arbeitsplätze gibt es in der Herstellung von Uhrengehäusen.
Anarchistische Bewegung in Saint-Imier Saint-Imier hat zusammen mit dem nahen Sonvilier eine lange Tradition als wichtiger Ort der anarchistischen Bewegung in Europa. 1872 fand hier, am Sitz der Juraföderation, am 15. und 16. September die Gründung der Antiautoritären Internationale statt. Nachdem es nach der Pariser Kommune in Den Haag zum Bruch mit den Marxisten gekommen war, organisierten sie ihren eigenen Kongress. Beteiligte waren Michail Alexandrowitsch Bakunin, die Schweizer Anarchisten James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel, die Italiener Errico Malatesta und Carlo Cafiero und weitere Mitglieder der Internationalen Arbeiterassoziation. Die Versammlung fand im Hôtel Central statt. Der Jura-Kenner und Autor Marcel Schwander meint, Saint-Imier sei danach nie mehr gewesen als «der Briefkasten der Organisation». Die Teilnehmer einigten sich in einer Resolution auf einen Slogan, der nachhaltig auf das politische Bewusstsein der anarchistischen Bewegung wirkte: «Die Zerstörung jeder politischen Macht ist die vorrangige Pflicht des Proletariats.»Benedikt Meyer: Anarchisten im Jura Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 7. Oktober 2019
Die Entwicklung anarchistischer Bewegungen im Jura hängt eng mit der Uhrenproduktion zusammen. Gerade die Uhrmacher und Graveure strebten stark nach Unabhängigkeit und Freiheit; viele waren zudem durch Erwachsenenbildung hochgebildet. Um diese anarchistischen Werte zu verteidigen, wurde 1984 in Saint-Imier das anarchistische Kulturzentrum Espace Noir ganz in der Nähe des Hotels Central gegründet, es hat ein Kino, einen Buchladen und vieles mehr. Die 1980er Jahre standen im Zeichen des Widerstands gegen den wirtschaftlichen Niedergang. In den 2010er Jahren gründete Chris Zumbrunn auf dem Mont Soleil oberhalb von Saint-Imier das Genossenschaftsprojekt La Décentrale. Es soll ein anarchistischer Think Tank werden. 2012 jährte sich die Gründung der IFA zum 140. Mal. Deshalb fand der IFA-Kongress in diesem Jahr im Hotel Central statt. Aufgrund der COVID-19-Pandemie um ein Jahr verschoben, fand im Juli 2023 der Anarchismus-Kongress Anarchy 2023 zum 151. Jubiläum der IFA mit 4000 Teilnehmenden erneut in Saint-Imier statt.
Der 2022 erschienene Film Unruh widmet sich der anarchistischen Bewegung und der Uhrenindustrie in Saint-Imier und spielt vor Ort. Das Forschungs- und Dokumentationszentrum Mémoires d’Ici an der Rue du Midi unterhält eine umfassende Sammlung von Zeitdokumenten über die Geschichte der Region.
Bevölkerung + Bevölkerungsentwicklung Jahr Einwohner 1850 2632 1888 7557 1900 7455 1910 7442 1930 6504 1950 5972 1960 6704 1970 6740 1980 5430 1990 4921 2000 4807 2010 4831 2020 5163