Segankuru, auch serankure, segaba und sebinjolo, ist eine im südlichen Afrika verbreitete, mit einem Bogen gestrichene, einsaitige Schalenzither. Der aus einer halb zusammengedrückten Blechdose bestehende Resonanzkörper befindet sich am oberen Ende des Saitenträgerstabes, den der Spieler über eine Schulter gelegt hat, während er seine Lieder begleitet. Der Holzstab ist über fast die gesamte Länge an der Oberseite schalenförmig ausgearbeitet und trägt somit zur Klangverstärkung bei. Das wesentliche Element der schwierig zu erlernenden Spielweise sind kreisförmige Bewegungen mit dem Bogen über die Saite, während gleichzeitig die Stärke der Streichbogenbespannung geändert wird, wodurch einzelne Partialtöne herausgefiltert werden können.
Das in unbekannter Zeit vermutlich als Weiterentwicklung der mit einem Mundbogen verwandten Rinnenzither tshidzholo entstandene Saiteninstrument kommt in Botswana und darüber hinaus in Variationen und mit verschiedenen Namen in den angrenzenden Ländern Namibia, Simbabwe, Südafrika und Lesotho vor. Bei der südafrikanischen Stabzither isankuni ist als Resonator ein Blechkanister angebracht, der beim Spiel nach unten gehalten wird.
Herkunft Die einfachsten Saiteninstrumente sind Musikbögen, deren flexibler und gebogener Saitenträger eine mit beiden Enden verbundene Saite unter Spannung hält. Verläuft eine vorgespannte Saite parallel zwischen den Enden eines starren Saitenträgers, so ist das Ergebnis eine Stabzither (oder Musikstab). Nach der Form des in Afrika in der Regel hölzernen Saitenträgers werden Musikstäbe mit Plattstab, bei denen die Saite über die schmale Seite eines hochkant gestellten Trägers verläuft, von solchen mit (einem meist langen) Rundstab unterschieden. Die zuerst genannten kommen überwiegend in Ostafrika, die letzteren in Uganda und Westafrika vor.
Damit die Saite parallel zum Träger frei schwingen kann, müssen auf beiden Seiten Abstandshalter unterlegt werden. Bei der segankuru hebt dagegen ein langer Stimmwirbel die an seinem Ende angebundene Saite in einem spitzen Winkel einseitig vom Träger ab. Eine dritte Möglichkeit stellen die Kerbstegzithern mit mehreren Saiten dar, bei denen wie bei der kamerunischen mvet die Saiten über einen mittig aufgestellten Steg laufen und mit dem Träger ein flaches, annähernd gleichschenkliges Dreieck bilden.Ulrich Wegner: Afrikanische Saiteninstrumente. Band 2. (Neue Folge 41. Abteilung Musikethnologie V.) Museum für Völkerkunde Berlin 1984, S. 34f
Ein- oder mehrsaitige Stabzithern benötigen eine separate Resonanzverstärkung, ebenso Brettzithern wie die bangwe in Malawi, die zur Resonanzverstärkung in eine Kalebassenhalbschale oder einen Blechkanister gehalten wird. Saitenträger, die zugleich als Resonanzkörper fungieren, bestehen aus einer Röhre: Röhrenzithern (valiha in Madagaskar) oder aus einer Schale: Schalen- oder Trogzithern, die abgesehen von der segankuru praktisch nur in Ostafrika vorkommen (inanga in Burundi). Kastenförmige Resonanzkörper (Kastenzithern) nach orientalischen oder europäischen Vorbildern sind in Afrika nicht verbreitet. Schalenförmige Resonanzkörper besitzen neben den Zithern, deren Saiten über die Öffnung der Schale verlaufen, auch Leiern, deren Saiten in der Deckenebene bis zu einer darüber hinausragenden Jochstange führen (beganna in Äthiopien, endongo in Uganda, obokano in Kenia). In Botswana sind auch Pluriarcs, mehrsaitige Musikbögen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Leiern haben, in Gebrauch (bei den Bantu cihumba)Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ’ und benachbarter Bantu-Populationen. In: Erich Stockmann (Hrsg.): Musikkulturen in Afrika. Verlag Neue Musik, Berlin 1987, S. 90.
Die Klassifizierung der segankuru als Schalen- oder Trogzither mit Resonator erfolgt gemäß der Hornbostel-Sachs-Systematik (315.2), weil der Trägerstab, über den die Saite verläuft, in den meisten Fällen muldenförmig ausgehöhlt ist. Dass üblicherweise nur Lauteninstrumente – in Afrika etwa die ugandische Röhrenspießgeige endingidi – mit dem Bogen gestrichen werden, fällt bei dieser nach Strukturmerkmalen vorgenommenen Einteilung nicht ins Gewicht. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland einen Versuch, eine mit dem Bogen gestrichene Kastenzither einzuführen, ansonsten sind Streichzithern nur aus Ostasien bekannt, wo sie seit der Tang-Dynastie (618–907) nachgewiesen sind:Laurence Picken: Early Chinese Friction-Chordophones. In: The Galpin Society Journal, Vol. 18, März 1965, S. 82–89, hier S. 82, 88 die mit einem Holzstab gestrichenen Wölbbrettzithern ajaeng in Korea und yazheng in China.
Mit einem angerauhten Holzstab werden im südlichen Afrika auch die Saiten einiger Mundbögen gestrichen. Nach der auf harmonischen Obertönen basierenden Spielweise besteht eine enge Verbindung zwischen der segankuru und Mundbögen. Die Resonanz erzeugende Eigenschaft des schalenförmigen Saitenträgers bringt die segankuru mit den ostafrikanischen Röhrenspießgeigen, die durch arabische Händler eingeführt wurden, zusammen. Dieselbe Methode wie bei der segankuru, ausgehend von einem massiven Saitenträgerstab, der praktisch keinen Einfluss auf den Klang nimmt, eine zusätzliche Klangverstärkung zu erzielen, ist beim Schrapbogen kalyalya zu beobachten, der um die ostangolanische Stadt Luau gespielt wird. Beim kalyalya (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen dreisaitigen Kastengeige in Angola) ist der Bogenstab nach dem Prinzip der Schlitztrommel im mittleren Bereich ausgehöhlt.Gerhard Kubik: Das Khoisan-Erbe im Süden von Angola. Bewegungsformen, Bogenharmonik und tonale Ordnung in der Musik der ’ und benachbarter Bantu-Populationen, S. 118 Die Verwendung eines Streichbogens verbindet die segankuru mit ein- und mehrsaitigen afrikanischen Fideln wie der zeze in Tansania. Die zeze ist eine Schalenspießlaute mit einem tiefen hautbespannten Korpus.John Brearley, 1996, S. 131
Als separate Resonatoren von Musikbögen und Xylophonen wie der valimba in Malawi dienen überwiegend Kalebassen. Vorläufer der Blechdosen an den Streichzithern sollen den Aussagen einiger Informanten zufolge früher Resonatoren aus Kalebassen oder steifen getrockneten Tierhäuten gewesen sein. Auch soll es früher Saiten aus Tiersehnen gegeben haben. Erhalten blieben solche Instrumente nicht.John Brearley, 1996, S. 124
Bauform Die zum Bau verwendeten Holzarten sind üblicherweise relativ leicht. Verwendet werden Cussonia spicata (Cussonia-Art, mosetse), Ozoroa paniculosa (Familie der Sumachgewächse, monokane), Zedrachbaum (Melia azedarach L., mosalaosi), Knotenfruchtbaum (Maerua schinzii Pax, moomane oder moratletla) und seltener das schwerere Holz von Mopane (Colophospermum mopane). Das möglichst gerade Holzstück wird von Zweigen befreit und mindestens zwei Wochen in der Sonne getrocknet oder in ein offenes Feuer gelegt, um die Rinde abzubrennen. Die Mulde wird mit einem Dechsel (petlwana) bis zur Form eines Kanus herausgeschält.Mothusi Phuthego: The segaba: an indigenous form of music education. In: Minette Mans (Hrsg.): Centering on African Practice in Musical Arts Education. Pan-African Society of Musical Arts Education, African Minds, 2006, S. 187 Der Saitenträger der segankuru ist zwischen 90 und 110 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von fünf bis sieben Zentimetern.Mothusi Phuthego, S. 121 John Brearley beschreibt ein typisches Exemplar mit einem Stab von 86 Zentimetern Länge und sechs Zentimetern Durchmesser, bei dem auf fast der gesamten Länge eine Mulde ausgeschält ist. Hier beträgt die freie Länge der Saite 74 Zentimeter.John Brearley, 1996, S. 122
Im Unterschied zur üblichen Position oben bei einem senkrecht gehaltenen Saiteninstrument befindet sich der Stimmwirbel am unteren Ende. Der runde Holzdübel wird durch ein Loch im Saitenträger einige Zentimeter vor dessen Ende gesteckt und ragt auf beiden Seiten mindestens eine Handbreit heraus. Zum Stimmen muss er mit der ganzen Hand fest umfasst werden. Vom äußeren Ende des Wirbels verläuft eine Drahtsaite schräg bis zum oberen Ende des Trägers. Bei manchen Instrumenten führt die Saite über eine Art Sattel aus einem untergeschobenen beliebigen Material hinweg, der knapp unterhalb des Resonators positioniert ist. Als Resonator (Setswana phomphokgo) dient eine übergestülpte Fünf-Liter-Öldose, deren Deckel abgeschnitten ist und die seitlich passend auf die Breite des Trägerstabes zusammengedrückt und bei Bedarf festgenagelt wird. In den Dosenboden können einige Schalllöcher geschnitten sein.John Brearley, 1982, S. 52 Wie viele afrikanische Musikinstrumente kann die segankuru mit Rasselkörpern ausgestattet sein, in diesem Fall etwa mit Drahtringen, die in Bohrlöchern an der Unterkante der Blechdose befestigt sind.
Der Streichbogen besteht aus einem stark gekrümmten Zweig, der meist mit Rinderschwanzhaaren bespannt ist, deren Länge 20 bis 35 Zentimeter beträgt. Bevorzugt werden möglichst feste Haare, wobei der Bogen wegen der kurzen Schwanzhaare des Rindes zwangsläufig so klein ausfällt. Als Kolophonium wird das Harz (Setswana borekhu) eines in Botswana moroka genannten Baumes der Gattung Commiphora (Familie der Balsambaumgewächse) verwendet. Ein Harzklumpen klebt normalerweise am unteren Ende des Instruments hinter dem Wirbel in einer eigens geschaffenen Vertiefung.Mothusi Phuthego, 2009, S. 120f
Für die südafrikanische Provinz Ostkap erwähnt David Rycroft 1966 neben mehreren, mit einem Holzstab gestrichenen Mundbögen und mit Resonanzkörpern ausgestatteten Musikbögen eine anders konstruierte Streichzither namens isigankuri, die im dortigen Pondoland nach Aussage von Percival Robson Kirby Anfang der 1930er Jahre als isankuni bezeichnet wurde. Laut Kirby war die isankuni wenig zuvor aus dem Norden eingeführt worden. Die isankuni (isigankuri) mit einer freien Saitenlänge von etwa 75 Zentimetern ist eine umgedrehte Version der segankuru, bei der sich ein Blechkanister am unteren Ende befindet. Sie besitzt keinen Stimmwirbel und geht möglicherweise auf den Mundbogen umqunge zurück, der nur bei den Pondo vorkommt. Die isangkuni ist noch einfacher als die segankuru konstruiert. Der Saitenträger wird schräg in einen offenen Blechkanister gesteckt und die Saite verläuft von dessen Ende bis zur unteren Ecke des Kanisters.Luvuyo Dontsa: The Tonalities of the "Isankuni". In: The Galpin Society Journal, Vol. 60, April 2007, S. 161–166 Die klanglichen Variationsmöglichkeiten sind geringer als bei einem Mundbogen, weil das Volumen des Resonator-Kanisters während des Spiels nicht verändert werden kann.David Rycroft, 1966, S. 94f
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