Der Pyrenäen-Desman (Galemys pyrenaicus) ist eine Säugetierart aus der Familie der Maulwürfe (Talpidae). Gemeinsam mit dem Russischen Desman bildet er die Gruppe der Desmane (Desmanini), die von allen Maulwürfen am ausgeprägtesten an eine wasserbewohnende Lebensweise angepasst sind. Der gesamte Körperbau wirkt gedrungen. Charakteristische Merkmale finden sich in dem langen, am Ende abgeplatteten Schwanz, der rüsselartigen, sehr beweglichen Schnauze und den Schwimmhäuten zwischen den Zehen der sehr kräftigen Hinterbeine. Abweichend von anderen Maulwürfen sind die Vorderbeine eher schlank. Das Fell hat eine überwiegend dunkle Färbung. Das Verbreitungsgebiet des Pyrenäen-Desmans umfasst die namensgebenden Pyrenäen und den Norden der Iberischen Halbinsel. Als Lebensraum nutzen die Tiere sauerstoffreiche kleinere Flüsse in mittleren bis höheren Gebirgslagen, die eine reichhaltige Wirbellosengemeinschaft bieten und deren Ufer eine vielfältige Gestaltung mit Steinen oder Felsen als Versteckmöglichkeiten aufweisen.
Die Lebensweise ist relativ gut erforscht. Die Tiere sind nachtaktiv, können aber auch in kürzeren Zeitphasen tagsüber auftreten. Jedes Individuum bewegt sich innerhalb eines Aktionsraumes, der sich entlang der Flussufer zieht. In den Aktionsräumen sind mehrere Ruheplätze in Felsspalten und Hohlräumen verteilt. Sowohl in der Dauer der Aktivitätsphasen als auch in der Nutzung der Aktionsräume bestehen gewisse jahreszeitliche Unterschiede. Eine ursprünglich angenommene territoriale und aggressive Verhaltensweise gegenüber Artgenossen hat sich in Untersuchungen seit den 2000er Jahren nicht bestätigt. Der Pyrenäen-Desman ist ein guter Schwimmer, der intensive Tauchgänge unternimmt. Seine Nahrung sucht er überwiegend im Wasser auf dem Grund. Hauptsächlich ernährt er sich von Wirbellosen, selten auch von Wirbeltieren. Zu den bevorzugten Beutetieren gehören Flohkrebse sowie Insekten wie Köcherfliegen und Eintagsfliegen. Die Fortpflanzung erfolgt im Frühjahr, Weibchen können aber mehrmals im Jahr Nachwuchs gebären. Die Tragzeit dauert vermutlich rund 30 Tage.
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Pyrenäen-Desmans erfolgte im Jahr 1811. Vor allem im Verlauf des 19. Jahrhunderts war er unter der Gattungsbezeichnung Mygale bekannt, die jedoch ebenfalls für eine Artengruppe der Spinnen vergeben ist. Die heute gültige Gattungsbezeichnung Galemys wurde im Jahr 1829 eingeführt. Teilweise werden zwei Unterarten angenommen, die sich aber genetisch nicht bestätigen lassen. Fossilfunde sind seit dem Oberen Miozän beziehungsweise Unteren Pliozän bekannt. In ihrer stammesgeschichtlichen Vergangenheit waren die Vorfahren des Pyrenäen-Desmans über weite Teile Europas verbreitet. Der heutige Bestand gilt als gefährdet, was neben der Zerstückelung der Lebensräume und Störung des Gewässernetzes auch auf aktive Verfolgung durch Fischer zurückzuführen ist.
Merkmale Habitus mini|Pyrenäen-Desman, Präparat mini|Nase des Pyrenäen-Desmans Der Pyrenäen-Desman ist ein großer Vertreter der Maulwürfe, bleibt aber in seinen Ausmaßen hinter dem nahe verwandten Russischen Desman (Desmana moschata) zurück. Er erreicht eine Kopf-Rumpf-Länge von 10,6 bis 12,4 cm. Hinzu kommt ein 11,8 bis 14,8 cm langer Schwanz, der dadurch in etwa die Länge des übrigen Körpers aufweist oder diesen übertrifft. Das Gewicht variiert von 51 bis 79 g. Ein Sexualdimorphismus besteht nicht. Insgesamt wirkt der Pyrenäen-Desman sehr gedrungen, was durch das dichte, wasserabweisende Fell verstärkt wird. Einzelne Anpassungen im Körperbau ergeben sich aus der semi-aquatischen Lebensweise. Der Kopf weist eine konische Form auf und sitzt auf einem, für Maulwürfe typischen kurzen Hals. Die Schnauze ist lang ausgezogen und sehr beweglich, ähnelt dadurch einem Rüssel. Sie wird rund 2 cm lang und endet verbreitert sowie abgeflacht. Oberseits und unterseits verläuft jeweils eine längsgerichtete Rille. Die am Ende sitzenden Nasenlöcher öffnen nach oben. Der Nasenspiegel ist fleischfarben. Ihn bedecken zahlreiche Mikrovibrissen, die rund 100 μm Länge aufweisen. Sie ragen zwischen kleinen buckelartigen Erhebungen hervor, die wiederum rosettenartig angeordnet sind. Es handelt sich hierbei wohl um ein Äquivalent zum Eimerschen Organ der grabenden Maulwürfe. Umgeben wird der Nasenspiegel von rund 2 cm langen Vibrissen, die auch am Kinn sprießen. Äußere Ohren sind nicht erkennbar. Die Augen sind sehr klein, aber nicht von einer Hautschicht überzogen. Sie bleiben im Fell verborgen und werden lediglich durch helleres Haar markiert.
Das Fell ist auf dem Rücken dunkelgraubraun bis rötlichbraun, wobei erstere Variante weitgehend in den Populationen im östlichen, letztere im westlichen Teil des Verbreitungsgebietes auftritt. Die Unterseite erscheint durchgehend zumeist schiefergrau und damit heller, die Übergänge an den Seiten verlaufen fließend. Mit zunehmender Alterung des Fells über das Jahr können sich an Rücken und Bauch gelbliche Flecken ausbilden, was durch Farbveränderungen an den Haarspitzen ausgelöst wird. Allgemein ist das Fell dicht, aber gröber als bei anderen Maulwürfen. Es besteht zum Großteil aus Wollhaar, deren Schäfte 10 μm dick und gewellt sind. Sie stehen in kleinen Büscheln. Darüber legen sich Grannenhaare mit lanzettförmiger Gestalt, deren abgeplattetes Ende unter Wasser das Entweichen der Luft aus dem Wollhaar verhindert. Auffallenderweise fehlt an den Haarspitzen die Markröhre. Die Grannenhaare stehen einzeln, ebenso wie die spindelförmigen Leithaare. Der Schwanz ist nur spärlich behaart, am unteren Schwanzende findet sich allerdings ein Büschel aus Borsten. Er beginnt rund und läuft in einer gepressten Spitze aus. Dadurch unterscheidet sich der Pyrenäen-Desman vom Russischen Desman, dessen Schwanz vollständig platt ist. Die an der Schwanzwurzel ausgebildeten Schuppenringe lösen sich zum Schwanzende hin auf. An der Schwanzunterseite sitzt eine Duftdrüse, die ein moschusähnliches Sekret absondert.
Die Vorderfüße sind abweichend von den grabenden Maulwürfen deutlich kleiner als die Hinterfüße. Die Zehen der Füße werden durch Schwimmhäute miteinander verbunden. An den Außenkanten tragen die Füße zusätzlich Borstensäume, ansonsten sind sie nackt und dunkel gefärbt. Jeder Fuß ist fünfstrahlig aufgebaut, wobei die Mittelzehe am längsten ist und die beiden inneren die äußeren übertreffen. Die Zehen tragen spitze, lange Krallen. Der Hinterfuß ist 32,5 bis 36,5 mm lang. Weibchen haben vier Zitzenpaare, von denen eins im Brust-, eins im Bauch- und zwei im Lendenbereich sitzen.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel ist 32,4 bis 35,9 mm lang. Er ähnelt denen der Eurasischen Maulwürfe (Talpa), ist aber am Hirnschädel weitaus eckiger gestaltet und am Rostrum stärker ausgezogen. Die größte Breite liegt im hinteren Schädelabschnitt und übertrifft kaum den Bereich der Jochbogenansätze. Zwischen den Orbita verengt er sich auf 5,9 bis 6,5 mm. Am Mittelkieferknochen treten seitlich warzenartige Buckel auf. Die Gelenke des Hinterhauptsbeines bleiben in der Ansicht von oben unter dem Schädel verborgen. Der Ausgang des Gehörganges an den Paukenblasen ist groß und nach unten gerichtet. Am Gaumen befindet sich ein relativ großes Foramen incisivum. Der Unterkiefer misst 21,6 bis 22,7 mm in der Länge. Seine Unterkante verläuft gerade, der Kronenfortsatz ragt höher auf als im Vergleich bei den Eurasischen Maulwürfen. Das Gebiss besteht aus der vollständigen Anzahl an Zähnen der Höheren Säugetiere, dementsprechend also 44 mit folgender Zahnformel: . Der vordere obere Schneidezahn ist sehr groß und in Seitenansicht keilförmig gestaltet. Getrennt durch ein Diastema folgen dann die beiden hinteren Schneidezähne, die deutlich kleiner sind, allerdings vom Eckzahn überragt werden. Die Zähne des vorderen Gebissabschnittes zuzüglich der ersten drei Prämolaren besitzen jeweils nur eine Spitze, der letzte Prämolar ist dreispitzig. In der unteren Zahnreihe zeigen sich die ersten beiden Schneidezähne verhältnismäßig groß. Der dritte Schneidezahn sowie der Eckzahn und erste Prämolar sind sehr klein. Wie in der oberen Reihe habe alle Zähne bis zum dritten Prämolaren nur eine Spitze. Die obere Zahnreihe wird 16,8 bis 17,3 mm lang, die untere 14,6 bis 15,2 mm.
Genetische Merkmale Der diploide Chromosomensatz lautet 2n = 42. Er setzt sich aus 8 acrozentrischen und 12 zweiarmigen Autosomenpaaren zusammen. Das X-Chromosom ist groß und submetazentrisch, das Y-Chromosom klein und fleckenförmig. Die Anzahl an Armen der Autosomen (fundamentale Anzahl) beträgt 68.
Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet des Pyrenäen-Desmans Der Pyrenäen-Desman ist im Norden der Iberischen Halbinsel im südwestlichen Europa verbreitet. Er kommt dort sowohl in den Pyrenäen im Osten als auch im Kantabrischen Gebirge im Westen vor. In den Pyrenäen ist er vorwiegend auf der französischen Seite anzutreffen, während für die spanische Seite nur wenige Fundpunkte existieren. Im Südwesten und Süden erstreckt sich das Vorkommen bis in höhere Gebirgslagen Portugals nördlich des Mondego wie auch in das Iberischen Scheidegebirge im zentraleren Spanien. Zwischen den beiden Landschaftsräumen der Pyrenäen und des Kantabrischen Gebirges besteht eine Besiedlungslücke, die wohl auf die stärkere Industrialisierung und die damit verbundene Gewässerverschmutzung zurückzuführen ist. Zwei isolierte Populationen finden sich am Zêzere in zentralen Portugal und am Mayor im Baskenland. Die Tiere bewohnen jede Art von Fließgewässer, die sauerstoffreich sind und eine umfangreiche Wirbellosenfauna tragen. Zudem sollten Versteckmöglichkeiten wie Löcher oder Spalten in Ufernähe bestehen. Die generelle Höhenverbreitung reicht von 15 m bis 2700 m über dem Meeresspiegel. In den Pyrenäen sucht der Pyrenäen-Desman schnell fließende Gewässer über der 400 m-Höhenmarke auf. Diese haben häufig eine Durchflussgeschwindigkeit von 2 m/s und eine Sommertemperatur von 1 bis 3 °C. Die meisten zuträglichen Flüsse und Bäche zeichnen sich durch eine hohe Vielfalt an Bodensubstraten mit einem größeren Anteil an Felsen und Gesteinen und einem geringeren an lockeren oder sandigen Böden aus. Gelegentlich dringt er auch in langsam fließende Gewässer wie Kanälen oder in Seen und Sumpfgebiete vor. Die Tiere tolerieren eine gewisse Trübung oder Gewässerverschmutzung, sofern es die präferierte Beute nicht beeinträchtigt. Sie reagieren aber empfindlich auf Störungen des Nahrungsangebotes durch äußere Einflüsse. Insgesamt wird die Habitatwahl zu einem größeren Teil von externen Faktoren wie der generellen Landschaftsgestaltung gesteuert. Die Populationsdichte kann an Flüssen im Kantabrischen Gebirge Untersuchungen zufolge zwischen 5,0 und 7,3 Individuen je Kilometer Flusslänge betragen, entsprechende Werte für die spanischen Pyrenäen liegen bei 2,8 bis 2,9 Individuen auf einem vergleichbaren Längenabschnitt.
Lebensweise Territorialverhalten mini|Ein Pyrenäen-Desman beim Schwimmen