mini|hochkant|Andrei Subow (2008)
Andrei Borissowitsch Subow (, wissenschaftliche Transliteration Andrej Borisovič Zubov; * 16. Januar 1952 in Moskau) ist ein russischer Historiker, Politikwissenschaftler, Theologe, prominente Person des öffentlichen Lebens und der Russisch-Orthodoxen Kirche, politischer Aktivist und Kommentator, Vizepräsident der Partei der Volksfreiheit.
Von 2001 bis 2014 war er am Staatlichen Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) Professor für Philosophie und Generaldirektor des Zentrums für kirchliche und internationale Beziehungen. Wegen seiner Kritik an den Aktionen der russischen Regierung in der Ukraine und auf der Krim verlor Subow 2014 seine Stelle am MGIMO und alle Ämter in der Kirche. Seitdem äußerte er sich wiederholt kritisch zur russischen Politik und verurteilte am 24. Februar 2022 den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Am 29. September 2022 sah sich Andrei Subow zur Emigration gezwungen.
Biografie Andrei Subow wurde am 16. Januar 1952 in Moskau geboren. Sein Vater Boris Nikolajewitsch Subow (1912–2007) war Schiffbauer, Konteradmiral und Leiter der Verwaltung des Ministeriums für Schiffbau der UdSSR. Seine Mutter Ija Jewgenjewna geb. Sawostjanowa (1915–2005) war Professorin für Chemische Technologie. Von 1968 bis 1973 studierte Andrei Subow Thai und Englisch am Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) in Moskau. Da er nicht der KPdSU beitreten wollte, musste er seinen Plan einer Karriere im diplomatischen Dienst aufgeben und ging nach Studienabschluss an das Institut für Orientalistik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Dort wurde er 1978 mit einer Arbeit über Parlamentarismus in Thailand zum Kandidaten der Wissenschaftenentspricht Dr. in Deutschland promoviert und 1989 mit der Arbeit Parlamentarische Demokratie und die politische Tradition des Ostens zum Doktor der Wissenschaftenentspricht Dr. habil. in Deutschland.
Im Jahr 2001 wurde er als Professor an die Philosophische Fakultät des MGIMO berufen und leitete als Generaldirektor das Zentrum für Kirche und internationale Beziehungen.
Zwischen 1988 und 1994 unterrichtete Subow Religionsgeschichte an der Moskauer Geistlichen Akademie, wo er 1990 zum assoziierten Professor berufen wurde. Von 1994 bis 2012 war er Leiter der Abteilung für Religiöse Studien in der philosophisch-theologischen Fakultät der 1990 gegründeten Orthodoxen Universität „Heiliger Johannes der Theologe“.
Wegen seiner Kritik an den Aktionen der russischen Regierung in der Ukraine und auf der Krim wurde Subow im März 2014 am MGIMO entlassen mit der Begründung, er verwende unangemessene und anstößige historische Analogien, seine Äußerungen laufen der Außenpolitik Russlands zuwider, unterziehen das Handeln des Staates rücksichtsloser und unverantwortlicher Kritik und schaden dem Bildungs- und Erziehungsprozess. Weil er zu der Zeit Mitglied der Wahlkommission eines Moskauer Wahlkreises war, durfte er nicht entlassen werden und wurde deshalb am 11. April wieder eingestellt. Am 30. Juni 2014 lief jedoch sein Vertrag aus und wurde nicht verlängert.
Seit dem Jahr 2014 hält Andrei Subow an verschiedenen Orten und im Internet öffentliche Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, Geschichte religiöser Ideen und über die russische Geschichte. Von 2014 bis 2018 war er Kolumnist der Nowaja gaseta.
Am 29. September 2022 verließ Andrei Subow Russland und schrieb von seiner ersten Station in Finnland: Es tut so weh, dass ich diesen Schritt gehen musste. Ich hoffe, nur vorübergehend. … Ich werde in das neue Russland zurückkehren. Daran glaube ich.
Andrei Subow ist seit 1982 mit der Ägyptologin Olga Igorewna Subowa verheiratet, aus der Ehe gingen 4 Kinder hervor.
Wissenschaftliche Leistungen und Veröffentlichungen Am Anfang seiner wissenschaftlichen Laufbahn widmete sich Andrei Subow der politischen Geschichte Thailands und dem Parlamentarismus in Asien. Seine Ehefrau, die Ägyptologin Olga Subowa, gab die Anregung zu vergleichenden Religionsstudien. Seit 1993 hielt er Vorlesungen und veröffentlichte Bücher über die Geschichte religiöser Ideen.
2006 wurde Andrei Subow zum Herausgeber einer Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert berufen. Er leitete ein Autorenteam mit über 40 Spezialisten aus Russland, Europa und den USA. Anfangs unterstützte Alexander Solschenizyn das Projekt, distanzierte sich aber im Herbst 2007 davon. Die beiden Bände Periode von 1894 bis 1939 und Periode von 1939 bis 2007 wurden 2009 veröffentlicht. Eine zweite Ausgabe in drei Bänden folgte 2016. 2014/2015 erschien eine Übersetzung ins Tschechische.
Zur Konzeption des Werks schreibt Subow im Vorwort .
Das Werk fand in Russland weite Verbreitung und wurde mit Lob wie auch mit Ablehnung aufgenommen. Der einflussreiche Politikwissenschaftler Sergei Alexandrowitsch Karaganow schrieb 2010:
Im April 2010 veröffentlichte die Zeitschrift „Expert“ einen Artikel unter der Überschrift „Geschichte eines Fälschers“, darin wurde Andrei Subow anhand zahlreicher Zitate als Geschichtsfälscher bezeichnet. Subow klagte wegen Verletzung seiner Ehre und seines Rufs und erhielt in erster Instanz wie auch im Berufungsverfahren 2011 Recht. Wie das Gericht feststellte, kommen die aufgeführten Zitate in der „Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert“ gar nicht vor.
2018 äußerte er russische Historiker Alexei I. Miller über die zwei Bände:
Andrei Subow erhielt 2014 die Ehrendoktorwürde von der Nationalen Universität Kiew-Mohyla-Akademie und 2017 von der Masaryk-Universität in Brünn.
Engagement in der Orthodoxen Kirche Andrei Subow ist Mitglied der russisch-orthodoxen Gottesmutter-Geburtskirche im Moskauer Stadtteil Krylatskoje und war bis 2014 dort auch Lektor. Als die russisch-orthodoxe Kirche 1999 die Heiligsprechung des letzten Kaisers, Nikolaus II., vorbereitete, sprach sich Subow dagegen aus.
Der Synod der Russisch-Orthodoxen Kirche berief Subow in verschiedene Gremien: 2000 als Mitautor für die „Grundlagen des Sozialkonzepts der Russisch-Orthodoxen Kirche“; 2005 in die Arbeitsgruppe, die ein Dokument für die Position der russisch-orthodoxen Kirche in den interreligiösen Beziehungen erarbeitete; 2006 zur Teilnahme an einem Treffen in Washington, D.C., das der Annäherung zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland und dem Moskauer Patriarchat diente; 2009 in den Redaktionsausschuss zur Erstellung eines Lehrbuchs für den Kurs „Grundlagen der orthodoxen christlichen Kultur“ an Gymnasien. Von 2009 bis 2014 war Subow Mitglied der Interkonziliaren Präsenz der Russisch-Orthodoxen Kirche und Mitglied der Bibel- und Theologiekommission der Synode. Im September 2009 nahm Subow an der Konferenz Religion und politische Kultur: Ost trifft West in Rom teil, die von der Päpstliche Universität Gregoriana und der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert wurde, und hielt dort einen Vortrag „Kirche, Gesellschaft und Staat in Russland. Dynamik der Beziehungen im Laufe des 20. Jahrhunderts und Aussichten für die Zukunft“. Im März 2012 schrieb er in der Nowaja gaseta über den Fall Pussy Riot, dass die Bestrafung unangemessen hart sei, selbst im Russischen Reich seien solche Taten milder behandelt worden.https://web.archive.org/web/20140312123134/http://www.novayagazeta.ru/society/51661.html
Aus der Hand von Patriarch Alexius II. erhielt Andrei Subow 2006 den Orden des Heiligen Prinzen Daniel von Moskau und 2008 den Orden des Ehrwürdigen Sergius von Radonesch.
Nach seinem Protest gegen die russische Annexion der Krim verlor Subow 2014 alle kirchlichen Ämter.
Politische Aktivitäten Von 2000 bis 2008 war Andrei Subow Koordinator des öffentlichen Komitees „Kontinuität und Wiederbelebung Russlands“, dessen Ziel die Herstellung der rechtlichen und kulturellen Nachfolge zum vorrevolutionären Russland war. Seit 2003 ist Andrei Subow Mitglied im NTS – Bund der russischen Solidaristen.
mini|Subow auf den Antikriegs-Protesten in Moskau am 21. September 2014 Am 1. März 2014 kritisierte Andrei Subow in einer Kolumne für die Zeitung Wedomosti die Annexion der Krim als „gefährliches Abenteuer“ und warnte: Wir stehen am Rande eines totalen Zusammenbruchs des internationalen Vertragssystems, eines wirtschaftlichen Chaos und einer politischen Diktatur. Wir stehen am Rande eines Krieges mit dem uns am nächsten stehenden, verwandten Volk der Ukraine, einer drastischen Verschlechterung der Beziehungen zu Europa und Amerika, am Rande eines kalten Krieges und möglicherweise eines heißen Krieges mit ihnen. Dabei verglich er Wladimir Putins Vorgehen mit dem Anschluss Österreichs 1938 und schloss mit dem Aufruf: Freunde, wir müssen aufwachen und anhalten. Unsere Politiker ziehen unser Volk in ein furchtbares, erschreckendes Abenteuer hinein. Um des Friedens in unserem Land willen, […] sagen wir Nein zu dieser wahnsinnigen und vor allem völlig unnötigen Aggression. Das MGIMO kündigte Subow daraufhinFriedrich Schmidt: Russland und die Nazi-Vergleiche: 1938 wurde ihm zum Verhängnis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. März 2014, nahm die Kündigung am 11. April zurück, verlängerte jedoch seinen Arbeitsvertrag nicht mehr, so dass Subow am 30. Juni 2014 seine Stelle am MGIMO verlor.
In einem Radiointerview erklärte Subow zu den möglichen Motiven Putins, dass es diesem nicht in erster Linie um die Eroberung fremder Länder gehe, sondern darum, Russen und Ukrainer zu entzweien. Durch die Diskreditierung der Aktivisten des Euromaidan versuche Putin zu verhindern, dass es zu vergleichbaren Protesten in Russland kommeClaire Bigg: Interview: In Crimea, Putin Has „Lost His Mind“. In: Radio Free Europe/Radio Liberty. 3. März 2014.
Subow ist führendes Mitglied der Partei der Volksfreiheit. Bei der Parlamentswahl in Russland 2016 kandidierte er im Wahlbezirk Moskau Zentrum. Er veröffentlichte sein eigenes politisches Programm, das die Entsowjetisierung der Gesellschaft zum Ziel hatte: Anerkennung der Oktoberrevolution und des kommunistischen Regimes als illegal, Widerstand dagegen war legitim; Lustration für KGB-Offiziere und Mitglieder der KPdSU; Entschädigung für enteignetes Eigentum und Zwangsarbeit; Übergang zu einem parlamentarischen System; Untersuchung der Verbrechen des „Putin-Regimes“; Gewährleistung des Rechts auf nationale und kulturelle Selbstverwaltung für alle Völker Russlands; friedliche Beilegung des Konflikts mit der Ukraine durch die Anerkennung ihrer territorialen Integrität.
2018 stellte Subow Überlegungen an, das seit Jahrhunderten im russischen Volk verankerte Prinzip der personalisierten höchsten Macht auf einen konstitutionellen Monarchen umzulenken, damit es einer parlamentarischen Ordnung nicht länger im Wege steht. Das Volk Russlands […] hat seit dem Ende des 15. Jahrhunderts unter einer absoluten Monarchie gelebt. Während es sich jedoch bis zum Sturz der Monarchie 1917 um einen »legitimen Absolutismus« handelte, so war es unter der »Sowjetmacht« ein außerrechtlicher. 1993 wurde eine legitime, begrenzte Selbstherrschaft wiedererrichtet, die sich bis 2007/2008 erneut in eine außerrechtliche Tyrannei auswuchs. Die Menschen in Russland haben keine Erfahrung mit einem Leben in realer Demokratie, in dem sie selbst auf gesetzlichem Wege die Führer ihres Landes bestimmen. Eben deshalb ist in Russland die Personalisierung der Macht so stark und die demokratische Haltung der Bevölkerung so schwach. Mit einer konstitutionellen Monarchie nach dem Vorbild Großbritanniens oder Schwedens in Kombination mit einem parlamentarischen System der realen Staatsmacht wie z. B. in Deutschland könnte das Prinzip der personalisierten höchsten Macht separiert werden vom Prinzip einer demokratischen Staatsordnung.
Anfang Februar 2022 gehörte Andrei Subow zu den etwa 2.000 Unterzeichnern des Offenen Briefs von russischen Intellektuellen an die Führung des Landes, der vor einem Krieg gegen die Ukraine und den Westen warnte.