An die Madonna ist der Entwurf Friedrich Hölderlins zu einer Hymne. Hölderlin hat ihn teils (Vers 1 bis 74) auf Blätter des Homburger Foliohefts, teils (Vers 75 bis 164) auf ein separates Doppelblatt geschrieben. Wie in den gleichzeitigen „Christushymnen“,Philipsen 2002, S. 363. etwa Patmos, gestaltet Hölderlin seine Sicht des Hineinwirkens des Göttlichen – Christi, der antiken griechischen Götter, so hier der Madonna – in die Geschichte.

Entstehung und Überlieferung Die Entstehungszeit ist die des Homburger Foliohefts, zwischen 1802, dem Jahr von Hölderlins viermonatigem Aufenthalt als Hauslehrer in Bordeaux, und 1807, dem Jahr der Aufnahme des Kranken in den Haushalt des Schreinermeisters Ernst Zimmer im Tübinger Hölderlinturm. Die Manuskripte sind als Digitalisate der Württembergischen Landesbibliothek zugänglich. Gedruckt wurde der Entwurf erst im 20. Jahrhundert, zuerst in Band 4 (1916) der historisch-kritischen Ausgabe der Werke Hölderlins von Norbert von Hellingrath, Friedrich Seebaß (1887–1963) und Ludwig von Pigenot (1891–1976), wo Anfang, Mitte und Ende des Textes getrennt aufgeführt werden („Entwurf einer Hymne an die Madonna“, „Aus dem Motivkreis der Madonnenhymne“ und „Noch eins ist aber zu sagen“). Den Zusammenhang stellte Franz Zinkernagel (1878–1935)Normdatensatz der Deutschen Nationalbibliothek: in Band 5 (1926) seiner unvollständig gebliebenen historisch-kritischen Ausgabe her.

Neuere Drucke sind enthalten in: Band 2 „Gedichte nach 1800“ (1951; Band 2, 1 Textband; Band 2, 2 Kommentarband) der historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949), und zwar in der Abteilung „Hymnische Entwürfe“; hier wird das Gedicht, das im Manuskript und bei Zinkernagel titellos ist, erstmals „An die Madonna“ überschrieben; Band 7 und 8 „Gesänge“ (2000) der historisch-kritischen Frankfurter Ausgabe von Dietrich Sattler; Band 1 (Text) und 2 (Kommentar) der Gedichtausgabe von Detlev Lüders (1970); der Gedichtausgabe von Jochen Schmidt (1992); Band 1 (Texte) und Band 3 (Kommentare) der Ausgabe von Michael Knaupp (1992–1993).

Der Charakter von Hölderlins späten Manuskripten – Vollendetes, Entwürfe, kleine Bruchstücke und Korrekturen oft übereinandergeschrieben – macht die Erarbeitung eines von Hölderlin intendierten Textes schwer und im Ergebnis unsicher. Darum weichen die genannten Drucke voneinander ab. In diesem Artikel wird die überwiegend akzeptierte Fassung der Stuttgarter Ausgabe zitiert, mit der Lüders und Schmidt bis auf „Modernisierungen“ der Orthographie übereinstimmen.

Text und Interpretation Nach Renate Böschenstein-Schäfer liegt es „bei einem synkretistischen und um die Aufdeckung fundamentaler Prinzipien bemühten Dichter wie Hölderlin <...> nahe, den Gegenstand dieses Gedichtes zu bestimmen als ein generelles feminines Prinzip.“Böschenstein 1988, S. 191. In die Madonna mag der Gedanke an die Natur eingeflossen sein; die Erinnerung an Susette Gontard, Hölderlins „Diotima“, von deren „Madonnenkopfe“ er 1997 seinem Freund Christian Ludwig Neuffer geschrieben hatte;Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 235. die germanische „Mutter Erde“ Nerthus, die er in der mit An die Madonna gleichzeitigen Hymne Der Ister „Hertha“ nannte; sowie, am wichtigsten, die griechische „Mutter Erde“ Gaia. Trotzdem ist das Gedicht primär eine Rückbesinnung auf die lutherische Prägung seiner Kindheit, auf Maria als die Mutter Jesu, die er sogar, katholisierend, als „Königin“ bezeichnet (Vers 53). In eine „Rechristianisierung“ von Hölderlins Denken schreibe sich das Gedicht ein.Böschenstein 1988, S. 192. mini|hochkant|Vers 1–8 mini|hochkant|Vers 9–30         An die Madonna

        Viel hab’ ich dein         Und deines Sohnes wegen         Gelitten, o Madonna,         Seit ich gehöret von ihm    5   In süßer Jugend;         Denn nicht der Seher allein,         Es stehen unter einem Schiksaal         Die Dienenden auch. Denn weil ich

        Und manchen Gesang, den ich  10   Dem höchsten zu singen, dem Vater         Gesonnen war, den hat         Mir weggezehret die Schwermuth.

        Doch Himmlische, doch will ich         Dich feiern und nicht soll einer  15   Der Rede Schönheit mir         Die heimatliche, vorwerfen,         Dieweil ich allein         Zum Felde gehe, wo wild         Die Lilie wächst, furchtlos,  20   Zum unzugänglichen,         Uralten Gewölbe         Des Waldes,                 das Abendland,

                                und gewaltet über  25   Den Menschen hat, statt anderer Gottheit sie         Die allvergessende Liebe.

Leid der Madonna und ihres Sohnes wegen hatte die ungeliebte Erziehung zum protestantischen Pfarrer über Hölderlin gebracht. Das Leid, von dem das Gedicht in der Vergangenheitsform berichtet, resultierte aber vor allem aus der Schwierigkeit, die geliebte christliche Religion mit dem Schwinden seines Glaubens an einen persönlichen, transzendenten Gott und mit der geliebten griechischen Götterwelt zu vereinbaren. Mit diesem Leid deckt sich die „Schwermut“ (Vers 12), die ihn am „Gesang“ gehindert hat. Hölderlin hatte schließlich die Gestalt Christi aus der überlieferten Religion gelöst und mit den griechischen Göttern als den letzten von ihnen in eine Reihe gestellt, so in Brod und Wein. Sie alle gehörten seither für ihn mit der Natur und dem Kosmos zum pantheistischen Göttlichen, für das Baruch de Spinoza die Formel „deus sive natura – Gott oder auch die Natur“ geprägt hatte und das Hölderlin „Vater“ nennt (Vers 10). Eher als eine Rechristianisierung zeige das Gedicht eine „Repaganisierung“, schreiben Bennholdt-Thomsen und Guzzoni, insofern Christliches in die Natursphäre „rückübersetzt“ werde.Bennholdt-Thomsen, Guzzoni 2007, S. 186. In der glanzvollen Antike hatten die Menschen mit dem Vater in liebender Verbundenheit gelebt. Seitdem war diese Harmonie verschwunden, das Christentum hatte die anderen Götter (Vers 25) verdrängt. „Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus, / Ohne Göttliches unser Geschlecht.“Der Archipelagus Vers 241–242, Stuttgarter Ausgabe, Band 2, 1, S. 110.

Mit „Doch“ (Vers 13) wechselt das Tempus ins Präsens. Trotz des Leids will das Ich des Gedicht die Madonna feiern. Niemand soll ihm dabei „<d>er Rede Schönheit <...> vorwerfen“, als handele es sich um das vertraute, ungebührlich heimatliche (Vers 16) Marienlob. Die Madonna gehört einer un-heimatlichen, geheimnisvollen Sphäre an. Dafür steht die unzugängliche Grotte fern der Zivilisation, wo das Mariensymbol „Lilie“ wächst (Vers 19). Die Szenerie könnte nach Jochen Schmidt durch Leonardo da Vincis Felsgrottenmadonna angeregt sein, die (deren erste Fassung) Hölderlin bei der Rückkehr von Bordeaux Ende Mai 1802 im Louvre gesehen haben könnte. Zugleich nähern der Aufenthalt im „unzugänglichen, Uralten Gewölbe“ (Vers 20–21) und die naturhaft „wild“ wachsende Lilie die Madonna der „Mutter Erde“. Bennholdt-Thomsen und Guzzoni weisen auf eine andere mögliche Bildanregung für Hölderlin hin, den Kupferstich Die Nacht mit ihren Kindern Schlaf und Tod von Asmus Jakob Carstens in Karl Philipp Moritz’ Götterlehre oder mythologische Dichtungen der Alten. Moritz schreibt dazu, die Nacht sei „die fruchtbare Gebärerin aller Dinge“.Bennholdt-Thomsen, Guzzoni 2007, S. 188.

„Statt anderer Gottheit“ hat sich im „Abendland“ (Vers 23), in der Nacht der Götterferne, „<d>ie allvergessende Liebe“ der Madonna der Menschen angenommen. „Allvergessend“ ist die Liebe, insofern sie einerseits die Schuld der Menschen verzeiht, andererseits die übrigen Gottheiten hat vergessen lassen, an deren Stelle sie waltet.Böschenstein 1988, S. 198 und Lüders 1970 Band 2, S. 365. Der nächste Abschnitt arbeitet die Gestalt der Madonna heraus. mini|hochkant|Vers 31–53         Denn damals sollt es beginnen         Als

        Geboren dir im Schoose  30   Der göttliche Knabe und um ihn         Der Freundin Sohn, Johannes genannt         Vom stummen Vater, der kühne         Dem war gegeben         Der Zunge Gewalt,  35   Zu deuten

        Und die Furcht der Völker und         Die Donner und         Die stürzenden Wasser des Herrn.

        Denn gut sind Sazungen, aber  40   Wie Drachenzähne, schneiden sie         Und tödten das Leben, wenn im Zorne sie schärft         Ein Geringer oder ein König.         Gleichmuth ist aber gegeben         Den Liebsten Gottes. So dann starben jene.  45   Die Beiden,                         so auch sahst         Du göttlichtrauernd in der starken Seele sie sterben.         Und wohnst deswegen

                                          und wenn in heiliger Nacht         Der Zukunft einer gedenkt und Sorge für  50   Die sorglosschlafenden trägt         Die frischaufblühenden Kinder         Kömmst lächelnd du, und fragst, was er, wo du         Die Königin seiest, befürchte.

Wie Maria Jesus, so gebar ihre Verwandte Elisabet Johannes den Täufer. Dessen Vater Zacharias hatte dem Erzengel Gabriel nicht geglaubt, der ihm einen Sohn ankündigte, und war mit Stummheit bestraft worden . Johannes aber wurde zu einem der deutenden „Seher“ (Vers 6), denen sich der Dichter als einer der „Dienenden“ (Vers 8) verbunden weiß. Die Katastrophen, die Johannes deutet, die „Furcht der Völker und / Die Donner und / Die stürzenden Wasser des Herrn“ (Vers 36–38), Zeichen von Gottes Zorn , leiten über zur Passion, zum Tod von Johannes und Jesus. An Zorn erinnern auch die „Drachenzähne“ (Vers 40). Literarische Anregung dafür war der Mythos von Kadmos. Als Bild-Anregung sind die romanischen Drachenskulpturen am Nordportal von St. Jakob in Regensburg vorgeschlagen worden, wo Hölderlin sich im Herbst 1802 aufgehalten hatte.Bennholdt-Thomsen, Guzzoni 2007, S. 190–191. Könige, die an sich gute Satzungen missbrauchten, könnten Kreon sein, der Antigone in den Tod trieb, oder Herodes Antipas, der Johannes enthaupten ließ ().

Zum Zorn kontrastiert der „Gleichmut“ (Vers 43), mit dem Jesus und Johannes starben. Maria nahm „göttlichtrauernd in der starken Seele“ (Vers 46) teil an ihrem Schicksal. „Hier ist der Angelpunkt des ersten, der christlichen Muttergottheit gewidmeten Gedichtteils: daß es möglich ist, die Passion auszuhalten, begründet die Zuversicht, die sie nun ausstrahlen kann als Wächterin über das Schicksal der Kinder in der ‚heiligen Nacht‘,“Böschenstein 1988, S. 200. der gegenwärtigen Nacht der Götterferne.Schmidt 1992, S. 1063.

Das Motiv der sorgenden und beschützenden Mutterliebe wird im folgenden, Maria immer implizierend, am Beispiel der Gaia durchgespielt, von der Hesiod in der Theogonie erzählt. mini|hochkant|Vers 54–74 mini|hochkant|Vers 75–102         Denn nimmer vermagst du es  55   Die keimenden Tage zu neiden,         Denn lieb ist dirs, von je,         Wenn größer die Söhne sind,         Denn ihre Mutter. Und nimmer gefällt es dir         Wenn rükwärtsblikend  60   Ein Älteres spottet des Jüngern.         Wer denkt der theuern Väter         Nicht gern und erzählet         Von ihren Thaten,

                                          wenn aber Verwegnes geschah,  65   Und Undankbare haben         Das Ärgerniß                 gegeben         Zu gerne blikt         Dann                  zum         Und thatenscheu  70   Unendliche Reue und es haßt das Alte die Kinder.

        Darum beschüze         Du Himmlische sie         Die jungen Pflanzen und wenn         Der Nord kömmt oder giftiger Thau weht oder  75   Zu lange dauert die Dürre         Und wenn sie üppigblühend         Versinken unter der Sense         Der allzuscharfen, gieb erneuertes Wachstum.         Und daß nur niemals nicht  80   Vielfältig, in schwachem Gezweige         Die Kraft mir vielversuchend         Zerstreue das frische Geschlecht, stark aber sei         Zu wählen aus Vielem das beste.