Vansittartismus () ist ein britisches Erklärungsmodell für die deutsche Außenpolitik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das nach dem britischen Diplomaten Robert Gilbert Vansittart (1881–1957) benannte Erklärungsmodell besagt, dass die aggressive Expansionspolitik zum deutschen Nationalwesen gehöre. Es gebe demnach keine Unterschiede zwischen Deutschen und Nationalsozialisten. Vansittart schlug in den 1930er Jahren wiederholt vor, Deutschland abzuschrecken und einzudämmen, und während des Krieges vertrat er den Standpunkt, man müsse Deutschland nach dem Krieg demilitarisieren, um den europäischen Frieden dauerhaft zu sichern. Premierminister Arthur Neville Chamberlain hatte Vansittart allerdings bereits 1937 auf den einflusslosen Posten eines Beraters der Regierung versetzt, da er in ihm ein Hindernis für die britische Appeasement-Politik gegenüber Adolf Hitler vor dem Abkommen von München 1938 sah.
Ein von Vansittart in einer siebenteiligen Radioprogrammreihe der BBC gehaltener Vortrag wurde im Frühjahr 1941 über eine Million Mal als 70-seitige Broschüre mit dem Titel Black Record verbreitet. Die prominenteste Gegenposition vertrat der Verleger Victor Gollancz in seinem Buch Shall our children live or die?, das noch im Erscheinungsjahr 1942 mehrere Auflagen erlebte. Zwischen diesen beiden Positionen entbrannte ein Streit unter deutschen Emigranten und in der britischen Öffentlichkeit. Während etwa der politische Publizist Heinrich Fraenkel sich noch 1941 gegen Vansittart wandte, ergriffen die Sozialdemokraten Fritz Bieligk, Curt Geyer, Carl Herz, Walter Loeb, Kurt Lorenz und Bernhard Menne in einem Manifest am 2. März 1942 für Vansittart Partei.
Ebenso dem Vansittartismus entgegengerichtet war die Zwei-Deutschland-Theorie. Die Anhängerschaft Vansittarts in den Vereinigten Staaten, auf die die Diskussion 1942 übergriff, war nicht sozialdemokratisch; die Diskussion beschränkte sich dort aber weitgehend auf die deutschsprachigen Emigranten.Ilona Nord, Yorick Spiegel (Hrsg.): Spurensuche – Lebens- und Denkwege Paul Tillichs (= Tillich-Studien. Band 5). Lit 2001, ISBN 3-8258-5043-9, S. 193. Während die Anhänger Vansittarts in England vor allem eine Abspaltung der emigrierten deutschen Sozialdemokratie waren, kritisierte die Mehrheit der deutschen Exilanten, vor allem die Sopade (Exil-SPD) in London, die Thesen Vansittarts von der Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit Deutschland als englischen Nationalismus.
Der Begriff Vansittartismus gilt im heutigen Sprachgebrauch als Synonym für anti-deutsch oder germanophob und wird häufig im Zusammenhang mit dem Morgenthauplan oder einer Kollektivschuldthese erwähnt.
Literatur
Robert Vansittart: Black Record. Germans past and present. Hamilton, London 1941. Heinrich Fraenkel: Vansittart’s gift for Goebbels. A German exile’s answer to black record. Fabian Society, London . Victor Gollancz: Shall our children live or die? A reply to Lord Vansittart on the German problem. Gollancz, London 1942. Curt Theodor Geyer, Walter Loeb: Gollancz in German Wonderland. Hutchinson, London u. a. . Hans Kaiser: Vansittartismus – Vansittartitis. In: Zeitschrift für Politik. Band 32, 1942, S. 691–698.
Joachim Radkau: Die Exil-Ideologie vom „anderen Deutschland“ und die Vansittartisten. Über die Einstellung deutscher Emigranten nach 1933 zu Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 10. Januar 1970, S. 31–48. Jörg Später: Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902–1945. Wallstein-Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-89244-692-X.
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Einzelnachweise
Kategorie:Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich (1933–1945) und dem Vereinigten Königreich Kategorie:Aufarbeitung des Nationalsozialismus Kategorie:Britische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Politische Ideologie