Die jüdische Gemeinde von Thessaloniki (, Israilitiki Kinotita Thessalonikis) ist eine im Kern sephardische Gemeinde in Thessaloniki. Sie hatte vor dem Zweiten Weltkrieg rund 53.000 Mitglieder. Nur rund 1950 Juden aus Thessalonikihttps://greekreporter.com/2023/03/20/greece-thessaloniki-jews-holocaust/ überlebten den Holocaust in Griechenland und die Vernichtung der jüdischen Gemeinde. Nach dem Krieg hatte die jüdische Gemeinde von Thessaloniki rund 1200 Mitglieder.Jürgen Pelzer (NZZ 15. März 2013): Saloniki galt als «Mutter Israels». Im Holocaust wurde fast die gesamte jüdische Bevölkerung Griechenlands ermordet (zum 80. Jahrestag der ersten Deportation)
Geschichte Frühe Geschichte mini|250px|Jüdische Emigration nach Thessaloniki mini|250px|Sarkophag des Juden Marcus Aurelius Jacob und seiner Frau Anna, 3. Jhdt. n. Chr.
Die ersten Juden (Romanioten) sollen um 140 v. Chr. nach Thessaloniki gekommen sein. Die Mitglieder dieser Gemeinde lebten alsbald integriert unter den Griechen. Die älteste Synagoge war jene, in der der Apostel Paulus um 50 n. Chr. auf seiner 2. Missionsreise predigte. Diese Synagoge hatte den Namen Etz Achaim und wurde beim großen Brand von 1917 vollständig zerstört. Das Vorhandensein weiterer Synagogen in Thessaloniki ist spätestens für das 3. Jahrhundert durch die Inschrift auf dem Sarkophag des Marcus Aurelius Jacob und seiner Frau Anna belegt. In dieser wird darauf verwiesen, dass im Fall einer Grabschändung eine Strafzahlung an die Synagogen der Stadt zu leisten wäre.Evangelia Stefani, Angeliki Koukouvou, Evanghelos Hekimoglou & Eleftheria Akrivopoulou, S. 14
Über die Geschichte der Gemeinde im byzantinischen Reich ist wenig bekannt. Laut Benjamin von Tudela, der die Stadt 1169 besuchte, lebten damals 500 Juden dort. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts kamen aschkenasische Juden aus Ungarn und sephardische Flüchtlinge von der iberischen Halbinsel und der Provence nach Thessaloniki.Jacov Ben-Mayor, Chaim Yahil und Yitzchak Kerem: "Salonika", in: Michael Berenbaum und Fred Skolnik (Hrsg.): Encyclopaedia Judaica, Bd. 17, 2. Auflage, Detroit 2007, S. 699–707, hier: S. 700. Ob die Gemeinde die Eroberung der Stadt durch die Osmanen 1430 überstand ist unklar; wahrscheinlich wurden die Juden nach der Eroberung Konstantinopels 1453 im Rahmen der Bevölkerungspolitik Mehmed II. gezwungen, in die neue Hauptstadt umzusiedeln.Mark Mazower: Salonica City of Ghosts, New York 2005, S. 46–47.
Im Osmanischen Reich 1430–1912 Während das Bevölkerungsregister von 1479 keine Juden in Thessaloniki auswies und mehr als die Hälfte der Bewohner Christen waren,Mazower, S. 48. änderte sich dies, als Sultan Bayezid II. es ab 1492 Opfern der Vertreibung der Juden aus Spanien ermöglichte, sich im Osmanischen Reich anzusiedeln.Gilles Veinstein: Salonika, the Sefarad of the Balkans erschienen in A History of Jewish-Muslim Relations: From the Origins to the Present Day, Hrsg. Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora, Princeton University Press, 2013, ISBN 978-1-4008-4913-0, S. 171–202, hier: S. 176–179. In der Folge kamen zahlreiche Sepharden, aber auch sogenannte Conversos, wie zum Christentum zwangsbekehrte Juden auf der iberischen Halbinsel genannt wurden, nach Thessaloniki. Auch jüdische Vertriebene aus anderen Gegenden Europas kamen und gründeten ihre je eigenen Synagogen. Bereits 1520 waren mehr als die Hälfte der Einwohner Juden.Mazower, S. 48. Sie lebten unter dem Schutz und den Einschränkungen des islamischen Rechtsgrundsatzes der Dhimma, der den jüdischen und christlichen Gemeinschaften Autonomie in der Regelung ihrer internen Angelegenheiten zugestand.Wolfgang Benz: Handbuch des Antisemitismus, de Gruyter, 2010, ISBN 978-3-598-24071-3, S. 253. Die Stadt entwickelte sich zum „Jerusalem des Balkans“ mit einer mehrheitlich jüdischen Bevölkerung und dem Schabbat als allgemeinem Ruhetag.Veinstein: Salonika, the Sefarad of the Balkans erschienen in A History of Jewish-Muslim Relations: From the Origins to the Present Day, Hrsg. Abdelwahab Meddeb, Benjamin Stora, Princeton University Press, 2013, ISBN 978-1-4008-4913-0, S. 196.Halil Incalik: Foundations of Ottoman-Jewish Cooperation erschienen in Jews, Turks, Ottomans: A Shared History, Fifteenth Through the Twentieth Century, Hrsg. Avigdor Levy, Syracuse University Press, 2002, ISBN 978-0-8156-2941-2, S. 7 ff. Auch wenn es in anderen Städten, etwa in Istanbul, Izmir, Aleppo und Bagdad, bedeutende jüdische Gemeinden gab, war Thessaloniki lange Zeit die einzige Stadt des Osmanischen Reichs, in der Juden die Mehrheit stellten. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auch in Jerusalem eine jüdische Bevölkerungsmehrheit.Corry Guttstadt: Die Türkei, die Juden und der Holocaust, Berlin 2008, S. 20, 46–47. Noch um 1900 machte die jüdische Bevölkerung Thessalonikis etwa die Hälfte der Bevölkerung (80.000 von 173.000) aus. Jüdische Schulen, Bibliotheken und Zeitungen sorgten für ein reges kulturelles Leben.Stratos Dordanas und Vaios Kalogrias, S. 100.
250px|mini|Bevölkerungsentwicklung: Juden (braun), Türken (grün) und Griechen (1500–1950)
Im modernen Griechenland Im Ersten Balkankrieg wurde Thessaloniki im Oktober 1912 von Griechenland erobert und im Londoner Vertrag von 1913 verzichtete das Osmanische Reich u. a. auf Makedonien. Dieser Regimewechsel stieß bei den Juden in Thessaloniki auf wenig Gegenliebe, war er doch mit finanziellen Nachteilen verbunden: Das Osmanische Reich hatte Juden Privilegien gewährt und im Gegenzug Kredite gefordert, beides schien nun verloren. Griechenland behandelte alle Ethnien und Religionsgemeinschaften gleich. Um Spekulationen zu einer möglichen Ausnahme entgegenzuwirken, erließ König Georg ein Dekret, nach dem (auch) die Juden Nordgriechenland zu gleichgestellten Staatsbürgern wurden.
Selbst eigene Schulen stießen auf Missgunst seitens des Staates, der jüdischen Gemeinde wurde gestattet, ein Gymnasium zu gründen. Durch den Großbrand von 1917 wurden zahlreiche Juden obdachlos und zu Wiederaufbauzwecken wurde viel Privatland enteignet, dessen Eigentümer mit entwertetem Geld entschädigt wurden.Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, S. 738. Der Großbrand hatte eine Emigrationswelle zur Folge, so verringerte sich die Bevölkerung, insbesondere durch Auswanderung in die USA, und im Fall der Juden zusätzlich durch Auswanderung nach Palästina. Die jüdische Bevölkerung verringerte sich bis 1940 auf etwa 49.000 Einwohner.Stratos Dordanas und Vaios Kalogrias, S. 100.
Nach dem Türkisch-Griechischen Krieg kam es 1922 zur Zwangsumsiedlung von Griechen (und Armeniern) aus Kleinasien, die als Flüchtlinge hauptsächlich nach Athen und Thessaloniki gelangten; somit sank der prozentuale Anteil der Juden. Am 29. Juni 1931 kam es zu antisemitischen Ausschreitungen,Stratos Dordanas und Vaios Kalogrias, S. 101. von denen der Staat fürchtete, sie könnten dem Ansehen schaden; insbesondere im Ausland versuchte man die Vorfälle herunterzuspielen und im Inland die Täter zu bestrafen.
1933 wurde Zvi Koretz zum Oberrabbiner von Thessaloniki gewählt. Diese Wahl hatte auch überregional Folgen. Koretz war mit Ioannis Metaxas befreundet, der drei Jahre später mit einem autoritären Regime Ministerpräsident wurde. Metaxas orientierte sich anfangs stark an Deutschland, weigerte sich jedoch, den deutschen Empfehlungen zu folgen und Rassegesetze einzuführen oder gar eine antisemitische Politik zu machen. Um auch konservative Juden zu umwerben, gab es in der EON, der Jugendorganisation seiner Partei, auch eine jüdische Abteilung. Antisemitismus in der Presse wurde durch Zensur bekämpft.
Zweiter Weltkrieg Sonderkommando Rosenberg Unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Griechenland traf Anfang Mai 1941 ein der 12. Armee angegliedertes Sonderkommando des Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg unter Leutnant Hermann von Ingram in Griechenland ein. In Thessaloniki führte eine Arbeitsgruppe unter Leitung des Studienrates Hans Arnold in Zusammenarbeit mit der Geheimen Feldpolizei über 50 Razzien durch. Dabei wurden die für spätere Deportationen notwendigen Einwohnerdaten gesammelt und historisch wertvolle Dokumente, Kulturgüter und liturgische Gegenstände geraubt, darunter ca. 100.000 Bücher aus den jüdischen Bibliotheken., abgerufen am 18. April 2016.
Vernichtung der jüdischen Gemeinde mini|„Juden unerwuenscht“, Saloniki, 1941
Die jüdische Vorkriegsgemeinde der Stadt Saloniki zählte 53.000 Mitglieder.Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, S. 736.Régis Darques: Salonique au XXe siècle, de la cité ottomane à la métropole grecque, S. 78 f. (CRNS editions, 2000, ISBN 9782271056603) Nur 1950 Menschen der jüdischen Bevölkerung Salonikis überlebten die dann schnell erfolgende Judenvernichtung durch die deutschen Besatzer.
Wenige Tage vor der Besetzung der Stadt am 9. April 1941 flohen einige Juden aus der Stadt. Nach einem Bericht des italienischen Konsuls seien etwa 1200 Menschen in die italienische Besatzungszone geflüchtet. Die deutschen Besatzer errichteten unter anderem in einem ehemaligen Kasernengelände das KZ Pavlos Melas.
mini|Erfassung jüdischer Männer zur Zwangsarbeit, Propagandaaufnahme der Wehrmacht (Juli 1942) Im Herbst 1941 wurde bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze mit Adolf Hitler von Reichsführer SS Heinrich Himmler im Beisein von Reinhard Heydrich und den Wehrmachtsoffizieren Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Rudolf Schmundt und Gerhard Engel die Frage der jüdischen Bevölkerung von Thessaloniki aufgeworfen und Himmler erhielt die Vollmacht zur Deportation.Steven Bowman: The Agony of Greek Jews, 1940–1945, Stanford University Press, 2009, ISBN 978-0-8047-5584-9, S. 60 ff. Auf Anordnung des Militärbefehlshabers Saloniki Ägäis, General Curt von Krenzki, mussten sich alle männlichen Juden im Alter von 18 bis 45 Jahren am 11. Juli 1942, einem Sabbath, auf dem Freiheitsplatz zur Musterung und Erfassung zur Zwangsarbeit versammeln.Wolfgang Breyer: Dr. Max Merten – ein Militärbeamter der deutschen Wehrmacht im Spannungsfeld zwischen Legende und Wahrheit. Universität Mannheim, Mannheim 2003, , S. 48ff. Die tauglichen Juden wurden in malariaverseuchte Sümpfe geschickt oder mussten Schwerarbeit in Chrombergwerken leisten.Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 2, Fischer Verlag 1982, ISBN 3-596-24417-X, S. 738 ff. Eine Fluchtbewegung in die italienisch besetzte Zone Griechenlands setzte ein.Peter Longerich: Politik der Vernichtung – Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, 1998, Pieper Verlag, ISBN 3-492-03755-0, S. 526f. Die Zwangsarbeitspflicht wurde im Oktober 1942 wieder aufgehoben. Kriegsverwaltungsrat Max Merten von der Militärverwaltung Saloniki-Ägäis hatte der jüdischen Gemeinde eine Vereinbarung abgepresst, die die Juden von Zwangsarbeit gegen Zahlung von 2,5 Mrd. Drachmen und Überlassung des wertvollen, 300.000 Quadratmeter großen Areals des jüdischen Friedhofs, auf den die Stadtverwaltung seit langem ein begehrliches Auge geworfen hatte, befreite.Dokument VEJ 14/220 in: Sara Berger u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 14: Besetztes Südosteuropa und Italien. Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 553–558. Auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofs wurde später der Campus der Aristoteles-Universität errichtet., abgerufen am 1. Mai 2016.