mini|Paul Celan im Alter von 18 Jahren (Passfoto, 1938) rahmenlos

Paul Celan []Gegenüber Ernst Schnabel (NDR) gab Celan die Ausspracheanweisung, „daß ich meinen Namen nicht französisch ausspreche, sondern t s e l a n, also ohne Nasallaut am Ende und mit Betonung auf der ersten Silbe“. Siehe: An Ernst Schnabel, 23. Februar 1964, zitiert nach dem Katalog Axel Gellhaus (Hrsg.): „Fremde Nähe.“ Celan als Übersetzer. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1997, S. 431. Siehe auch Kommentar 22 in: Paul Celan, Bertrand Badiou: Briefwechsel. Zweiter Band: Kommentar, Frankfurt 2001, S. 71. (geboren am 23. November 1920 in Czernowitz; gestorben im Frühjahr 1970 in Paris, vermutlich am 20. April) war ein deutschsprachiger Lyriker rumänischer, später französischer Staatsangehörigkeit. Er hieß ursprünglich Paul Antschel, später rumänisiert Ancel, woraus das Anagramm Celan entstand.

Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts (außerdem betätigte er sich auch als Übersetzer von fremdsprachiger Lyrik ins Deutsche). Sein Werk ist geprägt von der Reflexion über Sprache und Kommunikation und ihre Fähigkeit, das Erlebte zu bewahren und zu bezeugen, und von der Verarbeitung von Grenzerfahrungen, insbesondere der Erfahrung des Holocaust (zum Beispiel in dem berühmten Gedicht Todesfuge). Celans Werk weist eine Entwicklung auf, in der sich anfangs auch relativ traditionelle Gedichtformen finden, deren Spätphase aber gekennzeichnet ist von einer „atemlosen Stille des Verstummens im kryptisch gewordenen Wort“ (H.-G. Gadamer).Hans-Georg Gadamer: Wer bin ich und wer bist du. Kommentar zu Celans „Atemkristall“. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 978-3-518-24159-2, S. 9.

Leben mini|Celans Geburtshaus in Czernowitz. Mit seiner Familie lebte er hier 13 Jahre auf engstem Raum im Untergeschoss am rückwärtigen Garten (heute ein asphaltierter Hof, 2011)

Jugend: Czernowitz und Bukarest Celan wurde in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die damals zum Königreich Rumänien gehörte, in eine deutschsprachige jüdische Familie geboren. Er war der einzige Sohn von Leo Antschel-Teitler (geboren 1890 in Schipenitz bei Czernowitz) und dessen Ehefrau Friederike (genannt „Fritzi“) geborene Schrager (geboren 1895 in Sadagora), die eine kleine Wohnung in der Wassilkogasse in Czernowitz bezogen.Quelle: Israel Chalfen: Paul Celan. Eine Biographie seiner Jugend. Insel-Verlag, Frankfurt a. M. 1979. Er besuchte 1926–1927 die deutsche, dann 1927–1930 die hebräische Grundschule, fünf Jahre das rumänische Staatsgymnasium (das frühere k.k. I. Staatsgymnasium Czernowitz) und schließlich das ebenfalls rumänischsprachige Gymnasium „Marele Voievod Mihai“ (Kronprinz-Michael-Gymnasium), wo er am 3. Juni 1938 das Abitur ablegte. Er begann noch im selben Jahr ein Medizinstudium in Tours bis zum PCB, kehrte aber nach einem Jahr nach Czernowitz zurück, um dort Romanistik zu studieren.

Mitte 1940 wurde die nördliche Bukowina und somit am 28. Juni auch Celans Heimatstadt Czernowitz nach Inkrafttreten des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von der Sowjetunion besetzt. Celan konnte sein Studium zunächst fortsetzen. Als jedoch im Juni 1941 rumänische und deutsche Truppen Czernowitz besetzten, wurden die Juden in das örtliche Ghetto gezwungen, von wo Celans Eltern im Juni 1942 zuerst in einen Steinbruch und dann in das Zwangsarbeiterlager an der Durchgangsstraße IV in Michailowka unweit von Hajssyn deportiert wurden. Dort starb sein Vater wenige Monate später an Typhus, seine Mutter wurde erschossen.Wolfgang Emmerich: Paul Celan. Rowohlt, Reinbek 2014. (= Rowohlt Monographien). Kapitel Muttersprache – Mördersprache (keine Seitenzählung in der Vorschau) Die Deportation und der Tod seiner Eltern hinterließen tiefe Spuren bei Celan. Er litt für den Rest seines Lebens unter dem Gefühl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In seinen Gedichten sind zahlreiche Verweise auf dieses Trauma der Überlebensschuld zu finden.

Auf Anraten seiner Freundin Ruth Lackner meldete sich Celan im Juli 1942 zum Arbeitsdienst, um der drohenden Deportation aus dem Ghetto zu entgehen. Er wurde daraufhin bis zu dessen Auflösung im Februar 1944 im Arbeitslager Tăbărăști unweit von Buzău festgehalten und musste mit wenigen Unterbrechungen, in denen er ins Ghetto Czernowitz zurückkehrte, Zwangsarbeit im Straßenbau leisten. Nach der Einnahme von Czernowitz durch die Rote Armee im August 1944 kehrte Celan im Dezember 1944 nach Czernowitz zurück und nahm sein Studium wieder auf, nun in Anglistik. Er arbeitete als Helfer in einer psychiatrischen Klinik. Im April 1945 übersiedelte er nach Bukarest und studierte dort weiter. Er war Übersetzer und Lektor des Verlags Cartea rusă. mini|hochkant|Paul Celan (1945)

Wien und Paris Nachdem das Königreich Rumänien unter sowjetische Kontrolle geraten war, betrieben die Kommunisten eine Umgestaltung von Staat und Gesellschaft nach stalinistischem Vorbild. Vor diesen Umwälzungen floh Celan im Dezember 1947 über Ungarn nach Wien. In demselben Jahr konnte er erstmals einzelne Gedichte veröffentlichen, und in Wien wurde sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen gedruckt. Er verwendete nun das Pseudonym Celan (den ursprünglichen Namen benutzte er ab da nur noch in einigen familiären und amtlichen Kontexten).Markus May, Peter Goßens, Jürgen Lehmann (Hrsg.): Celan-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. 2. Auflage, J.B. Metzler, Stuttgart 2012, Kapitel I, S. 11. Diese gesamte Druckauflage von Der Sand aus den Urnen ließ Celan jedoch wegen zahlreicher Satzfehler einstampfen. Im Juli 1948 übersiedelte Celan via Innsbruck nach Paris.

In der französischen Hauptstadt lernte Celan den surrealistischen Maler Edgar Jené kennen, der ihn zu seinem Prosatext Edgar Jené und der Traum vom Traume inspirierte. Das Verhältnis der beiden Künstler verschlechterte sich bald und Celan wandte sich in der Folge auch vom Surrealismus ab.May, Großes, Lehmann, 2012, S. 154–158. Celan immatrikulierte sich an der Sorbonne. Er erwarb eine Licence in Deutsch. Sein Vorhaben, mit einer Arbeit über Kafka das Diplôme d’Études Supérieures zu erlangen, gab er 1952 auf.

Am 16. Mai 1948 begegnete Celan, erneut in Wien, Ingeborg Bachmann, und es begann eine Liebesbeziehung der beiden. Schon am 23. Mai 1948 widmete Celan Bachmann das Gedicht In Ägypten, das neun Gebote der Liebe und des Schreibens nach der Shoah enthält, und schickte es ihr zum 22. Geburtstag. Das Liebesverhältnis der beiden war von Schwierigkeiten überschattet und wurde 1952 für vier Jahre unterbrochen, von Oktober 1957 bis Juli 1958 aber wieder aufgenommen. Diese Beziehung wird durch Celans Tagebücher und den postum veröffentlichten Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan bestätigt. Ihre Korrespondenz ist im Deutschen Literaturarchiv (Celan) und in der Österreichischen Nationalbibliothek (Bachmann) archiviert. Der Briefwechsel erschien im August 2008 unter dem Titel Herzzeit bei Suhrkamp. Etwa 20 der Gedichte in Mohn und Gedächtnis, darunter Corona, widmete Celan nachträglich durch den handschriftlichen Zusatz f. D. Ingeborg Bachmann.Quelle: Christine Koschel in Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Poetische Korrespondenzen, Suhrkamp, Frankfurt 1997.

In Paris lernte Celan im November 1951 die Künstlerin Gisèle Lestrange kennen, die er am 23. Dezember 1952 heiratete und die zeitweise künstlerisch mit ihm zusammenarbeitete (z. B. 1965 Radierungen zum Gedichtzyklus Atemkristall). 1952 erschien bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart sein Gedichtband Mohn und Gedächtnis mit dem vielbeachteten Gedicht Todesfuge, das den Mord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten thematisiert. 1955 erhielt Celan die Staatsbürgerschaft der Republik Frankreich. Am 6. Juni 1955 wurde sein Sohn Eric geboren (der Name Eric lässt sich deuten als Anagramm zu „écris!“, ohne das stumme „s“, französisch für „schreib!“), nachdem seine Frau Gisèle zwei Jahre zuvor ein Kind am Tag nach der Geburt verloren hatte. Im September 1959 erhielt er eine Ernennung zum Lecteur d’allemand der École Normale Supérieure an der Rue d’Ulm in Paris. Im Mai 1960 begegnete er Nelly Sachs in Zürich.

Rezeption in den 1950er Jahren

Celan und die Gruppe 47 Einer der ersten öffentlichen Auftritte des damals noch weitgehend unbekannten Paul Celan fand im Mai 1952 auf der Tagung der Gruppe 47 in Niendorf statt. Die Lesung kam auf Vermittlung der Wiener Freunde Ingeborg Bachmann, Milo Dor und Reinhard Federmann zustande, wurde allerdings zu einem Misserfolg. Bereits die briefliche Bitte Milo Dors an Hans Werner Richter, Celan „unbedingt“ einzuladen – „Ich weiss, was Du von seinen Gedichten hältst, aber ich glaube, dass es nur wenige Lyriker gibt, die seine Musikalität und seine Formkraft besitzen“Zitiert nach Celan-Handbuch, S. 19. –, ließ im Vorfeld (1951) die ablehnende Haltung des Gründers der Gruppe und überzeugten Realisten Richter erkennen.

Walter Jens erinnerte sich 1976 im Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold an Celans Lesung: „Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören!‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht, ‚Der liest ja wie Goebbels!‘, sagte einer. […] Die Todesfuge war ja ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit.“Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-50667-X, S. 76. Hans Weigel fügte hinzu, „daß nachher einige Kollegen höhnisch vor sich her skandierten: ‚Schwarze Milch der Frühe …‘“ und dass Hans Werner Richter der Ansicht gewesen sei, Celan habe „in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge“.Felstiner: Paul Celan. Eine Biographie, S. 98. Celan selbst kommentierte in einem Brief an seine Frau Gisèle: „Jene also, die die Poesie nicht mögen – sie waren in der Mehrzahl – lehnten sich auf.“Arnold: Die Gruppe 47, S. 77.

Rückblickend gab Toni Richter in ihrer Dokumentation eine Einschätzung der Vorgänge: „Das traurigste Ereignis war die Lesung von Paul Celan, ein Mißverständnis, das an der Art seines Vortrages lag. Ich denke, keiner der Heimkehrer aus dem Kriege in der Gruppe kannte den Namen und das Schicksal von Paul Celan, noch hatten sie von der Tradition der jüdisch-rumänischen Gedicht-Rezitation im rhythmisch hohen Ton gehört. Da war auch die Stilfrage ‚Littérature pure‘ oder ‚engagée‘ müßig. Celan fragte in den Raum, ob denn Rimbaud hier unbekannt sei, auch dieser löste Verse in musikalische Schwingungen auf.“Toni Richter: Die Gruppe 47 in Bildern und Texten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997, ISBN 3-462-02630-5, S. 49. Immerhin wurde bei der Lesung der Cheflektor der Deutschen Verlags-Anstalt auf Celan aufmerksam, die im Dezember 1952 Mohn und Gedächtnis publizierte.Paul Celan: Todesfuge. Mit einem Kommentar von Theo Buck. 2. Auflage. Rimbaud, Aachen 2002, ISBN 3-89086-795-2, S. 85. Ernst Schnabel veranstaltete nach der Tagung eine Lesung im NWDR. Trotz späterer Einladungen nahm Celan an keinem Treffen der Gruppe 47 mehr teil.

Der Germanist Reinhart Meyer-Kalkus leitet die pathetische Vortragsweise von Celan vor allem vom Vorbild des Schauspielers Alexander Moissi ab, der schon dem jungen Celan in Czernowitz bekannt gewesen sei. siehe Meyer-Kalkus: Das Gedicht läuft beim Sprechen durch den ganzen Körper, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Februar 2014, Seite N4 Der Autor Helmut Böttiger weist dagegen darauf hin, dass Celan von der Gruppe 47 nicht abgelehnt wurde, sondern bei der Abstimmung über den Preisträger auf dem dritten Platz bei 21 Teilnehmern landete. siehe Helmut Böttiger: Die Wahrheit über Paul Celans Auftritt bei der Gruppe 47, Deutschlandfunk vom 21. Mai 2017

Celan und Heidegger