Ein Klartraum, auch luzider Traum (über englisch lucid dreamVgl. Frederik van Eeden: A Study of Dreams. In: Proceedings of the Society for Psychical Research. Band 26, 1913, S. 431–461, und Celia Green: Lucid Dreams. Oxford 1968. von „Licht“), ist ein Traum, in dem der Träumer sich dessen bewusst ist, dass er träumt. Paul Tholey, Psychologe und bedeutendster deutscher Klartraumforscher, formulierte dies folgendermaßen: „Klarträume sind solche Träume, in denen man völlige Klarheit darüber besitzt, daß man träumt und nach eigenem Entschluß handeln kann.“Paul Tholey: Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen. In: Gestalt Theory. 2, 1980, S. 175–191 (S. 175 f.). Vgl. hierzu auch die populärwissenschaftliche Publikation von Tholey: Paul Tholey, Kaleb Utecht: Schöpferisch träumen. 3. Auflage. Klotz, Eschborn 1997, ISBN 3-88074-275-8, S. 61 f. Bei dieser Definition stützte sich Tholey auf die Philosophin Celia Green und den Psychologen Charles Tart.Celia Green: Lucid dreams. Institute of Psychophysical Research, Oxford 1968; Charles T. Tart (Hrsg.): Altered States of Consciousness. New York 1969. Tholey und der US-amerikanische Psychologe Stephen LaBerge sind die beiden zentralen Pioniere auf dem Gebiet der modernen Klartraumforschung. Die Fähigkeit, Klarträume zu erleben, hat vermutlich jeder Mensch, und man kann lernen, diese Form des Träumens herbeizuführen. Dazu gibt es verschiedene Techniken. Ein Mensch, der gezielt Klarträume erleben kann, wird auch Oneironaut genannt (von gr. oneiros „Traum“ und nautēs „Seefahrer“).

Wissenschaftliche Aspekte des Klartraums Begriffliche Eingrenzung Die Definition des Begriffs „Klartraum“ ist nicht einheitlich. So schlug Celia Green 1968 folgende Beschreibung vor: „Ein luzider Traum ist ein Traum, in dem sich der Träumende seines Traumes bewusst ist.“Celia Green, Charles McCreery: Träume bewusst steuern. Über das Paradox vom Wachsein im Schlaf. Krüger, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-8105-0858-6. Diese Mindestvoraussetzung wird heute allgemein akzeptiert, jedoch fordern andere Autoren zusätzliche Merkmale.

Tholey präzisierte den Unterschied zwischen gewöhnlichen Träumen und Klarträumen anhand von sieben Klarheitskriterien: „Klarheit über den Bewusstheitszustand: darüber, dass man träumt; Klarheit über die eigene Entscheidungsfreiheit: darüber, ob man z. B. vor einer Albtraumfigur Reißaus nimmt oder sich mit ihr anzufreunden versucht; Klarheit des Bewusstseins: im Gegensatz zum Trübungs-, Verwirrtheits- oder Dämmerungszustand; Klarheit über das Wachleben: darüber, wer man ist und was man sich für diesen Traum vorgenommen hat; Klarheit der Wahrnehmung: dessen, was man sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt; Klarheit über den Sinn des Traums; Klarheit über die Erinnerung an den Traum: Man beachte, dass sich dieser Klarheitsbegriff im Gegensatz zu den anderen nur indirekt auf den Traumzustand bezieht.“

Die Erfüllung dieser Klarheitskriterien eins bis vier ist für Tholey notwendig, wenn von einem Klartraum gesprochen werden soll, die Kriterien fünf bis sieben können zusätzlich ebenfalls erfüllt sein. Der Aspekt, dass der Träumer Klarheit über den Sinn des Traumes hat, stellt für Tholey den wirklichen „Königsweg“ zum Unbewussten dar – in Anspielung auf Sigmund Freuds Traumdeutung. Wenn erste Ansätze von Klarheit vorhanden sind, diese jedoch nicht vollständig den ersten vier Kriterien genügen, kann man von einem prä-luziden Traum sprechen. So kann ein Träumer sich durchaus die Frage stellen, ob er denn träume, ohne jedoch zur Erkenntnis des Traumzustandes zu gelangen – und der Ansatz der Klarheit verschwindet.

Durch das Erkennen des eigenen Traumzustands ist es möglich, in bestimmten Grenzen in den Traum einzugreifen und planvoll im Traumgeschehen zu handeln. Dabei sind dann nicht nur die eigenen Handlungen möglich, sondern auch – zumindest innerhalb meist enger Grenzen – eine gewisse Beeinflussung der Traumumgebung und der Traumfiguren. Meist werden Traumfiguren durch sprachliche Kommunikation und Handlungen des Träumers innerhalb des Traumgeschehens beeinflusst. Die Wahrnehmung der Traumhandlung reicht dabei von verschwommen und unzusammenhängend über realistische Wahrnehmung bis hin zu „hyperrealistischer Wahrnehmung“, bei der das Geschehen „realistischer als die Realität selbst“ wirkt. Ähnlich wirken durch Halluzinogene verstärkte Sinneseindrücke. Die kognitiven Fähigkeiten im Traumzustand sind verändert. So kann beispielsweise der Träumer oft keine komplizierten Rechenaufgaben lösen. Ob derartige Beschränkungen überwindbar sind, wird derzeit erforscht. Die Existenz von Klarträumen wurde wissenschaftlich nachgewiesen.Stephen LaBerge: Lucid Dreaming: Psychophysiological Studies of Consciousness during REM Sleep. In: R. R. Bootzen, J. F. Kihlstrom, D. L. Schacter (Hrsg.): Sleep and Cognition. American Psychological Association, Washington, D.C. 1990, S. 109–126. LinkU. Voss, R. Holzmann, I. Tuin, J. A. Hobson: Lucid dreaming: a state of consciousness with features of both waking and non-lucid dreaming. In: Sleep. Band 32, Nummer 9, September 2009, S. 1191–1200. PMID 19750924, . Das Wissen um das luzide Träumen ist noch wenig verbreitet. Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass sie nicht in ihre Träume handelnd eingreifen können. Manche Menschen erleben allerdings spontan Klarträume. Andere bedienen sich verschiedener Techniken (s. u.), jedoch gibt es trotz intensiver Forschung bis heute keine reproduzierbare Methode, um Klarträume sicher hervorzurufen. Auch ist der Zeitraum zwischen Beginn des Einübens von entsprechenden Techniken der Erzeugung von Klarträumen und den ersten Erfolgen individuell sehr unterschiedlich. So berichtet Tholey von schnellen Erfolgen beim Erreichen erster Klarträume innerhalb weniger Tage nach dem Beginn des Übens, aber auch von langwierigen Übungsphasen.Paul Tholey: Klarträume als Gegenstand empirischer Untersuchungen. In: Gestalt Theory. 2, 1980, S. 175–191 (S. 185 f.).

Der Klartraum aus kritisch-realistischer Sicht „Unser Leben ist wie ein Traum. In den besseren Stunden wachen wir soweit auf, daß wir erkennen, daß wir träumen. Meistens sind wir aber im Tiefschlaf.“— Ludwig WittgensteinPaul Engelmann, Ludwig Wittgenstein: Wittgenstein – Engelmann: Briefe, Begegnungen, Erinnerungen. Innsbruck 2006, ISBN 3-85218-503-3. Der Umstand, dass die Umgebung und der eigene Körper im Klartraum so realistisch wirken wie die Umgebung und der eigene Körper im Wachzustand, erfordert eine klare Abgrenzung dieser beiden Welten. Diese Gegebenheiten beschreibt Tholey aus Sicht des Kritischen Realismus, wie er auch innerhalb der Gestalttheorie vertreten wird. Es handelt sich hierbei um einen erkenntnistheoretischen – nicht aber ontologischen – Dualismus.Wolfgang Köhler: Werte und Tatsachen. 1968, S. 22. In seinem sensomotorischen Ansatz beschreibt Tholey die Wahrnehmung und Handlungen innerhalb von Traum- und Wachzustand.

Das kritisch-realistische ModellPaul Tholey: Erkenntnistheoretische und Systemtheoretische Grundlagen der Sensumotorik aus gestalttheoretischer Sicht, Sportwissenschaft, 10, 1980, S. 10 ff. ist Ausgangspunkt zur Unterscheidung zwischen einer physischen – auch als transphänomenal bezeichneten – Umwelt und einer phänomenalen Erlebnis- oder Wahrnehmungswelt. Letztere basiert auf der sinnlichen Wahrnehmung der physischen Umwelt, umfasst dabei auch den eigenen Körper. Repräsentiert wird die physische Umwelt in diesem Modell im sogenannten psychophysischen Niveau (PPN), auf der Basis der dort verarbeiteten Sinneseindrücke. Das hypothetisch angenommene PPN lässt sich als vernetztes System verschiedener, nicht fest lokalisierter Großhirnbereiche auffassen.

Im Wachzustand bildet sich aus den verschiedenen Sinneseindrücken die phänomenale Welt, verstanden als Abbild der physischen Welt. Aus Bewegungsabsichten werden gewünschte Bewegungen in korrespondierende Bewegungen des Körpers umgesetzt. Diese Bewegungen werden wiederum über die Sinne zum PPN zurückgemeldet. Zwischen physischer und phänomenaler Welt wird hierdurch ein sogenannter sensomotorischer Regelkreis etabliert. Im Traumzustand wird dieser Regelkreis aufgebrochen. Die phänomenale Welt ist nicht länger Abbild der physischen Welt. Bewegungsabsichten werden dann auch nicht mehr in korrespondierende Bewegungen des physischen Körpers umgesetzt.

Für Tholey ist auf dieser erkenntnistheoretischen Grundlage eine psychologische Erklärung des luziden Träumens möglich. Der „kritische“ – oder besser: „kritisch gewordene“ – Klarträumer kann die physischen Gegebenheiten (sein schlafender Körper im Bett) von den phänomenalen Gegebenheiten (der Traumszenerie) unterscheiden. Der Klarträumer weiß also, dass er in der physischen Welt schläft. Tholey formulierte vereinfacht: Das Traum-Ich vergisst das Schläfer-Ich nicht. Alles, was unmittelbar erscheint, ist grundsätzlich immer Bestandteil der eigenen phänomenalen Welt. So wie im Wachzustand über sensomotorische Regelkreise vom PPN in die physische Welt handelnd eingegriffen werden kann, kann vom Klartraumzustand aus verändernd auf die innere, phänomenale Welt eingewirkt werden.

Klarträume und Schlafphasen mini|Die normalen Schlafstadien einer Nacht im Hypnogramm mini|Hypnogramm mit einem Schlafzyklus – hier folgte nach kurzem „wach liegen“ (W) etwas Leichtschlaf (N1), unterbrochen von erneutem wach werden, danach etwas Schlaf der Stadien N2 und ausgiebig Tiefschlaf (N3) sowie 13 Minuten REM-Schlaf (R). Klarträume werden überwiegend in der REM-Phase des Schlafs beobachtet. Es liegen jedoch auch Berichte aus den sogenannten Non-REM- oder auch NREM-Phasen vor.Jayne Gackenbach, Jane Bosveld: Herrscher im Reich der Träume. Kreative Problemlösungen durch luzides Träumen. Aurum, Freiburg im Breisgau 1991, ISBN 3-591-08298-8, S. 215 f. Luzide Phasen im REM-Schlaf sind methodisch leichter nachweisbar. Der empirische Nachweis erfolgt mit Hilfe von Augenbewegungen. Die Augenmuskeln bleiben im Gegensatz zu allen anderen Muskeln des Körpers im (Klar-)Traum willkürlich steuerbar. Der Klarträumer hat die Möglichkeit, mit den Augen vor dem Traum vereinbarte Bewegungen durchzuführen und damit den luziden Zustand dem Experimentator „nach außen“ zu signalisieren.

Unter Verwendung dieses experimentellen Paradigmas konnte eine Forschergruppe der Universität Bonn bei einer Versuchsreihe in einem Schlaflabor während der luziden Traumepisoden eine veränderte Aktivität des präfrontalen Cortex feststellen, der für kritische Bewertung von Ereignissen zuständig ist und während des Schlafs normalerweise ruht.

Eine Untersuchung der Max-Planck-Institute für Psychiatrie und Kognitions- und Neurowissenschaften sowie der Berliner Charité konnte im Jahr 2012 bei Personen im luziden Traum eine Aktivierung eines spezifischen kortikalen Netzwerks nachweisen. Demnach ist im klaren Zustand im Vergleich zu einem normalen Traum die Aktivität im rechten dorsolateralen präfrontalen Kortex, der frontopolaren Regionen und dem Precuneus erhöht. Diese Gehirnareale werden allgemein mit Selbsteinschätzung, der Bewertung eigener Gedanken und Gefühle sowie der Selbstwahrnehmung in Zusammenhang gebracht.M. Dresler, R. Wehrle, V. I. Spoormaker, S. P. Koch, F. Holsboer, A. Steiger, H. Obrig, P. G. Sämann, M. Czisch: Neural correlates of dream lucidity obtained from contrasting lucid versus non-lucid REM sleep: a combined EEG/fMRI case study. In: Sleep. Band 35, Nummer 7, Juli 2012, , S. 1017–1020, doi:10.5665/sleep.1974. PMID 22754049, .

Häufigkeit von Klarträumen

Schredl und Erlacher haben 2004 in einer Studie Angaben von 444 Psychologiestudenten (85 % Frauen und 15 % Männer; Alter: Anfang 20) aus dem Raum Mannheim, Heidelberg und Landau zur Häufigkeit ihres Erlebens von Klarträumen ausgewertet. Das Ergebnis ist in der Tabelle dargestellt.