Die Akademische Turnerschaft Rhenania Bern ist eine farbentragende, pflichtschlagende Studentenverbindung an der Universität Bern. Gegründet wurde sie im Jahre 1816 als Vaterländische Turngemeinde, sie ist die damit älteste Hochschulverbindung und der älteste Turnverein in der Schweiz.Peter Martig et al. (Hrsg.): Berns moderne Zeit. Das 19. und 20. Jahrhundert neu entdeckt. Stämpfli, Bern 2011. S. 208.

Die Rhenania bildet zusammen mit der Akademischen Turnerschaft Utonia Zürich und der Akademischen Turnerschaft Alemannia Basel die Schweizerische Akademische Turnerschaft (SAT).

Couleur und Prinzipien Die Farben der Rhenania sind schwarz-rot-weiß mit goldener Perkussion bei Mütze und Band; Neumitglieder tragen das schwarz-weisse Fuxenband. Die Rhenania ist konfessionslos, politisch neutral, fakultätsübergreifend und steht allen Studenten der Berner Hochschulen offen.

Ihr Wahlspruch lautet, gleich wie bei allen Mitgliedern der SAT: Mens sana in corpore sano. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft bei einer anderen Hochschulverbindung ist nur innerhalb der SAT gestattet. Neben dem Lebensbundprinzip (sogenannte Lebensverbindung) bekennt sich die Rhenania auch zum Grundsatz der unbedingten Satisfaktion mit der Waffe. Als pflichtschlagende Verbindung ist sie Mitglied des Schweizerischen Waffenrings und verpflichtet ihre Mitglieder, Bestimmungsmensuren zu schlagen. Geschichte Die Geschichte der Rhenania Bern ist nahezu identisch mit der schweizerischen Turngeschichte. Die Berner Akademie nahm dabei eine führende Stellung ein, da sie das Turnen an den öffentlichen Lehranstalten als erstes einführte. Dies lag vor allem am Verdienst von Phokion Heinrich Clias, der 1815 erstmals Gymnastikstunden abhielt.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 7 f.

Die Anfänge Im Jahre 1816 erfolgte die Gründung der Vaterländischen Turngemeinde an der Berner Akademie, da die Universität zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte. Weder Gründungsurkunde noch Protokolle sind überliefert. Der einzige Beleg ist eine Aufzeichnung des reformierten Pfarrers Moritz Jäggi, der in seinem Werk Versuch einer Geschichte des Turnens in der Schweiz 1816 als Gründungsjahr angibt. Geturnt wurde unter der Leitung von Clias, inwieweit er selbst die Gründung des Vereins anregte, ist jedoch unklar.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 15 f.

1819 gründete sich der Schweizerische Zofingerverein mit Sektionen in Bern und später in Zürich. Alle Turner der Vaterländischen Turngemeinde nahmen an der Versammlung in Zofingen teil, am 16. Dezember 1820 schließlich wurde der Verein in den Zofingerverein aufgenommen. Schnell taten sich jedoch Differenzen auf. Aufgrund der Tatsache, dass zwar alle Turner Zofinger, nicht aber alle Zofinger Turner waren, gab es des Öfteren Diskussionen über finanzielle Belange. Die Zofinger beklagten sich, dass die Vereinskasse ausschließlich für das Turnen in Anspruch genommen wurde. Im Rahmen einer Statutenrevision im Frühling 1823 trennten sich die beiden Vereine in gegenseitigem Einvernehmen. Im Zuge der Trennung gab sich die Vaterländische Turngemeinde einen neuen Namen, sie hieß fortan Akademischer Turnverein.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 19 ff. In den 1820er Jahren fanden die ersten Turnfahrten statt. Diese resultierten aus einem immer engerem Kontakt mit Turnvereinen aus Basel und Zürich, die als Vorläufer der späteren Vereinigung zur SAT gesehen werden können. Ebenfalls tritt in den 20er Jahren bereits das Akademische Fechten auf. Hier traten bereits erste Differenzen zwischen Turnern und Fechtern zutage, da die Turner die sowieso spärliche Vereinskasse nicht für Fechtausgaben hergeben wollten.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 24 ff.

Zu Beginn der 1830er Jahre traten erste Auflösungserscheinungen des Vereins auf. Der Turnbetrieb lief aufgrund häufiger Absenzen nur noch auf Sparflamme, die Mitglieder waren unter sich zerstritten und im Kassawesen herrschte große Unordnung. Anlässlich der letzten Sitzung am 24. Februar 1832 wurde die Auflösung des akademischen Turnvereins Tatsache, die Kasse gemäß Protokoll in Verwahrung genommen. Gründe für die Auslösung waren einerseits die bereits oben erwähnten, andererseits war eine grundlegende Erneuerung des Turnvereins Ziel, welche nach dem Gutdünken der Mitglieder nur mittels Auflösung und Neugründung vonstattengehen konnte. Tatsächlich erfolgte bereits an Ostern 1832 die Neugründung, am 11. und 12. Mai konstituierte sich der Verein unter dem neuen Namen Studententurnverein. Ebenfalls in die Zeitspanne der Neugründung fällt das erste eidgenössische Turnfest in Aarau am 24. April 1832 sowie die zeitgleiche Gründung des Eidgenössischen Turnvereins, dessen Gründungsmitglied die Rhenania ist.

1832 war allgemein ein ereignisreiches Jahr. Der aufkommende Liberalismus in Europa und der Schweiz hinterließ auch in der Zofingia seine Spuren. So spaltete sich die radikal liberale Helvetia vom mehrheitlich konservativen Zofingerverein ab.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 28 ff. Ansonsten verliefen die 1830er Jahre ruhig. Im Studententurnverein beschäftigte man sich mit der Ausarbeitung einer Turnordnung, des Weiteren kamen neu die Turnfeste, welche im Zweijahresrhythmus abgehalten wurden, dazu. Erwähnenswert ist weiterhin die Gründung der Universität Bern 1834.

Die Rekonstruktion der 1840er Jahre gestaltet sich schwierig, da zahlreiche Protokolle fehlen oder verloren gegangen sind. In Anbetracht der angespannten politischen Lage dazumal in der Eidgenossenschaft ist jedoch eine Bemerkung interessant, die sozusagen den Grundstein für die spätere Lebensverbindung legt. Gerade das Turnen schien der gemeinsame Nenner zu sein in einer Zeit, da es mit der Einigkeit in unserem Lande recht übel bestellt war, im Schoße des S.T.V stets das Versöhnende, das für Angehörige verschiedener politischer Richtungen in den gemeinsamen turnerischen Zielen lag, hervorgehoben wurde. Der langjährige Präsident Schatzmann äußerte sich dergestalt auch zu den Zielen: das Leben im Turnverein soll Männer bilden, welche ihre verschiedenen Meinungen zu achten verstehen und dadurch tüchtige Bürger des Vaterlandes werden.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 49 ff.

Vom Turnverein zur Studentenverbindung Die entscheidenden und nötigen Schritte vom Turnverein zur Studentenverbindung erfolgten in den 1870er und 1880er Jahren. Nach einer Blütezeit zwischen 1862 und 1869 kriselte es zu Beginn der 1870er Jahre. Die Blütezeit mit teilweise 70 Mitgliedern hatte gezeigt, dass ohne effizientere Statuten und eine übersichtlichere Kasse ein Verein von solchem Ausmaß nicht zu leiten war. Die dafür einberufene Statutenrevision vom 15. Juni 1875 war auch insofern bedeutend, als sie die Geburtsstunde des Bandes in den Farben Schwarz-Rot-Weiß war. Des Weiteren wurde das Fechten immer populärer. Von der Zofingia erhielt man einen Säbelfecht-Apparat; die Neueintretenden konnten sich fürs Turnen nicht annähernd so begeistern wie fürs Fechten. Gleichzeitig wurde der STV durch konstanten Mitgliederschwund so arg dezimiert, dass er im Wintersemester 1878/1879 gerade noch zwei Mitglieder umfasste. Aufgrund einer aufwändigen Werbekampagne konnten im darauffolgenden Semester jedoch wiederum 17 Neuaufnahmen verzeichnet werden.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 67 ff. Die nächsten Jahre verliefen im Zeichen der Umgestaltung. Wichtig zu nennen ist der Zusammenschluss zum „Kartellverband schweizerisch-akademischer Turnvereine“ im Mai 1885, dem Vorläufer der Schweizerischen Akademischen Turnerschaft.

In der folgenden Zeit erfolgten einige Neuerungen, die den Wandel vom Turnverein zur Studentenverbindung kennzeichneten. So gab sich der STV 1885 einen eigenen Biercomment und einen Fuxmajor. Dies war, glaubt man den Protokollen zu jener Zeit, unbedingt notwendig gewesen, so hiess es beispielsweise im November 1885: „Ein strammer Fuxmajor fände noch ein schönes Wirkungsfeld!“Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 77 f. Entscheidend waren die Jahre 1888 und 1889. Bereits die Jahre zuvor hatten gezeigt, dass es innerhalb des Studententurnvereins eine starke Strömung gab, welche unablässig auf das Ziel einer geschlossenen Lebensverbindung hinarbeitete. Im Sommer 1888 wurde schliesslich innerhalb des Vereins eine Grundsatzdebatte geführt, ob weiterhin Couleurstudenten, namentlich Zofinger, als Mitturner am Vereinsleben teilnehmen durften. Am 20. Juli wurde der Entscheid gefällt, dass „Die Mitgliedschaft im Studententurnverein unvereinbar mit derjenigen in einer Couleurverbindung ist.“Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 84. Nachdem somit inoffiziell die geschlossene Lebensverbindung Tatsache geworden, war im Rahmen einer Statutenrevision noch die definitive Konstitution vonnöten. Dieser Beschluss erfolgte am 28. Juni 1889 mit 13 Ja- gegen 5 Neinstimmen bei 7 Enthaltungen, der Studententurnverein wurde somit in eine geschlossene Lebensverbindung nach dem Motto „Mens sana in corpore sano“ umgestaltet. Gleichzeitig wurden Couleur, dazumal noch in hochrot gehalten, angeschafft.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 86 f.

Konsolidierung Im ausklingenden 19. Jahrhundert konstituierte sich einerseits der Altherrenverband am 18. Dezember 1890 mit dem Ziel, die Aktivitas finanziell zu unterstützen und so das Erreichen der Verbindungsziele zu ermöglichen. Anderseits zog sich über die gesamten 1890er Jahre eine Debatte bezüglich des Fechtens hin. Hier waren die Reibereien innerhalb der Verbindung am größten, wie vorausgegangene Episoden bereits gezeigt hatten. Anlässlich einer Statutenrevision 1896, bei welcher die Satisfaktionsfrage breit diskutiert wurde, stellte die Kommission den Antrag, die Satisfaktion abzuschaffen. Dies mit der Begründung, das Turnen würde dadurch beeinträchtigt werden. Dem Antrag wurde vonseiten des Altherrenverbandes stattgegeben, sodass am 12. Juli 1896 folgender Paragraph eingeführt wurde: „Die Mitglieder des S.T.V Bern geben auf Waffen keine Satisfaktion.“ Die Einführung löste eine Kettenreaktion aus, 7 Mitglieder reichten ihr Austrittsgesuch ein. Die Aktivitas präsentierte daraufhin einen Kompromissvorschlag, welcher am 1. November 1896 angenommen wurde. Bestimmungsmensuren blieben verboten, Contrahagen wurden bis auf gewisse Spezialfälle, in denen sie verboten werden durften, erlaubt. Weiter wurde das Mensurwesen zur Verbindungssache erhoben, sodass zumindest für einige Zeit Ruhe einkehrte.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 98 f. Ebenfalls erwähnenswert ist der Wechsel der Couleurfarben von Rot auf Schwarz im Wintersemester 1892/93 sowie die Umbenennung anlässlich des 10-jährigen Bestehens der geschlossenen Lebensverbindung vom Studententurnverein zu Rhenania. Die offizielle Namensgebung datiert auf den 20. Februar 1900.

Die Rhenania im 20. Jahrhundert Zu Beginn des neuen Jahrhunderts gab es bereits wieder Streitigkeiten zwischen Aktiven und Alten Herren bezüglich des Fechtens. Gleichzeitig mit der Namensgebung verschärfte die Rhenania die Fechtparagraphen, Die Bestimmungsmensur wurde eingeführt. Die unbedingte Satisfaktion, bereits seit den 1890er Jahren üblich, wurde schließlich 1906 durch den Altherrenverband anerkannt, sodass die Streitigkeiten beigelegt werden konnten.Alfred Farner: Geschichte der Turnerschaft Rhenania. Bern 1918, S. 118, 134.