mini|Frederico Cunha, noch in PriesterkleidungFrederico Marcos da Cunha (* 12. April 1950 in Natal, Brasilien) ist ein wegen Mordes und sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen verurteilter, laisierter römisch-katholischer Priester und Mitglied des Engelwerkes.Filipe d’Avillez: Portuguese priest laicized 30 years after murder and abuse convictions. BishopAccountability, 4. März 2024, Abruf am 24. Juli 2024 (engl.), Diário de Pernambuco, 10. April 1998 Durch seine Flucht im Jahr 1998 entzog er sich dem Strafvollzug, in Portugal wurde er mit einem Einreiseverbot belegt.

Leben Studien und Beruf In Brasilien schloss sich Cunha dem Engelwerk, einer von der angeblichen Mystikerin Gabriele Bitterlich in Österreich gegründeten innerkatholischen Gruppierung, und in Italien der Ordensgemeinschaft der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz (kurz: Kreuzorden) innerhalb des Engelwerkes an. Dessen Lehren führen aus: „Es darf keiner über das, was er gesehen oder gehört hat oder zu tun aufgetragen bekommen hat, etwas aussagen. Meist steht der Tod darauf“.Das Handbuch des Engelwerkes. Werk der heiligen Engel, Innsbruck 1961, S. 252Wolfgang Benz: Vom Vorurteil zur Gewalt. Herder Verlag 2020, ISBN 978-3-451-38596-4, Seiten 359 ff Cunha kam im Jahr 1981 mit anderen Engelwerk-Mitgliedern nach Europa. Er absolvierte sein Theologiestudium am portugiesischsprachigen päpstlichen Kolleg in Rom, das zu dieser Zeit von Teodoro de Faria geleitet wurde. Tribuna da Madeira vom 9. April 2014

Im Jahr 1983, zwischenzeitlich von Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Funchal ernannt, nahm Teodoro de Faria Cunha nach dessen Profess im Kreuzorden in seine Diözese auf der portugiesischen Insel Madeira auf und ernannte ihn, im Wissen um Cunhas Homosexualität, zu seinem Privatsekretär. Der Klerus auf Madeira nahm das Interesse des Bischofs an „einer derart bizarren Person“ mit Verwunderung auf. Auf Madeira kam es häufig wegen der „wenig rechtgläubigen Regeln“, die Cunha aufstellte, zu Beschwerden von Gläubigen über den Pater. Zudem fiel er auf, da er Totenkopfsymbole an Gürtelschnalle und Ring trug.Bárbara Reis: O milagre do Portugal sem padres pedófilos. In: Público, 22. März 2019

Nach wiederholten Versetzungen von Pfarrei zu Pfarrei, unter anderem nach Piquinho, wo er sich nach den Sonntagsmessen mehreren Kindern gleichzeitig unter dem Vorwand einer spielerischen „Sofa-Technik“ sexuell genähert hatte, blieb Cunha schließlich von 1987 bis 1990 in der Pfarrei São Jorge im Norden von Madeira, wo er seinen späteren Komplizen Miguel Noite kennenlernte und ein Verhältnis mit ihm einging. Dort kam es im Pfarrhaus mehrfach zur Päderastie. Statt dem Priester nochmals eine neue Pfarrei zu unterstellen, ernannte Bischof Faria ihn zum Religionslehrer in Machico.

Mord an Luís Miguel Correia miniatur|Der Tatort: Ponta de São Lourenço bei Caniçal im Osten Madeirasmini|rechts|Caniçal (rot) im Kreis Machico (dunkelgrau); ganz rechts im Bild die Landzunge Ponta de São Lourenço Am Morgen des 2. Mai 1992 wurde der 15-jährige Pfadfinder Luís Miguel Escórcio Correia Diário de Notícias vom 14. Juli 2016 am Strand unterhalb der Klippen bei Caniçal, wo das Engelwerk seine Niederlassung Casa do Caniçal unterhielt, von seinem Vater tot aufgefunden. Jornal de Madeira, 22. September 2020 Die Polizei ging zunächst von einem tödlichen Unfall aus. Erst bei der Obduktion der Leiche stellte der Gerichtsmediziner Emanuel Pita fest, dass mehrere Verletzungen, darunter die tödliche Kopfverletzung und Risse an den Händen, nicht vom Sturz von der Klippe herrühren konnten. Aufgrund der Obduktionsergebnisse wurde ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet.Walter Axtmann: Engelwerk – Mord auf Madeira. In: Kirche intern, Ausgabe Mai 1995, S. 41 f. Universität Coimbra, Januar 2006. Seite 8, in Correio da Manhã Straf- und Vollstreckungsverfahren wurden von Vertuschungsmaßnahmen sowie versuchter und vollendeter Strafvereitelung und zuletzt Gefangenenbefreiung überschattet.

Verhaftung und Ermittlungsverfahren Die portugiesische Polizei leitete ein Ermittlungsverfahren ein, nachdem ein anonymer Zeuge im Mai 1992 telefonisch gemeldet hatte, Cunhas Auto am Tatort gesehen zu haben.Preso brasileiro faz 'teste da verdade' na TV. Folha de S. Paulo vom 6. April 1995 Im Lauf des Verfahrens meldeten sich vier Zeugen, die angaben, als Kinder oder Jugendliche von Cunha zu sexuellen Handlungen gezwungen worden zu sein.Igreja de Braga investiga duas queixas de abusos sexuais de padres sobre menores. O Minho, 19. Mai 2020. Abruf am 26. Januar 2021 Im Verlauf einer Hausdurchsuchung in Cunhas Räumlichkeiten fand die Polizei Serien von kinder- und jugendpornografischen Fotos, die der Priester von seinen Opfern aufgenommen hatte. Am 25. Mai 1992 wurde Cunha in der Pfarrei Água de Pena, während er eine Messe zelebrierte, verhaftet und im Gefängnis der Stadt Funchal in Untersuchungshaft genommen.Bárbara Reis: Padre Frederico, outro país. In: Público, 9. Dezember 2012

Der Ortsbischof des Bistums Funchal, Teodoro de Faria, protestierte gegen Cunhas Verhaftung und bezeichnete ihn als „unschuldig wie Jesus Christus“ und griff die Juden verbal an.Rosário Martins: O escândalo que abalou a Igreja na Madeira. Funchal Notícias, 25. Mai 2015 Viele Katholiken zeigten sich in der Presse von diesem Vergleich „überrascht, schockiert und beschämt“.Ribeiro Cardoso: Jardim, a grande fraude. Editorial Caminho 2011, ISBN 978-972-21-2406-5. Kapitel ab Pornografia e homossexualidade bei Google Books Zahlreiche Priester im Bistum versuchten hingegen, auf Zeugen einzuwirken, um sie zu Falschaussagen zugunsten des Beschuldigten zu bewegen. Mehrere Priester des Engelwerkes, das im Tatjahr nach Eigenangaben knapp 10.000 reglementierte MitgliederHeiner Boberski: Das Engelwerk. Theorie und Praxis des Opus Angelorum. Otto Müller Verlag, Salzburg 1993, S. 289, ISBN 3-7013-0781-4 hatte, versuchten darüber hinaus mit derselben Absicht, Zeugen zu bestechen.Padre de Natal condenado em Portugal por homicídio e pedofilia é demitido pelo papa. BZ Notícias, 21. März 2024. Abruf am 25. September 2024 Engelwerk-Gründerin Gabriele Bitterlich hatte Lügen von Engelwerk-Mitgliedern schon vor Cunhas Beitritt als „Engelspiritualität“ gerechtfertigt.Heiner Boberski: Das Engelwerk. Theorie und Praxis des Opus Angelorum. Otto Müller Verlag, Salzburg 1993, S. 42

Mehrere Zeugen erklärten, Cunha in Begleitung Correias zur Tatzeit in der Nähe des Tatortes, einer Aussichtswarte auf den Klippen von Caniçal, gesehen zu haben. Cunhas Patenkind Miguel Noite versuchte seinem Freund und Firmpaten ein Alibi zu verschaffen, indem er behauptete, er selbst und nicht das Mordopfer habe sich mit Cunha auf der Aussichtswarte befunden. Dieses Alibi stellte sich dank der Aussagen der Direktorin und der Rezeptionistin des Hotels Maltur, wo sich Cunha in der Nacht vom 1. zum 2. Mai aufgehalten hatte, als haltlos heraus. Beide Zeuginnen bestätigten, dass Cunha im Hotel einen Anruf von Noite erhalten hatte. Daraufhin habe Cunha aus Angst, das Telefonat könne abgehört worden sein, einen Tobsuchtsanfall erlitten, in dessen Verlauf er Vorwürfe an die Rezeptionistin richtete.

Zwei Entlastungszeugen konnten im Verlauf des Verfahrens des Meineides überführt werden. Die Zeugin Moniz Alves behauptete, Correia habe sich zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt gegen 23 Uhr am 1. Mai 1992 tanzend in einer Bar befunden. Später gestand Alves, von Cunhas Mutter Leonor Barros da Cunha Bestechungsgeld für die Aussage erhalten zu haben. Der Imbissstubenbesitzer Pedro Melim behauptete eidlich, Correia spätabends am Tattag ein Sandwich zum sofortigen Verzehr verkauft zu haben. Durch das Obduktionsprotokoll stellte sich heraus, dass Melim gelogen hatte, denn im Magen des Toten waren keine Speisereste, sondern nur Salzwasser gefunden worden.

Cunha selbst ließ sich nur teilweise zum Tatvorwurf ein und verweigerte die Antwort auf die Frage des Richters, ob er homosexuell sei. Auf mehrere Fragen des Gerichts antwortete er, sich nicht erinnern zu können, verwickelte sich in Widersprüche und bestritt die ihm zur Last gelegten Straftaten. Ferner bestritt er seine Mitgliedschaft im Kreuzorden und räumte lediglich ein „nichtkanonisches sechsmonatiges Noviziat im Engelwerk von 1977 bis 1978“ ein,Frederico Marcos da Cunha, "Crúzios quiseram 'crucifiar' Padre Frederico?", in Expresso vom 10. Januar 1993 obwohl dieses erst nach der Restaurierung des Kreuzordens 1979 Novizen aufnehmen konnte. Regularkanoniker von Heiligen Kreuz, Abruf am 23. Februar 2018 Im Kirchenrecht existiert weder ein sechsmonatiges noch ein nichtkanonisches Noviziat.Codex Iuris Canonici: Canon 648 — § 1 auf der Website des Heiligen Stuhls, undatiert Auch spätere gerichtliche Untersuchungen und Presserecherchen widerlegten Cunhas Einlassungen.

Hauptverhandlungen und Urteile Nach Abschluss der Ermittlungen wurden im Februar 1993 vor dem Bezirksgericht in Santa Cruz Anklagen gegen Cunha und Noite wegen Mordes an einem Minderjährigen zur Verdeckung einer Sexualstraftat erhoben.Natura Público 93. Universität Minho, abgerufen am 2. August 2018 Der gesamte Strafrahmen für beide Taten betrug 12–28 Jahre, die lebenslange Freiheitsstrafe war in Portugal bereits abgeschafft.Código penal português, Artigo 132.º Homicídio qualificado g) und Artigo 173.º Actos sexuais com adolescentes 1.–3. Abruf am 4. März 2018

Das Geschworenengericht unter Vorsitz von Strafrichter Sílvio Sousa gelangte zu dem Schluss, Cunha habe Correia am 1. Mai 1992 in Caniçal angetroffen und ihm angeboten, ihn als Tramper in seinem Auto mitzunehmen. Am Aussichtspunkt auf den Klippen außerhalb des Dorfes bei Ponta de São Lourenço habe Cunha versucht, den Jugendlichen zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Aus Angst vor Entdeckung habe Cunha Correia niedergeschlagen und von einer Klippe geworfen. Diário de Notícias vom 11. April 2018 Nach der Aussage zweier Zeugen räumte Cunhas Verteidiger in erster Instanz, Alvez Teixeira, die von seinem Mandanten begangenen pädophilen Handlungen im Vorfeld des Mordes ein, bestritt aber dessen Begehung durch Cunha, der bei seinen früheren Sexualstraftaten nie Gewalt angewendet habe.

Im März 1993 wurde Cunha gemäß den Ergebnissen der Beweisaufnahme per Sachbeweis einstimmig zu einer 13-jährigen Gesamtstrafe und anschließender Abschiebung aus Portugal verurteilt.O Privado em Público. Editora Almedina Brasil, São Paulo 2014, ISBN 978-972-40-5279-3 Diário de Notícias vom 1. November 2016 Diário de Noticias vom 14. August 2017AFP: Pédophilie: un prêtre portugais condamné. Le Figaro vom 2. Dezember 2013 Verteidigung und Staatsanwaltschaft gingen in Berufung, bevor das Urteil rechtskräftig wurde. Miguel Noite wurde von den Vorwürfen des Mordes und sexuellen Missbrauchs freigesprochen,Filme não preocupa a Igreja. In: Correio da Manhã, 11. November 2002 aber wegen Strafvereitelung zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Auch Noite ging in Berufung zum Supremo Tribunal de Justiça, dem obersten Strafgericht Portugals in Lissabon. Allen Berufungsanträgen wurde stattgegeben.